KAIRO. Schulleitungen tragen Verantwortung für Personal, Unterrichtsentwicklung und den Umgang mit akuten Problemen – entscheiden können sie über zentrale Ressourcen jedoch häufig nur begrenzt. Zuständigkeiten von Schulträgern, Schulaufsicht und Kultusverwaltungen setzen der Eigenständigkeit enge Grenzen. Dabei spricht die Bildungsforschung dafür, Schulen mehr Handlungsspielraum zu geben, sofern Autonomie mit klaren Standards und Rechenschaft verbunden wird. Unser Gastautor erlebt an einer deutschen Auslandsschule, wie anders Führung funktionieren kann: Ali Daccour ist Schulleiter der Europa-Schule Kairo.

Mehr entscheiden dürfen: Warum Schulleitungen zum Schuljahresstart mehr Macht brauchen
In der ersten Augustwoche saß ich vor einer Tabelle und traf eine Entscheidung, für die ich niemanden um Erlaubnis fragen musste: Wir bekommen zwei zusätzliche Schulsozialarbeiter. Für viele Schulleitungen in Deutschland wäre genau diese Entscheidung unerreichbar – nicht, weil ihnen die Idee fehlt, sondern weil ihnen die Befugnis fehlt. Ein Plädoyer dafür, Schulleitungen zum Schuljahresstart ernsthaft mehr zuzutrauen: mehr Entscheidungsmacht – und mehr Verantwortung, die sie dafür auch tragen sollten.
Eine Tabelle, ein Nachmittag, eine Entscheidung
An der Europa-Schule Kairo, einer der größten deutschen Auslandsschulen weltweit mit rund 1.400 Schülerinnen und Schülern, hatten wir zwei Schulsozialarbeiter und zwei Assistenzkräfte für die psychosoziale Begleitung. Für eine Schule dieser Größe, mit Kindern aus sehr unterschiedlichen familiären und sprachlichen Verhältnissen, war das erkennbar zu wenig. Die Warteliste für Beratungsgespräche wuchs von Woche zu Woche, Klassenlehrkräfte meldeten immer häufiger Fälle, für die schlicht keine Kapazität da war.
Also habe ich mich Anfang August mit unserer Verwaltungsleitung zusammengesetzt, die Personalkosten durchgerechnet, den Bestand gegen den verfügbaren Etat geprüft – und entschieden, die Stellenzahl auf vier zu verdoppeln. Am selben Nachmittag ging die Ausschreibung raus. Keine Anfrage bei einem Schulträgergremium, das erst im Oktober wieder tagt. Keine Genehmigung einer Schulaufsichtsbehörde. Kein Antrag, der durch einen kommunalen Haushaltsausschuss muss.
In Deutschland wäre derselbe Weg ungleich länger. Schulsozialarbeit wird dort vielerorts über kommunale Jugendhilfe oder befristete Landesprogramme finanziert, ist an feste Stellenpläne des Schulträgers gebunden und unterliegt Genehmigungsvorbehalten von Kommunalaufsicht oder Kultusministerium. Eine Schulleitung, die im August eine akute Lücke erkennt, kann sie in einem Bericht dokumentieren. Entscheiden, im selben Nachmittag, kann sie in aller Regel nicht. Das ist kein Vorwurf an einzelne Kolleginnen und Kollegen – es ist eine Beschreibung der Struktur, in der sie arbeiten müssen.
Ich weiß, wovon ich spreche, weil ich es selbst erlebt habe. An meiner letzten Schule in Deutschland erfuhr ich von der Kollegin selbst, dass sie aus familiären Gründen die Schule verlässt. Wer sie als Schulsozialarbeiterin ersetzt, hatte die Stadt zu diesem Zeitpunkt längst entschieden – ohne dass ich eingebunden war. Meine Aufgabe war es, das Ergebnis entgegenzunehmen.
Das ist kein Auslandsschulprivileg – das ist eine Systemfrage
Man könnte das für eine Besonderheit des Auslandsschulwesens halten: exotischer Sonderfall, nicht auf Deutschland übertragbar. Die Bildungsforschung legt etwas anderes nahe. Der Bildungsökonom Ludger Wößmann hat anhand der Mikrodaten internationaler Schulleistungsstudien wie PISA und TIMSS wiederholt gezeigt, dass Schülerinnen und Schüler dort mehr lernen, wo Schulen mehr Selbstständigkeit haben – vor allem bei Personalfragen und im laufenden Tagesgeschäft. Sein Befund ist dabei differenzierter, als er in Debatten oft wiedergegeben wird: Autonomie wirkt nicht automatisch positiv, sondern vor allem dort, wo sie mit extern überprüften Standards gekoppelt ist. Freiheit im Wie, Rechenschaft über das Was – nicht das eine ohne das andere.

Auch die aktuelle deutsche Bildungsforschung bewegt sich in diese Richtung. Kai Maaz, Geschäftsführender Direktor des DIPF | Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation und Mitglied der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz, beschreibt die gegenwärtige Überforderung von Schulleitungen inzwischen als Ausdruck struktureller, nicht individueller Bedingungen: Zuständigkeiten seien zwischen Schulträger, Schulaufsicht und Schulleitung so verteilt, dass am Ende ausgerechnet dort Verantwortung hängen bleibt, wo am wenigsten Entscheidungsmacht besteht. Wenn eine der gewichtigsten Stimmen der deutschen Bildungsforschung zu diesem Schluss kommt, sollte die Debatte nicht länger vorrangig bei Selbstfürsorge-Tipps für einzelne Schulleitungen stehen bleiben, so wichtig diese im Alltag auch sind. Sie sollte bei der Struktur ansetzen, die diese Überforderung erst erzeugt.
Wer entscheiden darf, kann auch loslassen
Mehr Macht für Schulleitungen bedeutet nicht mehr Kontrolle von oben. Im Gegenteil: Erst wer selbst genug Entscheidungsspielraum hat, kann es sich leisten, Verantwortung im Kollegium bewusst abzugeben, statt sie aus Unsicherheit an sich zu ziehen. Ein zweites Beispiel aus denselben ersten Augustwochen zeigt das. Der Fachbereich Deutsch ist an einer deutschen Auslandsschule das zentrale Fach – Sprachdiplomprüfungen, Abiturvorbereitung, das kulturelle Selbstverständnis der Schule hängen an ihm. Genau dort liegt die Unterrichtsverteilung in diesem Jahr vollständig in der Hand einer erfahrenen Fachbereichsleiterin: Wer welche Lerngruppe übernimmt, wie DSD-Kurse besetzt werden, wo Doppelbesetzungen sinnvoll sind, wie zentrale Klassenarbeiten über die Parallelklassen hinweg abgestimmt werden – all das hat sie eigenständig geplant.
Ich habe mich als Schulleiter bewusst herausgehalten, auch dort, wo ich selbst anders entschieden hätte. Das war kein Kontrollverzicht aus Bequemlichkeit, sondern eine gezielte Entscheidung für geteilte Führung – und die schwerer fällt, als sie klingt. Die Forschung zu geteilter und verteilter Führung an Schulen, zu der der Bildungsforscher Stephan Gerhard Huber – einer der profiliertesten Schulleitungsforscher im deutschsprachigen Raum – mit seiner Arbeitsgruppe maßgeblich beiträgt, zeigt: Schulen profitieren von einer solchen Verteilung von Führungsverantwortung vor allem dann, wenn sie formalisiert ist und auf echtem Vertrauen beruht – nicht, wenn Aufgaben nur abgeschoben werden, ohne echten Entscheidungsspielraum.
Genau hier laufen beide Fäden zusammen. Wer nach außen zu wenig entscheiden darf, hat nach innen auch wenig zu verteilen außer der eigenen Überlastung. Geteilte Führung ist kein Sparmodell für erschöpfte Schulleitungen. Sie setzt voraus, dass jemand an der Spitze zuvor genug Handlungsspielraum hatte, um ihn überhaupt teilen zu können.
Rechenschaft ja – aber zusammen mit Macht, nicht statt ihr
Was würde sich ändern, wenn deutsche Schulleitungen zu Beginn eines Schuljahres tatsächlich selbst entscheiden könnten? Drei Bereiche, in denen ich mir verbindliche Entscheidungsbefugnis wünschen würde – nicht als Gedankenspiel, sondern als konkrete Forderung an Schulträger und Kultusverwaltungen:
Personalauswahl: Wer im Kollegium arbeitet, sollte maßgeblich von der Schule mitentschieden werden, die diese Person täglich braucht – nicht allein von einer zentralen Zuweisung, die Eignung und Passung kaum abbilden kann.
Budgetverantwortung: Ein fester, selbst verwalteter Rahmen für Personal- und Sachmittel würde es Schulleitungen erlauben, auf akute Bedarfe innerhalb von Tagen statt Monaten zu reagieren.
Entlastung für geteilte Führung: Wer als Fachbereichs- oder Abteilungsleitung echte Verantwortung übernimmt, braucht dafür verbindliche und ausreichende Freistellungsstunden. Bislang stehen davon in den meisten Bundesländern zu wenige zur Verfügung, um mehr als eine Handvoll Personen pro Schule wirksam zu entlasten – geteilte Führung bleibt so oft unbezahlte Zusatzarbeit statt anerkannter Aufgabe.
Keiner dieser Vorschläge verlangt weniger Rechenschaft. Er verlangt, Rechenschaft und Entscheidungsmacht wieder zusammenzubringen, statt sie – wie im deutschen System üblich – künstlich zu trennen. Das ist, was ich aus dem Auslandsschuldienst mitnehmen würde, wenn ich es könnte: nicht das Klima, sondern den Vertrauensvorschuss, mit dem Schulleitungen dort behandelt werden. Zum Schuljahresstart entscheidet sich vieles. Es wäre gut, wenn diejenigen, die vor Ort am meisten davon verstehen, auch am meisten davon entscheiden dürften. News4teachers
Zum Autor: Ali Daccour ist Schulleiter der Europa-Schule Kairo. Er schreibt derzeit an einem Buch über Macht, Verantwortung und Führung in der Schulleitung.
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