Startseite ::: Leben ::: Eine Grundschullehrerin berichtet von ihrem Alltag, der sie überlastet: „Man wird krank. Körperlich und seelisch“

Eine Grundschullehrerin berichtet von ihrem Alltag, der sie überlastet: „Man wird krank. Körperlich und seelisch“

BERLIN. Es gärt in den deutschen Lehrerzimmern. Ob aktuell in Hessen, wo immer mehr Schulen und jetzt sogar einzelne Lehrer Überlastungsanzeigen ans Kultusministerium schicken, oder in Niedersachen, wo sich Lehrer in einer Abfrage des Kultusministeriums massiv über die mangelnde Unterstützung von oben beschweren – überall wird deutlich, dass sich die Kollegien mit den Problemen von Inklusion und Integration, mit immer mehr Erziehungsproblemen und immer weniger Zeit fürs einzelne Kind alleingelassen fühlen. In was für einer Belastungssituation sie stecken, das wollten wir von Betroffenen hören. Zwei Lehrer, eine Grundschullehrerin und ein Berufsschullehrer, haben uns ausführliche Berichte geschickt, die wir auf News4teachers veröffentlichen. Hier ist der Beitrag von „Sophie“ (Name geändert).

"Sabine" fühlt sich in ihrem Lehrerberuf überfordert - sieht aber keinen Ausweg (Symbolfoto). Foto: Gisella Klein / flickr (CC BY-NC 2.0)

„Sabine“ fühlt sich in ihrem Lehrerberuf überfordert – sieht aber keinen Ausweg (Symbolfoto). Foto: Gisella Klein / flickr (CC BY-NC 2.0)

Sie schreibt:

„Ich bin an einer Schule in einer Großstadt. Das macht einen Unterschied zu Schulen auf dem Dorf, denn auch dort habe ich schon unterrichtet. Unsere Schülerklientel ist schwierig, die Elternhäuser bildungsfern. Sehr viele Eltern sind der deutschen Sprache nicht mächtig. Viele Kinder haben daher auch große Defizite im Wortschatz und in der Grammatik. Elterngespräche sind häufig nur mit Dolmetscher möglich, oder eben mit Händen und Füßen. Die Kinder kennen meistens nur die Stadt und ihre Wohnungen inklusive umfangreichem Computerequipment. Fast alle Kinder sind jeden Tag bis 16 oder 17 Uhr in der Schule, teils weil die Eltern arbeiten gehen, teils weil die Eltern kein Interesse haben, ihren Nachwuchs bereits um 13 Uhr abzuholen. Dementsprechend fällt ein Großteil der Erziehungsarbeit auf die Lehrkräfte. Regelverhalten oder emphatisches Verhalten lässt sich bei den meisten Kindern unserer Schule nicht feststellen. Die einzige Regel die viele Kinder kennen ist: ‚Wenn Dich einer ärgert, lass Dir nichts gefallen‘. Soviel erst mal zu den äußeren Umständen.

Bevor man morgens die Eingangstür der Schule erreicht hat, wird man jeden Tag von einzelnen Eltern bereits auf dem Schulhof abgefangen und mit Fragen oder Beschwerden bombardiert. Die meisten Fragen drehen sich um organisatorische Dinge. Egal, welchen Elternbrief man herausgegeben hat, und egal, wie detailliert dort alles beschrieben wurde… die meisten Eltern verstehen die Briefe und deren Inhalt nicht. Selbst wenn zwei Briefe über einen anstehenden Ausflug oder eine Uhrzeitänderung rausgegangen sind, werde ich täglich gefragt: ‚Wann hat mein Kind jetzt an dem Tag Schule aus?‘ oder ‚Wo geht der Ausflug hin?‘ oder ‚Wieso sagt mein Kind, dass morgen nur 4 Stunden Schule sind?‘.

Erboste Eltern

All diese Fragen müssen sprachlich erst mal richtig von mir erfasst werden, da sie meistens in sehr gebrochenem Deutsch stattfinden. Meine Antworten werden meistens nicht verstanden, sowohl sprachlich als auch kognitiv. In den ersten Wochen eines Schuljahres kommen zahlreiche Kinder zu spät in den Unterricht, werden zu früh oder gar nicht abgeholt, da selbst das Lesen des Stundenplans scheinbar eine unüberwindbare Hürde für manche Eltern darstellt. Werden die ersten Noten geschrieben, stehen morgens erboste Eltern da, weil ihr Spross eine 3 geschrieben hat (die Kinder, die eine 5 schreiben, erfahren meistens keinerlei Interesse ihrer Eltern). Dann wird diskutiert über die Bewertung der Arbeit, und die Schuld wird natürlich bei uns Lehrkräften gesucht. Scheinbar haben wir den Kindern den Stoff nicht richtig beigebracht. Hat man, wie die meisten Kollegen das gerne tun, seine Handynummer am Elternabend herausgegeben, wird man auch abends und am Wochenende noch angerufen. Hat man seine Privatnummer nicht rausgegeben, gilt man als komisch.

Keine Unterstützung

Hat man dann den Spießrutenlauf über den Schulhof hinter sich gebracht, betritt man die Schule, das Lehrerzimmer…  Man sollte meinen, dass man in einer solch schwierigen Schule wenigstens innerhalb des Kollegiums zusammenhält und dort Rückendeckung erfährt – wer das glaubt, ist leider schief gewickelt. Manchmal ergibt sich das Gefühl, dass Schulleitung nur von Menschen gemacht wird, die sich in irgendeiner Art und Weise profilieren müssen, indem sie die Kollegen runter machen.

Einige Kollegen stehen um einen rum, selten findet man mal welche, die ebenfalls Kritik äußern und die Umstände nicht hinnehmen wollen. Die Spezies Lehrer scheint zum größten Teil eher so gestrickt zu sein, dass sie befolgt, was ihr von Schulleitung oder höherer Stelle aufgetragen wird. Es wird stillschweigend alles hingenommen. Dies verwundert mich immer wieder, ist man doch als Beamter eigentlich in einer Position, in der man nur schwer kündbar ist.

Endlose Konferenzen

Konferenzen finden häufig wöchentlich statt. Diese dauern dann aber nicht zwei Stunden, nein drei bis vier Stunden sind die Regel. Es wird jede Kleinigkeit zerredet. Organisationstalent und effizientes Zeitmanagement scheinen bei Grundschullehrern häufig komplett zu fehlen. Die Arbeit ist offenbar nur dann gut, wenn man am Tag mindestens zwölf bis 14 Stunden arbeitet – am Wochenende natürlich auch. Ist man am Schultag nach 17 Uhr endlich zu Hause, beginnt die Vorbereitungszeit. Materialien, die einem hierzu gestellt werden? Fehlanzeige. Material muss bestellt werden – und  zwar auf eigene Kosten. Wer viel bestellt, kann guten Unterricht geben. Wer es nicht einsieht, diese Materialien vom eigenen Geld zu bezahlen, macht dann eben dementsprechend abgespeckten Unterricht… was natürlich wieder bemängelt wird. Auf die Aussage, dass man schließlich eine reduzierte Stelle hat und ja schließlich in Teilzeit gegangen ist, um Verpflichtungen gegenüber der eigenen Familie mit Kindern erfüllen zu können, bekommt man entgegnet: Das sei halt so im Schulwesen …

Wenn ich endlich in der Klasse angekommen bin, erwartet mich ein schreiender Haufen Kinder. Ich frage mich immer wieder, wieso Kinder heutzutage so  schreien müssen. Eine normale Unterhaltung untereinander ist gar nicht möglich. Die ersten haben sich bereits geschlagen, bespuckt, gekratzt, gebissen oder beleidigt. Ich sorge erstmal für Ruhe. Mustafa (Name geändert), der seit zwei Wochen in seinem Hausaufgabenheft stehen hat, dass er dringend eine Schere und einen neuen Bleistift benötigt, hat seine Materialien wieder nicht dabei. Die Eltern haben die Nachricht entweder noch gar nicht gelesen oder nicht verstanden – oder es ist ihnen schlichtweg egal.

Chaos im Klassenzimmer

Jessica sitzt weinend in der Klasse. Sie hat hohes Fieber und Kopfschmerzen, die Eltern haben aber gesagt, sie soll trotzdem zur Schule gehen. Sie haben nämlich keine Zeit, sich um sie zu kümmern. Ich rufe zu Hause an, um Jessica abholen zu lassen. Entweder stimmt die Handynummer nicht mehr oder das Handy ist aus oder die Mailbox wird nicht abgehört. Ich muss nun also das kranke Kind in einen anderen Raum legen, damit es sich ein wenig ausruhen kann… Dies ist aber eigentlich gar nicht zulässig, da ich zum einen die Klasse nicht alleine lassen darf und zum anderen Jessica auch nicht. Also entscheide ich, zwei Kinder zum Lehrerzimmer zu schicken, damit die Sekretärin erneut  versucht, die Eltern zu erreichen. Auf dem Weg dorthin streiten sich die Kinder, eins davon läuft weg – raus aus dem Schulgelände. Ich entscheide mich, die Klasse doch kurz alleine zu lassen und bitte die Kollegin nebenan, ein Auge auf die Kinder zu haben. Ich renne runter, hole das Kind 100 Meter weiter ein, rede mit Engelszungen auf es ein und nehme es wieder mit zurück. Wenn ich Pech gehabt hätte, hätte ich das Kind nicht mehr eingeholt. Dann hätte ich Eltern und Polizei benachrichtigen müssen.

In der Zwischenzeit ist in der Klasse Chaos ausgebrochen. Die Kinder sind nicht in der Lage, an der gestellten Aufgabe weiter zu arbeiten – im Gegenteil, es hat eine weitere Schlägerei gegeben. Einige wenige wollten arbeiten und weinen jetzt. Irgendwann ist die Pause erreicht …

Pause heißt nun nicht zwangsläufig kurze Erholung. Viermal die Woche muss ich die Pausenaufsicht übernehmen. Auf dem Schulhof zeigt sich das ganze Ausmaß von 250 Kindern, die scheinbar keine sozialen Kontakte in ihrer Freizeit haben. Schlägereien und Beleidigungen am laufenden Band sind normal. Die Fähigkeit, eine Auseinandersetzung auch mal alleine zu klären, ist nicht gegeben. Es wird beleidigt und geschlagen, was das Zeug erhält. Ich renne von einem zum anderen Ende des Pausenhofs und erwarte völlig abgekämpft das Pausenende.

Danach folgt Teil 2 der oben beschriebenen Unterrichtsstunden. Manchmal gibt es auch wirklich schöne Stunden. Wenn man zu den Kindern vordringt, sie erreicht und merkt, sie haben wirklich was gelernt, das sind die kurzen schönen Momente. Wenn man umarmt wird und einem gesagt wird, dass man die beste Lehrerin der Welt ist. Dann fühlt man sich kurz gut. Bis man in der zweiten Pause das Lehrerzimmer betritt. Und sich dort die gleichen Szenen abspielen wie bereits am Morgen. Nach der 6. Stunde hat man eine kurze Pause, bevor der Nachmittag mit Nachmittagsunterricht, Konferenzen und sich anschließenden Elterngesprächen stattfindet.

Helikoptereltern

Elterngespräche gestalten sich mehr als schwierig. Entweder hat man es mit den sogenannten Helikoptereltern zu tun, die jeden Stoff zu bemängeln haben und didaktisch sowieso alles besser wissen. Oder man muss mit Eltern besprechen, dass das Kind immer wieder um sich schlägt (die häufigste Antwort: ‚Das hab ich dem gesagt, der soll sich nix bieten lassen‘), oder völlig verwahrlost ist. Letzteres führt häufig zum Einschalten des Jugendamtes. Hiermit wiederum sind stundenlange Gespräche, ein kaum zu fassender bürokratischer Schreibkram und jede Menge Zusatzarbeit in den späten Nachmittags oder Abendstunden verbunden. Aber Lehrer haben ja mittags immer frei und ständig Ferien….

Ich habe den Beruf gewählt, um Kindern etwas beizubringen. Die Unterrichtszeit selbst ist mittlerweile zum kleinsten und fast unbedeutendsten Teil verkommen. Den größten Teil nehmen Zusatzarbeiten ein. Stundenlange Konferenzen, Vorbereitungen für Zusatzveranstaltungen, Bürokratie.. .und, um all dem die Krone aufzusetzen, wird man behandelt wie ein kleiner Staatsdiener, der nur Anweisungen zu befolgen hat. Beschwerden beim Schulamt … werden nicht gerne gesehen. Anträge auf Versetzung … oft jahrelang abgelehnt. Hat man dann endlich ‚Glück‘, wird man vielleicht an eine Schule versetzt, zu der man einen Anfahrtsweg von anderthalb Stunden über Landstraßen hat. Trotzdem sagt man lieber erst mal gar nichts … der heilige Beamtenstatus darf nicht aufs Spiel gesetzt werden. Menschen, die sich gegen das System auflehnen oder das System hinterfragen, sind nicht gewünscht. Das wird einem auch mehr oder weniger so gesagt. Freie Meinungsäußerung … auch nicht erwünscht.

Will ich mir das antun?

Die Kinder sind anstrengend, ja, aber sie sind nicht das Hauptproblem des Jobs. Das System und die oft fehlbesetzten Schulleitungen machen das Leben als Grundschullehrerin zu einem, in dem man sich fast täglich fragt: Will ich mir das weiterhin antun? Um dann immer wieder zu der ernüchternden Antwort zu kommen: Es gibt keine Alternative mit meiner Ausbildung. Ende vom Lied ist: Man wird krank. Körperlich und seelisch. Ist man irgendwann komplett am Ende und lässt ich endlich krankschreiben, wird das am ersten Morgen nach der Rückkehr im Lehrerzimmer kommentiert mit: ‚Du scheinst der Belastung nicht gewachsen zu sein‘. Eltern sprechen auch gerne mal davon, dass man ja ständig krank se … obwohl es im ganzen Schuljahr nur zwei Wochen waren.

Die Frage ist, was tun? Was läuft falsch im System? Die Frage stelle ich mir seit Jahren – immer lauter. Mal sehen, ob ich darauf eine Antwort finde.“

Erleben Sie ähnliches? Schreiben Sie mir, wir veröffentlichen auch Ihren Erfahrungsbericht – andrej.priboschek@bildungsjournalist.de

Zum Bericht: Beispiellos: 53 Lehrer haben beim Kultusministerium eine Überlastungsanzeige eingereicht – die meisten Brandbriefe kommen aus Grundschulen

8 Kommentare

  1. Dazu fällt mir Christoph Sieber ein:
    „Typen in Maßanzügen und hangenähten Lederslippern, die schon nach einer Stunde vor 20 Grundschülern psychisch so kollabieren würden, dass sie von der Feuerwehr aus dem völlig demolierten Overheadprojektor befreit werden müssten.“

  2. Mit Interesse und Erschrecken gelesen. Zum Glück geht es an meiner Schule nicht so zu.

  3. Wirklich offenbar ein Phänomen an den Grundschulen. Große Teile des Berichtes erlebe und spüre ich selbst am eigenen Leib.
    Meiner Meinung nach steckt das Kernproblem in den Kollegen selbst, denn, wie hier geschildert, mucken sie nicht auf. Sie sehen sich selbst als Marionette des Staates (auch wenn sie selbst es anders benennen würden), sind der Meinung, „das gehöre einfach zu ihrem Job“. Insofern kann der Staat bzw. das föderale Schulministerium tun und lassen, was es will – die Lehrer werden es schon richten. Genau das ist der Grund, warum es so weit kommen konnte mit der Misere unseres allgemeinen Bildungssystems einerseits und mit der katastrophal bedrohten Lehrergesundheit andererseits. Ein Umdenken in den Köpfen vieler Kollegen und Kolleginnen ist dringend angezeigt!

    • Sie sprechen mir aus der Seele, liebe Frau Enn!

    • Das ist auch der Grund warum Kollegen und ich jetzt leider auch 2 Wochen nach den Sommerferien mit der Stimme und Erkältungssymptomen zu kämpfen haben. 6 Wochen absolute Ruhe und der Schnellsprung in das vermeintlich organisierte Chaos sind mittlerweile absolute Gegensätze, die der Körper so schnell nicht verkraftet.

      Da heißt es erstmal eingewöhnen! 😉

  4. Der Fisch stinkt meistens vom Kopf her. Zitat eines aktuellen Stellvertretenden Schulleiters (Gymnasium) aus seiner Antrittsrede: „…und wenn ich einmal eine Entscheidung treffen muss, dann überlege ich immer zuerst: was würde meine Kultusministerin dazu sagen?…“.
    Ist von so einem Menschen Hilfe und Unterstützung in der täglichen praktischen Arbeit zu erwarten? Wohl kaum.

    • Wunderbar, dass Sie in Ihrer ersten Zeile Fontanes Irrungen und Wirrungen (Epoche des Realismus) zitieren.
      Trifft den Nagel auf den Kopf…aber Systemkritiker werden in Zeiten von großen Sparmaßnahmen („Flüchtlingskrise“…) vom Hof gejagt. Alles muss so bleiben wie es ist. ABER meiner Meinung nach sollte man mehr auf Menschen wie Richard David Precht hören. Finanziell könnten wir einen radikalen Umbruch weg von der absoluten Leistungsgesellschaft schaffen.

      https://www.youtube.com/watch?v=QAOaUiOsw6U

      Schönes WE dann noch!

  5. Dem wäre nicht viel hinzuzufügen, außer – dass in der großen Hauptstadt zunehmend Angestellte arbeiten, deren Gesundheit gleichermaßen gefährdet ist, ohne auf die Privilegien von Beamten und Beamtinnen zurück greifen zu können. Zudem läuft der Grundschulbetrieb in sogenannten Brennpunkt-Gebieten überwiegend als gebundener Ganztag ab. Da zieht sich der gesundheitsgefährdende Betrieb, so wie oben sehr richtig und anschaulich beschrieben wurde, gern mal bis in den späten Nachmittag hin.
    Wenn auch immer wieder verfemt – Herr Buschkowsky beschreibt zu dem die Lebenswirklichkeit eines ausgewählten Schülerklientels absolut realitätsnah.
    Selbstverständlich stinkt der Fisch vom Kopf.
    Ob Herr Precht der Heilsbringer ist, wage ich zu bezweifeln.

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