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Zunehmende Probleme beim Handschreiben: Lehrer möchten, dass Schüler ihre Motorik besser trainieren

DÜSSELDORF. Die weit überwiegende Mehrzahl der Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland sieht, dass Schülerinnen und Schüler zunehmend Probleme mit dem Handschreiben haben – und die meisten Lehrerinnen und Lehrer haben offenbar konkrete Vorstellungen, was dagegen zu tun ist. Vor allem: die Motorik fördern, und das möglichst schon im Kindergartenalter. „Motorische Fähigkeiten der Kinder sind nicht nur beim Schreiben wenig ausgeprägt. Der Umgang mit dem Pinsel, Schere, Lineal oder anderen Werkzeugen hat sich ähnlich verschlechtert. Zum Beispiel können nur noch circa die Hälfte (oder weniger) Kinder eine Schleife bzw. einen einfachen Knoten“, so schreibt eine Grundschullehrkraft aus Nordrhein-Wesfalen.

Immer mehr Schüler haben offenbar Probleme mit dem Handschreiben. Foto: dotmatchbox / flickr (CC BY-SA 2.0)

Immer mehr Schüler haben offenbar Probleme mit dem Handschreiben. Foto: dotmatchbox / flickr (CC BY-SA 2.0)

Die quantitativen Ergebnisse der Online-Umfrage, die der Deutsche Lehrerverband gemeinsam mit dem Schreibmotorik Institut, Heroldsberg, durchgeführt und im April veröffentlicht hat, werden jetzt durch eine qualitative Auswertung auch einer offenen Antwortmöglichkeit bestätigt und ergänzt. Ein Großteil der Lehrerinnen und Lehrer, die sich an der Umfrage beteiligten, nutzten diese freie Kommentarmöglichkeit. Das gilt auch für die beteiligten Lehrerinnen und Lehrer aus Nordrhein-Westfalen – das erste Bundesland, für die die Auswertung der Kommentare nun vorliegt.

So meint eine zweite Grundschullehrkraft aus Nordrhein-Westfalen: „Schreiben mit der Hand hat viel mit der gesamten Körperhaltung und -spannung zu tun, nicht nur mit der Hand. Eine ganzheitliche Förderung ist mangels Bewegungserfahrungen im Vorschulbereich unbedingt nötig.“ Eine andere schreibt: „Meiner Erfahrung nach kommen die Kinder schon mit gefestigter falscher Stifthaltung in die 1. Klasse. Eltern und Kindergarten müssten von Anfang an mehr auf eine korrekte Haltung beim Malen achten. Dabei ist natürlich die Entwicklung des Kindes zu berücksichtigen.“ Eine vierte Lehrkraft kommentiert: „Vor 20 oder 30 Jahren – so meine Erfahrung – konnten die meisten Kinder zu Beginn des 1. Schuljahres einen Stift ordnungsgemäß in der Hand halten. Heutzutage gelingt das vielen Schülern auch in späteren Grundschuljahren nicht.“

Bei den Antworten der Lehrkräfte aus Nordrhein-Westfalen ist besonders auffallend, dass viele die Gründe für die Probleme mit dem Handschreiben bei bestimmten Schriftarten sehen. In Nordrhein-Wesfalen lernen Schüler zu Beginn ihrer Schullaufbahn zunächst die Druckschrift und danach eine verbundene Schrift. Die Schule entscheidet, welche Ausgangsschrift zugrunde gelegt wird, ob beispielsweise die Vereinfachte (wie im Lehrplan vorgesehen) oder die Lateinische. Zudem vermitteln seit 2003 etliche Grundschulen die Grundschrift, die aus zu verbindenden Druckbuchstaben besteht.

Dabei läuft die Kontroverse innerhalb der Lehrerschaft in Nordrhein-Westfalen offenbar zwischen Befürwortern und Gegnern der Grundschrift. „Die Grundschrift produziert mit Abstand die schlechtesten Schriftbilder, gegenüber den anderen Schulschriften“, so meint eine Grundschullehrkraft. Eine andere berichtet dagegen: „Zur Zeit erprobe ich im 1. Schuljahr die Grundschrift. Ich sehe sie als Vorläuferschrift zu einer verbundenen Handschrift und das klappt gut: Es ist Schreiben von Anfang an, kein ‚Buchstabenmalen‘ aus Strichen, Kreisen und (faulen) Eiern. Für stark benachteiligte Kinder werde ich auf die Verbindungen verzichten, sie haben so auch eine gute persönliche Handschrift.“ „In den Grundschulen sollte eine einheitliche Schrift gelehrt werden. Der Rechtschreibung sollte viel früher mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden. Keine Druckschrift am Anfang der Grundschule“, so fordert eine Lehrkraft einer weiterführenden Schule.

Der Schreibmotorikforscher Dr. Christian Marquardt, wissenschaftlicher Beirat des Schreibmotorik Instituts, Heroldsberg, meint dazu: „Die Schriftendiskussion hat leider dazu geführt, dass sich Befürworter und Gegner bestimmter Schriften in verhärteten Fronten gegenüberstehen. Diese Gemengelage erschwert einen objektiven Blick darauf, wie das Problem zunehmender Schwierigkeiten von Schülerinnen und Schülern mit dem Handschreiben angegangen werden kann. Wenn viele Schwierigkeiten der Kinder und Jugendlichen in motorischen Defiziten begründet liegen, dann müssen wir zunächst einmal die Förderung der Motorik verbessern – und zwar von der Kita an. Hierzu liegen uns bereits erste Erkenntnisse aus eigenen Untersuchungen vor, die darauf hinweisen, dass das spätere Beschleunigen der gelernten Ausgangsschriften deutlich einfacher und besser gelingt, wenn bereits im Anfangsunterricht ein flüssiger Bewegungsablauf gezielt gefördert wird. Anschließend müssen wir uns natürlich auch die Frage stellen, welche Schrift am besten in der Grundschule vermittelt werden sollte. Deshalb ist es wichtig, die Forschung in diesem Bereich weiter voranzubringen, um hier zu eindeutigen Empfehlungen zu kommen.“

Wie gravierend sind die Probleme mit dem Handschreiben in der Schule? Und was lässt sich dagegen tun? Um diese Fragen zu klären, hatten der Deutsche Lehrerverband (DL) und das Schreibmotorik Institut die Umfrage gestartet. Zwischen Dezember 2014 und März 2015 beteiligten sich mehr als 2000 Lehrkräfte aus ganz Deutschland. Dabei erhielten Lehrer aus Grundschulen und von weiterführenden Schulen getrennte Fragebögen, die aber beide mit der offenen Frage endeten: „Möchten Sie uns noch etwas zum Thema Schreiben lernen/Schrift mitteilen?“ Hunderte von Teilnehmern nutzten dies, um vertiefende Kommentare einzubringen.

Laut der quantitativen Erhebung, die bereits im April veröffentlicht wurde, meinen vier Fünftel (79 Prozent) der an der Erhebung beteiligten Lehrerinnen und Lehrer weiterführender Schulen, die Handschrift ihrer Schülerinnen und Schüler habe sich im Schnitt verschlechtert. Sogar 83 Prozent der befragten Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer gaben an, dass sich die Kompetenzen, die Schüler als Voraussetzung für die Entwicklung der Handschrift mitbringen, in den vergangenen Jahren verringert haben.

Die Umfrageergebnisse sind hier herunterladbar.

 

 

5 Kommentare

  1. Warum nur lernten wir (60 Jahre +) problemlos die lateinische Ausgangsschrift? Kindergarten oder ähnliche Einrichtungen? Fehlanzeige!!
    Frühkindliche Bildung? Fehlanzeige!!
    Dafür durften wir durch Feld, Wald oder Flur streifen und uns dort nach Herzenzlust austoben.
    Wir verfügten über eine top Gesamtmotorik, sodass wir die ersten schulischen Anforderungen spielend leicht meisterten.
    Ja, über die im Beitrag dargelegten Schwierigkeiten beim Lernen einer Schrift hätten wir wohl nur verständnislos den Kopf geschüttelt!!

    Angesichts der sich häufenden vielfältigen motorischen, psychischen, psycho – sozialen oder physiologischen Probleme bei Kindern scheint doch mittlerweile in der Erziehung eine Menge schief zu laufen!!
    Vor dem Hintergrund meiner paradiesischen Kindheit empfinde ich für die junge Generation sogar so etwas wie Mitleid.

    • Und wir wuchsen in den Familien auf. Ganztägige, möglichst frühe Erziehung durch „geschulte Fachkräfte“, die angeblich erst wahre Bildung ausmachen, gab es nicht. Sogar die „volle Halbtagsschule“ bis ca. 13 Uhr war noch ein Fremdwort.
      Dass wir ohne Zetern und Murren lernten, obwohl kein Tamtam um Schule und Bildung gemacht wurde, grenzt aus heutiger Sicht an ein Wunder. Allerdings wurde von den Kindern erwartet, dass sie sich Mühe gaben, fleißig und ordentlich oder auch pünktlich waren und eine altersgemäße Selbstdisziplin kannten. Als diese Eigenschaften dann im Zuge der Leistungsverteufelung verächtlich zu „Sekundärtugenden“ erklärt wurden und Eltern oder Lehrer als streng und autoritär galten, die darauf noch Wert legten, gingen Erziehung und Bildung schleichend den Bach runter. Je mehr sich „Erziehungsberatung“ durch Gurus breitmachte und ratgebende Schriften zum unbedingten Muss moderner Elternschaft wurden, desto größer wurde das Bildungsübel, verbunden mit häufigem Murren und Kundtun von Unzufriedenheit seitens der Kinder.
      Mich wundert überhaupt nicht, wenn ich Artikel (wie auch bei news4teachers) über zunehmende Lern- und Leistungsprobleme lese sowie die wachsende Zahl von Kindern, die mit sich und der Welt unzufrieden sind. Dazu habe ich die Entwicklung in meinem gut 40 Jahre langen Berufsleben zu genau beobachten können. Nie hätte ich gedacht, dass sich Fehlentwicklungen so lange halten und sogar noch verstärkt werden könnten. Dazu fehlte mir die Fantasie für die Siegeskraft von Ideologie gegen jede Vernunft.

  2. Hoffentlich wird keiner dieser Grobmotoriker später mal Chirurg.

  3. Wenn das Problem die mangelnde Motorik ist, braucht man sich doch um die Schrift erst einmal gar keine Gedanken zu machen: Wer seine Finger nicht bewegen und einen Stift nicht mit angemessener Spannung halten kann, wird keine Schrift sauber zu Papier bringen, nicht einmal Druckbuchstaben in extragroßer Lineatur.

    Der Ansatzpunkt wäre also die Motorik.
    Die Entwicklung sehe ich seit Jahren, in meiner derzeitigen Klasse sehe ich bei der Hälfte der Kinder große Auffälligkeiten. Natürlich kann ich die Motorik schulen und fördern, am Ende fehlt Zeit für anderes und ich muss mir vorwerfen lassen, ich wäre nicht weit genug.
    Vor wenigen Tagen gab es schon einen Bericht, nach dem in Niedersachsen bei vielen SuS Auffälligkeiten bei der Einschulungsuntersuchung attestiert wurden. zu diesem Zeitpunkt sind die Kinder schon 5 oder 6, aber es hat keine Konsequenz.

    Der Vergleich zu früher hinkt. Schnürschuhe gibt es kaum zu kaufen, kaum ein Kind hilft zu Hause Kirschen zu entkernen oder Erbsen auszulesen oder … was auch immer es noch für vielfältige Aufgaben gab, die Kinder früh übernahmen und ganz nebenbei ihre Motorik schulten. Schnitzen, flechten, falten … findet kaum noch statt, wird aber auch nicht durch anderes aufgewogen.
    Dann braucht es eben verpflichtende Motorik-Gruppen mit Fachkräften im KiGa und verpflichtenden Sportunterricht im KiGa, wenn Kinder trotzdem mangelnder Vorbildung in Schulen das leisten sollen, was ihre Urahnen schon geschafft haben … zusätzlich zu neuen Aufgaben, die sie auch erfüllen müssen.

    • @Palim
      Du hast vollkommen Recht mit deiner Einschätzung.
      Zusätzlich frage ich mich, ob in den heutigen Kitas der Motorik große Stellung eingeräumt wird oder diese im Zuge der Intellektualisierung der Kleinkinder – ich denke da an Forderungen wie Frühenglisch im Kindergarten, mathematische Aufgaben usw. – auf der Strecke geblieben ist. Denn ich kann mich noch gut erinnern, dass vor ca. 25 Jahren im Anfangsunterricht und in der Schulstartberatung die Förderung der Motorik ein großes Thema war. Damals kam auf, dass eine gute Motorik das Zusammenspiel gewisser Bereiche im Gehirn fördert. Doch irgendwie habe ich davon schon lange nichts mehr gehört. Ich habe so das Gefühl, dass durch die Forderung aus dem Hochschulbereich, die Kinder möglichst schnell an intellektuelle Aufgaben heranzuführen, neue Schwerpunkte gesetzt wurden und andere verloren gingen.

      Wie du auch schon schreibst, Palim, es gibt neue Aufgaben für die Schüler. Und wenn man hier so die Artikel verfolgt – immer wieder fordert eine andere Interessensgruppe etwas anderes. Alles geht nicht in der Schule, dazu müsste dann die Schulzeit verlängert werden. Also muss man Schwerpunkte setzen und Unnötiges rausstreichen.

      Was tun? Ich denke da an den obigen Einwurf von GriasDi, wir brauchen Menschen mit guter Feinmotorik. Diese ist in vielen Berufen gefragt. Wenngleich es heute nicht mehr so wichtig ist, eine flüssige Handschrift zu haben, um sich mitteilen zu können, finde ich diese dennoch die „gesündere“ Variante. (Ich denke da an die Entwicklung in Finnland.) Ich fände es gesundheitlich bedenklich im Unterricht Kinder sitzen zu haben, die zu 90 Prozent mithilfe eines Laptops ihre Aufgaben bearbeiten. Wir wissen ja, wie viele gesundheitliche Probleme solche Menschen haben, die tagtäglich mit Laptop und Co arbeiten müssen.
      Also muss die Motorik als Grundlage der Handschrift heute mehr denn je gefördert werden, wenn die Handschrift nach wie vor so grundlegend wichtig für die Schule bleibt.

      Abschließend zwei ergänzende Beobachtungen von mir zur Handschrift:
      Es sind mehr Jungs, die Probleme mit der Feinmotorik haben. Diejenigen, die sich schwer tun mit der Handschrift und teilweise verkrampft schreiben, erbringen oft nicht die schriftlichen Ergebnisse, zu denen sie auffassungsmäßig in der Lage wären. Die meisten von diesen Kindern sind mündlich besser.

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