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An die Spitze der bildungspolitischen Agenda: Wanka ruft „Dekade der Alphabetisierung“ aus

BERLIN. Mit einem 180-Millionen-Euro-Programm will die Bundesregierung in den nächsten zehn Jahren die Zahl von etwa 7,5 Millionen «funktionalen Analphabeten» in Deutschland spürbar senken. In dieser «Dekade der Alphabetisierung» sollten mit einer gemeinsamen Kampagne von Bund und Ländern vor allem die oft unterentwickelten Lese- und Schreibfähigkeiten erwachsener Erwerbstätiger verbessert werden, sagte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) am Dienstag in Berlin zum «Weltalphabetisierungstag 2015». Mit der «erheblichen Steigerung» der Gelder sollten unter anderem Alphabetisierungsprojekte gefördert sowie Kurskonzepte und Selbstlernmöglichkeiten geschaffen werden, erklärte Wanka.

Macht mobil gegen Analphabetismus: Bundesbildungsministerin Johanna Wanka. Foto: Axel Hindemith / Wikimedia Commons Creative Commons (CC-by-sa-3.0)

Macht mobil gegen Analphabetismus: Bundesbildungsministerin Johanna Wanka. Foto: Axel Hindemith / Wikimedia Commons Creative Commons (CC-by-sa-3.0)

Den bisherigen Aufwand des Bundes gegen Analphabetismus bezifferte Wanka auf gut 100 Millionen Euro zwischen 2000 und 2015. Doch leider liege Deutschland laut Studien im internationalen Maßstab bei der Lesekompetenz immer noch unter dem Durchschnitt. Nun setze man «das Thema ganz oben auf die bildungspolitische Agenda», sagte die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Brunhild Kurth (CDU). Trotz der zuletzt verstärkten Bemühungen um Analphabeten «sind wir mit dem Erreichten nicht zufrieden. Es haben schon Tausende an Kursen teilgenommen, die Zahl ist aber noch zu gering.»

Durch eine vom Bundesbildungsministerium geförderte Studie war 2011 bekanntgeworden, dass in Deutschland etwa jeder siebte Bürger zwischen 18 und 64 Jahren «funktionaler Analphabet» ist. Diese Menschen können zwar einzelne Sätze lesen oder schreiben, nicht jedoch zusammenhängende, auch kürzere Texte wie zum Beispiel eine schriftliche Arbeitsanweisung verstehen. Die Untersuchung der Uni Hamburg sei «sehr aufrüttelnd» gewesen, sagte Wanka. Analphabetismus sei ein Problem in der Arbeitswelt, wo «die Prozesse komplexer und daher verlässliche Grundkompetenzen immer wichtiger werden». Zudem komme jetzt bei Hunderttausenden Flüchtlingen ein noch nicht statistisch bezifferbarer Anteil von Analphabeten ins Land, so Wanka.

Die Bundesbildungsministerin verwies auf neue Selbstlernplattformen der Volkshochschulen (VHS). Damit solche Angebote auch für Flüchtlinge zu erreichen seien, würden sie Smartphone-tauglich gemacht. Wichtig seien innerhalb der Bund-Länder-Kampagne auch regionale Bündnisse von VHS, Schulen, Unternehmen und ehrenamtlichen Helfern in den Kommunen. «Ziel muss es sein, durch passgenaue Angebote die Hemmschwelle für die Betroffenen so niedrig wie möglich zu halten», ergänzte Kurth. Wanka sicherte zu, neben verstärkter Lehrerbildung auch die Forschung zu dem Thema voranzutreiben – etwa zur Frage, warum Lesen und Schreiben verlernt werden könnten, wie es bei vielen «funktionalen Analphabeten» mit Schulbildung offenbar der Fall sei. dpa

10 Kommentare

  1. Vielleicht sollte das „Schreiben nach Gehör“ zunächst mal wieder abgeschafft werden.

    http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/orthographie-in-schulen-schraibm-nach-gehoea-13456654.html

  2. Was ist denn in Bayern los? Nur noch „Schreiben nach Gehör“, was es gar nicht gibt, aber hier und auch in anderen Foren so genannt wird. Es heißt“ Lesen durch Schreiben“, wird am Anfang der ersten Klasse verwendet, die restlichen 10 oder 12 Schuljahre nicht mehr und ist längst veraltet. Aber Bayern scheint da hinterherzuhinken. Der Tiefgang im Gymnasium ist ja auch nicht mehr gegeben, dabei gibt es doch da gar keine rot-grüne Landesregierung?

    • Ich habe es so bezeichnet, wie die meisten es bezeichnen. Laut dem Artikel in der FAZ ist diese Methode bei Weitem noch nicht abgeschafft. Bisher gibt es meines Wissens nur ein einziges Bundesland (nämlich Hamburg) in dem diese Methode sogar verboten wurde. In Bayern wird es seit zwei Jahren wenigstens wieder Lehrern überlassen, nach welcher Methode sie unterrichten.

  3. Als ich noch in Bayern gearbeitet habe, in den 90er Jahren, da war den Lehrern die Methode immer freigestellt. Die meisten Lehrer/innen, ich auch, verwendeten die analytisch-synthetische Methode.

  4. @Mississippi um 13:00 Uhr
    Der Begriff „Schreiben nach Gehör“ trifft die Methode viel besser als „Lesen durch Schreiben“. Deswegen wird er m. E. zu Recht anstelle des offiziellen Namens gebraucht. Warum also erneut sagen, die genannte Methode gäbe es nicht?
    Wenn Sie schon Wert auf Korrektheit legen, dann sagen Sie doch bitte auch, dass jeder Erstlese- und Erstschreibunterricht 2 Jahre dauert. Darum ist „Lesen durch Schreiben“ auch für diese Zeitspanne konzipiert und nicht nur für ein Jahr, wie Sie behaupten.
    Manche Lehrer ziehen das „Schreiben nach Gehör“ sogar länger durch und tun sich schwer mit Korrekturen, weil das Gefühl rebelliert, wenn Kinder plötzlich nicht mehr „kreativ“ und unbefangen drauflos schreiben dürfen wie bisher. Außerdem muss es eine sanfte Landung geben. Was gestern noch erlaubt und erwünscht war, darf heute nicht schlagartig verboten sein und als falsch gelten.
    Sie verweisen darauf, dass die späteren Schuljahre mit der Methode nichts mehr zu tun haben. Vermutlich wollen Sie damit sagen, dass „Lesen durch Schreiben“ für die schlechten Rechtschreibleistungen keine so große Rolle spielen kann wie behauptet. Mich wundert dieses „fachmännische“ Urteil, das allein von der Anzahl der Jahre ausgeht und ignoriert, dass eine Schreibtechnik nach Gehör in Verbindung mit der Einprägung vieler falsch geschriebenen Wörter sehr anhänglich ist und Spuren fürs Leben hinterlassen kann. „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ gilt auch hier.
    Leider aber gilt „Lesen durch Schreiben“ noch immer nicht als „veraltet“ oder besser gesagt: überwunden. Die Begriffe „alt“ oder „neu“ sind jedoch irreführend, denn „neu“ kann schlecht sein und „alt“ gut. Die von Ihnen genannte „analytisch-synthetische Methode“ ist jedenfalls uralt und dennoch gut. Ich bin jahrzehntelang nach ihr vorgegangen und kann sie nur weiterempfehlen.

    • Wer sagt eigentlich, dass die Schüler durch diese Methode kreativer sind? Vielleicht sind Schüler heutzutage kreativer als diejenigen vor 10 Jahren. Das muss ja nicht an der Methode liegen.

      • Vor über 50 Jahren schrieben wir fantastische Erlebniserzählungen. Davon können die meisten GS – Schüler heutzutage nur träumen.
        Alles in gut lesbarer lateinischer Ausgangsschrift und unter Beachtung geltender Rechtschreib- und Grammatikregeln.
        Keine Kreativität? Da kann ich nur müde lächeln.

    • Ich bin durchaus keine Verfechterin der angeprangerten Methode. Es stört mich einfach, dass diese verantwortlich gemacht wird für alle Unzulänglichkeiten, die Schüler heutzutage haben, egal, ob sie nach dieser Methode unterrichtet wurden oder nicht. Das was wir an den Kindern beklagen hat viele Ursachen, unter anderem gebe ich persönlich den allgegenwärtigen „Helikoptereltern“ , die ihre Kinder unselbstständig halten und verunsichern, auch eine gewisse „Mitschuld.“

      • Helikoptereltern tragen sicher eine gehörige Mitschuld an „Unzulänglichkeiten, die Schüler heutzutage haben“. Da haben Sie Recht.
        Das Thema „Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten“ ist aber völlig ungeeignet, um diese Eltern auf die Anklagebank zu setzen, denn sie sind vermutlich die ersten, die sich um Therapie und Nachhilfe kümmern, wenn ihre Liebsten im Lesen und Schreiben versagen. Weitaus schlechter haben es da Kinder aus dem sog. bildungsfernen Milieu. Hier kümmert sich keiner um auffallende Schwächen. Diese Schüler werden zur lebenden Anklage für eine Reformitis, die Altbewährtes und Langerprobtes überhastet auf den Müllhaufen wirft, um Platz zu schaffen für Aufsehen erregendes Neues, das entweder der Partei dient, dem eigenen Ansehen oder auch kommerziellen Zwecken.
        Begründet wird alles mit dem Kindswohl. Da unterscheiden sich Politiker und angebliche Experten nicht von Helikoptereltern.
        „Es geht um eigene Vorteile, nicht um das Wohl des Kindes“
        http://www.zeit.de/1998/41/199841.verwoehnen_3_.xml

        • Bis auf eine kleine Ergänzung gebe ich Ihnen Recht. In der Politik geht es nämlich nicht zwingend nur um den eigenen Vorteil, manchmal reicht auch der Nachteil des politischen Gegners.

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