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Scheitert die Inklusion? GEW: Kinder kehren freiwillig zu Förderschulen zurück

DÜSSELDORF. In den letzten Wochen haben die vielen Flüchtlingskinder die bildungspolitische Debatte in Deutschland bestimmt. Das Thema Inklusion ist deshalb aber nicht erledigt. Die nordrhein-westfälische GEW erinnert daran mit einer repräsentativen Umfrage unter Schulleitungen des Landes. Fazit: Es hapert. So sehr, dass Kinder aus dem gemeinsamen Unterricht an ihre ursprünglichen Förderschulen zurückkehrten.

Nur nicht unterschätzen: Kind mit Down-Syndrom. Foto: Andreas-photography / Flickr (CC BY-NC 2.0)

Nur nicht unterschätzen: Kind mit Down-Syndrom. Foto: Andreas-photography / Flickr (CC BY-NC 2.0)

Der gemeinsame Unterricht von Schülern mit und ohne Behinderung hat aus Sicht der meisten Schulleiter in Nordrhein-Westfalen gravierende Mängel. In einer Online-Befragung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) an allen 6500 Schulen des Landes beklagten die Schulleiter zentrale Defizite. Wie die GEW am Dienstag in Düsseldorf berichtete, fehlen in großem Umfang Sonderpädagogen, Räume, Lernmaterial und Stellen sowie Zeit für Beratung und Absprachen. Insgesamt fehlen demnach rund 7000 Stellen – allein in NRW.

Aus Sicht der Gewerkschaft sollten gemischte Klassen für Kinder mit und ohne Handicap maximal 20 Schüler haben. Dies ist aber nur in jeder zehnten inklusiv arbeitenden Klasse Realität. Die GEW-Landesvorsitzende Dorothea Schäfer forderte die rot-grüne Landesregierung auf, nachzusteuern und eine Doppelbesetzung aus Fachlehrern und Sonderpädagogen zu gewährleisten. Auch vor dem Hintergrund von 40.000 erwarteten Flüchtlingskindern in den Schulkassen sei dies sinnvoll.

Drei Viertel der Leiter an den allgemeinen Schulen gaben in der Befragung an, sie benötigten mehr Stellen für sonderpädagogische Förderung. 53 halten eine zusätzliche Stelle für erforderlich, um gutes gemeinsames Lernen zu gewährleisten – 28 Prozent forderten sogar zwei Extra-Stellen.

Daneben ergab die Befragung folgende Kritikpunkte:

  • Abordnungen und Versetzungen gingen zu Lasten der Förderschulen: Bei 90 Prozent der befragten Förderschulen seien Lehrer an die allgemeinen Schulen für den Bereich Lern- und Entwicklungsstörungen abgeordnet, bei etwa der Hälfte der Förderschulen wurden Lehrer an andere Schulformen versetzt. 80 Prozent der Förderschulen veränderten daraufhin ihr Förderangebot, 45 Prozent der Förderschulen vergrößerten die Klassen.
  • Die Grundschulen könnten den sonderpädagogischen Förderbedarf erst im dritten Schulbesuchsjahr feststellen lassen. Der vermutete Förderbedarf sei also „viel grösser“ als der offiziell festgestellte.
  • Statt Inklusion finde häufig „Exklusion“ statt: Vier von fünf Förderschulen verzeichneten Abbrecher, Förderschüler also, die aus Regelschulen zurückkehrten – im Schnitt der Schuljahre 2014/2015 und 2015/2016 pro Förderschule drei. Insgesamt seien 2.000 Kinder betroffen, vor allem Grundschüler, hieß es.
  • Zwei Drittel der Schulleitungen aus den allgemeinen Schulen empfinden das bestehende Fortbildungsangebot als nicht ausreichend – für ihr bisheriges Kollegium, aber auch für die abgeordneten Sonderpädagogen. Die hätten Fortbildungsbedarf im Hinblick auf Teamarbeit und Vorbereitung auf ihre neue Rolle als Kollege an der allgemeinen Schule.
  • Für die Schulen gibt es keine zentrale Anlaufstelle für Inklusionsanfragen, dies empfindet jedoch die große Mehrheit der Befragten (80 Prozent) als erforderlich.
  • Bei 50 Prozent der allgemeinen Schulen und 40 Prozent der Förderschulen gibt es keinen Schulentwicklungsplan der Kommune, der die Inklusion angemessen berücksichtigt. 90 Prozent aller Befragten empfinden dies aber als absolut erforderlich.
  • Knapp 80 Prozent der allgemeinen Schulen verfügen nur zum Teil oder gar nicht über eine ausreichende Materialausstattung für differenziertes Lernen. Knapp 80 Prozent der Schulen verfügen nur zum Teil oder gar nicht über ein ausreichendes Raumangebot. 64 Prozent der allgemeinen Schulen sind nur zum Teil oder gar nicht für ihren Bedarf barrierefrei. Die inklusiv arbeitenden Schulen bedürfen einer deutlich größeren Unterstützung durch ihren Schulträger.

Es sei klar, dass dies nicht in einem Schub erfüllt werden könne, räumte Schäfer ein. Das ursprünglich einmal über 9.400 Stellen umfassende Budget für Sonderpädagogen dürfe aber nicht reduziert werden, nur weil die Zahl der Förderschulen sinke, forderte die Gewerkschaft.
Außerdem kritisiert die GEW künstliche Hürden bei der Nachqualifizierung von Lehrern zu Sonderpädagogen. Statt der angepeilten 250 Nachqualifizierungen pro Halbjahr würden deshalb nur maximal 100 erreicht. Die Gewerkschaft fordert darüber hinaus, den viel zu hohen Numerus clausus für das Lehramt Sonderpädagogik gänzlich abzuschaffen, um den enormen Personalbedarf decken zu können. Nach GEW-Angaben lag der NC teilweise bei 1,2.

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) befand, dass sich die Situation seit Mai – als er selbst eine Umfrage zum Thema Inklusion vorlegte – um „keinen Deut“ verbessert habe. Der Vorsitzende Udo Beckmann betonte: „Mit einer Stellenbudgetierung, die sich nicht an den tatsächlichen Erfordernissen an den Schulen orientiert, sondern lediglich nach Haushaltslage entschieden wird, wird das Projekt Inklusion in NRW scheitern.“ News4teachers / mit Material der dpa

6 Kommentare

  1. All dies ist nicht neu, sondern wurde seit 2011 bei 4Teachers im Forum „Inklusion“ in 910 Beiträgen berichtet und kontrovers diskutiert. Nennen wir’s ein Zeichen der Hoffnung, dass auch GEW und Politik (?) das Problem nun erkennen und darüber sprechen.

  2. Der Numerus Clausus in einem derart wichtigen Fach bei 1,2?

    Und woran liegts? Die Unis haben aus finanziellen Gründen nicht genug Kapazitäten und halten sich so die Studis vom Halse. Und das macht dann langfristig wieder Probleme an den Schulen, weil nicht genug qualifizierte Lehrkräfte da sind.

    Haaach, Deutschland, dein Bildungssystem und dein Steuersystem sind gleichermaßen zum Heulen!

  3. Und woran liegts? Die Unis haben aus finanziellen Gründen nicht genug Kapazitäten und halten sich so die Studis vom Halse. Und das macht dann langfristig wieder Probleme an den Schulen, weil nicht genug qualifizierte Lehrkräfte da sind. auch bei uns auf der walddorf schule dresden habe wir nicht genug lerhkräfte im fach mahtematik und religion es ist zum kotzen die schuleiterin siht das auch so es faallen viel zu viel stunden aus in der woche betroffen sind klasse 1 bis 4 und barrire frei sind sie auch nicht!!!

    lehrer aus waldorf schule dresden

  4. Vielleicht spricht sich gerade herum, dass der Betreuungsschlüssel in „normalen“ Schulen deutlich schlechter ist als in Förderschulen. Ein Lehrer kann sich bei 30 Kindern halt nicht so intensiv um Inklusionskinder kümmern, wie es nötig wäre.

  5. Das Fortbildungsangebot ist ein Witz. Wir hatten letztens eine schulinterne Fortbildung, da erzählten uns die Ausbilder genau das, was wir eh alle schon wussten. Wir werden Schüler bekommen mit den und den Problemen und müssten die einbinden, dazu benötige man funktionierende Strukturen (die nicht vorhanden sind, weil Schulleitungsstelle unbesetzt), Sonderpädagogen (nicht vorhanden), folgende Materialien (wird in den nächsten Jahren angeschafft), Räume (die reichen nicht mal für die vorhandenen Klassen) und Teamstunden (woher noch Stunden nehmen? Alles obendrauf?). Wie genau wir jetzt mit den vorhandenen Resourcen inklusiv unterrichten könnten, wussten die auch nicht.

    • Die Fortbildungsangebote können m. E. nur ein Witz sein, weil die Inklusion selbst ein Witz ist. Der Stempel „Menschenrecht“ macht aus ihr noch lange kein praktikables Modell.
      Was ich bisher an Rückmeldungen von „Fortgebildeten“ gelesen habe, zeigt durchweg Ernüchterung.

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