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Frau Merkel, übernehmen Sie! Lassen Sie die Schulen mit der Eingliederung der Flüchtlingskinder nicht allein!

Ein Kommentar von ANDREJ PRIBOSCHEK

Der Bildungsjournalist Andrej Priboschek. Foto. Alex Büttner

Der Bildungsjournalist Andrej Priboschek. Foto. Alex Büttner

Die Frage, wie wir (und der Rest Europas) mit den Flüchtlingen umgehen, werde uns mehr beschäftigen als die Griechenland-Krise und die Zukunft des Euro, sagte Angela Merkel vor drei Wochen voraus. Damit liegt die Kanzlerin zweifelsfrei richtig. Die Finanzkrise ist für die Menschen hierzulande (anders sieht die Sache natürlich für die direkt betroffenen Griechen aus) eine eher abstrakte Debatte um Schulden, Bürgschaften und Banken. Die Flüchtlingskrise jedoch erleben sie immer öfter hautnah in ihrer Nachbarschaft, wenn sich die Notunterkünfte und Turnhallen mit Flüchtlingen aus Syrien, Afghanistan oder Afrika füllen.

Noch stärker wird die Betroffenheit sein, wenn die Kinder aus den Sommerferien in die Schulen kommen – und dort auf nicht wenige neue Klassen- oder Schulkameraden treffen, die kein oder kaum ein Wort Deutsch sprechen können. Und unabhängig, womit wir uns mehr beschäftigen: bei den Griechen geht es – nur! – ums Geld, bei den meisten Flüchtlingen ums nackte Überleben. Keine Frage also, welches Problem relevanter ist.

Nun hat Frau Merkel lobenswerterweise sehr viel Energie (und Ressourcen) in eine vorläufige Lösung der Griechenland-Krise gesteckt. Wenn sie die Flüchtlingskrise zu Recht für dringlicher hält, wäre es nun langsam an der Zeit, das auch mal durch Handeln zu untermauern. Wo bleibt das Engagement der Bundesregierung? Es kann nicht angehen, dass allerorten in Deutschland nun das Schuljahr beginnt und Flüchtlingskinder zu Hunderttausenden in die Schulen kommen, ohne dass sie dort vernünftig unterrichtet werden könnten.

Die Lehrer, die ja schon bislang nicht unterbeschäftigt waren (es sei hier nur mal an die auch jetzt noch weiter voranschreitende Inklusion erinnert), können doch nicht weitgehend im Alleingang die Einwanderung erledigen, alle Kinder in Nullkommanichts zu elaborierten Deutschkenntnissen führen, sie individuell nach ihren Begabungen fördern, die vermutlich zahlreichen schweren Traumata heilen und ihnen nebenbei auch noch die demokratischen Grundwerte vermitteln, die sie aus ihren von Diktatoren und Kriegen geplagten Heimatländern wohl eher nicht kennen.

Ach ja, Bildung ist in Deutschland ja Ländersache. Das kann aber doch nicht ernsthaft bedeuten, den überforderten Kommunen und Ländern die Lösung der – ganz Deutschland gleichermaßen betreffenden – Flüchtlingsproblematik zu überlassen.

Hier ist also dringend gefordert: ein nationaler Krisenstab, der mit ausreichenden Ressourcen ausgestattet wird und einen praktikablen Plan entwirft, wie Flüchtlingskinder überhaupt erst einmal sprachlich und kulturell schulreif (ich benutze den mittlerweile in der Pädagogik ja in Misskredit geratenen Begriff hier bewusst) gemacht werden können. Und wenn für diese Aufgabe Lehrer im Ruhestand gewonnen werden müssen, weil der Markt nicht genügend qualifizierte Arbeitslose hergibt – nun gut, dann muss das eben sein. Ungewöhnliche Herausforderungen erfordern unorthodoxe Herangehensweisen.

Jetzt ist es an der Zeit, neben den Begriffen Krise, Problem und Problematik auch noch einen anderen einzuführen: Chance. Diese Hunderttausenden von Kindern, die in diesen Wochen und Monaten Deutschland erreichen, machen in kurzer Zeit das, was die Familienpolitik der letzten Jahrzehnte mit Milliardensummen nicht erreicht hat: Sie stoppen die Vergreisung Deutschlands. Seit zehn Jahren reden wir über den Schülerschwund in den Schulen, über eine „demografische Rendite“ (was gleichzusetzen ist mit dem Abbau von Lehrerstellen), über Azubi-Mangel und eine verrunzelnde Gesellschaft, deren gesellschaftliche Großthemen sich tendenziell von Erziehungsfragen hin zu Alterserscheinungen verlagern. Mit diesen unguten Entwicklungen ist gottlob wohl bald Schluss.

Damit allerdings die Frischzellenkur nicht mit langfristigen sozialen Verwerfungen erkauft werden muss, sind jetzt Investitionen in die Bildung nötig, und zwar massive. Gelingt es uns, diesen vielen Kindern vom Start weg eine Perspektive für ein lebenswertes Leben in Deutschland zu geben, muss uns um die Zukunft unseres Landes nicht bange sein.

Zum Bericht: Kommunen überfordert? Erfurts OB Bausewein (SPD) will Schulpflicht für Flüchtlingskinder aussetzen

 

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