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Inklusion, Mobbing, Traumata: Schulpsychologen sind überfordert – und fordern Verstärkung

BERLIN. Lernprobleme, Konflikte mit Mitschülern, Prüfungsangst: Jedes fünfte Kind in Deutschland entwickelt einer Studie des Robert-Koch-Instituts zufolge im Laufe seiner Schulzeit psychische Auffälligkeiten. Und die Probleme nehmen zu: Inklusion, immer mehr Krisen- und Notfallberatung etwa bei Amokdrohungen oder Unfällen, immer mehr Fälle von Cybermobbing unter Schülern und eine wachsende Zahl von traumatisierten Flüchtlingskindern in deutschen Schulen. Und eigentlich sollen sich Schulpsychologen auch um die Lehrer kümmern: um Stressabbau und Gesundheitsvorsorge bei Pädagogen beispielsweise. Doch das kommt allzu häufig zu kurz. Experten fordern mehr Schulpsychologen.

Kinder können ganz schön laut sein - auch im Unterricht. Foto: Greg Westfall / flickr (CC BY 2.0)

Kinder können ganz schön laut sein – auch im Unterricht. Foto: Greg Westfall / flickr (CC BY 2.0)

«Deutschland hat die schlechteste Versorgung mit Schulpsychologen in Europa», erklärte Klaus Seifried vom Bundesverband Deutscher Psychologen (BDP) in Berlin. «In skandinavischen Ländern, in Holland, England, den USA, Kanada, Australien oder Neuseeland werden Sie an jeder Schule einen Schulpsychologen finden», sagte Seifried. Im Bundesdurchschnitt sind es dagegen 8617 Schüler, die auf eine Schulpsychologenstelle kommen. Dabei gibt es noch gravierende regionale Unterschiede. In Niedersachsen – dem Schlusslicht im Bundesvergleich – kam zum Schuljahr 2013/2014 statistisch gesehen auf 16. ein Schulpsychologe. In Berlin, dem Spitzenreiter in Deutschland, kamen 5.082 Schüler auf einen Schulpsychologen. Laut BDP ist Berlin eines von nur drei Bundesländern, das der von der Kultusministerkonferenz empfohlenen Mindestversorgung mit einem Schulpsychologen auf je 5000 Schüler gerecht wird.

Beispiel Mecklenburg-Vorpommern: Das Land ist verhältnismäßig gut bestückt (6.500 zu eins). Dennoch reiche die Zahl der Schulpsychologen in dem Flächenland bei weitem nicht aus, meint Evelyn Fuchs vom Schulamt Greifswald. Zu viel Arbeitszeit würde für die oft weiten Wege zu den Schulen draufgehen. «Wir verfahren die meiste Zeit», meinte Fuchs. Dabei werde die Aufgabenliste immer länger. «Wir bräuchten viel mehr Zeit, um Kinder zu begleiten.» Außerschulisch gebe es in ländlichen Regionen kaum Möglichkeiten für Therapien, weil es an Kinder- und Jugendpsychiatern fehle und die Wartelisten für eine längerfristige Betreuung lang seien.

Nach Ansicht der Greifswalder Schulpsychologin haben die Probleme an den Bildungseinrichtungen in den letzten Jahren zugenommen. Das Ausmaß, das Attacken gegen Schüler und Lehrer annehme, sei erschreckend hoch. Schimpfen und Schubsen waren gestern, heute würde übel beleidigt, geschlagen und getreten. Hinzu kämen immer mehr Fälle von Mobbing im Internet. Ursachen seien unter anderem Überforderung, zu hoher Erwartungsdruck von Eltern sowie eine eher geringe «Frustrationstoleranz» – die Fähigkeit, Konflikte auszuhalten sowie besonnen und gewaltfrei zu lösen.

Jugendliche würden Gewalt- und Sexszenen aus dem Netz laden und auf dem Schulhof herumzeigen, schilderte Fuchs. Alkoholexzesse, Selbstverletzungen wie «Ritzen» bis hin zu Suizid-Androhungen nähmen unter Schülern zu. Nach einer Studie des Robert-Koch-Instituts entwickeln in Deutschland etwa ein Fünftel der Kinder und Jugendlichen im Laufe ihrer Schulzeit psychische Auffälligkeiten, wie der Bundesverband mitteilte.

Angesichts der Problemfülle setzen Mecklenburg-Vorpommerns Schulpsychologen zunehmend auf klassen- oder gruppenbezogene Intervention und Beratung, wie Evelyn Fuchs erläuterte. Teamarbeit bei der Bewältigung psychosozialer Probleme sei effektiver als nur Einzelgespräche, betonte sie. Einbezogen würden auch Lehrer und Schulsozialarbeiter. Deren Kompetenzen müssten unbedingt gestärkt werden, erklärte Fuchs.

Die steigende Zahl von Flüchtlingskindern in den Schulen stellt die Schulpsychologen vor völlig neue Herausforderungen. «Für große Verunsicherung sorgt die Frage, wie wir mit traumatisierten Kindern umgehen», sagte Sabine Randow, Vorsitzende des Berufsverbandes der Schulpsychologen Sachsens. Damit gebe es noch keine einschlägigen Erfahrungen und deshalb auch keine Handlungsempfehlungen. «Das Problem haben wir ganz allein auf dem Tisch.» Dabei sehen sich die Psychologen ohnehin schon überfordert: In Sachsen kommen rechnerisch auf jeweils einen Schulpsychologen gut 14.300 Schüler und 880 Lehrer.

Damit nehme Sachsen einen denkbar schlechten Platz in der Bundesrepublik ein, sagte Randow weiter. Die zu geringe Zahl von Schulpsychologen habe bereits dazu geführt, dass einige Aufgaben nicht mehr in ausreichendem Maße erledigt werden könnten. «Bei der Lehrerfortbildung mussten wir Abstriche machen, Elternabende mit Beteiligung von Schulpsychologen stehen kaum noch auf der Tagesordnung», erklärte sie. Auch in Fällen, wo es in Schulklassen zu Konflikten komme, könnten die Spezialisten die notwendige längerfristige Begleitung nicht mehr anbieten.

Im Rahmen der sogenannten Bella-Studie des Robert-Koch-Instituts sind seit 2003 Tausende Familien mit Kindern im Alter von 7 bis 17 Jahren befragt worden. Eine aktuelle Runde läuft derzeit. Bei rund 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen lassen sich danach Hinweise auf psychische Auffälligkeiten finden – in unterschiedlicher Ausprägung. So litten mehr als fünf Prozent der Jungen und Mädchen an Depressionen, mehr als zehn Prozent unter Ängsten und mehr als sieben Prozent zeigten ein auffälliges Sozialverhalten. News4teachers / mit Material der dpa

Zum Bericht: Schulpsychologen schlagen Alarm – katastrophale Versorgung

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