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VBE-Umfrage: Lehrkräfte bewerten die Inklusion mit der Note „mangelhaft“

DÜSSELDORF. Schlechte Zensuren für den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung in Nordrhein-Westfalen: Laut einer repräsentativen Forsa-Umfrage für den Verband Bildung und Erziehung (VBE) bewerten die befragten Lehrer die schulische Inklusion mit der Note «mangelhaft». Das berichtete der VBE-Vorsitzende Udo Beckmann bei der Vorstellung der Ergebnisse in Düsseldorf.

Scheitert die Inklusion an den unzureichenden Rahmenbedingungen? Foto: Philip Beyer / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Scheitert die Inklusion an den unzureichenden Rahmenbedingungen? Foto: Philip Beyer / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Demnach hat sich im zweiten Jahr mit dem Rechtsanspruch behinderter Kinder auf Unterricht an Regelschulen in den Kernbereichen nichts verbessert. Nach wie vor seien die Lerngruppen zu groß, die sonderpädagogische Unterstützung gering und die Zeit zur Vorbereitung ungenügend, kritisierte Beckmann. Besonders fatal sei, dass fast 1000 der 3000 Grundschulen gar keinen Sonderpädagogen hätten, obwohl von allen sonderpädagogische Förderung erwartet werde.

54 Prozent der inklusiv unterrichtenden Lehrkräfte verfügten laut eigenen Angaben über keinerlei sonderpädagogischen Kenntnisse. Bei nur 3 Prozent war Inklusion ein Teil der Lehrerausbildung. «Das ist fast so, als würde ein Hausarzt plötzlich am Operationstisch stehen», sagte Beckmann. «Die Grundkenntnisse sind zwar vorhanden, aber es fehlt die fachliche Übung und das Fachwissen.»

Dementsprechend vergaben die befragten Lehrer sowohl für die personelle Ausstattung als auch für Fortbildungsangebote die Durchschnittsnote «mangelhaft». Fast ein Viertel der Befragten nannte das Personalkorsett sogar ungenügend; jeder Fünfte vergab die schlechteste Note für das Fortbildungsangebot. «Das heißt eigentlich Nachsitzen», urteilte Beckmann über eines der Prestige-Projekte der rot-grünen Landesregierung.

Ergebnisse im Detail:

  • Die Anerkennung des Prinzips der Inklusion ist gestiegen. 60 Prozent der NRW-Lehrkräfte halten den gemeinsamen Unterricht grundsätzlich für sinnvoll (gegenüber 54 Prozent im Vorjahr) – 35 Prozent (2015: 42 Prozent) nicht. In der Grundschule ist Zustimmung am höchsten (72 Prozent), im Gymnasium am geringsten.
  • Was spricht aus Sicht der Lehrer für Inklusion? Soziales Lernen (31 Prozent), bessere Integration von Kindern mit Behinderungen (27 Prozent), Förderung von Toleranz (18 Prozent). Was spricht dagegen? Regelschule kann erhöhten Förderbedarf behinderter Kinder nicht leisten (15 Prozent), Überforderung der behinderten Kinder (14 Prozent) und Benachteiligung nicht-behinderter Schüler (12 Prozent)
  • Sollen die Förderschulen erhalten werden? Ja, und zwar alle, meinen 54 Prozent (gegenüber 58 Prozent im Vorjahr), teilweise: 41 Prozent (39 Prozent). Die Förderschulen ganz abschaffen, fordern fünf Prozent (zwei Prozent im Vorjahr).
  • Beurteilung des Fortbildungsangebots: Mittelwert 4,5
  • An der eigenen Schule werden bereits Kinder mit sozialpädagogischem Förderbedarf unterrichtet: 85 Prozent (80 Prozent im Vorjahr) – Grundschule 90, Gymnasium 67 Prozent
  • Es unterrichten selbst in inklusiven Lerngruppen: 49 Prozent der Lehrkräfte – gegenüber 40 Prozent im Vorjahr)
  • Ihre Schule ist barrierefrei? 56 Prozent der Lehrkräfte sagen: überhaupt nicht.
  • Die Klassengröße wurde im Vergleich zum nicht-inklusiven Unterricht früher: verkleinert, sagen 48 Prozent, vergrößert – meinen zwei Prozent. Bei 48 Prozent sind die Klassen gleich groß geblieben.
  • Die Lehrkräfte hatten Zeit, sich auf die Inklusion vorzubereiten: wenige Wochen (sagen 56 Prozent)
  • In der inklusiven Lerngruppe unterrichten meistens: zwei Personen (bei 34 Prozent), eine Person (61 Prozent)
  • Gibt es Unterstützungsmaßnahmen bei Belastungen? Ja, sagen zehn Prozent – nein, sagen 85 Prozent.
  • Beurteilung der personellen Ausstattung: Mittelwert 4,8

Fast alle Lehrer (89 Prozent) sprachen sich für eine dauerhafte Doppelbesetzung mit Lehrer und Sonderpädagoge in inklusiven Klassen aus. Nach VBE-Berechnungen fehlen dafür 7000 Sonderpädagogen-Stellen in NRW, die den Steuerzahler jeweils rund 50 000 Euro im Jahr kosten würden. Allerdings gebe der Markt soviel Personal wegen mangelnder Vorsorge und unattraktiver Qualifizierungsangebote derzeit nicht her, räumte Beckmann ein. Die optimale Größe inklusiver Klassen sieht der Verband bei rechnerisch 24 Schülern – dabei seien Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf doppelt zu zählen.

Im nächsten Jahr will der VBE, der in Nordrhein-Westfalen nach eigenen Angaben 24 000 Pädagogen organisiert, der Regierung erneut den Spiegel vorhalten. Im Mai 2017 wird gewählt in NRW. Der Sozialverband VdK bemängelte in einer Mitteilung, die Inklusion sei nicht nur in der Schule, sondern auf allen Ebenen ins Stocken geraten. VdK-Landesvorsitzender Karl-Heinz Fries: „Die umfassende selbstbestimmte Teilhabe von Menschen mit Behinderung ist eine Frage der sozialen Gerechtigkeit. Sie darf in einem der reichsten Länder der Welt nicht am Geld scheitern.“ News4teachers / mit Informationen der dpa

Hier geht es zu den Ergebnissen der VBE-Umfrage.

13 Kommentare

  1. Die Umfrageergebnisse kann ich so unterschreiben.

    Die Sonderpädagogen hier mögen mir mal bitte die Frage beantworten, wie viele Schüler an der Förderschule im Schnitt in einer Klasse sind bzw. waren. Zwölf, also eine optimale Klassengröße bei doppelt gezähltem Förderbedarf, würde mich überraschen, ich denke weniger.

    • In Niedersachsen waren es 16 Schüler, Doppelzählung konnte es ja nicht geben, alle SuS, die auf die Förderschule wechselten, mussten vorher begutachtet werden.

      … oder bezieht sich 12 darauf, dass oben von „rechnerisch 24 SuS“ die Rede ist?

  2. mehrnachdenken

    Das ist für mich der entscheidende Prozentsatz:

    „Die Anerkennung des Prinzips der Inklusion ist gestiegen. 60 Prozent der NRW-Lehrkräfte halten den gemeinsamen Unterricht grundsätzlich für sinnvoll (gegenüber 54 Prozent im Vorjahr) – 35 Prozent (2015: 42 Prozent) nicht. In der Grundschule ist Zustimmung am höchsten (72 Prozent), im Gymnasium am geringsten.“

    Sprich, die Sache als solche ist zu begrüßen. Es liegt halt an der mangelhaften Umsetzung und den schlechten Rahmenbedingungen.
    Wie hoch muss der Leidensdruck für alle Beteiligten denn noch sein, damit hier umgedacht wird?
    Nein, ich stelle die flächendeckende Inklussion an sich infrage und halte sie nach wie vor für grundsätzlich falsch.

    • Ich persönlich habe tatsächlich nichts gegen Inklusion im Sinne von jedes Kind besucht die Schulform, an der es am ehesten den Abschluss erreichen kann. Das setzt eine entsprechende Förderung durch entsprechend geschultes Personal voraus. Folglich haben nahezu alle geistig Behinderten an Gymnasien und viele an Realschulen nichts zu suchen. Kinder, die eine (nahezu) Einzelbetreuung benötigen, haben an Schulen mit Klassenstärken von 15 und mehr nichts verloren, also an so ziemlich jeder Regelschule, es sei denn, es werden entsprechend kleine Lerngruppen gebildet und diese Kinder kommen in den Pausen mit vielen anderen Kindern klar. Die Inklusion als Sparmodell, wie sie von der Politik umgesetzt wird, stelle ich genauso wie Sie infrage.

      • Sie stellen so viele „Wenns“ auf, dass von Ihrer eingangs postulierten grundsätzlichen Zustimmung zur Inklusion faktisch nichts mehr übrigbleibt. Jedes Kind besucht die Schulform, an der es am ehesten den Abschluss erreichen kann? Dann lassen wir also geistig Behinderte, die keinen Abschluss erreichen können, ganz draußen? Oder ist die Hauptschule als Resterampe noch genehm? ‚tschuldigung, aber die Schule ist für die Kinder da – nicht die Kinder für die Schule.

        • Meinen Kommentar haben Sie schon richtig verstanden. Eine geeignete Schule ist tatsächlich für „ihre“ Kinder da. Sie stecken an einer Gesamtschule ja auch keinen (nicht-behinderten) Hauptschüler in die E-Kurse. Einen behinderten Hauptschüler stecken Sie offensichtlich doch in die E-Kurse. Aus meiner Sicht ist das positive Diskriminierung des behinderten Kindes.

          Die optimale Schulform ordnet sich aus meiner Sicht vollkommen dem für den individuellen Schüler maximal erreichbaren Schulabschluss unter, wobei sich das nach Klasse 4, 6 und 8 in jede Richtung ändern können soll. Allerdings rate ich nach Klasse 8 vom Wechsel auf das G8-Gymnasium ab, wenn der gymnasiale Zweig einer G9-Gesamtschule vorhanden ist.

          Wenn ein geistig behinderter Schüler, kognitiv auf Hauptschulniveau, mit dem Umfeld einer Hauptschule klar kommt, soll er auf die Hauptschule gehen; dasselbe auch für alle anderen Schulformen. Allerdings möchte ich das Kind vor den Mitschülern schützen, wenn es bereits in der Grundschule aufgrund seiner Behinderung gehänselt wird. Bei der sicherlich in Einzelfällen vorhandenen Kombination aus Behinderung, sehr hoher Intelligenz und dauerhaftem Mobbingopfer (z.B. extreme Autisten) bin ich allerdings überfragt.

          • Milch der frommen Denkungsart

            Völlig d‘ accord – im Übrigen wäre es unhaltbar, einem kognitiv limitierten Schüler ohne Handi-cap den Übertritt an eine höhere Schule bzw. deren Weiterbesuch zu verweigern (was ich prinzi- piell für richtig erachte), einem überforderten geistig Behinderten dies aber selbstverständlich zu gestatten.

            @Anna:

            Schule sollte für die Kinder da sein, gewiss – und deshalb leisten meine Kollegen in den speziali- sierten Förderschulen tagtäglich aufopfernde wie fachlich gute Arbeit zum Wohle der Betroffe- nen.

  3. PseudoPolitiker

    Ich halte sie auch prinzipiell für falsch.
    Wetten, dass die Umfrage als zunehmende Akzeptanz unter den Lehrern gewertet und in die Öffentlichkeit posaunt wird?
    Ich verstehe das nicht. Ständige Klagen von Überforderung, im Stich gelassen werden, nervlich am Ende sein usw. und dann mit steigender Tendenz bejahen.
    Entweder wurde unehrlich geantwortet, um nicht als Unmensch dazustehen, oder die Lehrers sind ein rätsehaftes Völkchen.
    Sollten viele von ihnen insgeheim anderer Meinung sein als bei der Befragung, sind sie durch ihre Feigheit ein Stück weit selbst schuld an ihrem Leid.

    • mehrnachdenken

      Auh ja, über die Lehrer (Frauen und Männer, lach) können Sie von mir Geschichten hören, die Sie nicht glauben werden.

  4. Die Lerninhalte und Schulziele an einzelnen Schulformen sind dermaßen unterschiedlich, dass eine Mittelwertbildung nicht sinnvoll ist. Je höher die Klassenstufe, desto schwerer können z.B. differenzierte Aufgaben gestellt, bewertet und betreut werden. In der Grundschule ist also Inklusion sehr viel näherliegend und einfacher. Darum bitte ich die Redaktion, die Umfrageergebnisse nach Schulformen aufzuschlüsseln.

  5. Ich unterrichte an einer Grundschule mit diversen förderbedürftigen Kindern. Da wir momentan noch relativ gut besetzt sind mit Förderlehrkräften, kann ich nicht sonderlich groß klagen (das soll sich demnächst aber ändern, weil sich der Verteilungsschlüssel für Förderkräfte ändern soll… – ob ich dann noch so gut zufrieden bin, weiß ich jetzt noch nicht…)

    Auf jeden Fall haben wir ein geistig und körperlich behindertes Kind an der Schule. In den ersten beiden Schuljahren war es kein Problem, das Kind zu integrieren. Die Kinder bis zu 8 Jahren reflektieren nicht sonderlich darüber, warum jemand anders ist und ob man mit ihm spielen kann oder nicht – sie nehmen jeden Menschen erst einmal so an, wie er ist. Und wenn man ihnen erklärt, dass ein Kind besondere Unterstützung benötigt, sind die meisten auch sofort bereiit, sich darum zu kümmern.

    Im dritten Schuljahr begann diese Solidarität zu bröckeln. Die Unterstützung im Klassenverband lief noch ganz gut – aber in den Pausen wurde schon weniger mit diesem Kind gespielt, obwohl sich immer noch einige Kinder bereit fanden, sich intensiv um dieses Kind zu kümmern. Jetzt im vierten Schuljahr ist es ein großes Problem geworden, in den Pausen noch jemanden zu finden, der sich mit dem Kind beschäftigt: Es kann nicht rennen, es kann nicht klettern… Außerdem beginnen die Kinder mit ihren 10 Jahren sich langsam für einander zu interessieren und sie refelekteren inzwischen darüber, wie jemand zu sein hat, mit dem sie spielen wollen.

    Ich weiß nicht, welche Erfahrung die höhren Schulen gemacht haben… Aber so wie es zur Zeit an unserer Schule steht, befürworte ich die Inklusion (Integration) an der Grundschule durchaus – weiß aber nicht, inwiefern diese auf den weiterführenden Schulen stattfindet, wenn die Klassen neu zusammengewürfelt werden und jedes Kind sich auf seine eigene Art und Weise erst einmal in eine neue Gemeinschaft einfinden muss. Ich weiß nicht, ob die Integration von geistig behinderten Kindern dann noch gelingt…

    Wie gesagt: Zur Zeit sind wir relativ gut besetzt und können auch aufgrund vieler Integrationskräfte eine Menge auffangen. Wie es in Zukunft sein wird, kann ich noch nicht sagen…

    Mich würde aber wirklich mal die Erfahrung von weiterführenden Schulen interessieren – und zwar von Lehrern und Lehrerinnen, die grundsätzlich erst einmal nicht direkt von Inkliusion und Integration abgeschreckt sind/waren…

  6. Inklusion ja oder nein?! Diese Frage stelle ich mir gar nicht mehr. Gefragt werden wir LehrerInnen doch sowieso nicht. Wir müssen klar kommen. Klar kommen, mit Stundenkürzungen der Förderlehrer, mehr Aufgaben des gesamten Kollegiums, SchülerInnen, die dringend Hilfe un Unterstützung benötigen, aber eben keinen Förderbedarf bekommen….. Entscheiden ob ich ein Kind den Stempel inklusive Beschulung mit Erziehungshilfe bekommen soll, wo wir doch sowieso nicht mehr Stunden/Doppelsteckungen dafür bekommen.
    Wir müssen mit FörderschullehrInnen arbeiten, die völlig überfordert sind, weil ihre Stunden nicht ausreichen, um alle Kinder an einer Schule zu fördern. Die mittlerweile an drei Schulen gleichzeitig sind, Kämpfe mit Sozialrathäusern, Eltern, Institutionen führen und am Ende doch wieder alleine dastehen. Wartezeiten von einem Jahr für ein Kind zur Überprüfung in einem Sozialpädiatrischen Zentrum sind mittlerweile normal.

    24 Kinder in einer Inklusionsklasse? Ich würde die Person, die das vorschlägt gerne nur für einen Tag in meine Klasse einladen, nur einen Tag. Mal sehen was sie dann sagen würde…
    Es sind ja nicht nur die personellen Bedingungen, die eine Katastrophe sind. Am schlimmsten ist die räumliche Situation; zu kleine Klassenräume, zu wenige Ausweichräume, schlechtes Mobiliar, keine Schallisolierung, unzumutbare Schülertoiletten, enge Flure, kleine Pausenhöfe, alte Sporthallen………..

    Wenn diese Probleme alle gelöst sind, dann kann man wieder eine Umfrage starten: Inklusion ja oder nein? Denn erst dann ist es mir als Lehrerin möglich mich mit der eigentlichen Thematik Inklusion auseinanderzusetzen und mich wirklich darauf einzulassen-

  7. Milch der frommen Denkungsart

    @ballsaints:

    Ihre von offenkundig realer Sachkenntnis geprägten, nicht auf rosarotem Idealismus basierenden Ausführungen sprechen für sich.

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