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Privatschule für Nichtprivilegierte im Wedding – „die Kinder haben wahnsinnig viel drauf“

BERLIN. Noch immer hängen Schulnoten stark von der Herkunft ab. Im Berliner Problembezirk Wedding will eine Privatschule sozial Benachteiligte aufnehmen. Auf dem Stundenplan: Türkisch, Arabisch und «Zukunft».

Nobel ist der Berliner Wedding nicht. Eher auf eine etwas schäbige Art und Weise bunt. Neben hohen Häusern mit 70er-Jahre-Flair stehen Ein-Euro-Shops und Pommesbuden. In einigen Kiezen lebt jede zweite Familie von Hartz IV. Es ist ein sozialer Brennpunkt – keine Umgebung, in der man eine Privatschule erwartet.

Doch Fiona Brunk und Stefan Döring hatten eine mutige Idee. «Wir haben festgestellt, dass die Schüler hier eigentlich wahnsinnig viel drauf haben, aber der Bildungsweg oft nicht so erfolgreich ist», erzählen sie. Jetzt gründen sie eine Privatschule, die auch Migranten und sozial Schwache aufnimmt. Egal, ob sie Schulgeld zahlen können. Herkunft soll nicht mehr über Erfolg entscheiden.

Unterrichtssituation mit Kindern aus dem Wedding, in der die Quinoa-Stiftung vorab ihr Konzept testete. (Foto: PR(Quinoa-Stiftung)

Unterrichtssituation mit Kindern aus dem Wedding, in der die Quinoa-Stiftung vorab ihr Konzept testete. (Foto: PR(Quinoa-Stiftung)

Zukunft könne man lernen, meinen Döring und Brunk – und haben deshalb ein ganzes Schulfach so genannt. In ihrem pädagogischen Konzept bereiten sich die Kinder von der siebten Klasse an mit Praktika auf das Berufsleben vor. Jede Woche gibt es Zielgespräche zwischen Lehrer und Schüler. Chemie, Physik und Biologie werden zusammen benotet. Man kann türkisch lernen, später arabisch. Hausaufgaben gibt es nicht.

«Das Schulklima muss wirklich ein besonderes sein. Das schafft den Raum, sich auf die Fächer zu konzentrieren», sagt Döring. Ziel ist, dass jeder Schüler nach der 10. Klasse einen Ausbildungsvertrag in der Tasche hat oder auf das Gymnasium wechselt. Bisher schaffen im Einzugsgebiet 14 von 50 Schülern keinen Abschluss. Fast jeder zweite Erstklässler spricht bei der Einschulung nicht richtig deutsch.

Nach den Sommerferien soll die erste Klasse starten. Drei Lehrer sind schon gefunden, ein Dutzend Schüler angemeldet. Die offizielle Genehmigung aber fehlt, da Döring und Brunk mit ihrer Stiftung Quinoa noch kein Schulgebäude aufgetrieben haben. Manche Eltern zögern deshalb. «Ich hätte gern die Räume gesehen», sagt Milevie Mitrovic. Ihr Sohn hat auf der öffentlichen Schule schlechte Erfahrungen gemacht, wurde bedroht, schwänzte, schaffte die Prüfung nicht. Für Tochter Jovanna wünscht sie sich bessere Bedingungen.

Auch Christiane Longo ist von den öffentlichen Schulen nicht überzeugt. Die Lehrer könnten hier keine Rücksicht auf schwächere Kinder nehmen. «Dann scheitert es daran, dass wir die Nachhilfe nicht bezahlen können.» Sie ist sicher: Mit ein bisschen Spaß im Unterricht kann Tochter Vanessa auch das Abitur schaffen.

Skepsis gegenüber den öffentlichen Schulen ist in Berlin weit verbreitet. Jedes zehnte Schulkind besucht eine der 117 Privatschulen – die meisten allerdings in den schickeren Gegenden in Zehlendorf, Wilmersdorf und am Stadtrand, wo sich Eltern Klavierunterricht und Klassenfahrten leisten können. Und Schulgeld.

Das wird im Wedding anders sein. Hier leben laut statistischem Landesamt 15 622 Kinder unter 15 Jahren in Hartz-IV-Familien, das sind 64 Prozent. Sie alle müssen für die neue Privatschule nicht zahlen. Haben die Eltern einen Job, kostet der Schulbesuch nicht mehr als vorher die Kita. Trotzdem müssen für das erste Schuljahr irgendwie 300 000 Euro zusammenkommen. «Etwa die Hälfte zahlt der Staat», erläutert Döring. Fünf Prozent, so rechnen sie, könnten von den Eltern kommen. Für den Rest springen Stiftungen und engagierte Privatleute ein.

Den künftigen Schülern ist das Geld noch egal. Bessere Lehrer und keine älteren Mitschüler seien die Vorteile der neuen Schule, sagt die 12-jährige Gamze. «Und keine Hausaufgaben.» Auf die faule Haut wird sie sich trotzdem nicht legen können. Denn in ihren bisherigen Schulen haben Döring und Brunk erlebt, dass die Lehrer gar keine gute Leistung mehr erwarteten – jetzt wird sie gefordert. Theresa Münch/dpa

4 Kommentare

  1. Was ich mir wünschte, wäre(n) vor allem kleinere Schulen (max. 500 Schüler?) und kleinere Klassen (max. 14 Schüler); den Lehrplan entschlacken + mehr Konzentration auf Basisqualifikationen (Lesen, Schreiben, Rechnen); ein klares Regelsystem für den Umgang miteinander (inklusive positiver wie auch negativer Konsequenzen). Aber das alles geschieht ja nicht.

    • Ihre Wünsche sind auch meine. Besonders: Weniger Schnickschnack und „mehr Konzentration auf Basisqualifikationen (Lesen, Schreiben, Rechnen)“. Alles andere ist aber auch wichtig.
      Vielleicht würde es schon genügen, wenn die max. Klassenstärke auf 20 Schüler begrenzt würde.
      Einen weiteren Wunsch hätte ich noch: Mehr Rechte für die Lehrer und weniger für Schüler und Eltern! Das täte sogar Eltern und Schülern gut, auch wenn das auf den ersten Blick nicht so aussieht.

  2. @ Lena, finde ich auch. Es passiert einfach zu oft, dass „Nicht-Lehrer“ den Schulen/Lehrern etwas aufdrücken/aufzwingen, was sie selbst dann nicht verwirklichen/umsetzen müssen und somit nicht merken, dass das so gar nicht geht/sinnvoll ist – was ein erfahrener Lehrer oft schon vorher weiß (eben aus seiner Erfahrung heraus, die andere nicht haben). Ich stelle mir vor, man schüfe Patientengremien, die den Ärzten vorschreiben, wann sie wie welche Operation usw. durchführen sollen. Weil ja schließlich alles schon mal krank waren und „sich auskennen“ und „demokratisch mitreden“ wollen.

  3. Christian Möller

    @sofawolf und Lena
    Aus vollem Herzen stimme ich Ihren Wünschen zu.
    Mir wäre auch noch dieser Wunsch wichtig: Weiniger Bürokratie! Sie kommt nicht dem Unterricht und den Schülern zugute, sondern raubt nur Zeit, die ich lieber zur Vor- und Nachbereitung des Unterrichts hätte.

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