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Neukölln schlägt Alarm: Fast jeder zweite Grundschüler kann nicht schwimmen

BERLIN. Neukölln ist als Berlins Problembezirk bekannt. Ein besonderes Problem will nun das Bezirksamt angehen: Rund 40 Prozent der Grundschüler können nach der 3. Klasse noch nicht schwimmen. Der Grund: Wegen fehlender Erfahrung haben viele Zweitklässler Angst vor dem Wasser. Ein Wassergewöhnungsprogramm soll jetzt die katastophrale Nichtschwimmerquote verbessern.

Am Ende der 3. Klasse sind die meisten Kinder neun Jahre alt, über 1,30 Meter groß, können lesen, schreiben und rechnen – aber zumindest in Berlin-Neukölln noch lange nicht schwimmen. Fast die Hälfte der Drittklässler in Berlins Problembezirk Nummer Eins kann sich nicht alleine über Wasser halten. Der Bezirk schlug am Freitag Alarm und will nun mit einem «Wassergewöhnungsprojekt» den Zweitklässlern an den Grundschulen die Angst nehmen. Die Situation sei «erschreckend» und «alarmierend», teilte das Bezirksamt mit.

Die mehr als 40 Prozent Nichtschwimmer am Ende der 3. Klasse seien der höchste Wert eines Bezirkes in Berlin. An den Grundschulen steht in diesem Schuljahr der erste Schwimmunterricht an – der allerdings oft scheitert.

Viele Eltern in Neukölln führen ihre Kinder nicht ans Schwimmen heran. Foto: Ctd 2005 / flickr  (CC BY 2.0)

Viele Eltern führen ihre Kinder nicht ans Schwimmen heran. Foto: Ctd 2005 / flickr (CC BY 2.0)

«Grund ist, dass viele Kinder vor dem regulären Schulschwimmen keinerlei Wassererfahrung außerhalb von Badewanne und Dusche gemacht haben und teilweise extreme Wasserängste haben, die erst überwunden werden müssen», erklärte die Neuköllner Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD), die erst kürzlich ihren überregional bekannten Vorgänger Heinz Buschkowsky ablöste.

Oft kämen die Kinder erst in der dritten Klasse zum ersten Mal mit dem «offenen nassen Element in Berührung» und seien sehr ängstlich. «Dann reicht die Zeit einfach nicht mehr aus, um zum Erfolg zu kommen.» Die Wassergewöhnung müsse früher einsetzen, forderte Giffey, die Schirmherrin des Pilotprojekts ist.

Schuld an der «katastrophalen Nichtschwimmerquote» sind nach Einschätzung des Bezirks die Eltern, die ihre Kinder vor und zu Beginn der Schulzeit nicht an das Schwimmen heranführen oder sie zu Kinderschwimmkursen bringen. «Gerade unter den Migrantenkindern sind viele, die nicht in Seen oder Bäder gehen, weil ihre Eltern das auch nicht tun», sagte die Sprecherin des Bezirks, Bärbel Ruben. Das habe in den meist türkisch- oder arabischstämmigen Familien auch kulturelle und religiöse Gründe.

Der Bezirk Neukölln im Südosten Berlins hat rund 325 000 Einwohner (etwa so groß wie Bielefeld). In den Grundschulen liegt der Anteil der Kinder aus Einwandererfamilien bei 80 Prozent. In Nord-Neukölln nahe Kreuzberg gibt es auch Grundschulen, die nur von Kindern mit einem sogenannten Migrationshintergrund besucht werden.

Das nach Bezirksangaben bisher «einzigartige» Pilotprojekt zum Schwimmenlernen heißt «Neuköllner Schwimmbär». 600 Kinder aus den zweiten Klassen sollen erreicht werden. Geplant ist ein Dreitagekurs für Kinder am Ende des 2. Schuljahres «zum Angstabbau vor dem Wasser» und der «optimalen Vorbereitung auf den regulären Schwimmunterricht in der 3. Klasse».

Die Kinder sollen dabei mit der Unterstützung von Schwimmtrainern und Hilfsmitteln wie Schaumstoff-Nudeln und Gurten die «Grundfertigkeiten im Wasser wie Tauchen, Schweben, Springen, Atmen und Gleiten» lernen. Im Vordergrund stehen der Spaß und die Sicherheit im Wasser.

Elf Grundschulen, überwiegend aus Nord-Neukölln, machen mit. Die Kosten des Projekts im Gropiusbad konnte der Bezirk noch nicht mitteilen. Die Schulen bezahlen die Gebühren aus einem «Bonus-Programm» des Senats für Bildung in schwierigen Stadtteilen. (Andreas Rabenstein, dpa)

zum Bericht: Studie: Jeder sechste Grundschüler kann nicht schwimmen
zum Bericht: Adipositas-Experte rät zu fünfmal Schulsport in der Woche

Ein Kommentar

  1. bekommen die familien auch den schwimmkurs für ihre kinder vom amt bezahlt? wahrscheinlich nicht und daran wird es scheitern. bei den Mädchen kommt noch die leidige burkiniangelegenheit dazu.

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