Startseite ::: Praxis ::: Gastbeitrag: Acht Gründe, warum Jungen das schwache Geschlecht in der Schule sind – und was wir dagegen tun können

Gastbeitrag: Acht Gründe, warum Jungen das schwache Geschlecht in der Schule sind – und was wir dagegen tun können

OLCHING. Seit der Einführung des Gymnasiums G 8 in fast allen Bundesländern ist ein erstaunliches Phänomen festzustellen: Bei den Abiturschnitten sind die Mädchen meist besser als die Jungen – Ausnahmen bestätigen natürlich immer die Regel.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hat 2014 eine Initiative gestartet, um den Studienabbruch gerade im naturwissenschaftlich-technischen Bereich und bei den sogenannten MINT-Fächern zu vermindern – Studiengänge, die mehrheitlich immer noch von jungen Männern gewählt werden. Bis zum 7. Semester wechseln 40 % aller männlichen Studenten ihr Fach, 30 % der jungen Männer brechen ihr Studium ganz ab, weil sie einsehen müssen, dass sie die falsche Wahl getroffen haben oder mit dem Studium grundsätzlich überfordert sind.

Peter Maier ist Gymnasiallehrer in Bayern. (Foto: privat)

Peter Maier ist Gymnasiallehrer in Bayern. (Foto: privat)

Zum Thema Studienabbrecher gibt es auch eine Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW). Die höchsten Abbruchquoten weisen die Uni-Studiengänge Bauingenieurwesen (51 Prozent), Mathematik (47 Prozent) und Informatik (43 Prozent) auf – Studiengänge, die vor allem bei männlichen Studenten beliebt sind. Dies ist für die betroffenen Studenten fatal und volkswirtschaftlich gesehen sehr teuer. Keiner fragt jedoch nach: Worin liegen dafür die tieferen und eigentlichen Ursachen?

Jungen tun sich in der Schule schwerer

Einen ersten Hinweis auf die Beantwortung dieser Frage kann man aus der Diskussion bezüglich des Bayerischen Gymnasium erhalten. Bayern hat mit Beginn des Schuljahres 2015/2016 den Modellversuch „Mittelstufe Plus“ gestartet. Statt in drei kann diese in vier Jahren absolviert werden. Dazu titelt die Süddeutsche Zeitung: „Es geht auch um Reife. Das Zusatzjahr im Gymnasium hilft vor allem den Buben.“

Der Schulleiter Günter Jehl des Gymnasiums Oberviechtach bringt es auf den Punkt: „Viele Schüler sind nach der 10. Klasse definitiv nicht weit genug für die Q11 … Mädchen sind zwischen 14 und 17 immer voraus, aber das eine Jahr ist bei den Buben sehr deutlich spürbar.“Herr Jehl meint damit das fehlende Schuljahr des G-8-Gymnasiums, das vor allem den Jungen Nachteile gebracht hat. Daher erhofft er sich gerade für die Persönlichkeitsentwicklung der Jungen viel vom Zusatzjahr der „Mittelstufe Plus“. Er führt jedoch nicht näher aus, warum dies so ist.

Natürlich könnte man nun entwicklungspsychologische Theorien bemühen, warum man Jungen als das „schwache Geschlecht am Gymnasium“ bezeichnen muss. Solche Erwägungen können vielleicht einige Antworten geben, wirklich befriedigend sind sie jedoch nicht. Warum also haben besonders Jungen oft mehr Schwierigkeiten, ihren eigenen (auch schulischen) Weg zu gehen, ein Studium zu wählen und ihren Platz im Leben zu finden?

Die Diagnose "Förderbedarf" gibt es immer häufiger - vor allem bei Jungen (Symbolfoto; die Abgebildeten sind keine Förderschüler). Foto: Lida Rose / flickr (CC BY-ND 2.0)

Jungen brauchen mehr männliche Vorbilder und Rituale, davon ist der Autor überzeugt. Foto: Lida Rose / flickr (CC BY-ND 2.0)

Jungen brauchen männliche Erzieher und Lehrer

Seit ich mich intensiv mit der Frage nach der Initiation, also mit dem Prozess der Persönlichkeitsentwicklung und des Erwachsenwerdens beschäftige, habe ich die Situation von Jungen viel besser verstanden. Man könnte es auf folgende Formel bringen: Jungen vermissen männliche Initiations-Mentoren, die ihnen in ihrer Pubertät beistehen und sie bei ihrem Prozess der Persönlichkeitsentwicklung hin zum Erwachsenwerden adäquat und einfühlsam begleiten und ihnen Orientierung geben. Dies soll in folgenden Thesen plakativ zum Ausdruck gebracht werden:

  1. These

Heute wird der Kita-Ausbau sehr forciert. Viele Eltern wollen ihre Kinder aus beruflichen Gründen schon im ersten Lebensjahr in die Kindertagesstätte bringen. Die Kinder erleben dort fast ausschließlich Frauen.

  1. These

Im Kindergarten haben es die Jungen und Mädchen in der Regel ebenfalls nur mit Frauen zu tun. Auch in der Grundschule gibt es fast nur noch weibliche Lehrerkräfte. Die Kinder treten dann über in die Mittelschule, meist aber in weiterführende Schulen wie Realschule oder Gymnasium. Dort sind heute 70 bis 80 Prozent der Lehrkräfte wiederum Frauen.

  1. These

Gerade in der Pubertät brauchen die Jungen unbedingt männliche Lehrkräfte, um sich an den erwachsenen Männern orientieren, reiben und messen zu können. Für ihre Entwicklung benötigen Jungen neben dem eigenen Vater, der zudem während des Tages häufig weg von zu Hause ist, weitere männliche Vorbilder bei ihrem Pubertätsprozess.

  1. These

Fehlen aber Lehrer-Männer, dann ist die Persönlichkeitsentwicklung der Jungen womöglich blockiert oder sie verläuft einseitig in einem zu weiblichen Werte- und Kommunikationssystem ab. Weibliche Lehrkräfte können diesen Mangel nicht wirklich ausgleichen. Jungen brauchen Männer! Jungen müssen täglich einige Stunden lang „be-vatert“ werden.

  1. These

Jungen haben oft eine wildere Energie, die weiblichen Lehrkräften womöglich unangenehm, unangemessen, suspekt oder gar als gefährlich und „schlecht“ erscheint. Jungen aber müssen gerade vor dem Hintergrund des Initiations-Gedankens ihre neue, pubertär erwachte und freigesetzte Initiations-Energie anders und „knalliger“ ausdrücken als Mädchen. Dies ist jedoch nicht „schlecht“, sondern eher natürlich für Jungen. Jungen sind eben anders als Mädchen!

  1. These

Daher benötigen gerade Jungen unbedingt geeignete und rechtzeitig durchgeführte Initiationsrituale, durch die sie ihre Kraft, ihren Mut, ja sogar ihr Draufgängertum zeigen und zur Besinnung kommen können. Und sie sehnen sich nach Anerkennung dafür vor allem von Männern. Hierin liegt eine wichtige pädagogische und gesellschaftliche Aufgabe, die bisher überhaupt nicht gesehen wird.

  1. These

Fallen solche Übergangsrituale aus, haben viele Jungen ein Problem. Sie sind in ihrer Entwicklung blockiert, zumindest aber gehemmt, weil niemand da ist, der sie in ihrem innersten Wesen annimmt, sie in ihrem Initiations-Bedürfnis versteht, sie da abholt, wo sie gerade sind und sie liebevoll, mit dem nötigen Ernst, aber auch mit Humor durch ihre Pubertät und hinein ins Erwachsensein führt. Hier sehe ich einen Hauptgrund, warum Jungen zum schwachen Geschlecht im heutigen Schulsystem geworden sind.

  1. These

„Lehrer-Männer“ könnten und sollten solche Mentoren sein, die den Jungen initiatorische Mutproben ermöglichen, ihnen aber auch Grenzen setzen, wenn diese nötig sind. Männliche Lehrer sind schon von ihrem Beruf her eigentlich dafür prädestiniert. Sie sollten jedoch dazu selbst ausgebildet sein, um das Initiations-Potential der Jugendlichen besser erkennen und wertschätzen zu können. Peter Maier

Über den Autor

Peter Maier  ist Gymnasiallehrer in Bayern, Initiations-Mentor und Autor. Mehr Informationen unter www.initiation-erwachsenwerden.de.

Bereits erschienene Bücher:

schule quo vadis cover vorn

Das aktuelle Buch des Autoren ist im MV-Verlag erschienen.

„Schule – Quo Vadis? Plädoyer für eine Pädagogik des Herzens“. ISBN: 978-3-95645-659-6

„Initiation – Erwachsenwerden in einer unreifen Gesellschaft. Band I: Übergangsrituale“ ISBN: 978-3-86991-406-6

„Initiation – Erwachsenwerden in einer unreifen Gesellschaft. Band II: Heldenreisen“ ISBN: 978-3-86991-409-1

Mehr Texte vom Autor

Gastbeitrag: Schule unter Reformdruck – Plädoyer für eine Pädagogik des Herzens

 

 

 

3 Kommentare

  1. Warum brechen denn so viele Studenten ihr Studium ab bzw. wechseln den Studiengang weg von allem was mit MINT zu tun hat?
    Man braucht sich doch nur mal das Abi in diesem Jahr angucken, z.B. in Berlin/Brandenburg.
    Die Matheaufgaben waren ein Witz und trotzdem kommen die Politiker nicht mehr aus dem Sabbern heraus, wie toll sich die Schüler nicht immer anstrengen und das die Aufgaben auf keinen Fall einfacher werden. In den Unis sind auch immer mehr Brückenkurse nötig, welche aber die wenigsten nutzen. Deswegen fangen viele an, versuchen es ein paar Semester und wechseln dann dann zu LER oder BWL oder Germanistik oder sonst einem weichen Fach.
    Die Politik tut nicht das, was nötig wäre um diesen Missstand zu beheben. Mir solls ja egal sein. Die Gesellschaft wird die Rechnung dafür noch früh genug bekommen.

    Wir haben immer mehr Abiturienten, die das Zeug zum Germanisten haben. Aber wir brauchen immer weniger Germanisten.

    • Ist ein wenig arg verallgemeinert. Ich weiß nicht wann die Anschlussfähigkeit von Schulmathe (eigtl. nur Arithmetik) zu Hochschulmathe da gewesen sein soll – in den 90ern auf jeden Fall schon nicht mehr. Oft ist es ein Problem, dass die Dozenten im MINT-Bereich kein Interesse an der Lehre haben und diese als notwendiges Übel ansehen (Aussage eines promovierten Astrophysikers im Vorstellungsgespräch auf eine akademische Ratsstelle an einer Hochschule, in deren Kommission ich saß).
      Um Schüler eine Anschlussfähigkeit an höhere Mathematik (heißt für Informatiker und Ingenieure) zu erreichen wären schon einige Änderungen im Matheunterricht nötig – bspw. wesentlich mehr Arbeiten mit Beweisen und Formalen mathematischen Prozessen arbeiten.
      Um eine Anschlussfähigkeit an echte Mathematik (für Physiker und Mathematiker) zu schaffen ist meiner Meinung nach ein vollkommen neues Konzept nötig (ich kenne es nicht!), denn mit der Mathematik dieser Disziplin hat das, was in den Schulen betrieben wird nun wirklich nichts zu tun.

  2. G9 für die Buben, G8 für die Mädchen?

    Wenn dann die Mädchen im Berufsleben auf eine sehr männlich dominierte Welt treffen, fragt auch keiner nach ihrem Befinden und einer Benachteiligung.

    Klar ist, dass erzieherische Berufe für Männer (finanziell) uninteressant geworden sind. Dass Studieninteressierte scheitern, wird sich nicht ändern.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*