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PISA-Sieger Estland – ein Vorbild? „KI verändert grundlegend, was wir lernen müssen und wie wir unterrichten sollten“

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DRESDEN. Künstliche Intelligenz kann Texte zusammenfassen, Aufgaben lösen und komplexe Fragen beantworten. Doch was müssen Schülerinnen und Schüler dann überhaupt noch selbst lernen? Sachsen sucht darauf gemeinsam mit Estland, einem der erfolgreichsten Bildungssysteme Europas, nach Antworten. Beide Länder wollen KI stärker für das Lernen nutzen, zugleich aber grundlegende Kompetenzen und eigenständiges Denken fördern. Dass dies kein Widerspruch sein muss, macht Sachsens Kultusminister an einem Klassiker der Schullektüre deutlich: Goethes „Faust“ soll auch im KI-Zeitalter im Original gelesen werden.

«Ich bin überzeugt, dass die wichtigsten Veränderungen pädagogischer Natur sein werden»: Die estnische Bildungsministerin Kristina Kallas. Foto: Shutterstock / Alexandros Michailidis

Estland und Sachsen wollen in der Bildung gemeinsam vorangehen. «Wir wollen vom PISA-Europameister lernen, wie die Digitalisierung Schüler nicht dümmer, sondern schlauer macht», sagte der sächsische Kultusminister Conrad Clemens (CDU) nach einem Treffen mit der estnischen Bildungs- und Forschungsministerin Kristina Kallas. Eine digitale Schulverwaltung wie in Estland könne dabei helfen, Lernerfolge zu messen und bei Bedarf klug nachzusteuern.

Lehrkräfte werden trotz KI entscheidend bleiben

«Ich bin überzeugt, dass Estland und Sachsen sehr viel voneinander lernen können – insbesondere in einer Zeit, in der sich Bildungssysteme überall auf rasante technologische und gesellschaftliche Veränderungen einstellen müssen», sagte Kallas. Estland könne Erfahrungen mit der Einführung digitaler Technologien und Künstlicher Intelligenz in die Bildung einbringen. Erfolgreiche Innovation sei in erster Linie keine Frage der Technologie. «Entscheidend sind vielmehr die Lehrkräfte, ihr Vertrauen in die eigenen beruflichen Fähigkeiten und ihre Fähigkeit, Unterrichtsmethoden an veränderte Rahmenbedingungen anzupassen.»

«Nur wer lesen, schreiben und rechnen kann, wird KI sinnvoll einsetzen und KI-Ergebnisse bewerten können. In Sachsen stärken wir diese grundlegenden Kompetenzen bereits ab der Kita. Zudem setzen wir auf Medienbildung ab Klasse 1 und führen einen Medienpass an Schulen ein», betonte Clemens. «Ich bin überzeugt, dass der größte Mehrwert unserer Zusammenarbeit darin liegt, praktische Erfahrungen auszutauschen – einschließlich der Erkenntnisse darüber, was nicht funktioniert hat», ergänzte Kallas.

KI soll helfen, tiefgründiger nachzudenken

«In Estland betrachten wir künstliche Intelligenz als weit mehr als eine technologische Entwicklung. Sie verändert grundlegend, was wir lernen müssen und wie wir unterrichten sollten», erklärte Kallas. KI sollte Schüler unterstützen, tiefgründiger nachzudenken, anstatt ihnen Denken abzunehmen. Man müsse sie auf eine Welt vorbereiten, in der Informationen und Antworten jederzeit verfügbar sind, in der aber die Fähigkeit, Fragen zu stellen, zu analysieren, zu bewerten und eigenständige Urteile zu fällen, noch wichtiger wird.

«Wir führen KI-gestützte Lernwerkzeuge in der Sekundarstufe II ein, investieren umfangreich in die Fortbildung von Lehrkräften und arbeiten mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zusammen, um zu verstehen, wie sich KI auf das Lernen auswirkt.» Gemeinsam mit OpenAI habe man ein KI-Lernwerkzeug entwickelt, das dazu anrege, Fragen zu stellen, zu reflektieren und eigenständig zu Schlussfolgerungen zu gelangen, anstatt ihnen einfach fertige Antworten zu liefern.

Lesen, Schreiben, Rechnen bleiben unverzichtbar

«Ich bin überzeugt, dass die wichtigsten Veränderungen pädagogischer Natur sein werden. Wir müssen neu darüber nachdenken, wie Schülerinnen und Schüler lernen, wie Lehrkräfte unterrichten und wie wir Wissen und Verständnis beurteilen. Lehrkräfte werden weiterhin im Zentrum dieser Transformation stehen», ist Kallas überzeugt. Technologie allein könne die Qualität von Bildung nicht verbessern. Gleichzeitig blieben Lesen, Schreiben, Rechnen und Faktenwissen unverzichtbar.

«Sie bilden die Grundlage für kritisches Denken und ein tieferes Verständnis. KI macht diese Fähigkeiten nicht weniger wichtig», stellte Kallas klar. «Im Gegenteil: Schülerinnen und Schüler benötigen ein solides Fundament, um Fehler zu erkennen, KI-generierte Informationen kritisch zu hinterfragen und fundierte Entscheidungen zu treffen. Letztlich ist es unser Ziel, eine Generation heranzubilden, die künstliche Intelligenz nutzt, um ihre eigenen geistigen Fähigkeiten zu erweitern, anstatt von der Technologie abhängig zu werden.»

Sachsen will keine Abstriche bei Bildungsstandards machen

Kallas und Clemens äußerten sich auch dazu, welche Kompetenzen bei jungen Menschen künftig gefragt sind. «Es geht immer weniger um Faktenwissen. Aber wie unterscheide ich Fakten von Unfug und wie löse ich Probleme? In Sachsen überarbeiten wir derzeit alle Lehrpläne, um solche grundlegenden Kompetenzen zu stärken», betonte Clemens. Man mache aber keine Abstriche bei Bildungsstandards. «Goethes Faust soll auch künftig im Original gelesen werden.» KI ermögliche zusätzlich einen anderen Zugang zum Werk.

Für Kallas bleibt die wichtigste Kompetenz die Fähigkeit zum lebenslangen Lernen. «Wir können nicht genau vorhersagen, wie der Arbeitsmarkt oder die Gesellschaft im Jahr 2050 aussehen werden. Wir können jedoch sicher sein, dass der technologische Wandel weitergehen wird und junge Menschen sich auf Rahmenbedingungen einstellen müssen, die wir heute noch gar nicht vollständig absehen können.» Bildung müsse stärker auf anspruchsvolle Denkfähigkeiten ausgerichtet werden: kritische Analyse, Kreativität, Problemlösungskompetenz, eigenständiges Urteilsvermögen und die Fähigkeit, Informationen zu bewerten.

Kallas: «Junge Menschen müssen außerdem verstehen, wie sie selbst denken und lernen, damit sie ihre eigenen Fähigkeiten weiterentwickeln können. Dabei handelt es sich nicht nur um Kompetenzen für das Berufsleben. Sie sind auch für die Demokratie unverzichtbar.» In einer Welt, in der KI überzeugend wirkende Informationen, Bilder und Argumente erzeugen könne, müssten junge Menschen in der Lage sein, verlässliche Informationen von Manipulation zu unterscheiden, Belege abzuwägen und sich eine eigene Meinung zu bilden.

Wie erfolgreich das estnische Bildungssystem ist, zeigen die Ergebnisse der jüngsten PISA-Studie von 2025. Estland behauptet demnach seine Position als eines der leistungsstärksten Bildungssysteme weltweit und als europäischer Spitzenreiter. In Mathematik und Naturwissenschaften belegen die estnischen 15-Jährigen jeweils den ersten Platz in Europa, beim Lesen liegen sie hinter Irland auf Rang zwei. Mit durchschnittlich 527 Punkten in den Naturwissenschaften, 508 Punkten in Mathematik und 499 Punkten beim Lesen übertreffen sie in allen drei Bereichen deutlich den OECD-Durchschnitt. Auch beim erstmals untersuchten computergestützten Problemlösen erreicht Estland mit 541 Punkten gegenüber dem OECD-Durchschnitt von 500 Punkten den ersten Platz in Europa. Damit gehört Estland zu den wenigen europäischen Ländern, die sich über mehrere PISA-Erhebungen hinweg in sämtlichen zentralen Kompetenzbereichen an der internationalen Spitze behaupten können. News4teachers / mit Material der dpa

Hier geht es zu allen Beiträgen des Themenmonats “Digital lehren und lernen”. 

BLLV-Präsidentin Fleischmann: „Warum nimmt sich die deutsche Bildungspolitik nicht die internationalen PISA-Spitzenreiter zum Vorbild – und macht’s auch so?“

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