Startseite ::: Leben ::: Precht fordert auf dem Schulleiterkongress eine radikale Schulreform – wegen der Flüchtlingskinder

Precht fordert auf dem Schulleiterkongress eine radikale Schulreform – wegen der Flüchtlingskinder

DÜSSELDORF. Richard David Precht fordert eine Neuausrichtung der Schule  auch angesichts der Flüchtlingskinder: „Die Integration hat bisher überhaupt nicht funktioniert“. Der Philosoph und Bestseller-Autor stellt sich mit seinen Thesen auf dem Deutschen Schulleiterkongress in Düsseldorf der Diskussion.

Eröffnungsrede in Stuttgart: Philoloph Precht. Foto: Dontworry / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Auftritt auf dem Deutschen Schulleiterkongress: Philosoph Precht. Foto: Dontworry / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Angesichts von Hunderttausenden von Flüchtlingskindern, die in den vergangenen Wochen und Monaten in die deutschen Schulen gekommen sind, hat der Philosoph und Bestseller-Autor Prof. Dr. Richard David Precht („Anna, die Schule und der liebe Gott“) eine radikale Bildungsreform gefordert. „Die Integration hat bisher überhaupt nicht funktioniert“, sagt Precht. „Und jetzt kommen noch eine Million Flüchtlinge mit ihren Kindern dazu, die kein Wort Deutsch sprechen. Das kann unser Schulsystem nicht verarbeiten, dafür ist es nicht da. Ich kann Anna-Louisa aus gutem Hause nicht mit dem gleichen Maßstab bewerten wie ein Kind, das vielleicht kriegstraumatisiert ist und kein Deutsch spricht. Das geht ja nicht.“ Precht wird seine Thesen am heutigen Freitag, 4. März, auf dem Deutschen Schulleiterkongress vorstellen. News4teachers hat mit ihm vorab ein Interview geführt.

News4teachers: Sie halten Vorträge, in denen Sie das Schulsystem kritisieren. In Ihrem Buch „Anna, die Schule und der liebe Gott“ fordern Sie sogar eine Revolution des Schulsystems. Warum ist Ihnen das Thema Bildung so wichtig?

Precht: Unser Bildungssystem wird die Menschen hervorbringen, die in Zukunft als Erwachsene gesellschaftlich agieren und maßgeblich über den Zustand der Gesellschaft entscheiden werden. Bildung ist eine der elementarsten Fragen der Gesellschaft.

News4teachers: Sie bezeichnen das Schulsystem in Ihrem Buch als „Fabrikmodell“ mit zu starren Strukturen. Aber das ist ja nur der äußere Rahmen. In der Schule arbeiten ja Lehrer und Schulleiter, die sich häufig auch für einzelne Schüler einsetzen – wie beurteilen Sie deren Arbeit?

Precht: Ich würde sagen, das gegenwärtige System tut weder Lehrern noch Schulleitern einen Gefallen. Und es kann nur in ihrem Interesse liegen, dass sich Schule verändert. Wir können ein Gedankenspiel machen: Stellen Sie sich vor, es gäbe keine Schule und wir könnten vom Nullpunkt aus eine erfinden. Wir müssten irgendetwas mit den Kindern im Alter zwischen sechs und 18 Jahren machen, das sie zu Persönlichkeiten formt und ihnen hilft, später ein erfülltes Leben in der Gesellschaft zu führen. Wenn wir Schule jetzt neu erfinden würden, würde etwas herauskommen, das mit bestehenden Strukturen überhaupt keine Ähnlichkeit mehr hätte. Und deswegen muss man im Interesse der Lehrer und auch im Interesse der Schulleiter sehen, dass wir dieses alte Modell, das in seinen wesentlichen Strukturen aus dem 19. Jahrhundert stammt, nicht mehr weiter betreiben.

News4teachers: Wie würde eine Schule denn aussehen, wenn Sie sie jetzt entwerfen dürften?

Precht: Ich kann Ihnen ein Beispiel nennen. Ein normaler Alltag eines Schülers sieht so aus, dass er fünf oder sechs verschiedene Fächer an einem Tag hat und in den meisten dieser Fächer auch noch regelmäßig geprüft wird. Stellen Sie sich mal für Ihren beruflichen Alltag vor: Sie müssten am Tag fünf Dinge tun, die gar keine Berührungspunkte miteinander haben. Dann hätten Sie vielleicht in den ersten beiden Stunden Chemie, dann eine Stunde Mathe, im Anschluss eine Stunde Französisch oder Geschichte. Und dann, wenn der Blutzuckerspiegel besonders tief ist, haben Sie noch Sozialkunde oder Musik. Und in all diesen Bereichen werden Sie früher oder später geprüft. Das würde kein Erwachsener mit sich machen lassen. Es ist völlig uneffektiv und müsste geändert werden.

Wenn man heute ein neues System entwerfen könnte, würde auch keiner mehr Schulen bauen, in denen wir einen langen, phantasielosen Gang haben, von dem links und rechts Räume abgehen wie in einer Kaserne. Und man würde nicht Kinder, die völlig unterschiedlich begabt sind, mit einem einheitlichen Notenspiegel messen.
Sondern?

Precht: Wir müssten einfach mal vom Kinde her denken. Was spielt sich in den Gehirnen von Kindern ab? Dann können wir Kinder nicht mehr in der Grundschule den ganzen Tag still sitzen lassen, wie das im Moment der Fall ist. Kinder in dem Alter sind darauf programmiert, sich so viel wie möglich zu bewegen. Das heißt, wenn man das Schulsystem neu bauen würden, müsste man Leute fragen, die etwas von Kindern verstehen. Und dann käme etwas völlig anderes dabei heraus.

News4teachers: Sie gehen davon aus, dass Kinder lernen wollen. Bei pubertierenden Jugendlichen kann man schon mal seine Zweifel bekommen. Was kann die Schule da machen?

Precht: Es ist ja nicht so, dass Jugendliche in der Pubertät nichts lernen wollen. Sie wollen sofort ihr neues Smartphone beherrschen lernen. Und als Junge würde man wahnsinnig gerne lernen, wie Mädchen funktionieren und umgekehrt – aber sie wollen möglicherweise nicht Analysis oder Algebra lernen. Und die Frage ist: Müssen sie das ausgerechnet in dem Alter machen, in dem sie ganz andere Dinge im Kopf haben. Warum sollen sie denn nicht in der Pubertät die Dinge lernen, die etwas mit Erwachsenwerden zu tun haben? Dafür ist die Pubertät ja da. Natürlich muss Schule nicht immer Spaß machen. Aber sie sollte auch nicht so ausgerichtet sein, dass sie völlig gegen die natürlich Entwicklung geht.

News4teachers: Was müssen Kinder in der Schule denn Ihrer Meinung nach für die Zukunft lernen?

Precht: Das allerwichtigste, was sie später im Leben brauchen, sind soziale Kompetenzen. Davon hängt fast alles ab. Wie viel Schulstoff sie am Ende wissen, ist ziemlich egal. Vor allem in unserer heutigen Zeit, in der man sowieso alles im Internet nachgucken kann. Wenn wir aber Schüler haben, die neugierig die Schule verlassen, die begeisterungsfähig sind, wahnsinnig gut mit anderen Leuten umgehen und über sich selbst lachen können, die gerne eigene Projekte realisieren und auch durchziehen, die kreativ sind und so weiter – darauf kommt es später im Leben an. Das muss im Mittelpunkt der Schule stehen.

Dass Kinder in den ersten sechs Jahren vernünftig lesen, schreiben und rechnen lernen sollten, ist klar. Aber Sie sollten zum Beispiel auch in der Lage sein, sich mündlich auszudrücken. Das können 90 Prozent aller Abiturienten nicht, weil sie fürs Mündliche fast nie relevante Noten bekommen.

News4teachers: Auf dem Deutschen Schulleiterkongress beteiligen Sie sich an der Diskussion über Theorie und Praxis der Inklusion. Vor allem mit Blick auf die Praxis wird noch viel bemängelt. Wo sehen Sie die größten Probleme der Umsetzung?

Precht: Wir erwarten wir zwei Dinge von unserem Schulsystem, für die es nicht gemacht worden ist: Das eine ist Inklusion und das andere Integration. Ich fange mal mit Integration an: Wenn Sie aus einer türkischen Familie kommen, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie Abi machen oder später studieren, äußerst gering. Im Regelfall sind es auch die Migrantenkinder, die schon in der Grundschule keine Empfehlung fürs Gymnasium bekommen – und das manchmal bei Familien, die schon in der zweiten Generation hier leben. Das bedeutet, die Integration hat bisher überhaupt nicht funktioniert! Und jetzt kommen noch eine Million Flüchtlinge mit ihren Kindern dazu, die kein Wort Deutsch sprechen. Das kann unser Schulsystem nicht verarbeiten, dafür ist es nicht da. Ich kann Anna-Louisa aus gutem Hause nicht mit dem gleichen Maßstab bewerten wie ein Kind, das vielleicht kriegstraumatisiert ist und kein Deutsch spricht. Das geht ja nicht.

Das gleiche gilt für die Inklusion. Wenn ein Kind zur Schule kommt, das starke oder mittlere geistige Beeinträchtigungen hat, kann man nicht den gleichen Unterricht machen, wie für ein Kind, das keine Beeinträchtigungen hat. Deshalb ist Inklusion beim gegenwärtigen Schulsystem reiner Blödsinn. Und ich verstehe die ganzen Lehrer, mit denen ich spreche, die sagen, sie seien völlig überfordert.

News4teachers: Was könnte man denn konkret machen, um die Situation zu verbessern?

Precht: Mit unserem jetzigen System geht es nicht. Stellen Sie sich mal vor, die Schule ist ein normaler Mittelklassewagen. Wenn Sie mit diesem normalen Mittelklassewagen jetzt durch wildes Gelände fahren wollen, vielleicht durch ein Sumpfgebiet, dann bleiben Sie im ersten Morast stecken. Weil das Auto nicht für die Durchquerung solcher Gelände gedacht ist. Das ist es aber, was wir bei Integration und Inklusion machen: Wir verlangen dem Schulsystem Leistungen ab, die es nicht erbringen kann. Dafür müsste man einen Geländewagen bauen.

News4teachers: Aber gehen wir mal davon aus, die Politik lässt alles beim Alten. Sind die Flüchtlingskinder an den Schulen nicht doch eine Chance?

Precht: Im Prinzip wäre es eine Chance, wenn die Verantwortlichen erkennen würden, dass jetzt endgültig der Punkt erreicht ist, an dem wir nicht weitermachen können wie bisher. Das wird aber nicht passieren, weil keiner dafür zuständig ist – für die Schulen ist der Bund ja nicht zuständig, sondern die Länder und innerhalb der Länder hat jeder nur seine Kompetenzen und Bereiche im Blick und so weiter. Die Arbeit machen Staatssekretäre, die größtenteils nur eines wollen: möglichst wenig Veränderungen. Denn mehr Veränderung bedeutet mehr Risiko und mehr Mehrarbeit. Es gibt niemanden, der dafür einen Kopf kürzer gemacht wird, dass die Schule nicht transformiert wird. Es gibt keine Landesregierung in Deutschland, kein Kultusministerium, wo es so etwas wie eine Kreativabteilung gäbe.

Aber wenn jemand von außen das System kritisiert, wie ich, dann bekommt man immer das gleiche zu hören: ‚Machen Sie mal 20 Jahre Kultuspolitik‘. Oder: ‚Stellen Sie sich mal 30 Jahre in eine Hauptschule, dann reden Sie auch nicht mehr so‘. Dann dürfte ich aber auch keinen Politiker oder keinen Taxifahrer mehr kritisieren. Die Argumentation ist völlig unlauter.

News4teachers: Aber die Situation ist ja da: es strömen Flüchtlingskinder an die Schulen und in der Politik bewegt sich nichts. Was können Lehrer und Schulen tun?

Precht: Sie müssten versuchen, von der Basis her die Schule zu verändern. Das heißt, der Direktor müsste sich zusammen mit den willigen und fähigen Lehrern überlegen, wie man Stück für Stück die Schule transformieren könnte. Und er müsste die Landesregierung anfragen, welche Profis es gibt, die das Ganze professionell begleiten können. Wenn der Druck von den Schulen sehr groß wird, würden sich die Landesregierungen möglicherweise bewegen. Ich hätte gerne eine Art Unternehmensberatung für Schulen, die den Schulen helfen, menschlicher zu werden.

News4teacheras: Haben Sie das Gefühl, es hat sich schon etwas verändert, seitdem Sie das Buch „Anna, die Schule und der liebe Gott“ herausgebracht haben?

Precht: Nein. Ich habe nichts bewirkt. Nur, dass ich bei Menschen, die die Schule nicht ändern wollen, Aggressionen hervorrufe. Und dass ich gemerkt habe, dass es viele Menschen gibt, die so denken wie ich. Die verzweifelt sind, weil sie wissen, es ändert sich eh nichts.

Wir reden ja in Deutschland in der Bildungspolitik nie über die Software, sondern immer über die Hardware. Zwölf oder 13 Schuljahre? Drei Schulsysteme, zwei oder doch nur eins? Wir reden immer um den heißen Brei herum. Wir reden nie darüber, wie Lehrer ausgebildet werden. Es gibt wenige Ausbildungen in Deutschland, die so eine Fehlausbildung darstellen, wie die Lehrerausbildung. Das ist die Meinung auch der meisten Lehrer. Und wer sagt überhaupt, dass nur ein Lehrer alleine vor einer Klasse stehen sollte und nicht zwei oder drei? Wer sagt, dass Lehrer in der Schule unterrichten sollten? Es könnten doch auch Leute in der Schule unterrichten, die etwas zu erzählen haben und gut mit Kindern umgehen können. Man müsste das System neu denken. Aber wenn Sie nur ein bisschen davon realisieren wollen, geht das nicht. Sie können nicht zwei oder drei Lehrer gleichzeitig unterrichten lassen, weil es gar nicht genug Lehrer an den Schulen gibt. Sie können auch nicht einfach Praktiker in die Schule holen, weil dann alle aufschreien, dass es ja keine Pädagogen sind.

Das ist es, was ich den Kultusministern sage: Verlängert die Leine, an denen die Schulen geführt werden. Das machen sie aber nicht, weil sie sich dann selbst die Macht nehmen. Aber ich bin eh der Meinung, dass uns der Kessel irgendwann um die Ohren fliegt. Und wenn das System verändert wird, dann wird es nicht von der Politik verändert. Und zwar ungeachtet dessen, ob es nicht vielleicht auch ein paar nette, kluge Kultusminister gibt.

News4teachers: Sie haben es selbst gesagt: Sie werden für Ihre Aussagen häufig kritisiert – auch mit dem Argument, dass Sie noch nie selbst unterrichtet haben. Bereiten Sie sich vor dem Deutschen Schulleiterkongress auf ein besonders kritisches Publikum vor?

Precht: Nein. Ich halte seit acht Jahren alle Vorträge frei. Und ich habe mit sehr vielen Schulleitern schon gesprochen. Es gibt ja nicht den Schulleiter oder den Lehrer. Es gibt Lehrer, die finden das, was ich erzähle, großartig. Es gibt Lehrer, die interessieren sich dafür gar nicht. Und es gibt Lehrer, die finden das ganz schrecklich. Und das ist bei Schulleitern auch so.

News4teachers: Lassen Sie sich auch auf Diskussionen ein?

Precht: Selbstverständlich!

Der Deutsche Schulleiterkongress (DSLK) 2016: Bestsellerautoren, Manager, Psychologen und Fachleute aus dem Bildungsbereich – über 100 Experten aus unterschiedlichen Bereichen diskutieren beim fünften Deutschen Schulleiterkongress (DSLK) vom 3. bis 5. März 2016 in der Messe Düsseldorf mit Schulleitungen aus ganz Deutschland über die Zukunft. Es geht um den Austausch von Ideen, wie die Schule von morgen gestaltet werden kann. Zugesagt haben neben Richard David Precht unter anderem auch die Soziologin Auma Obama, Schwester des US-Präsidenten, sowie Ex-Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth. Der Deutsche Schulleiterkongress ist die größte Veranstaltung seiner Art in Deutschland. Das Motto des Kongresses lautet: „Schulen gehen in Führung“. Die Top-Themen sind „Schule als Ort für Erziehung“, „Führungsstrategien“ sowie „Digitale Schule“.

Zum Beitrag: Abenteurer Nehberg auf dem Schulleiterkongress: „Jeder kann seine Visionen realisieren“

44 Kommentare

  1. Das Precht zu dem Thema einfach nur den Mund aufmacht, ist eine Unverschämtheit. Wenn er eine 7. Klasse freitags in der 7. Stunde unterrichten kann, wenn er den Job beherrscht, kann er gerne auch was sagen.

    Aber vorher gilt: Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fr**** halten.

    • Am Thema vorbei. Oder wie heißt das auf Lehrerisch? Mangelndes Textverständnis? 😉
      siehe Antwort auf Frage 3 („Wie würde eine Schule denn aussehen, wenn Sie sie jetzt entwerfen dürften?“)

    • Na hoffentlich arbeiten Sie nicht als Pädagoge…

  2. Und um den Vorwurf an Precht mal zu verdeutlichen:

    Precht sagt: „Ich habe nichts bewirkt. Nur, dass ich bei Menschen, die die Schule nicht ändern wollen, Aggressionen hervorrufe.“

    Neben der Frage, ob man Schule substanziell überhaupt verändern muss (wofür es kaum Belege gibt), ist mein Hauptvorwurf in folgender Zeichnung gut zu veranschaulichen:
    http://modernservantleader.com/wp-content/uploads/2013/05/boss-vs-leader-800×800-300×300.png

    Precht ist kein Leader, weil er nicht weiß wie es geht, weil er es nie gemacht hat.

  3. Ach, Precht benennt schon genug wunde Punkte an, da kann man auch einfach mal zuhören oder lesen, ohne gleich an die Decke zu gehen.

    Er spricht ja auch eher über Schule als Institution und System, weniger über Didaktik und Klassenführung. Insofern zieht m. E. der Vorwurf mit Freitag, 7. Klasse in der 7. Stunde auch nicht wirklich.

    • mehrnachdenken

      Ach, da erscheint sie wieder, die offensichtlich (nicht scheinbar) so beliebte Modephrase „nicht wirklich“. Was bedeutet denn in diesem konkreten Fall „nicht wirklich“?
      Versuchen Sie bitte Ihre Deutsch – Kompetenz in Richtung „unmissverständliches Deutsch“ zu erweitern.

  4. Was juckt es die Eiche, wenn die Sau sich daran schubbert?

    Warum soll man Precht ernst nehmen? Wenn wir Schule als schülerfreundliche Come-together- Veranstaltung organisieren, ist Precht zufrieden und die Lobbyverbände der Deutschen Industrie und des Deutschen Handwerkes springen im Viereck.

  5. Da stimmen viele Sätze überhaupt nicht. Zum Beispiel, dass es fürs Mündliche nie relevante Noten gibt. Im Gymnasium meiner Kinder zählt schriftlich zu mündlich manchmal 60% zu 40% oder in ähnlicher Größenordnung. Die Schüler müssen bis zum Abitur einige GLs halten (z.B. Power-Point zu irgendeinem Thema, die so viel zählen wie eine Klassenarbeit, ab Klasse 6 1 im Schuljahr, später in jedem Halbjahr eine). Hält man eine GL in einer Fremdsprache, muss man die in dieser Sprache vorstellen, außer in Latein.

    Na ja, Precht hat wohl noch seine eigene Schulzeit im Kopf. Bei uns war das ja deutlich weniger, was mündlich geleistet werden musste.

    Ach ja, hier muss jede/r u.a. in einer Fremdsprache ins Abi gehen, schriftlich und mündlich!!! Die mündliche Prüfung läuft natürlich in der Fremdsprache ab.

    • Hätte Precht Ahnung, würde er das wissen 🙂

    • Precht könnte sogar selbst das ändern, was er an Universitäten kritisiert. Aber was macht er. Er hält die gleichen 0-8-15-Vorlesungen wie jeder andere auch.

      • Das wäre ja Arbeit, die im Gegensatz zu seinen Vorträgen und Büchern vergleichsweise schlecht dotiert ist. Und selbst wenn er einige HiWis zum Zusammenstellen seiner Vorlesungsinhalte besäße, müsste er diese ja überprüfen.

  6. ach ja, ganz bildhaft gedacht: Es sollte eine Leiter aufgestellt werden zwischen Herrn Precht und denen , die hier voller Zorn an der Decke zu kleben scheinen.
    Vermutlich wären auf den ganz untersten und den ganz obersten Sprossen gut erkennbare aber nicht in Übereinstimmung zu bringende GESELLSCHAFTSMODELLE abgebildet.- Auf den Sprossen dazwischen allerdings könnte Annäherung gelingen, wenn die Beteiligten sich über „Leistungen“, den heute „schulisch“ geforderten Leistungen und ihre Funktion austauschen würden.

    • Ich habe es einfach satt, mir von Außenstehenden sagen zu lassen, wie Unterricht oder auch das gesamte System funktioniert. Precht ist nur einer von vielen, die es nicht können, aber anderen sagen, wie sie es machen sollen.
      Bei Ärzten, Piloten oder Feuerwehrleuten macht das auch keiner.

      • Ähm…
        Das ist Quatsch.
        Feuerwehrleute LEBEN die Feuerwehrdienstvorschrift. Es geht bei Ihnen darum viele Leute zu koordinieren. Fährt einer sein eigenes Programm, gefährdet er alle anderen.
        Piloten sind mit der reglementierteste Beruf, den es gibt. Eine Konsequenz der Abstürze aus der frühen Luftfahrt.
        Ärzte haben zwar Therapiefreiheit, werden aber zusehends durch Leitlinien an Handlungsrahmen gebunden. Vergleichen Sie hierzu den Begriff „Evidenzbasierte Medizin“.

        • Nein, ist es nicht. Wer z.B. hat denn die Vorschriften für Piloten oder Feuerwehrleute gemacht? Zahnärzte oder „Philosophen“ wie Precht? Nein, die Checklisten für Piloten haben ganz sicher Ingenieure gemacht, die das Flugzeug gebaut haben(=wirkliche Experten) und nicht ein „Philosoph“, der meint sich auszukennen, weil er schon mal mit dem Flugzeug geflogen ist(=“ich bin Vater von 3 Kindern die zur Schule gehen“).

          • Meine Forderung ist: Wer am System rumdocktern möchte, muss in der Lage sein, folgende Perspektiven einnehmen zu können:

            Die Perspektive Lehrer: Er sollte jahrelange Erfahrung im Unterrichten haben.

            Die Perspektive Schulleiter: Er sollte entweder selbst SL gewesen sein oder zumindest einen hinreichenden Einblick in die Anforderungen, das Spannungsfeld und Aufgaben eines SL haben. Das könnte z.B. auch ein langjähriger Personalrat, wenn die Zusammenarbeit mit dem SL vertrauensvoll ist.

            Die Perspektive Bildungspolitik: Engagement in Berufsverbänden oder Parteien

            Die Perspektive Eltern braucht keine Erklärung

            Die Herangehensweise an das System aus nur einer Perspektive greift da völlig zu kurz. Ich gebe gerne ein Beispiel aus dem Interview:
            „Das heißt, der Direktor müsste sich zusammen mit den willigen und fähigen Lehrern überlegen, wie man Stück für Stück die Schule transformieren könnte.“
            Jedem Lehrer ist doch klar, was dann passieren wird, egal ob man einer der „willen und fährigen Lehrer“ ist oder nicht: Es knallt früher oder später im Kollegium. Solange nicht alle oder fast alle Kollegen auf einem solchen Weg mitgenommen werden, wird dies für die Schule schlimme Folgen haben. Die Erfahrungen haben wir in Schleswig-Holstein immer dort gemacht, wo zwangsverordnet Hauptschulen und Realschulen zu Geminschaftsschulen zusammengefasst wurden. Kollegen, die als Realschullehrer noch einigermaßen funktioniert haben, waren überfordert, wütend und später in der innerlichen Kündigung. Und das nur bei der „kleinen“ Änderung, jetzt auch Haupt- und Sonderschüler unterrichten zu müssen. Die Umwälzungen, die Precht will, gehen viel weiter und haben daher viel größere Verwerfungen zur Folge. Man könnte auch gleich eine Bombe ins Bildungssystem werfen. Das will er vielleicht ja auch, die Folgen sind ihm aber nicht im entferntesten klar, die „Aufräumarbeiten“ würden Jahrzehnte dauern. Das ist ihm nur nicht bewusst, weil ihm die unterschiedlichen Perspektiven fehlen. Oder, um es einfacher auszudrücken: Hier versucht ein Zahnarzt, Checklisten für Piloten zu erstellen, um in meinem Bild oben zu bleiben.

          • Geht es Ihnen um die Lehrer oder um die Schüler?
            Ich verstehe, dass Veränderungen immer auf dem Rücken des Personals ausgetragen werden, aber das kann ja kein Argument sein, ein System, dass eine nicht-unbeachtliche Zahl von Menschen abhängt einfach so weiterlaufen zu lassen.

            Wussten Sie, dass viele Flugzeugingenieure keinen Flugschein haben? Sie bauen ein Gerät mit dem andere fliegen. Sie erstellen Checklisten anhand formaler Prinzipien.
            Wenn das mal nicht der perfekte Vergleich für einen konstruierenden Philosophen und einen ausführenden Lehrer ist, weiß ich auch nicht. Damit schießen Sie sich argumentativ ein Eigentor.
            Im Übrigen sind eine Vielzahl von Checklisten nicht allein durch Ingenieure, sondern durch multiprofessionelle Teams, bestehend aus erfahrenen Piloten, Psychologen, Flutlotsen und eben Ingenieuren erarbeitet worden. Jede Checklistenimplementierung wird in langen Phasen erprobt und evaluiert.

            Wie ist es denn nun bei den meisten Kollegen? Gibt es hier Einblick in deren methodisches Vorgehen? Gibt es Feedback und ist der Lehrer bereit sich konstruktiv in Frage stellen zu lassen? Gibt es diese multiprofessionellen Teams, die alles unter kontrollierten Bedingungen in die Wege leiten?
            Ich teile Ihre Bedenken, dass wir es einer Vielzahl von erfahrenen Lehrerpersönlichkeiten nicht antun sollten, einfach alles ad-hoc über den Haufen zu werfen. Aber wir könnten ja mal darüber nachdenken so viele Gelder zu mobilisieren, um den Kollegen bei der Veränderung den Rücken zu stärken.

          • Zwei Anmerkungen dazu: Warum nicht das System so weiterlaufen lassen? Es ist nicht so schlecht, wie es uns immer eingeredet wird. Nicht jede Veränderung macht die Sache besser und gerade im Bildungssystem sollten wir genau wissen was wir tun, sonst wird das Ganze ein gigantischer Menschenversuch auf dem Rücken der Kinder. Denn ja, genau um die geht es mir. Aber das geht doch unbedingt mit dem Personal, also den Lehrern einher.

            Und nebenbei: Professionelle Lehrkräfte holen sich von ihren Schülern natürlich Feedback, „meine“ Schule stellt uns Lehrkräften sowohl elektronische Instrumente als auch die guten alten Papierbögen zur Verfügung. Und es gibt ein Team aus Vertrauenspersonen (Kollegen und Außebnstehende), an die sich ein Kollege wenden kann, wenn er ein Problem durch das Feedback erkennt.

            Mein Pilotenbeispiel (ich verstehe von der Fliegerei absolut nichts. Deshalb entwickel ich ja auch keine Checklisten!) sollte eigentlich nur klarstellen, dass man wirklich wissen muss was man tut. Und Precht fehlt dieses Wissen (oben nannte ich es das Wissen um Perspektiven) ganz offensichtlich.

          • Vorschriften – bezüglich der Fächer sind das die Kernlehrpläne, die schnelleren Änderungen unterworfen sind als an Schulen die hausinternen Curricula angepasst werden können.

            Jede gesellschaftlich relevante Gruppe will ihr „Kernthema“ als eigenständiges Unterrichtsfach oder als Unterrichtsvorhaben in den Lehrplänen wiederfinden.

            Im Grunde aber ist der Auftrag von Schule – egal welcher Schulform – ganz einfach zu definieren, sie soll zukünftige Mitgleider der Gesellschaft auf die beiden Funktionen, die sie ausüben werden, vorbereiten. Die jetzigen Schüler werden nach dem Verlassen der Schule zum einen Teil des gesellschaftlichen und zum anderen Teil des wirtschaftlichen Lebens. In der einen Rolle sind sie Bürger mit Rechten und Pflichten und in der anderen Konsumenten, die zum einen als Verbraucher Teil des Waren- und Dienstleistungsmarktes und zum anderen Anbieter der eigenen Arbeitsleistung sind.

            Neben der Befähigung zur Teilhabe an politischen Prozessen müssen die Schüler des Weiteren auf eine Berufsausbildung oder ein Studium vorbereitet werden. Hierzu ist allerdings kein spezifisches wissen erforderlich, dies ist Teil der Berufsausbildung oder des Studiums.

      • @küstenfuchs : Ihr Anliegen, an Schule substantiell wenig zu verändern, hier mehrmals sogar ohne Flüche vorgetragen , enthält m.E. den wissenschaftstheoretischen Irrtum, von einer bestimmten und einmalig existierenden Realität und Wahrheit her zu denken. Das aber erschwert, solange nicht bewusst kommuniziert, die Diskussion auch in diesem Forum und ermüdet mich.
        Bereits Ihre o. g. Polemik Precht/Philosophen vs. Ärzte usw. entbehrt der Vergleichbarkeit, übersieht die Differenz zwischen Geistes- und Naturwissenschaften: Denn während letztere tatsächlich über einen „state of the art“ verfügen können, sind bei Erstgenannten erfreulicherweise selbst in einer kapitalistisch organisierten Gesellschaft verschiedene Diskurse notwendig, um zu vorläufigen Regelungen, z. B. über das Bildungswesen, zu gelangen. Wo immer Sie aber von begrifflichen Setzungen Gebrauch machen, wie (a.a.O.) „den Job beherrschen“ oder „die Perspektive des Lehrers“ usw., verharren Sie , mit Verlaub, amTelllerboden Ihres Systems statt neugierig(!?) wahrzunehmen, dass der Teller auf einer zunehmend wackeligen Unterlage allmählich ins Rutschen geriet.

        • @flunra39: Ich fordere nur zwei Dinge:
          1. Wer am System etwas ändern möchte, muss es verstehen.
          2. Belege dafür, dass „der Teller auf einer zunehmend wackeligen Unterlage allmählich ins Rutschen“ kommt. Das Problem vieler Geisteswissenschaftler ist nämlich, dass sie viel behaupten, ohne es konkret und nachvollziehbar belegen zu können. Es ist in der Bildung sogar noch viel schlimmer: Die meisten Behauptungen widersprechen den Erfahrungen der Praktiker.

          Unsere Kinder haben ein Recht darauf, nicht einem durch belegloses Gebrabbel (mehr ist es dann nämlich nicht) hervorgerufenen Menschenversuch ausgesetzt zu werden.

          • Treffender Kommentar, Küstenfuchs! Dieses „beleglose Gebrabbel“ ärgert mich auch ständig.
            Die Leute können nichts anderes vorweisen als das abgehobene und realitätsfremde Nachplappern ihrer Gurus, denen es meist um die Veränderung der Gesellschaft über eine passende schulische Erziehung des Nachwuchses geht und nicht um die Schüler selbst.
            Das Wohl der Schüler wird nur regelmäßig vorgeschoben wie so vieles andere auch, wenn es um das Erreichen des Ziels geht.

  7. @ Küstenfuchs: Ich gebe ihnen recht. Mich regen ähnlich gelagerte Biographien wie bei Brecht auch immer auf. Ein alter Schulfreund von mir hat z.B. einen Lehrstuhl für Schulpsychologie inne, war aber noch nicht einen Tag an irgendeiner Schule, um dort zu arbeiten, nur als Schüler. Dafür kann er eine lange Liste von Studien und Veröffentlichungen nachweisen. Von diesen Theoretikern soll man sich belehren lassen.

    • Man kann aber sehr gut die Gegenfrage stellen: Hat eine Lehrkraft zwangsläufig Ahnung von Psychologie? Vor einer Klasse zu stehen macht doch nicht automatisch schulpsychologisch kompetent. Dazu gehört ne Menge Hintergrundwissen und Reflexion und ich frage mich, ob sich jede und jeder das noch nebenbei draufschafft.

      Außerdem gibt es hier wirklich ein eigenartiges Bild über die Bildungswissenschaft und Schulforschung. Glaubt denn hier ernsthaft jemand, dass das ein von der Schule komplett losgelöster Bereich ist, der dann von außen Schule sagen will, was gut und was schlecht läuft? Dann wäre doch eine Kritik daran wirklich zu einfach. Wissenschaftler*innen führen empirische Studien durch in realen Schulklassen, in realen Schulen, machen Unterrichtsbeobachten per Video oder auch per teilnehmender Beobachtung, interviewen hunderte von SuS, Lehrkräften, Schulleitungen, Personal an Schulen, etc, , analysieren Schulkonzepte, Schulstrukturen, setzen alles in Zusammenhang mit Noten und sonstigen Indikatoren. Und das mach sie für eine Studie nicht nur mit einer Person, einer Klasse, einer Schulleitung sondern mit sehr vielen, damit man da halbwegs verallgemeinerbare Schlußfolgerungen ziehen kann.

      Ich finde dieses permanente Abgegrenze wirklich müßig, vor allem, wenn es eigentlich nur auf eins hinaus läuft: Bist du kein Lehrer, darfst du nicht mitreden. Genauso könnte auch die Wissenschaft formulieren: Hast du keine Ahnung von Wissenschaft, darfst du nicht mitreden. Bis zu einem gewissen Punkt macht beides auch Sinn, denn ohne Kenntniss der Materie und ihrer Verfahrensweisen kann man schlecht urteilen, Aber ich habe das Gefühl, das Wissenschaft mehr Blick und Idee von Schule hat, als Schule von Wissenschaft – zumindest wenn ich mir einige Äußerungen in diesem Forum anschaue.

      Außerdem sollte eine Kritik und wissenschaftliche Erkenntnis nicht als Angriff verstanden werden, nicht als „Ihr macht das alles falsch!“. Darum geht es nicht, sondern um eine gemeinsame Fortentwicklung von Praxen in einer sich verändernden Welt, in der sich alte und liebgewonnene Konzepte bewähren oder eben auch nicht.

      Und eine andere Perspektive gut begründet und breit betrachtet meint, dass sie es nicht tun oder es anders vielleicht besser funktionieren könnte, dann sollte man das auch für sich annehmen können und nicht sofort Angriff und Abwertung wittern. Sonst wird man jemand, der jahrzehntelang starrköpfig und unbeweglich seinen Stiefel durchzieht im Sinne eines „Das hab ich schon immer so gemacht und das bleibt auch so.“

      • Was Precht will ist aber keine Weiterentwicklung, das Drehen an einigen Stellschrauben, sondern er will eine radikale Änderung.

        Und er ist kein Bildungswissenschaftler, sondern „Philosoph“, was auch immer man dann kann außer klug rumschnacken.

        Zudem: Das Problem an den ganzen Bildungswissenschaften ist doch, dass zu jeder Studie, zu jedem Fachaufsatz, zu allem, was dort produziert wird, man immer eine Studie, eine Aufsatz usw. findet, die/der das genaue Gegenteil behauptet.

        Zu den empiriaschen Studien: Meine Examensarbeit an der Uni war Teil einer solchen Studie „an realen Klassen“. Daraus wurde ein toller Fachaufsatz, durchaus beachtet, der sich statistisch auf so dünnem Eis bewegte, dass ein Mathematiker nur erschüttert den Kopf schüttelt. Es geht nur um die Zahl an Publikationen, die Existenzrechtfertigung für den Lehrstuhl.

        Nein, in diese „Forschung“ habe ich jedes Vertrauen verloren.

        • Nun ja, es gibt nicht wenige, die eine grundlegende Veränderung des Bildungssystems befürworten, da also ganz bei Precht sind. Dass das nicht von heute auf morgen geht, sondern wohlüberlegter und ruhiger Schritte bedarf, ist klar. Es gibt genug gute Beispiele in anderen Ländern oder Schulen in Deutschland.

          Mein Kommentar zum Verhältnis Schule – Wissenschaft bezog sich nicht direkt auf Precht, sondern war eher allgemeiner Natur. Auch sonst kommen Studien hier nicht gut weg, wenn sie nicht von Lehrkräften gemacht werden. 😉 Und zu den Philosophen: Schönschwätzer ohne praktische Relevanz. Sorry, aber das empfinde ich als das alte Klischee, neu aufgewärmt.

          Und zu ihrer Skepsis zur bildungswissenschaftlichen Forschung: Dass Sie einmal schlechte Erfahrungen mit einer Studie gemacht haben, heißt nicht, dass alle anderen auch Quark sind. Generalisierungen von Einzelfällen helfen nicht wirklich weiter, sondern sorgen – wie offenbar in Ihrem Fall – für eine Abschottung gegenüber der ganzen Zugangsweise. Und wissenschaftliche Aufsätze durchlaufen sogenannte Peer Review Verfahren, dass heißt, mehrere andere Wissenschaftler*innen schauen da drauf und beurteilen das Ganze kritisch, bevor es veröffentlicht wird.

          Und als Letztes: Ich teile ihre Kritik nicht, das es zu jeder Studie ein Pendant gibt, das genau das Gegenteil behauptet, sondern empfinde das auch wieder als Pauschalisierung. Das mag manchmal zutreffen, viel zu oft aber auch nicht. Die Frage ist, unter welchen Vorzeichen, mit welcher Fragestellung, anhand welcher Kriterien und mit welcher Argumentationskette Studien zu ihren Ergebnissen kommen und über was sie dann Aussagekraft beanspruchen bzw. von wem sie dann zitiert werden.

          Mir ist sehr wohl bewusst, dass auch im Wissenschaftsbetrieb vieles im Argen liegt, das weiß ich aus eigener Erfahrung und durch Kontakt zu Promovierenden und an der Uni Arbeitenden. Insofern sind meine Argumentationen hier auch etwas schematisch. Allerdings habe ich das Gefühl, dass sich hier einige komplett davon verabschiedet haben, sich das, was Schulforschung und Bildungswissenschaft an Erkenntnissen liefert, überhaupt zur Kenntniss zu nehmen, weil das ja eeh alles Humbug ist. Das ist mir schlicht zu einfach und ich finde es auch tendenziell gefährlich.

          Denn: Auf welcher Basis sollen sonst übergreifende Aussagen zu bestimmten Phänomenen im Schulsystem getroffen werden? Auf Basis der Meinung Einzelner, die am lautesten schreien und brüllend behaupten, sie kennen die Wahrheit und alles andere ist Lügenpresse, gezielte Vertuschung, Produkt geheimer Agenden und Bündnisse oder Folge amerikanischer Zersetzungspolitik?

          Also PEGIDA und AfD gemünzt auf Schule und Bildungssystem?

          Da kann ich nur sagen: Nein, danke!

          • Genau diese Situation, dass es zu (fast) jeder Studie die genau Gegenteilige gibt, hat ja Hattie seinen Ruhm eingebracht. Wenn es in dieser Wissenschaft wirkliche Wahrheiten geben würde, bräuchte man Metastudien nicht.

            Und nun zu Precht und den Philosophen: Er mischt sich auch nicht bei Hirnchirurgen ein und bildet sich ein, dort Ahnung zu haben. Wie soll ich jemanden ernst nehmen, wenn er so gar keine Ahnung hat?

            Beispiele:
            „Es könnten doch auch Leute in der Schule unterrichten, die etwas zu erzählen haben und gut mit Kindern umgehen können.“
            Der Satz alleine ist eine Beleidigung. Er legt nahe, dass Lehrer keine Profis sind und das im Grunde jeder kann. Wer mal Referendare ausgebildet hat sieht, dass jeder ohne Ausnahme sich unter Anleitung professionalisieren muss, die einen mehr und die anderen weniger. Wieso denkt der Spinner eigentlich, den Beruf könnte jeder ohne Weiteres, der nur „gut mit Kindern umgehen“ könne. Bei keinen anderen Beruf (außer Bundesligatrainer) ist das so.

            „Ich kann Anna-Louisa aus gutem Hause nicht mit dem gleichen Maßstab bewerten wie ein Kind, das vielleicht kriegstraumatisiert ist und kein Deutsch spricht.“
            Das ist doch dumme Polemik! Wo wird das bitteschön gemacht?

            „Aber Sie sollten zum Beispiel auch in der Lage sein, sich mündlich auszudrücken. Das können 90 Prozent aller Abiturienten nicht, weil sie fürs Mündliche fast nie relevante Noten bekommen.“
            Muss ich wirklich noch erklären, warum ich Precht für völlig ahnungslos halte, wenn er diesen Schwachsinn von sich gibt? Ich kenne mich nicht in allen Bundesländern aus, aber in S-H. gehen die Arbeiten mit weniger als 50% in die Note ein.

            „Das allerwichtigste, was sie später im Leben brauchen, sind soziale Kompetenzen. Davon hängt fast alles ab. Wie viel Schulstoff sie am Ende wissen, ist ziemlich egal. Vor allem in unserer heutigen Zeit, in der man sowieso alles im Internet nachgucken kann.“
            Ich als Mathematiklehrer frage mich, wieso dann nicht alle meine Schüler eine 1 schreiben.

            „Wenn wir aber Schüler haben, die neugierig die Schule verlassen, die begeisterungsfähig sind, wahnsinnig gut mit anderen Leuten umgehen und über sich selbst lachen können, die gerne eigene Projekte realisieren und auch durchziehen, die kreativ sind und so weiter – darauf kommt es später im Leben an.“
            Die allermeisten, die meine Schule verlassen, sind darin richtig gut. Was für ein Bild hat er eigentlich von Schule und von uns Lehrern?

            „Und deswegen muss man im Interesse der Lehrer und auch im Interesse der Schulleiter sehen, dass wir dieses alte Modell, das in seinen wesentlichen Strukturen aus dem 19. Jahrhundert stammt..“
            Seine Begründung dafür ist reinen populistisches Geschwafel. Ärzte machen das übrigens auch, da gibt es immer noch Arztpraxen und Krankenhäuser.

            Fazit:

          • Und um Kritik – auch von Precht geäußert – vorzubeugen:
            Precht sagt:
            „Aber wenn jemand von außen das System kritisiert, wie ich, dann bekommt man immer das gleiche zu hören: ‚Machen Sie mal 20 Jahre Kultuspolitik‘. Oder: ‚Stellen Sie sich mal 30 Jahre in eine Hauptschule, dann reden Sie auch nicht mehr so‘. Dann dürfte ich aber auch keinen Politiker oder keinen Taxifahrer mehr kritisieren. Die Argumentation ist völlig unlauter.“

            Seine Argumentation ist doch völlig wirr: Er vergleicht grundsätzliche Systemkritik mit Kritik an einzelnen Personen. Merkt er nicht, wie dumm das ist?
            Er und jeder Nichtlehrer darf natürlich einzelne Lehrkräfte kritisieren, denn es wird immer Lehrkräfte geben, die schlechten Unterricht machen oder sich falsch verhalten. Dafür muss man nicht unbedingt Lehrer sein. Deshalb darf er auch gerne Taxifahrer kritisieren.
            Für eine Kritik am System muss man dieses aber ersteinmal verstehen, es in allen Einzelheiten kennen. Und dafür sollte man nach meiner These

            Lehrer (gewesen) sein
            Schulleiter (gewesen) sein oder zumindest die Facetten des Jobs kennen
            Bildungspolitisch aktiv (gewesen) sein
            Elternsicht aus eigener Erfahrung kennen

          • Genauso gut könnte Precht sämtliche Autobauer der Welt dafür kritisieren, dass sie kein 1-Liter-Auto mit 360 PS bauen können.

          • Ständig wird man von Leuten kritisiert, die alles besser wissen und die Kritik beruht auf falschen Vorstellungen. Würde sich Precht mal in echt in der Schule herumtreiben, wüsste er, dass vieles nicht stimmt von dem, was er sagt. Er denkt, die Schule sei stehengeblieben, die Lehrer ohne Visionen und die Schüler unsozial und ohne Empathie. Das stimmt doch einfach nicht.

          • mehrnachdenken

            @Küstenfuchs u.a.
            Die Kritik an Precht teile ich.
            Mich wundert aber, dass H. Precht immer wieder eingeladen wird, und sich die versammelten Damen und Herren offenbar ohne nenneswertes Aufbegehren in schöner Regelmäßigkeit erzählen lassen, wie schlecht sie eigentlich arbeiten.
            Wie peinlich ist das denn eigentlich, sich von diesem selbst ernannten Bildungs“experten“ so schäbig vorführen zu lassen!
            Das grenzt ja fast schon an Masochismus! Ich kenne keine andere Berufsgruppe, die sich so „klein gibt“.

          • Diese einhellige Meinung dagegen von den Ringkämpfern des Schulsystems. So viel Wut, weil sonst 30 Jahre Ihrer Arbeit und 20 Jahre eigener Bildungsweg als was lang überholtes raus kommen? Ja, dieses Pseudoargument von 30 Jahren Praxis. Das selbe hatte ich in einem Jahr Metallbau, da muss man sich gegen die alten die es 30 Jahre machen hart durchkämpfen, weil sie etwas schon immer so machen. Aber Intelligenz oder ein freier Geist kann halt einfach mal Verhältnisse anders beurteilen und dass Effektivitätssteigerungen bis zu 100% aus meinen Lösungen raus kamen mussten die dann einsehen. Aber ich denke voll grauen an diese Zeit wo grobe Dickhäutigkeit mir entgegen gestanden hat. Ihr vertreibt nur innovative Geister mit eurem Egoismus. Seid froh dass hier mal kein Wissenschaftler nur für mehr finanzielle Effektivität und Gewinn sorgt wie es in der Privatwirtschaft schon lange erfolgreich praktiziert wird. Da wird nicht mal einer der Angestellten um seine Meinung gefragt. Precht ist wirklich jemand der was verbessern will, so eine Haltung kann viell,nur ein philosophischer Mensch derart weitreichend entwickeln. Einer den die Praxis nicht schon zu Boden gedrückt hat und der das System in dem dies geschieht bis aufs Blut verteidigt, nur weil er sich vielleicht ein paar cm höher drücken kann als andere.
            Echt ihr solltet dankbar sein, aber vermutlich liegt Betriebsblindheit zehnten Grades vor.
            (Nichts gegen Georg)

        • … zumal – wie auch von @xxx – die allermeisten Bildungsforscher Korrelation und Kausalität bei ihren empirischen Datenerhebungen auseinander halten können.

          Inhaber von Stochastik-Lehrstühlem würden der empirischen Bildungsforschung „derbe Watschn geben“. Die Validität der gelieferten Ergebnisse ist das, was gemeinhin als „sehr, sehr dünnes Eis“ bezeichnet wird.

  8. Ursula Prasuhn

    @Georg
    Sie schreiben: „Auch sonst kommen Studien hier nicht gut weg, wenn sie nicht von Lehrkräften gemacht werden.“
    So ein Quatsch! Kein Mensch erwartet, dass Studien von Lehrern gemacht werden, obwohl das m. E. keine schlechte Idee wäre.
    Es darf und sollte von Lehrern jedoch gesagt werden, wenn sie Studien keinen Glauben schenken, weil diese ihren Erfahrungen widersprechen. Wer sollte denn sonst ein ernstzunehmendes und kompetentes Urteil dazu abgeben können?
    Sie als Außenstehender dürfen gern glauben, was Sie wollen; allerdings ist es ärgerlich, wenn Sie sich als Oberlehrer aufspielen, nur weil Ihnen eine dahergelaufene Idee einleuchtet und gefällt.
    Noch ärgerlicher ist es, wenn angelesene Glaubensinhalte zum Anlass genommen werden, Lehrer als altmodisch, unflexibel oder fortschrittsfeindlich zu verunglimpfen, weil diese als Fachleute der Praxis berechtigte Zweifel und Einwände erheben.
    Für sich selbst erwarten Sie ja auch, dass Ihre Kompetenz anerkannt wird wegen Ihrer Praxiserfahrung. Sinngemäß schreiben Sie jedenfalls in einem anderen Kommentar: Ich weiß, wovon ich rede, weil ich in dem Bereich gearbeitet habe.
    Wörtlich heißt es: „Wenn Sie Fragen haben, fragen Sie einfach mich. Ich habe jahrelang in dem Bereich gearbeitet.“

  9. Christian Frilling

    Es ist zuzustimmen, dass die Schule nicht für die Bewältigung der Anforderungen ausreichend ausgestattet ist. Allerdings scheint Herr Precht keine Ahnung zu haben, wovon er redet.

    Zum einen ist Bildung Ländersache und man kann nicht alle Schulsysteme über einen Kamm scheren. Es gibt also nicht „Die Schule“ oder „Das Schulsystem“, wie er es gerne darstellt.

    Allgemeinbildung kann man leider nicht nach dem Maßstab der Effizienz gestalten. Es gibt immer Themenbereiche, die dem einen Schüler liegen und dem anderen nicht. Das ändert sich schlagartig
    an den berufsbildenden Schulen. Natürlich wäre es schön, Unterricht lebendiger und interessanter zu gestalten. Dann sollten Lehrer aber auch von Bürokratischem Ballast befreit werden.

    Was ich auch schmerzlich in dem Beitrag vermisse ist die Schulsozialarbeit, die er mit gar keinem Wort erwähnt. Es gibt für ihn nur drei Personengruppen an Schulen. Schüler, Lehrer und Direktoren. Aber gerade hier wäre doch ein Ansatz, über Integration und Inklusion nachzudenken. Das bleibt leider aus.

    Insgesamt etwas dünn oberflächlich.

    • Schulsozialarbeit ist in meinen Augen ungeheuer wichtig. In Skandinavien zum Beispiel kommen auf einen Lehrer viel mehr Sozialarbeiter, Psychologen oder Schulassistenten (ich hoffe, ich habe keine Gruppe vergessen). Jede Schule hat dort einen Ansprechpartner und Schüler bzw. Eltern müssen nicht zu einem anonymen schulpsychologischen Dienst, der überlastet ist und in vielen Fällen auch noch weit weg.

      Dies alles hat aber mit dem System Schule wenig zu tun, sondern nur mit der Ausstattung und den finanziellen Mitteln, die in die Schulen fließen. Außerdem verkaufen sich solche Binsenweißheiten nicht so gut in einem Buch wie eine Fundamentalkritik.

      • Christian Frilling

        Darüber kann man unterschiedlicher Meinung sein. Ich finde, dass man Schule auch als Lebensraum begreifen kann und sollte. Wenn interdisziplinär gearbeitet werden würde, so wäre das System Schule offener und transparenter. Insofern sehe ich es schon als einen Bestandteil

  10. Ich möchte auf keinen Fall in einem System arbeiten, dass nur von Innen und damit von einer weitgehend homogenen Gruppe betrachtet wird. Ich wünsche mir weiterhin auch Einmischung von Außen. Nur so kann man m.E. einen konstruktiven Dialog führen.

    • Nun ist es ja derzeit umgekehrt, das System wird nicht „nur von innen“ betrachtet, sondern die Lehrer haben fast überhaupt keine große Mitwirkungsmöglichkeit. Sie erfahren von neuen schulpolitischen Weichenstellungen häufig als letzte und können praktisch nur über ihre Verbände mitsprechen – deren Politik entspricht nicht unbedingt den Erfahrungen und Meinungen der normalen Lehrer. Dass es AUCH Einmischung von außen geben soll, meine ich auch – das findet ja intensiv statt.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*