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Wachsende Sorge wegen zu vielen Seiteneinsteigern: GEW fordert Mentoringstunden, damit erfahrene Kollegen die neuen anleiten können

BERLIN. Die GEW blickt zum Start des neuen Schuljahres in Berlin mit Besorgnis auf die Personalpolitik der Senatsverwaltung. Zwar sei es gelungen kurz vor Schulstart noch einen Großteil der offenen Stellen zu besetzen, allerdings greifen die Berliner Schulen immer stärker auf Quereinsteiger zurück. Mehr als ein Drittel der neu eingestellten Lehrkräfte, 667 von 1.900, startet ohne pädagogische Ausbildung in den Schuldienst. Besonders dramatisch ist die Lage an den Grundschulen: Nur noch 18 Prozent der neu eingestellten Lehrkräfte haben das Grundschullehramt studiert. Die GEW fordert jetzt besondere Maßnahmen – etwa Mentoringstunden, in denen erfahrene Kollegen die neuen anleiten können.

Immer mehr Fachleute ohne pädagogische Ausbildung kommen in die Schulen - ein Problem? Foto: nchenga / flickr (CC BY-NC 2.0)

Immer mehr Fachleute ohne pädagogische Ausbildung kommen in die Schulen – ein Problem? Foto: nchenga / flickr (CC BY-NC 2.0)

Auch in anderen Bundesländern werden aufgrund des wachsenden Lehrermangels – der Arbeitsmarkt ist in den meisten Regionen und insbesondere für Grundschullehrkräfte  leergefegt – immer mehr Quereinsteiger eingestellt. Die GEW befürchtet nun, dass eine solche Personalpolitik die pädagogische Qualität gefährden wird – so in Berlin: „Die Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger bereichern mit ihren vielfältigen Erfahrungen und ihrem Fachwissen unsere Schulen ungemein. Aber wir dürfen den Bogen nicht überspannen. Es muss die Regel bleiben, dass Lehrkräfte ein Lehramtsstudium absolvieren“, betonte Tom Erdmann, Vorsitzender der Berliner GEW auf der Pressekonferenz zum Schuljahresauftakt.

Mehr Unterstützung nötig

Erdmann warf Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) vor, die Lage zu beschönigen. „Frau Scheeres kann nicht erwarten, dass Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger nach 18 Monaten berufsbegleitender Ausbildung so gut ausgebildet sind wie ihre Kolleginnen und Kollegen mit siebenjähriger Lehramtsausbildung.“ Die vielen Quereinsteiger bräuchten mehr Unterstützung durch ihre Kollegen. Dafür sei im schulischen Alltag jedoch viel zu wenig Zeit vorgesehen. Dies belaste sowohl die Quereinsteiger  als auch die voll ausgebildeten Lehrkräfte.

„Wenn inzwischen mehr als jede dritte neue Lehrkraft nur unzureichend pädagogisch ausgebildet ist, muss die Senatsverwaltung mehr für deren Qualifizierung tun – beispielswiese durch Mentoringstunden und eine angemessene Unterrichtsentlastung“, so Erdmann. „Viele Kolleginnen und Kollegen fragen sich inzwischen, welchen Stellenwert eine qualifizierte pädagogische Ausbildung für die Bildungssenatorin hat“, sagte der GEW-Vorsitzende. Denn es sei bedenklich, dass die Senatsverwaltung nach wie vor nur wenig für einen Ausbau der Ausbildungskapazitäten tue, um den Lehrkräftebedarf wenigstens für die Zukunft zu sichern.

Bei den Erziehern  an den Ganztagsschulen zeigt sich ein ähnlich schwieriges Bild. Nach Auskunft der Personalräte sind allein in zehn Bezirken 150 Stellen offen. Im Bezirk Lichtenberg gibt es demnach noch 39, in Marzahn-Hellersdorf 30 unbesetzte Stellen. „Es ist unwahrscheinlich, dass bei der knappen Bewerberinnen und Bewerberlage und dem vergleichsweise schlechten Berliner Gehalt alle Stellen besetzt werden können“, bilanzierte Doreen Siebernik, Vorsitzende der Berliner GEW .

Die Schulen konkurrieren mit den freien Trägern und den Kitas um das wenige Fachpersonal und stellen auch bei den Erziehern  vermehrt Quereinsteiger ein. Siebernik kritisierte, dass es für Menschen in berufsbegleitender Erzieherausbildung in den Schulen keinerlei Unterstützung gibt. Die GEW-Vorsitzende machte zudem darauf aufmerksam, dass die zu dünne Personaldecke in der Berliner Schule einer gelingenden professionsübergreifenden Zusammenarbeit im Wege steht.

Wachsende Raumnot

Große Probleme sieht die Berliner GEW auch beim sogenannten dritten Pädagogen: dem Raum. „Der Anstieg der Schülerinnen- und Schülerzahl führt zur Vergrößerung der Klassen auf ein ungesundes Maß“, bemängelte Nuri Kiefer, Leiter des Vorstandsbereichs Schule.  Bereits in 14 Grundschulen in Charlottenburg-Wilmersdorf und Marzahn-Hellersdorf wurden die Klassenfrequenzen auf über 26 Schüler angehoben. Auch von Grundschulen in anderen Bezirken ist bekannt, dass sie mehr als 26 Kinder in die Klassen aufnehmen mussten. „Dabei wissen wir, wie wichtig kleinere Klassen für den Lernerfolg sind“, so Kiefer, der selbst Schulleiter einer Gemeinschaftsschule ist.

Kiefer wusste zu berichten, dass in Lichtenberg, Friedrichshain-Kreuzberg, Pankow, Charlottenburg-Wilmersdorf, Tempelhof-Schöneberg und Neukölln die Aufnahmekapazitäten erreicht und teilweise bereits überschritten sind. „Die Konsequenz ist“, so Kiefer, „dass der letzte Kartenraum zum Unterrichtsraum umfunktioniert wird. Die Schulen platzen aus allen Nähten. Unsere pädagogischen Konzepte sind so nicht mehr umsetzbar“. Ganztagsschule sei ohne Freizeiträume genau wie Binnendifferenzierung ohne Teilungsräume nicht möglich. „Es ist ungemein belastend für Kinder wie Pädagoginnen und Pädagogen, wenn sie keinerlei Rückzugsräume mehr haben“, betonte der Schulexperte.  News4teachers

Zum Bericht: Fachleute ohne pädagogische Ausbildung: Tausende Seiteneinsteiger strömen in die Schulen – ein Problem?

7 Kommentare

  1. Es wird so wenig gemacht…da kann der PISA Schock nicht soo schlimm gewesen sein.

  2. Ich habe als Diplom-Chemiker seit zehn Jahren regelmäßig immer mal wieder bei Bedarf und wenn
    ich selber als Selbständige dazu Zeit hatte, in den MINT-Mangelfächern unterrichtet.
    Maximal 20 Unterrichtsstunden für ein halbes Jahre oder 18 Stunden Physik für ein Jahr.
    Davor war ich schon in der Ausbildung in Betrieben, an der Uni oder als Privatlehrer tätig.
    Warum Seiteneinsteiger, insbesondere diejenigen mit Promotion und damit mehr als drei Jahren
    Lehrerfahrung in Seminaren und Praktika an der Uni von der GEW als absolute Deppen und
    Gefährder der PISA Ergebnisse gesehen werden, ist für mich nicht nachvollziehbar.
    Auch nicht, das ich an der Uni 18 jährige unterrichten darf, Bachelor und Master Arbeiten betreue und an der
    Sek II in der Schule – also im Unterricht für 16-18 jährige nicht qualifiziert bin.
    Gerade viele Seiteneinsteiger, als den ich mich langfristig sicher nicht sehe, sondern als Lückenfüller und Idealist
    bei Bedarf, haben Lehrerfahrung und Kompetenzen als Ausbilder und im Experimentalunterricht.

    P.S. die Lückenfüller steigen jedesmal wieder in der niedrigsten Besoldungsstufe und Gruppe ein, wenn zwischen
    den „Einsätzen als MINT-Vermittler“ mehr als ein Jahr liegt.
    Vielleicht sind das und der SekII – Einstz Gebiete auf denen die GEW mal nachhaken könnte, nicht in der Verteufelung von Menschen, in einem Maße das demjenigen der AfD in ihrer Verteufelung von Fremden sehr ähnlich ist.
    Gruß,
    Mike Mousy

  3. @ Mike,

    niemand behauptet, dass alle ausgebildeten Lehrer gute Lehrer sind und niemand behauptet, dass alle nicht-ausgebildeten Lehrer schlechte Lehrer sind. Es gibt auch Lehrer mit Lehrerausbildung, die schlechten Unterricht machen, und es gibt Lehrer ohne Lehrerausbildung, die sehr guten Unterricht machen.

    Die Wahrscheinlichkeit aber, dass man ohne Ausbildung keinen guten Unterricht macht, ist eben doch größer als wenn man eine Ausbildung gemacht hat. Das Fachwissen ist dafür nur der Grundstock, viel wichtiger sind Methodik und Didaktik, also das, was man meist erst im Referendariat vermittelt bekommt. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die pädagogische Ausbildung.

    Aus der Tatsache, dass hunderte, wenn nicht tausende Dozenten an Hochschulen unterrichten, ohne dass sie eine Lehrerausbildung absolviert haben, folgt nicht automatisch, dass sie es alle gut machen. Vorlesungen sind eben oft genug nichts weiter, als dass jemand etwas vorliest. Seminare kenne ich mitunter so, dass sie nur aus Referaten der Studenten bestanden. DAS ist kein guter „Unterricht“. Ich habe seinerzeit damals zusammen mit anderen Studenten gefordert, dass auch Dozenten eine „Lehrerausbildung“ machen sollten, weil sie eben auch vielfach unterrichten und leider nicht immer besonders gut.

    Wie Sie als Dozent und Lehrer gearbeitet haben, weiß ich nicht.

    Verteufeln tut aber keiner die Seiteneinsteiger; leider gibt es aber eben doch oft pädagogische, methodisch-didaktische Defizite – weniger hingegen fachliche. Da wissen die mitunter mehr als der ausgebildete Fachlehrer). Aber gerade darauf kommt es am wenigstens an !!!

    • Bei den Dozenten, die in Praktika und in Experimentalvorlesungen in Chemie und Physik
      arbeiten, dazu noch ganz praktische Betreuung von BSc-Arbeiten an den Unis leisten,
      handelt es sich nicht um reine Theoretiker. Es ist auch nicht mit einer rein theoretischen
      Vorlesung, wie zB. in Mathematik vergleichbar.
      Auch kann man Fachwissen und die Vermittlung von Fachwissen meines Erachtens schwer trennen.
      Wer selber einen physikalischen Prozess im Studium nur schwer verstanden hat, kann ihn auch
      mit theoretischen Kenntnisse über Pädagogik immer noch nicht gut vermitteln.
      Das Problem bei der Diskussion über Seiteneinsteiger ist, dass alle in einen Topf geworfen werden:
      Der Seiteneinsteiger an der Berufsschule, der vorher 20 Jahre lang Kaufmann war und jetzt Wirtschaft
      und Informatik unterrichtet, der Uni-Dozent, der 12 Jahre lang Experimentalunterricht für Erstsemester
      begleitet hat, der Bachelor im Fach Gartenbau, der/die noch gar keine Berufs- und Unterrichtserfahrung
      hat , ebenso die Physikerin, frisch von der Uni als Master und der Handwerksmeister, der schon 25 Azubis ausgebildet hat und jetzt an der Sekundarschule das Fach Technik unterrichtet. Wenn die GEW, die alle in einen Topf wirft, ist das grob fahrlässig.
      Übrigens urteilt das Bundesarbeitsgericht in aktuellen Entscheidungen zu den anerkennungsrelevanten Vorerfahurungen von
      Seiteneinsteigern wesentlich differenzierter als die GEW in obigem Artikel – und das ist auch gut so !
      Mike Mousy

  4. Ja, alle(s) in einen Topf zu werfen, ist meistens ungerecht.

    Man denke auch an das „Lehrerhasserbuch“, das vor Jahren durch die Medien ging.

  5. Die Kürze von Kommentaren, Meldungen, Stellungnahmen lässt nur oft keine ausreichende Differenzierung zu – wenn man gelesen werden will.

    Man geht davon aus, dass der Leser mitdenkt, dass es natürlich immer Ausnahmen gibt.

    • Hallo news4teachers

      Es geht hier vor allem um Kitas und die Grundschule. In meinem Bundesland ist es nicht möglich, dass Seiteneinsteiger
      in der Grundschule arbeiten. Wobei ich nicht weiß, ob das nun auch Sozialpädagogen betrifft, die ja die notwendige Kompetenz
      mitbringen sollten. Es wäre bei der Diskussion hilfreich zu wissen, über welche Qualifikationen und Berufserfahrungen die genannten Seiteneinsteiger in Grundschulen verfügen. So pauschal abzuwerten finde ich auch nicht gut.

      Für den Vergleich Lehramtsstudium zu langjähriger Unterrichtspraxis, zB in der beruflichen Ausbildung an SekI und SekII stimme ich Mike zu, denn der Referendar hat ja in einem sechs Jahre dauernden Studium zu 2/3 genau die gleichen Vorlesungen und Praktika besucht, wie der Master und nur zu einem Drittel spezifisch pädagogische und methodisch-didaktische Veranstaltungen. Das macht maximal ein bis zwei Jahre rein lehramtstypische Erfahrungen. Da sollte es schon möglich sein, dies mit einem Ausbilder gleichzusetzen, der in 12 Jahren Azubis ausgebildet hat. Zumal der auch noch an OBAS teilnimmt äquivalent dem Vorbereitungsdienst. Und für Vertretungen von ein paar Stunden pro Woche durch Berufspraktiker würde ich diese Diskussion um Gleichwertigkeit gar nicht erst anfangen. Das ist doch eine Bereicherung für Schulen.

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