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Gastbeitrag: Flüchtlinge „14 aus Millionen; oder: Jedes Kind mag Schokolade“- Teil 2

DÜSSELDORF. Erinnerung an Begegnungen mit geflüchteten Kindern: Flüchtlinge begegnen uns in den Medien allerorten. Doch in der „echten“ Realität erleben die meisten von uns nur selten ein wirkliches Zusammentreffen. Abgesehen von professionellen Betreuern und engagierten Bürgern bilden Lehrer und Schüler noch die Ausnahme. Sie haben in ihrem beruflichen Alltag direkt mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen zu tun. Zu engeren Beziehungen kommt es aber auch dabei in der Regel kaum.

Bei der 19-jährigen Schülerin, die uns den folgenden Text geschickt hat, ist das anders. Aus einem Schulprojekt heraus entwickelte sich eine komplexe Begegnung mit Flüchtlingen, die sie in einem literarischen Aufsatz verarbeitet hat, den wir hier in mehreren Fortsetzungen veröffentlichen.

2. Teil
(zum ersten Teil gelangen Sie hier…)

Lisa und ich, wir wollten ihnen Metal zeigen. Aber sie schraken zurück und riefen: „Oh mein Gott, das ist wie Krieg!“, weswegen wir natürlich sofort ausmachten.
Dann sprachen wir über Gott und als herauskam, dass Lisa lieber an die Wissenschaft als an Gott glaubte, flippten sie aus. Sie schienen es sich überhaupt nicht vorstellen zu können. Der Syrer starrte sie an und meinte schließlich achselzuckend: „Ok, geht klar. Erklär wiesooooo! Vielleicht glaube ich ja, was du sagst…“
Und wir redeten.

„Hey Nigger! Yallah!“, brüllte er plötzlich. Am Treppenaufgang erschien ein Riese. Sie redeten laut miteinander. Dann kam der Riese ins Zimmer geschlendert und starrte uns an.
„Nigger?“, fragte ich verblüfft. „Ja guck! Das ist Nigger, wir sagen alle Nigger!“ Ich guckte. Der Riese war der Prototyp eines „Niggers“, wie man ihn beleidigen würde; ein Rapper eben, die Klamotten, die Turnschuhe, die Sonnenbrille, der Auftritt…
Mit seinen feinen, weichen, kindlichen Gesichtszügen hätte man ihn für deutlich jünger als 17 Jahre halten können. Doch der dünne, schwarze Bart, der das Gesicht umrahmte und am Kinn zulief, verwischte diesen Eindruck. Auffällig waren seine krausen Haare, er hatte sie fast ganz abrasiert, nur in der Mitte trug er, ordentlich zurechtgegelt, ein Stoppelfeld.
„Das ist – aus Libyen und er wohnt hier mit mir!“, wurde uns stolz erklärt. Er beäugte mich weiter und begann dann das Gespräch mit einem ebenso interessierten wie simplen: „Rauchst du?“ Ich schüttelte irritiert den Kopf. Er wandte sich wieder an unseren Gastgeber.

„Sie glaubt niiicht!“, quietschte dieser, noch immer ganz aus dem Häuschen. „Sie glaubt nicht an Gott!“ und deutete auf Lisa. Die Jungen klatschten ab. Sie schienen eher amüsiert als entsetzt zu sein und lachten über uns!
Für sie war es keine Frage, ob es Gott gab oder nicht. Es war schlicht ein Fakt. Aber nicht die Art von Fakt, die man beweisen und von dem man Leute überzeugen muss, sondern etwas, das einfach da war, das tief in ihnen ruhte. Sie wussten es. Sie fürchteten Gott nicht. Sie widmeten ihm auch nicht ihr Leben oder waren davon besessen, uns zu überreden, nein. Es schien eher eine Art Trost zu sein. Es war nichts, was man ihnen nehmen konnte oder was verteidigt werden musste, sondern Glauben war für sie Hoffnung, Erfüllung, Trost und – Vertrauen! Das Vertrauen, dass alles, wie es auch kommen würde, einen Sinn hatte.
Wir diskutierten. Und lernten. Und staunten. Jemand lieh uns seinen Koran, es wurde gelesen und gemalt.

Da saß ein zutiefst gläubiger Muslim vor mir und erklärte mir laut gestikulierend die Gesetze der Physik, die überall um mich herum gelten, erzählte davon, wie ein Atom aufgebaut ist und wie die Glühbirne zu leuchten beginnt – und ich begann zu begreifen, dass sich Glaube und Wissenschaft nicht widersprechen müssen. So hatte der Koran schon vor hunderten von Jahren das Zu- und Abnehmen des Mondes beschrieben.
„Warum gibt es das Böse in der Welt, wenn Gott gut ist?“
„Weil wir ein Gehirn haben, um zu entscheiden, was wir tun! Am Ende wird alles gut kommen!“

„Und weil alles ein großes Gleichgewicht ist. Kein Leben ohne Tod, keine Freude ohne Schmerz. Das eine kann nicht ohne das andere! Stell dir vor, keine Eule ohne Maus!“

Obschon sie sich nicht vorstellen konnten, ohne Glauben zu leben, begegneten sie Lisa mit großem Respekt. Im gesamten Verlauf der Diskussion kamen wir etwa gleichmäßig zu Wort. Und immer wieder hörten wir ein erstauntes oder freudiges: „Allahu akbaaaar!“ wenn sie abklatschten.
Lisa und ich, wir zuckten dann zusammen (Vorurteile?!) und sahen uns an: Sollten wir-? Aber wir sagten nichts. Später hörte ich diese Rufe nie wieder. Sicherlich hatte ihnen jemand erklärt, dass das hier nicht den besten Eindruck hinterließ.
Ich möchte ausdrücklich betonen, dass die Jungs diesen Ausdruck in friedlichem Zusammenhang nutzten, etwa so, wie wenn wir laut „Oh mein Gott!“, „Du meine Güte!“ oder „Ist nicht dein Ernst!?“ schreien.

Verschüchterte Kinder, die staunend vor der bunten Warenwelt in unseren Supermärkten stehen, diese Klischeevorstellung von Flüchtlingen geht an der Realität meist vorbei. Foto: garycycles / Wikimedia Commons (CC BY 2.0)

Verschüchterte Kinder, die staunend vor der bunten Warenwelt in unseren Supermärkten stehen, diese Klischeevorstellung von Flüchtlingen geht an der Realität meist vorbei. Foto: garycycles / Wikimedia Commons (CC BY 2.0)

Als es Zeit wurde, zu gehen, schlichen wir uns durch den Hinterausgang hinaus und ich konnte nicht aufhören, zu grinsen, als ich an das dumme Gesicht der Betreuerin denken musste, das sie sicher machen würde, wenn sie wüsste, wie wir an ihr vorbeikamen, ohne uns abzumelden. Alle fünf begleiteten mich noch bis zur Haustür, wo wir Abschied nahmen.

***

Wenige Wochen danach, es war kurz vor Weihnachten, gab es noch ein zweites Treffen. Ursprünglich hatte ich zum Gegenbesuch eingeladen, hatte sogar Kaffee im Schrank, daraus wurde aber nichts. So klingelte ich also wieder, längst nicht mehr so nervös wie beim ersten Mal.
Später kam noch Lisa dazu.
Eigentlich war sie bereits verabredet und wollte nicht mitkommen. Als ich das unserem syrischen Kumpel erzählte, starrte er seinen Habibi ganz erschrocken an und rief: „Oh scheiße Bruder!!! Wir haben…???!“ Ich begriff nicht. Was hatten sie? Dann machte es Klick bei mir. Sie befürchteten, Lisa vergrault zu haben mit ihren Gesprächen über Gott! Weil sie doch nicht glaubte. Sie dachten allen Ernstes, sie wäre ihnen jetzt böse!
Wir riefen sie an und sie kam.
Gemeinsam sangen wir, tranken Tee und redeten Unsinn. Der Syrer und sein Freund hatten sich alle Wörter, die wir beim letzten Mal neu erwähnt hatten, gemerkt. Alle!

Er wollte für uns Metal anmachen, aber er ertrug es nicht. Da wurde er ganz, ganz finster und fiel sozusagen ‘in sich zusammen‘. Er wollte, aber er konnte nicht anders.
Die Luft war raus, die Euphorie verpufft. Ich hatte das Gefühl, dass es ihm nicht gut ging. Er war auch anders drauf. Beim letzten Mal hätte ich alles fragen können – diesmal nicht. Keine Wut mehr, eher Erschöpfung, Kraftlosigkeit. Man konnte beinahe spüren, wie die Lebensenergie aus ihm hinausströmte.
Aber immer noch träumte er.

„Du!“, rief er plötzlich und drehte sich mit Schwung zu mir um, „du schreibst sehr gutes Deutsch! Bei dir verstehe ich alles, wenn du schreibst. Bei anderen nur Salat! Schreibst du Geschichten?“
„Ja…?“
„Du schreibst ein Lied! Ich wünsche mir ein Lied mit dem Titel ‚Respekt‘ – nein – ‚Frieden‘!“

„Genau!“, stimmte sein albanischer Habibi ein, „Frieden mit allen Menschen, auf der Straße, in den Häusern, überall!“ „…und gegen Krieg in Syria!“, ergänzte unser Freund energisch.
„OK! Und das Buch?“, fragte ich vorsichtig.
„Das ist für Information! Für die Leute! Aber es ist nicht schön, es ist von Krieg und Armheit!“
„Hey! Nicht nur von Krieg und von dem Meer, ja? Inschallaaaaah!! Schönes Damaskus!…“, empörte sich der Syrer und stupste ihn mit dem Ellbogen an.
„Aber… ich bin nicht gut!“, murmelte ich, ich hatte das Gefühl, den Ansprüchen der Jungs niemals gerecht werden zu können. Im Gegenteil, ich hatte noch nie ein Lied geschrieben!
„Ich glauben dir, du kannst!“, sagte er freundlich und sah mich eindringlich an. „Ich mach die Musik und Lisa singen!“
Dann gingen sie wiedermal raus, um zu rauchen.

Einige Zeit vorher, als Lisa noch nicht anwesend war, waren sie auch einmal auf den Hof gegangen. Clown blieb währenddessen bei mir. Zum ersten Mal sah ich ihn länger als zehn Sekunden am Stück. Sonst rannte er immer nur rein und raus.
Sie hatten sich gestritten an diesem Abend, der Dichter und er, kurz bevor ich kam. „Wie ein kleines Kind!“, hatte unser Freund wütend geschimpft, als er Clown aus dem Zimmer warf, der Minuten später grinsend wieder am oberen Ende der Treppe hockte und zu uns hineinspähte, bis Habibi Erbarmen hatte und ihm ebenfalls Tee kochte.

Eine Weile schaute er mich jetzt nur unsicher an, dann schaltete er die Hintergrundmusik aus und sagte fast trotzig: „Ok, ich bin das Kleinkind am Tag! Ich bin erst 16. Aber! Er, mein Freund – immer schreit in der Nacht! Keiner kann sagen, was ist los. Gibt Probleme mit ihm. Kein Schlafen, ich weiß nicht. Schreit jede Nacht, schlägt. Immer!“ Er ruderte wild mit den Armen. Zeigte dann auf eine bezogene Matratze unter dem Tisch, die mir jetzt erst auffiel.
„Ich nimm ihn in die Arme dann, gehe hier zu ihm, weißt du. Manchmal, dann ist es okay, nicht allein, ruhig und wie mein süßes Bruder.“ Er senkte den Kopf. „Ist mein Kleines dann, ja? Mein Baby.“
Ich schloss die Augen. Öffnete sie wieder. „Das machst du schon richtig so! Bestimmt ist er auch eigentlich sehr froh darüber!“
„Dara’a!“
„Was?!“
„Stadt in Syria! Meine!“
„Ja ok. Und?“
„Ich komme von da. Ich kann nicht alles wissen, was passiert in Idlib, Dimashq, Halab…“
„Natürlich…“

Schritte, die die Treppe hinaufpolterten.
Ein letzter, scheuer Blick und er war verschwunden.
Auf dem Flur stand keine Waschmaschine mehr, fiel mir auf.

Stunden später, vor meiner Haustür, überredete ich den Dichter und seinen Habibi dazu, kurz mitzukommen. In meinem Zimmer holte ich dann die Kiste hervor. Die Kiste, das war ein selbstgestaltetes Geschenk von mir an die Jungs. Ein Schuhkarton, beklebt mit Geschenkpapier und in drei Sprachen beschriftet (Frohe Weihnachten in Arabisch, Albanisch und Deutsch). Gefüllt war sie unter anderem mit Schokoladenmarzipan, Kaffee, Feuerzeugen, kleinen Kerzen, Nüssen, Mandeln, Rosinen und Karamell; das Ergebnis einer Woche Ärger und Zweifel und im Ganzen die Antwort auf Hendrik Hellers Spendenaktion.
Ich hatte von seinem Aufruf gehört, bis zur Weihnachtsfeier Geld zu sammeln und es dann der Rheinstraße zu übergeben, aber ich fand das nicht gut. Leider reagierte der werte Herr Oberstufensprecher sehr empfindlich auf meine sachlich formulierten Gegenargumente und warf mir Antipropaganda vor. Woraufhin ich beschloss, die Sache auf sich beruhen zu lassen und selbst etwas zu machen.
Ich wollte etwas schaffen, das persönlich war. Für die, die ich kannte und schätzte. Sie sollten es dann mit allen teilen können, die ihnen in dem Haus nahe standen.
So entstand mein Weihnachten im Schuhkarton. Ich wählte Dinge aus, von denen ich hoffte, dass sie ihnen gefallen würden. Die Stunde der Wahrheit war gekommen. Ich überreichte.

Habibi reagierte höflich. Nahm die Kiste, dankte, lobte meine albanische Schrift als richtig und lächelte.
Aber der Dichter…! Er sah die Kiste, fing an zu schreien („Oh nein, nein, nein, nein!“) und den Kopf gegen die Wand zu schlagen. Mit äußerster Härte, fünf Minuten lang. Zackbumm. Dann gingen sie.
Haben sie sich gefreut? Ich weiß es bis heute nicht und werde es vermutlich auch nie wissen. Schade.

Ich gebe zu, ich hatte zuvor mit dem Syrer über Hendriks Aktion geschrieben und er war nicht begeistert. Doch da war die Kiste schon fertig.
„Nein, das ist nicht gut. Ich muss mit Hendrik reden. Das geht nicht. Ich kenne Leute in Syrien, finden nicht etwas zu essen. Weißt du. Sie waren alles haben und jetzt alles weg!“ Ich verstand. „Soll er es nach Syrien geben?“
Warten…
„Vielleicht. Wir müssen einen Plan machen…“
„Ja… Was denkst du, was können wir tun, damit es Frieden gibt?“
Mein Herz raste, während ich die Antwort abwartete. Wer könnte es mir eher sagen als er?
„Ich weiß nicht. Ich muss überlegen viel. Information. Viele Leute wissen nicht, was das passiert in Syria jeden Tag. Sie wollen nicht hören. Die Leute müssen das wissen! Wichtig“
„Ok. Ich will es wissen. Ich werde helfen!“

Und so lernte ich Halab TV today kennen, einen privaten, regierungskritischen Fernsehsender, der jeden Tag live in den Kampfgebieten filmte und diese Filme veröffentlichte. Es war grauenhaft. Immer dieselben Bilder. Es wiederholt sich in jedem Krieg. Die Macher des Senders hatten ihre Hauptseite verschlüsselt und mussten immer wieder umziehen. Ich wollte das nicht sehen. Aber ich schaute hin. Auch an Weihnachten.
Schreiende Babys im Halbdunkel, eingewickelt in blutige Ganzkörperverbände. Ein Markt in einer Straße, wo man vor lauter Rauch kein Stück Himmel mehr sieht. Mitten in Aleppo. Kinder, die ihre Eltern trösten oder mit Granatsplittern im stehenden Abwasser spielen. Zwischen den Wahnsinnigen hockt einer vor einem Kessel am offenen Feuer und zupft an seiner Gitarre.
Rennende Soldaten in einer Mondkraterlandschaft, Infanterie gegen Artillerie, so ein sinnloses Sterben…. Alte Panzerhaubitzen, die aus ungeschützten, bebenden Unterständen feuern, das rohe Mauerwerk kracht eher ein, als dass die Haubitze trifft. Am Himmel strahlende Leuchtkugeln, die wie tödlich schöne Sternschnuppen auf Ruinen hinunterregneten… Ich könnte ewig weitermachen.

***

In den Weihnachtsferien konnte ich den Kontakt via Facebook sporadisch aufrechterhalten. Hin und wieder schrieben wir uns. Höflichkeit von Seiten der Jungen?

Anfang Januar sollte es eine Aufführung im KUFEZ geben. Die Musikschule hatte mit den Jungen ein Projekt gemacht. Sie durften musizieren. Unser Freund hatte extra dafür was entworfen.

Silvesternacht. Furchtbares, Unentschuldbares passierte in Köln. Ich bekam zunächst nichts davon mit. Zwei Nächte später schrieb ich gegen Mitternacht mit Nigger und unserem Freund. Wir sprachen nicht darüber.

Ein Teil vom Friedenslied war fertig – zumindest eine Idee davon. Sie zeigten sich begeistert. Ich hoffte, das war ehrlich und sie konnten es verstehen. Gibt man es in den Übersetzer ein, kommt nämlich Quatsch raus.

Jeden Tag aufs Neue,
Leid und Kämpfe in der Welt,
Menschen werden Lügen erzählt,
der Krieg bleibt ohne Reue.

Viel Schweigen und viel Missverstehen,
bei denen, die hohe Grenzen ziehen,
wenn Menschen übers Meer weit fliehen
keiner will die Toten sehen.

Und so lernt die halbe Welt nicht aus Vergangenem,
ihre Trauer ist zu oft Heuchelei,
Solidarität, nur ein Wort, Nachrichten ziehen vorbei
Als Antwort folgt ein Krieg dem Nächsten

to be…continued

Und darum wir singen,
die Waffen nieder! Unsere Stimmen tönen laut
hört was wir wissen, ihr wisst es auch,
dass Bomben niemals Frieden bringen!

Zur Sonne wende dein Gesicht,
die Schatten fallen hinter dich!
hast du Mut und Träume niemals aufgegeben,
dann kommt der Tag, wann weiß ich nicht,
an dem wir alle in Frieden leben!

Aber ich wurde ausdrücklich gelobt und es bedeutete mir etwas, denn der Syrer, der es bei mir sozusagen in Auftrag gegeben hatte, hatte früher eine Dichterschule besucht. Skeptisch dachte ich, dass er sicher merken würde, wie unerfahren ich war und ärgerte mich, dass ich keine Lösung dafür fand, mitten im Text im Reimschema zu springen. Ihm flossen die Zeilen nur so von der Hand!
Das schrieb ich auch genau so und schenkte ihm das Gedicht spontan.

Dann fragte ich sie, ob sie auch draußen Feuerwerke angeschaut hätten. Hätte sein können, womit hatten sie uns nicht alle schon verblüfft.
Nein, geschlafen, war die Antwort.
Kurze Zeit später öffentlich gepostet (sinngemäße Übersetzung): „Euer Fest ist für mich verloren. Über Jahre hinweg bin ich aufgewacht mit den Geräuschen von Kämpfen, Waffen und Bomben. Hier ist es normal, dass Kinder mit Feuerbällen spielen. Es bedeutet eine glückliche Kindheit. Und bei mir laufen sie herum und stehlen feige Kindheiten mit ihren Sprengstoffgürteln!

Doch nur ein Unterschied ist am Ende wichtig, das Wort: Kindheit.“

#gedaesht! [=Wortspiel mit DAESH, arabischer Spottbegriff und ehemaliger Name für den IS, heute wollen sie das nicht mehr hören. Deshalb kursieren viele Witze wie z.B. gedaesht – haben sie dich gedaesht, geschlagen?]

Oh, mein Fauxpas!!! Es tut mir Leid. Noch gröber kann man wohl nicht sein.
Ich kommentierte darunter, dass ich sie verstehen könne. Dass sich aber die Kinder, die hier spielen, nichts Böses dabei denken. Sie haben Spaß. Und dass ich mir wünsche, es könnte für alle so sein. Und ein gutes Jahr werden.
Keine Reaktion.

Nach der Aufführung, bei der ich nicht zusehen konnte, fragte ich, wie es denn war…?
Ich war nicht, schrieb er müde und fast unleserlich, ich gestern Problem und hab kaputt in meine Zimmer gemacht und ich kann nicht reden.

Ich versuchte noch, ihn irgendwie zu trösten, erklärte ihm den Spruch mit dem Lichtlein, das kommt, wenn man denkt, dass nichts mehr geht…

Einen Tag darauf noch eine Nachricht aus anderer Quelle, Habibi. Ja, der Syrer war nicht mit bei der Aufführung. Er weigere sich, zu essen oder aus seinem Zimmer zu kommen. Er habe sich eingeschlossen. Von innen. Ganz plötzlich. Den Tag vorher habe er noch geredet, immer weniger, aber er sei ansprechbar gewesen, auch durch die Tür.
Entsetzt versuchte ich, Kontakt herzustellen, aber es klappte nicht. Er war nicht online.
Totenstille.

Sonntag, Ferienende. Immer noch keine Nachricht seit Donnerstag Nacht.

Ich kam in M. an, hatte jetzt echt Angst um ihn. Hat es denn wirklich keiner bemerkt?
Zusammen mit Lisa, die ich schnell informierte, rannte ich rüber, sobald das Allernotwendigste in der Wohnung erledigt war.

Wir gingen über den Hof, einer öffnete, bat uns schweigend rein. Kein Betreuer weit und breit. Unten im Keller wurde gekickert, afghanische Pop-Elektro-Balladen dröhnten durchs Haus. Bei jedem Tor wurden Vokabeln gebrüllt. Wir kamen rein. Jemand kam lachend und winkend wie immer angehüpft, schrie: Hallo! Hallo! Lisa grüßte auf Türkisch. Wir hetzten weiter. Treppe rauf, bis zu des Dichters Tür. Jemand kam vorbei. Wir fragten: Wo ist -? Er zeigte zögernd nach oben, wiegte sorgenvoll den Kopf und verschwand.

Nigger kam, sagte: „Keine Chance! War den ganzen Tag nicht draußen!“ Er, Nigger, habe dort gestanden und alle Beleidigungen geschrien, die er kannte.
Wir klopften an. Mehrmals. Keine Reaktion. Auch nicht auf unsere Rufe. Es war abgeschlossen. Scheiße! Lisa fing an zu singen, Hello von Adele. „Hello from the other side!….Can you hear meee?“ Sie hatte versprochen, zu singen, wenn sie wieder da war. Er hat das vermisst, schrieb er ihr am Donnerstag. Mich vermisst da keiner. Egal!
So schnell gaben wir nicht auf. Mich, die hier kniete, machte es halb wahnsinnig, zu wissen, dass da drin jemand war, der litt! UND ICH KAM NICHT REIN! Zwei Zentimeter Holz trennten mich…Trennten Welten. Wir haben da draußen Musik gemacht, Evanescence „Bring me to life“ und „my immortal“…
15 Minuten führten wir Selbstgespräche mit der Tür.

Er kam nicht raus. Wir mussten unverrichteter Dinge wieder gehen. Auf der Treppe, Lisa war schon vorgerannt, weil sie irgendwas machen musste, kam mir einer entgegen, der Afghane, der schon Medizin studierte. Er sah mich kommen und gestikulierte. Sagte, dass er immer wieder versuche, zu ihm durchzukommen, um ihm das Handy zu geben – aber er schaffe es auch nicht. Ob wir es mal versuchen wollten? Ich antwortete bedrückt, dass ich gerade eben schon da gewesen war…
Deprimiert saßen wir dann zu dritt, Theodora war auch da, bei mir im Zimmer und beratschlagten, was wir tun könnten und müssten. Aber wir konnten nichts tun….

Montag. Ich war total kaputt, wusste mir nicht zu helfen. Hatte furchtbar mitgelitten, da am Abend vor der Tür. Ob er noch bei Bewusstsein war? Vielleicht nachts rausging? Aber dann hätten die Jungs das bemerkt. Hatte er Wasser, mit seinem latenten Trinkzwang? Bestimmt. Aber Essen? Wie sollte das weitergehen? Was also tun?
Er war da seit Donnerstagabend drin und wenn das so weiterging, MUSSTE etwas passieren, das wusste ich. Auch, wenn das mögliche Aufbrechen der Tür das letzte Bisschen des Sicherheitsgefühls raubt. Manche Menschen fliehen gerade vor dem Umstand, dass jederzeit die Polizei im Wohnzimmer stehen kann!

Ich ging zu meinem alten Betreuer, der sicher schweigen konnte.
Schnell berichtete ich, was passiert war. Er riet mir, umstandslos dort hinzugehen und Betreuer zu verständigen, egal wie blöd sie seien. Denn so oder so – es war ihr Job. Sie mussten handeln. Normalerweise dürften sie nicht zulassen, dass jemand länger als einen Tag einfach so verschwindet. Am Donnerstag, wenn er wieder Dienst habe, könnte ich wiederkommen und ihm berichten.
Okay.

Im Hof stand einer der Betreuer, der sich mir als Christoph vorstellte. Ich fragte ihn sofort nach dem Dichter. Er schaute in den sich langsam verdunkelnden Himmel und sagte, „Oh, den hab ich auch schon länger nicht gesehen, bin mir aber nicht sicher.“ Er hatte absolut keinen Überblick über Namen und Gesichter. Idiot! Da sind sieben Betreuer (oder mehr) für 14 Jungs! Ich hastete vorbei, befürchtete das Schlimmste.
Er hatte mich durch den Vordereingang geschickt. Etwas planlos stand ich im Flur. Wo Hilfe finden? Christoph wollte seinen Hintern nicht aus dem Hof wegbewegen, weil er da eingeteilt war. Ich sollte ihm vielleicht sagen, dass es sinnlos ist, dachte ich ein bisschen mitleidig. Aber nicht genug, um es doch zu tun.
Dann waren plötzlich laute, aufgebrachte Stimmen zu hören, aber irgendwo um die Ecke. Verstehen konnte ich leider nichts.

Nigger schlappte an mir vorbei in die Küche, grüßte und wirkte sehr zufrieden mit sich. Ich fragte ihn auch sofort. Nigger, ganz locker wie immer, machte eine Handbewegung, sagte „Chill! Moment…“ Und er drehte ab, in die entgegengesetzte Richtung, aus der er gerade kam. Man hörte ihn laut auf Arabisch sprechen, jemand antwortete. Es wurde offensichtlich heftig diskutiert. Jemand Männliches brüllte: „Das ist völlig egal…!“ und eine Frauenstimme, ich erkannte in ihr eine Betreuerin, sagte was dazu. Dann wieder Nigger auf Arabisch, extra laut.

Plötzlich KNALLTE es und – der Junge lehnte vor mir an der Wand! Gezaubert oder so? Er sah richtig krank aus, blass, wacklig, ausgepumpt, aber er lebte! Und lächelte. In der Hand hatte er einen dampfenden Becher oder besser, einen umgedrehten Thermoskannendeckel aus Metall, der offensichtlich Kaffee oder Tee enthielt.
Nigger kam zurück, lachend, jonglierte ein Tetrapak und schien sich königlich zu amüsieren. Da er das sowieso oft tat, jetzt eben ganz besonders. Guckte uns an, als würde er sagen: Schau an, was ich nicht alles kann – hier ist der verlorene Sohn. Hab ich das nicht fein gemacht? Dann war er weg.

Hinter uns um die Ecke tobte ein hörbar heftiger werdender Streit. Clown stand auf einmal hinter uns, kicherte, versuchte leise etwas zu sagen, aber gegen den Lärm kam er nicht an. Ich verstand nur „am Platz“. Ich meine mich zu erinnern, dass er sich schon einige Minuten zuvor hinter mich schlich, aber irgendwie war ich total überwältigt von all den Eindrücken…
Später am Abend, nach dem Tag, hatte ich im Kopf immer noch ein ‚Handlungsloch‘, meine innere Uhr war komischerweise noch auf 17:00 Uhr gestellt… Irgendwie ergab das alles nicht so schnell Sinn.

„Was ist denn hier los, warum schreien die alle so?“, flüsterte ich erschrocken. „Ist sehr sauer, der Lehrer von uns!“, flüsterte Clown zurück. Der Dichter zuckte, blinzelte – und ich erschrak nochmals. Diese Augen! Wer es nicht gesehen hat… Ich habe nie geglaubt, dass man zu einem Blick tatsächlich sagen kann, er ist ‚gebrochen‘. Aber es war so. Es wirkte, als wäre etwas unwiderruflich und endgültig zerstört worden. Die Augen schauten glanzlos und wie ‚verschüttet‘ in die Gegend. Keine Trauer, keine direkte Qual, sondern Fakt. Etwas, was ich sofort begriff, aber nie beschreiben kann… Wo war der fröhliche, energiegeladene Junge mit dem Königsnamen, den ich einmal getroffen hatte?
Verschwunden.
Heute weiß ich, dass dieser Blick sogar einen wissenschaftlichen Namen hat, zumindest kommt das dem, was ich gesehen habe, noch am Nächsten: Two Thousand Yard Stare.

Wie automatisiert folgten wir dem Syrer plötzlich die Treppe hinauf. Ich wurde das Gefühl nicht los, unpassend zu kommen. Aber jetzt war es zu spät. Wir gingen in sein Zimmer. Es wirkte aufgerissen, ja, lichtdurchflutet! Eine Schranktür hing halb zertrümmert über dem Boden, die Fenster waren sperrangelweit offen…Trotzdem schien alles seltsam trostlos. Wir setzten uns, er rauchte zum Fenster raus. Ich sehe ihn noch da gegenüber von mir sitzen und an die Decke starren. Die Lampe ist in Rauch eingehüllt, bevor er erneut zieht und zum Fenster hinauspustet. Schweigen.
Endlich bekam ich einen Satz raus und obwohl mir die ganze Bandbreite der Begrüßungen offen stand, sagte ich nur: „Oh mein Gott! Ich dachte, du bist weg!“
„Pffffhh“ – Die ganze Erleichterung brach sich Bahn. Er lächelte vage. „Was denkst du denn?“
Dann stand er auf, stolperte zum Fenster und schloss es. Und mit einem Mal umarmte er mich! Damit war auch das letzte Kulturvorurteil, nämlich dass ich Mädchen das nicht darf, gebrochen. „Hi! Wie geht’s?“ Wieder mal smalltalkten wir. Wie machen das all die anderen? Ein Hendrik, eine Lisa? Ihnen fällt immer was ein, um gute Stimmung zu erzeugen.

Nigger kam und klatschte Tabak auf den Tisch. Küsste seinen Freund auf die Stirn, als würde er sagen wollen: Alles wird gut, mein Schatz. Ich weiß sehr genau, wie du dich fühlst, ich hab das auch durchgemacht – und rannte wieder weg.
Mein Gastgeber hatte natürlich gesagt, es gehe ihm gut. Auch, wenn er zuerst das Wort schien suchen zu müssen. Nein, es ging ihm eigentlich nicht gut. Aber das sagt man ja nicht im Smalltalk. Er wirkte verwirrt, durcheinander, war zittrig und schwach, die Wörter liefen teils ineinander. Wahrscheinlich hatte er nichts gegessen in der Zeit. Ich war auch verwirrt.
Irgendetwas passte nicht zusammen, da war ein Loch. Offensichtlich war etwas passiert und jetzt versuchte er anzuknüpfen an die Zeit vor dem Donnerstag. Als wäre nichts passiert und den traurigen Höhepunkt hatte ich augenscheinlich verpasst. Okay. Okay. Bizarr. Moment. So schnell war ich nicht.
Er entschuldigte sich, dass er nicht mehr geschrieben hatte. Er hasse Whatsapp und Facebook, momentan habe er keine Lust darauf. Immer, wenn er reinlese, sei jemand, den er kenne, tot. Alles scheiße. Was soll man darauf antworten?

Andere Leute schrieben ihm auch, fuhr er fort. Der Deutschlehrer habe als Einziger den Kontakt zu ihm von den Erwachsenen. Warum, fragte ich.
„Hmm…“ Pause. Rauchen. Lächeln. „Er mag uns echt!“

Clown fiel, ja warf sich fast von außen gegen die Tür und wurde reingelassen. Ein Gespräch auf Arabisch. Mein Freund suchte einen Zettel, las, fragte: Was ist Fristdatum? Ich erklärte, fragte was er meinte. Bücherei. Ach so! Clown wollte Bücher abgeben und nahm die Fälligen des Freundes mit. Als wäre alles ganz normal.

Kinderbücher. „Die Prinzessin und der mutige Walter“ lag zuoberst auf dem Stapel. Klar, irgendwann musste er das abgeben. „Ich lese das neue Testament“, sagte er beiläufig, „es gibt kein Wort für Pfarrer auf Arabisch!“ Oh, da hatte er sich aber keine leichte Lektüre ausgesucht!
Clown erkundigte sich, was er machen müsse und spontan sagte ich: „Du gehst da hin und sagst: ‚Ich möchte die Bücher abgeben!‘ “ Clown: Was? Der Dichter wiederholte exakt den Satz, den ich gerade gesagt hatte. Clown nickte, klemmte die Bücher unter den Arm und lief los, die Treppe hinunter, permanent den Satz vor sich hinmurmelnd.

Obwohl immer noch sehr schwach, bestand mein Gastgeber darauf, mich nach Hause zu begleiten, also traten wir zusammen hinaus in die Dunkelheit. Es regnete, im ersten Moment war ich blind. „Komm“, murmelte der Junge. Er hatte sich die Kapuze seiner Jacke über den Kopf gezogen, ging schnell und forsch. Wie ein Klischee-Gangster, von dem man erwartete, er würde, gleich: „Isch mach disch Messer!“ schreien. So jemandem würde ich auf der Straße aus dem Weg gehen…Plötzlich hatte ich mehr Angst um ihn, als um mich.
Wir gingen zu mir, ich öffnete die Tür und zu meiner Überraschung kam er mit rein. In meinem Zimmer zeigte ich ihm meine Physikaufgaben und mein kleines Backgammon-Spiel. Er spielte lieber Schach. Er war so schwach, dass er von selber piepste, ob er hier sitzen dürfte…? Der kurze Weg hatte ihn schon wieder erschöpft. Aber essen oder trinken wollte er nichts. Blickte sich still weiter um. Meine Physikaufgaben hatte er verstanden, auf alle Fälle die Formeln. Wow, das waren Textaufgaben!

Ich setzte mich zu ihm. Wir schwiegen. „Schönes Zimmer, schöner als meins“, sagte er endlich. Ich fühlte mich echt widerlich. Reich und überheblich. Schaute mich um. So bunt und voll hier. „Danke“, sagte ich. Ich glaube, ich habe noch ein fast entschuldigendes: „Ich wohne länger hier als du!“ hinzugefügt oder vielleicht auch nur gedacht. Hoffentlich habe ich es gesagt. Alles andere wäre schon wieder ein unschöner Stoß darauf gewesen, dass er hier mit nichts ankam.

Er schaute auf meine Bücher. Kochbücher, Romane, Sachbücher. Keine Bibel dabei. „Was ist das mit Krieg?“ Das Buch, ‚Krieg, stell dir vor, er wäre hier‘, hatte er sofort entdeckt, verdammt. Ich holte es, versuchte zu erklären. Er blätterte, lachte fast. „So geht das nicht! Das ist dumm! Krieg ist nicht das!“ Ja, sagte ich vorsichtig, aber die Leute haben keine Ahnung. Sie müssen das wissen. Bei uns war mal Krieg, ja, aber das ist lang her.
Er klappte das Buch zu und schaute mich lange nachdenklich an.

„Weißt du, Krieg ist wie Actionfilme. Früher habe ich immer Actionfilme geguckt. Und dann, später, alles BUMM, BÄNG bei mir! Ich habe nur noch aus dem Fenster Actionfilme geguckt. Dann habe ich nicht mehr aus dem Fenster geguckt. Aber das ist egal. Ich finde das nicht so schlimm, weißt du. Schießen immer, ist normal. Gehst du zu jeder Familie, sie haben Tote. Ist normal. Meine Familie… Mein Bruder ist auch erschossen, zuerst. Schlimm ist Städte, wo es kein Essen gibt, kein Wasser. – Ich war unterwegs lange in Syrien, weißt du. Kalt. Hunger.“ Er sprach leise, deprimiert. Ich schaute ihn von der Seite an. Er hatte sich unter die Kapuze verkrochen. Traurig. Gar nicht Gangster. Aber wer sieht das schon?

Und plötzlich fing er an zu reden. Erzählte Geschichten. Kriegsgeschichten, Fluchtgeschichten, Gewaltgeschichten. Liebesgeschichten!
Er gewährte mir Einblick in eine Welt, die für mich immer unvorstellbar sein wird.
Krieg.
Es war keine Beschreibung. Es war auch keine Klage. Es war einfach ein Bild. Er fragte nicht warum?! Schonungslos erzählte er und das auf eine Art und Weise, die Unbehagen, ja Kälte auslöste. Wie überlebt man allein monatelang im Wahnsinn? Indem man von Tag zu Tag denkt. Seine Augen!, dachte ich. Sie spiegeln alles!

Ich wagte kaum, ihn zu unterbrechen. Ich hätte dabei gerne gewusst, ob ich das Richtige tat. Hin und wieder warf ich aber doch eine Frage ein. Er schien seltsam erleichtert, erzählen zu können. Als wäre es schrecklich und wohltuend zugleich.
Konnte er etwas nicht beantworten oder erzählen, schwieg er. Kein normales, überbrückendes Schweigen, sondern undurchdringliches.
Ich bohrte nicht nach. Zum Beispiel konnte er das Mittelmeer nicht aussprechen, ohne dass es ihn schüttelte. Also ließ er das Wort weg und erfand eine Wellengeste. Auch das Thema Schlepper war tabu. Er sprach zögerlich von Schulden, die er hatte und begleichen musste.

Einige Dinge erkannte ich vom Treffen wieder. Aber jetzt erzählte er viel detaillierter. Ich weiß nicht, ob ihm bewusst war, dass er es schon grob berichtet hatte oder ob er dachte, ich hätte es vergessen.

Die türkische Polizei quält und misshandelt Menschen. Viel verbotene Arbeit wird geduldet, weil alle gut daran verdienen. Er hatte Glück, er wurde nur geschlagen und getreten, mit dem Kopf an die Wand geknallt, aber sie haben ihm nichts gebrochen. Die deutschen Polizisten seien aber immer sehr nett zu ihm gewesen, als sie ihn versorgten. Das schien er ihnen wirklich anzurechnen und er wirkte nicht, als würde er scherzen. Man möchte schreien!
„Wird auch geschossen, dort im türkischen Teil des Waldes, wo ihr wart?“
„Natürlich.“ Es klang selbstverständlich, wie ein Wetterbericht. „Nachts ist mit wiederkehrenden Kugelschauern zu rechnen.“

„So viel Lüge in den Nachrichten“, sagte er. Keine Hilfe in Madaya zu bekommen. Ich widersprach, sagte: „Hey, du warst länger nicht online, heute kommt Hilfe!“ Er schüttelte stur den Kopf, verneinte vehement, auch auf Nachfrage. Er hatte Bekannte dort, es kam nichts durch.
Ich wusste keine Antwort. Die Konvois kommen doch, es gibt Filmaufnahmen, dachte ich. Dachte daran, dass man sagt, dass im Krieg die Wahrheit das erste Opfer ist. Dass die Amerikaner in Vietnam Bilder gefälscht oder mehrfach benutzt haben, dass im Irak und überall geheim gefoltert wird. Dass es Vieles gibt, das wir nicht wissen.
Mir fiel wieder ein, wie das war, als er bei unserem ersten Treffen im Haus einen von Lisas Lebkuchen aß. Ich dachte immer, Leute, die gehungert haben, stürzen sich entweder so aufs Essen, als bekämen sie nichts mehr – oder wären ganz ehrfürchtig. Nein, nichts von beidem so wirklich. Es hatte etwas ganz…’Intensives‘. Zuerst gab er uns Lebkuchen und dann nahm er sich einen, als wäre es etwas Zerbrechliches. Damals fand ich es nicht seltsam, denn klar hatten wir das Essen mitgebracht.
Dann aß er ganz konzentriert, so als würde er jedes einzelne Stück schon beim Kauen in seine chemischen Bestandteile zerlegen, jeden einzelnen Nährstoff vorsichtig aussaugen, um ja nichts zu verlieren, zu verschwenden oder gar die Gelegenheit, diesen Lebkuchen zu essen, zu verpassen – er ließ ihn nicht aus den Augen. Diesen Lebkuchen, er nahm ihn in sich auf und er würde sich noch Tage später daran erinnern, genau diesen schokoüberzogenen Lebkuchen gegessen zu haben. Während wir uns unterhielten und nicht-nummerierte Kekse futterten.

Einiges ist mir besonders im Gedächtnis geblieben.
Es war, als hätte man den Korken aus einer Flasche gezogen. Er redete und zeigte und ich folgte, ganz egal, dass sich in den Strom von Worten viel Arabisch mischte. Es lief einfach aus ihm heraus. Da war keine Spur von Wut mehr, nur noch Trauer. Bei mir saß einer, der am Ende seiner Kraft war.

„Hast du Geschwister?“
„Ja“, antwortete die Kapuze.
„Wie alt?“
Er stöhnte. „Alle?“ Er begann, sie abzuzählen.
Ich erfuhr von seiner Familie, die getötet worden war und seinem Bruder, dem unfreiwilligen Soldaten.
Von den Schreien ertrinkender Menschen in der Nacht und Stunden im tiefblauen, alles mitreißenden Meer, die ihn bis in seine Träume verfolgten und er konnte sich die Ohren nicht zuhalten. Warum lebe ich und so viele andere nicht, fragte er erschöpft.

Ich hörte von einem verschollenen Mädchen, das ‚da drüben‘ auf ihn wartete. Seine Blume. Seine Liebe. Er erzählte viel von ihr und drehte an seinem Ring. Wenn er doch nur Wünsche frei hätte…!
Liebe Blume, wie lang hältst du noch durch da draußen, im Winter, im Januar, im Krieg?
„Sie kann nicht hierher?“
Seufzend, tonlos kam die Antwort aus der Kapuze: „Nein…Ich habe gefragt, was Nachzug. Nein!“
Das ist so brutal. Das ist schlimmer, als ein Fantasyroman, das ist die Realität. Naja, woher kommen wohl die Ideen für Herz-Schmerz-Geschichten?

Etwas Geflüstertes, wie ein Geständnis: „Ich will nach Hause…Ich bin so müde.“
„Ich bin froh, dass du da bist!“, sagte ich ehrlich und stupste ihn freundlich. „Ich hoffe…sie kommt auch hierher.“ „Danke!“ ertönte es dumpf. Sehr traurig.

Trotzdem, da war etwas. Etwas Besonderes. Etwas in der Art, wie er sich gab. Ich brauchte lange, bis ich darauf kam. Würde! Ganz klar zu trennen von Stolz. Es ist ein großer Unterschied, ob dir Unrecht widerfährt, du zu einer Flucht gezwungen wirst und deshalb gekränkt dein Zuhause verlässt, jammernd, weil du doch keine Wahl hast. Oder ob du erhobenen Hauptes gehst. Ja, man kann auf der Flucht sterben. Das ist Teil dieses perversen Spiels ‚Reise nach Europa‘ und alle haben die Regeln akzeptiert. Aber, wenn man spielt, hat man wenigstens alles versucht. Und wenn man gewinnt.
Solange man im Krieg festsitzt oder in der Türkei geparkt wird, ist man passiv. Du hast keine Chance – also nutze sie und steige ins Boot! Was hast du zu verlieren? Drei, vier, fünfmal?
Jagt uns doch, quält uns, lasst uns ertrinken, tötet unsere Lieben – hier sind wir immer noch!
Tretet uns in den Dreck und wir werden zu euch als Menschen aufschauen. Ihr könnt uns alles nehmen, aber nicht unsere Seelen! Es kommt nicht darauf an, ob du ausgehungert und zerrissen bist.
Das alles sagte er nicht, aber es wurde mir klar.
Ich war tief beeindruckt von seiner Würde, die er sonst an den Tag legte, wenn er nicht so verzweifelt war.

Während er weiterredete, hielt ich ihn dann doch im Arm. Er wehrte sich nicht dagegen, aber er blieb ganz verkrampft.
Ich bin mir sicher, so wie ich auf alles reagierte, war es nicht optimal. Schon der Gastfreundschaft wegen hätte ich ihm etwas zu essen geben müssen.
Hinterher weiß man immer, wie man es hätte richtig machen können.

Schließlich war er fertig und sah aus, als hätte er sich übergeben. Lange Zeit saßen wir sehr still.
Dann holte er tief Luft und sagte: „Ich erzähle das nie mehr!“ Pause. „Weil keiner kann das verstehen. Waren alle hier und nicht in Syrien! Egal!“ Ich fühlte mich wie erschlagen.

Hilflos schaute ich zu ihm hin, da neben mir, tief unter der Kapuze vergraben. Er zitterte heftig am ganzen Körper, vor Erschöpfung und Verzweiflung, Schmerz vermutlich. Der Anblick war fast unerträglich. Die Fäuste hatte er fest gegeneinander gepresst. Seine Jeans schien alt, ausgefranst, löchrig, viel zu weit für den dünnen Körper. War das einfach sein Stil oder lag es an der gespendeten Kleidung? Wohl beides. Ich hatte Ähnliches bei den anderen gesehen.

Er kam auf das Thema Köln. Sagte, ja, er glaube, da waren auch Syrer dabei. Weil es Leute gibt, die kommen aus Regionen, wo nicht gekämpft wird und machen sich hier einen Spaß. Er finde das scheiße. Und er sei nicht so, er wolle lernen. Er wolle auch niemandem einen Job wegnehmen, sondern später, wenn er Physik oder Medizin studiert habe, selber etwas machen. Einen Platz schaffen, den nur er ausfüllen könne: forschen, etwas Eigenes machen.
Auf alle Klischees hatte er eine Antwort. Aber wird das für ihn reichen? Er stellte sich das so einfach vor, als wäre grundsätzlich jeder zum Zuhören und für Argumente bereit… und als wären es mehr Menschen, die keine Pegidioten sind.

Wegen der Sache in Köln wollte er an die Zeitungen schreiben, einen Brief. Achso, einen Leserbrief. Er sagte, die Leute müssten Bescheid wissen. Ok, sagte ich, aber erwarte nicht, dass sie dir antworten. Er schaute überrascht. Warum denn nicht? Alle dürfen schreiben hier, oder? Ich darf doch meine Gedanken sagen hier, oder? Jaaa, du darfst…aber… egal.
Es machte mich nachdenklich. Wie fühlt sich das wohl an, von klein auf eingeimpft zu bekommen: „Psst, sei leise, sag nicht deine Meinung, egal was ist, tu es nicht, schütze deine Familie…“

„In Syrien darf man nicht schreiben, was man möchte, aber hier schon“, sagte ich. Zu meiner großen Überraschung zuckte er die Achseln. „Stimmt. Ganz normal in Syria. Libanon noch viel schlimmer!“
„Ja?“
„Ja!! In Syrien schreiben die Leute schon manchmal. Auf die Straße!“ „Und dann?“ „Naja, muss man halt aufpassen, wie.“ Fast schien es, als wollte er sich darüber lustig machen. Also über die Zensur. Wie ein Spiel. Fangt uns doch! Interpretiert uns zu Tode! Naja, muss man halt aufpassen, wie. Könnte Krieg bei rausspringen.
„Das Volk will den Sturz des Regimes!“
lautete der Ruf, den die Jugendlichen in Dara’a auf die Häuser sprühten.

Und dann, sein Satz, der zum Anfang unserer Zeitungsdiskussion zurückführte: „Der Syrer (stimmt doch so, oder?) ist kaputt, weißt du. Eigentlich kein Platz für Scheiße Köln!“ Er fragte mich das, weil ich bei dem Satzteil ‚der Syrer‘ schmunzeln musste.

Plötzlich sagte er, dass er gehen müsste. Kam kaum auf die Füße, taumelte. Nigger warte drüben auf ihn, zusammen mit dessen Cousin wollten sie zu Edeka. Hoffentlich zwingt er ihn zum Essen, dachte ich.
Ich begleitete den Jungen zur Tür (konnte ich ihn in der Verfassung laufen lassen?) und verabschiedete ihn schnell, sagte aufrichtig: „Schön, dass du gekommen bist!“ und meinte es wirklich so, ich freute mich, dass er es gemacht hatte. Dann war er weg.

Ich bin so dumm. Was ich auch mache, ich bleibe unwissend, naiv. Ich kann den Krieg niemals so verstehen, wie er wirklich ist. Ich kann dem nur nahe kommen.

Fortsetzung folgt
(den 3. Teil finden Sie hier…)

• Teil 1 – Gastbeitrag: Flüchtlinge „14 aus Millionen; oder: Jedes Kind mag Schokolade“

 

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