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Schulsportunfälle passieren in Routinesituationen

AACHEN/WUPPERTAL. Die meisten Schulunfälle passieren in der Turnhalle. Aber liegt das wirklich an den allgemein sinkenden motorischen Fähigkeiten von Jugendlichen? Das täuscht, sagen Wissenschaftler.

Lehrplan hin oder her, Lehrer Manfred Jaquet lässt seine Schüler keine Rolle rückwärts mehr machen. Die Verletzungsgefahr ist ihm zu hoch. «Die Schüler sind nicht mehr in der Lage, sich bei der Rückwärtsrolle richtig abzudrücken», sagt er. Der Mann ist seit 30 Jahren Sportlehrer an einem Gymnasium in der Eifel. «Die motorischen Fähigkeiten der Schüler haben sehr stark nachgelassen», hat er beobachtet.

50 bis 60 Prozent der Schulsportunfälle passieren beim Ballsport. Foto: Marc Holzapfel / pixelio.de

50 bis 60 Prozent der Schulsportunfälle passieren beim Ballsport. Foto: Marc Holzapfel / pixelio.de

Gleichgewicht halten, Kurven fahren, punktgenau bremsen – selbst auf dem Land müssten viele Kinder erst noch Fahrradfahren lernen. Kinder bewegten sich nicht mehr so viel, sagt er: Unterricht bis in den Nachmittag, das lange Sitzen am Computer. «Die können nicht wie wir früher um vier Uhr auf die Straße gehen, rumtollen und Seilchenspringen oder so was machen.

«Defizite in der motorischen Entwicklung sind seit Jahren bekannt», sagt der Schulrat von der Städteregion Aachen, Wolfgang Müllejans. Und das könne eben auch zu Unfällen führen, stellt der Mann von der Schulaufsicht fest. Unter Lehrern sei das ein Thema: Zu einem Symposium unlängst am Aachener Universitätsklinikum kamen über 100 Lehrer. Im Oktober wollen Fachleute am Schulamt der Städteregion darüber diskutieren, ob einige Anregungen aus der Tagung in den Unterricht aufgenommen werden.

Es gebe einfache Übungen, um die koordinativen Fähigkeiten von Schülern – wie Reaktion, Gleichgewicht oder Orientierung – zu verbessern, meint der Leiter der Physiotherapie am Aachener Klinikum, Axel Kilders. «Einige Fußballvereine haben diese Übungen in ihre Trainingseinheiten aufgenommen.» Im Rahmen seiner Behandlung nach Sportunfällen testet er die Fähigkeiten von Kindern: «Viele kriegen es vielleicht noch hin, zehn Sekunden auf einem Bein zu stehen. Aber wenn eine zweite Aufgabe dazukommt, etwa dabei das kleine Einmaleins aufzusagen, werden die Ergebnisse grottenschlecht.»

Die Turn- und Sporthalle ist tatsächlich ein Unfallbrennpunkt an Haupt-, Realschulen, Gesamtschulen und Gymnasien. Von den rund eine Million jährlich registrierten Unfällen allein an den weiterführenden Schulen bundesweit rage der Anteil der Sportunfälle von mehr als 50 Prozent weit heraus, hatte jüngst eine Studie des Wuppertaler Sportsoziologen Horst Hübner ergeben. Der Eindruck, sinkende konditionelle und koordinative Fähigkeiten der Schüler – zu wenig Kraft, fehlende Gelenkigkeit oder geringe Reaktionsfähigkeit – sei hauptsächlich Ursache, stimme nicht. «Überwiegend sind gute Schüler an Unfällen beteiligt», sagt Hübner.

Die Forschungsstelle «Mehr Sicherheit im Schulsport» an der Bergischen Universität Wuppertal hat seit 1987 über 10 000 Schulsportunfälle in Bayern und Nordrhein-Westfalen nachuntersucht. Demnach passieren die meisten Unfälle in Routinesituationen bei den Ballsportarten. Klassisches Beispiel: Beim «Angriff» im Basketball wirft eine Schülerin einer anderen den Ball zu. Die Schülerin schnappt den Ball nicht richtig und verletzt sich den Finger.

«Das sind typische komplexe Spielsituationen: Viele laufen durcheinander, mehrere rufen, der Ball ist umkämpft, es ist viel Unruhe auf dem Spielfeld und alles geht sehr schnell», sagt Hübner. Durch die Unterschätzung der Ballwechsel als Routine werde das Verletzungsrisiko erhöht. Bis zu 60 Prozent der Schulsportunfälle passierten beim Ballsport.

Hübner empfiehlt Schulen, die Unfälle auszuwerten und systematisch zu besprechen. «Wenn Schulen das Problem für sich wahrnehmen, dann können sie gezielt an der Reduzierung der Unfallzahlen und an der Prävention arbeiten», sagte Hübner. Seit 2007 habe die Forschungsstelle über 100 Schulen in Nordrhein-Westfalen dabei begleitet. (Elke Silberer, dpa)

zum Bericht: Studie: Ballspiele im Schulsport sind riskant

2 Kommentare

  1. Der letzte Absatz zeigt (mal wieder), dass die Schulen mit den Tatsachen alleine gelassen werden: Wertet mal aus und führt Maßnahmen ein, die die Unfallzahlen reduzieren und Verletzungen vorbeugen.
    Im Extremfall läuft das auf die weitgehende Abschaffung des Sport- und Experimentalunterricht hinaus, evtl. wegen der Scheren und Farbdämpfe auch Kunst. Wir hoffen, dass es nicht so weit kommt.

    • So ein unqualifizierter Kommentar kann wohl nur von einem Lehrer kommen. „Abschaffen des Sportunterrichts“, „des Kunstunterrichts wegen Scheren“… etc. „Wir hoffen, dass es nicht so weit kommt“?.
      Wie weit ist es denn gekommen? 1 Millionen Schülerunfälle pro Jahr? Was? ausruhen?
      Die Verpflichtung, Unfälle auszuwerten und geeignete Maßnahmen einzuleiten, so dass derartige Unfälle nicht mehr vorkommen, trifft jeden Unternehmer und Arbeitgeber. Anscheinend nicht in der Schule, da hier der Dienstherr ja mit Abwesenheit glänzt. Schulleitung hält sich im Sport zurück und jeder Lehrer kann machen was er für richtig hält. Unfälle werden selten ausgewertet. Unfälle werden als „verhaltensbedingte Fehler der schüler“ dargestellt. Präventive Vorschläge zur Unfallreduzierung gibt es selten.
      Ich hoffe auf ein Umdenken der Lehrer, weniger gefahrenträchtige Sport- Aktivitäten durchzuführen, Schüler sind keine Experten. Schulsport ist wichtiger denn je. Nur Mitteinander können wir Unfälle reduzieren. Auch wenn Lehrer sich immer über das System hinwegsetzen tragen sie Verantwortung für die Reduzierung von Unfällen unserer Kinder!!
      Hier ein guter Link zur Prävention von Sportunfällen:
      http://www.sichere-schule.de/sporthalle/lehrkraft/prvention-von-schulsportunfllen

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