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20 Jahre „Schule für Circuskinder“ – Wenn das Klassenzimmer mitreist

OBERHAUSEN. Wenn Schüler alle paar Wochen die Schule wechseln, wird es schwer mit der individuellen Förderung. Kinder aus Zirkusfamilien sind damit oftmals benachteiligt. Das Regelschulsystem ist alles andere als der sprichwörtliche „Wanderzirkus“. In NRW gibt es seit 20 Jahren Abhilfe. In der mobilen «Schule für Circuskinder» werden zur Zeit rund 220 Schüler aus 80 Zirkusbetrieben unterrichtet.

Letizia, Jenna, Angeli und Jamie leben an einem Ort, der Kinderherzen höherschlagen lässt. Sie sind Zirkuskinder. Akrobatik an Ringen hoch in der Luft ist Jennas Spezialität, die elfjährgie Letizia kann Bauchtanz, beide Mädchen verzaubern Zuschauer mit akrobatischen Hula-Hoop-Reifennummern, und der neunjährige Jamie ist ein geborener Clown und Schlagzeuger. Mit dem traditionsreichen Zirkus Traber ziehen die vier Cousins und Cousinen durch die Lande, und das Besondere ist: Ihr Klassenzimmer rollt immer mit.

Die „Schule für Circuskinder“ erreiche rund 90 Prozent der Zirkuskinder in NRW schätz Schulleiterin Annette Schwer. Foto: hbp_pix / flickr (CC BY 2.0)

Die „Schule für Circuskinder“ erreiche rund 90 Prozent der Zirkuskinder in NRW schätz Schulleiterin Annette Schwer. Foto: hbp_pix / flickr (CC BY 2.0)

Denn pauken müssen auch Zirkuskinder. Doch wo kommt die Schule schon zu den Schülern? Die Schule des Artisten-Nachwuchses ist ein weißer Wohnwagen mit Tischen und Stühlen wie in jeder normalen Schule auch. Der Wohnwagen wird vom Zirkus von Ort zu Ort mitgezogen. Den Schlüssel haben die Kinder. Laptops stehen auf den Tischen, denn auch Unterricht online gehört zum Schulalltag. Zwei- bis dreimal die Woche kommen die Lehrer Bärbel Fritz und Claudius Höschen in einem zu einer Minischule ausgebauten Kleinbus zum Zirkus, egal wo er gerade in Nordrhein-Westfalen gastiert.

In der «Schule für Circuskinder» gibt es Noten erst im Abschlusszeugnis nach der 10. Klasse, niemand bleibt bis dahin sitzen, Unterrichtsbeginn ist um neun Uhr morgens. Das hört sich alles ziemlich verlockend an. Die Kinder lernen nach einem Bausteinprinzip. «Sie können auch zwei bis drei Jahre länger lernen», sagt Schulleiterin Annette Schwer. «Wenn sie mit 21 fertig sind, ist auch gut.» Lehrerin Fritz sagt: «Wir haben die Chance, auf die Kinder einzugehen.» Sie ist bereits seit der Gründung der Schule im Jahr 1994 dabei und unterrichtet seit 14 Jahren im «Circus» Traber. Die Kinder nennen sie liebevoll «Fritzi».

Im Juni feierte die «Schule für Circuskinder» in NRW, die von der Evangelischen Kirche im Rheinland getragen wird, ihr 20-jähriges Bestehen im Zelt des «Circus Sperlich» in Monheim. Präses Manfred Rekowski betonte dabei, die Schule für Circuskinder eröffne den Kindern Chancen, die sie sonst kaum hätten. Die vielen Ortswechsel der Zirkusse seien mit dem Regelschulsystem nur schwer vereinbar. Schulministerin Sylvia Löhrmann lobte die Schule als « Vorreiter für individuelles Lernen und einzigartig für die deutsche Bildungslandschaft».

Nur in NRW und als Projekt in Hessen gibt es solche Spezialschulen. In NRW werden die Kinder bis zum mittleren Schulabschluss geführt; wer will, kann danach das «Abitur online» über ein Weiterbildungskolleg machen. Das waren bisher nur wenige, doch es werden mehr. Vor zwei Jahren machten die ersten beiden Zirkuskinder, zwei Artistinnen des Zirkus Roncalli, das Abitur. Im nächsten Schuljahr büffeln drei Zirkuskinder für die Reifeprüfung 2015.

Rund 220 Schüler aus 80 Zirkusbetrieben werden von rund 30 Lehrern vor Ort unterrichtet oder nehmen am Fernunterricht teil. Oft sehen sich die Schüler bei den zentralen Abschlussprüfungen in Hilden bei Düsseldorf zum ersten Mal. Dennoch empfänden sich die Zirkuskinder als «eine Klasse», sagt Lehrer Höschen.

Insgesamt reisen nach Schätzungen rund 10 000 Kinder von Schaustellern und anderen beruflich Reisenden durch Deutschland, davon rund 1000 Zirkuskinder. Rund 90 Prozent der Zirkuskinder in NRW erreiche die Schule, schätzt Schwer. Einige Familien aber zögen es vor, ihre Kinder immer wieder in wechselnde Schulen vor Ort zu schicken. «Das ist auch Werbung für sie, dann kommen die Schulen auch in den Zirkus.»

Beim Leben zwischen Wohnwagen und Manege an immer anderen Orten mit wechselnden Schulen, Lehrern und Unterrichtsinhalten kam die Bildung für Zirkuskinder oft zu kurz. Heute meldeten die ehemaligen Schüler ihre Kinder aber schon nach der Geburt in der «Schule für Circuskinder» an, sagt Schwer. «Wir brauchten zwei bis drei Generationen, um den Wandel zu vollbringen.»

Zirkusse sind heute oft in Existenznot und müssen pfiffig sein, um zu überleben. Dennoch sieht Jennas Mutter Angelika Bauer viele Vorteile des Zirkuslebens: «Die Kinder wachsen freier auf und gehen offener mit Menschen um.» Und: «Sie sind nie allein.» Von der 81-jährigen Zirkuschefin und Uroma Amanda Traber bis zu den Enkeln und Urenkeln machen beim «Circus Traber» alle mit, dazu kommen Kamele, Pferde, Ziegen. Im Winter bezieht der Zirkus ein Quartier in Dormagen, dann drücken die Kinder in einer örtlichen Gesamtschule die Schulbank. Auch dort sind sie kleine Stars, haben viele Freunde, die sie im Sommer auch in die Zirkusvorstellungen einlanden.

Dass die ersten Zirkuskinder Abitur machen, setze Maßstäbe und trage auch zum Ansehen der Zirkusse bei, sagt Schwer. «Da bricht für die Szene etwas auf.» Für Schwer ist es wichtig, dass alle Kinder die gleiche Chance auf Bildung bekommen. Deshalb fordert sie von NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne), die derzeit Vorsitzende der Kultusministerkonferenz (KMK) ist, dass sie sich für die Schulbildung von Zirkuskindern bundesweit einsetzt. «Wir sind nicht teurer als andere Schulen», sagt Schwer.

Die «Schule für Circuskinder» musste den Familien aber auch die Angst nehmen, dass die Kinder die Manege verlassen, wenn sie erst mal einen höheren Schulabschluss in der Tasche haben. Beim «Circus» Traber wird nach der Schule für die Manege geprobt – «mindestens eine Stunde am Tag», sagt Letizia. «Wir sind Artisten», sagt Jenna selbstbewusst. Alle vier wollen beim Zirkus bleiben, wenn sie groß sind. Für Jamie ist jetzt schon klar: «Ich mache später meinen eigenen Zirkus auf.» (Dorothea Hülsmeier, dpa)

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zum Bericht: Niedersachsen will Schaustellerkinder besser unterstützen

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