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Gastbeitrag: Flüchtlinge „14 aus Millionen; oder: Jedes Kind mag Schokolade“- Teil 1

DÜSSELDORF. Erinnerung an Begegnungen mit geflüchteten Kindern: Flüchtlinge begegnen uns in den Medien allerorten. Doch in der „echten“ Realität erleben die meisten von uns nur selten ein wirkliches Zusammentreffen. Abgesehen von professionellen Betreuern und engagierten Bürgern bilden Lehrer und Schüler noch die Ausnahme. Sie haben in ihrem beruflichen Alltag direkt mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen zu tun. Zu engeren Beziehungen kommt es aber auch dabei in der Regel kaum.

Bei der 19-jährigen Schülerin, die uns den folgenden Text geschickt hat, ist das anders. Aus einem Schulprojekt heraus entwickelte sich eine komplexe Begegnung mit Flüchtlingen, die sie in einem literarischen Aufsatz verarbeitet hat, den wir hier in mehreren Fortsetzungen veröffentlichen.

November 2015 bis ca. Juni 2016

*

Als sie kamen, bemerkten wir sie zunächst nicht. Wir saßen in der Cafeteria und warteten auf Flüchtlinge. Echte Flüchtlinge! Nicht auf Jungs in Sweatshirt und Jeans, die lachend und zielsicher, ja man könnte sagen lässig hereingeschlendert kamen und sich unter uns mischten, als wären sie von Anfang an ein Teil dieser Gruppe gewesen.
Alles war brechend voll mit “Bali“-Schülern. Alle stolperten sie durcheinander, halb blind, halb sehend, redeten laut und aufgeregt, schwärmten aus, suchten sich Plätze und sprangen wieder auf.

Noch ein Grund mehr, diesen Ort nicht zu mögen. Ich fand es hier zu eng, zu stickig, dunkler als die Bibliothek. In diesen schlauchartigen Bau, mit seinen ledernen Sitzgelegenheiten und grauen Teppichen, die düster und ungemütlich auf mich wirkten, ging man nur, weil es die Schülercafeteria war.
Ja, obwohl es noch ungleich hässlichere Plätze auf dem Campus gab, die noch nicht mal ein Sofa zu bieten hatten, war diese Menge an Schülern hier normalerweise nicht zu erwarten.

Es sei denn natürlich, die Flüchtlinge kamen.
Wie an diesem Tag.
Und wir merkten nichts.
Erst als jemand rief: „Da sind sie schon!“, schreckten wir auf und wurden sehr still. Flüchtlingskinder, so hatten viele (ich eingeschlossen) insgeheim vermutlich gedacht, waren scheue, verängstigte Gestalten aus den Nachrichten, die mit großen Augen alles anstarrten, weil es ihnen fremd war und die auf uns angewiesen waren… Und dann standen da plötzlich drei Jugendliche vor uns: groß, kräftig und mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht. Insgesamt sollten es 14 Schüler in der Intensivklasse sein, war uns gesagt worden, so dass nicht jeder sein eigenes „Patenkind“ würde haben können. Deshalb hatten wir uns als Riesengruppe zusammengequetscht und drei Jungs kamen zu uns. Der Rest verteilte sich auf die anderen Gruppen.

Als wir zusammengerückt waren, setzten sie sich und stellten sich uns vor.
„Ich bin –, 17 Jahre alt und komme aus Albanien. Bin seit April in Deutschland!“
„Ich bin – und komme auch aus Albanien!“
„Ich bin –, 17 Jahre alt und komme aus Syrien!“ – Kollektives Luftanhalten in der Runde. Es wurde noch stiller. Syrien. Krieg. Das Land, von dem alle reden. Wovon wir nicht sprechen durften.
Schweigen.
Jemand begann eine Fragerunde. Alle waren wir verkrampft. Mein Gehirn war wie verknotet. Ich wollte alles richtig machen, nichts Falsches sagen, helfen, ihnen das Land zeigen – und doch schien jedes unbedachte Wort eine Falle sein zu können. Womöglich würde ich schon mit der Frage nach Familie oder Verwandten Wunden aufreißen…

Verschüchterte Kinder, die staunend vor der bunten Warenwelt in unseren Supermärkten stehen, diese Klischeevorstellung von Flüchtlingen geht an der Realität meist vorbei. Foto: garycycles / Wikimedia Commons (CC BY 2.0)

Verschüchterte Kinder, die staunend vor der bunten Warenwelt in unseren Supermärkten stehen, diese Klischeevorstellung von Flüchtlingen geht an der Realität meist vorbei. Foto: garycycles / Wikimedia Commons (CC BY 2.0)

Die Lehrer hatten uns zuvor nachdrücklich eingeschärft, nicht nach Krieg, Flucht und Vertreibung zu fragen (natürlich nicht!). Dazu gehörte aber noch viel mehr. Bei der Vorveranstaltung für alle Schüler, die gerne Paten werden wollten, hatten sie gesagt, dass der Deutschlehrer mit ihnen die Frage: Was hast du für Hobbies? drannehmen würde, dass wir aber nicht unbedingt mit einer Antwort rechnen könnten, da die Jungs unter Umständen in ihren Heimatländern hätten arbeiten müssen… Dass wir, wenn wir ihnen die Stadt zeigen würden, immer darauf achten müssten, genügend Wasser und Essen für Notfälle dabeizuhaben. Vielleicht bekämen sie ja einen Flashback und bräuchten dann schnell was, damit sie nicht an Pfützen gingen. (Wer mit den Pfützen anfing, weiß niemand mehr.) Ob eine Verständigung gut möglich sei, wisse man nicht. Die Jungen hätten Dolmetscher für das Treffen abgelehnt.

Und nun hockten wir hier und alles war ganz anders. Ich hatte dabei ein Schlüsselerlebnis: Flüchtlinge – es sind Menschen! Menschen wie wir! Natürlich hatte ich das gewusst, rational, in meinem Kopf, aber jetzt schlug es ein. „Flüchtlinge“, das waren keine Angehörigen einer merkwürdigen, fremdartigen Rasse, die bevorzugt über Balkanstaaten rücksichtslos in ein anderes Revier zogen, sondern einfach nur Menschen; lebendige Weltbürger mit Gesichtern, Namen, Geschichten und Interessen, Dingen die sie liebten und die sie weniger mochten; genau wie ich. Was war ich dumm! Diese Jungs hier vor mir waren echt! Alles war so echt!

Natürlich hatten sie Hobbies, natürlich trafen sie Freunde und natürlich konnten sie sich orientieren! Wer es alleine aus dem Krieg bis hierher schaffte, der schaffte es theoretisch auch innerhalb von Tagen, M. aus eigenem Antrieb zu erkunden.

Insgesamt machten die Jungen einen ausgeglichenen Eindruck. Die beiden Albaner wirkten ruhig, fast gelangweilt, wenn sie antworteten. Der Dritte stürzte sich geradezu in die Menge: bloß vorwärts, denn es gibt kein Zurück. Er war es, auf den wir uns fokussierten. Ich mochte seine Stimme und ich bin sicher, er war sich bewusst, wie er auftreten wollte. Seine Art kam an; er nahm viele von uns damit für sich ein, schien mir. Hätte er gewollt, hätte er bestimmt viele Mädchen haben können, so wie manche nach ihm schauten. Er versuchte, über sich selbst zu lachen. Ein bisschen Wehmut war aber zu spüren, wenn Sätze fielen wie: „Zuhause war ich in der Abschlussklasse und jetzt bin ich Null!“ und er das mit einem Lächeln abtat…

Der Kontakt funktionierte, auch die Verständigung klappte besser als erwartet, es war umwerfend, zu erleben, wie viel Deutsch sie in den wenigen Wochen bereits gelernt hatten. Einer erzählte, er habe in Burbach, also in der Erstaufnahmestelle, schon einen Kurs besucht, doch da jeden Morgen Neue hinzugekommen seien, hätten sie keine großen Fortschritte machen können. Jeden Tag sei es dasselbe gewesen, mit Menschen aller Altersklassen in einem Raum. Wie heißt du, woher kommst du, wie lange bist du schon hier?
Also, schloss er vergnügt, vorstellen könne er sich jetzt wirklich! Alle lachten und er lachte aus voller Kehle mit.
Heute würde ich sehr viel dafür geben, dieses Lachen noch einmal zu hören und zu wissen, dass es ihm gut geht. Aber man weiß ja bekanntlich erst, was man hat, wenn man es verloren hat. In dieser Runde befanden wir uns noch auf ganz ungefährlichem Terrain.

Brenzlig wurde es tatsächlich nur bei der Frage nach den Geschwistern. Zwei antworteten, einer hielt sich raus, was aber kaum jemandem aufzufallen schien.

Wenig später war die Zeit um und ich ging mit dem Gefühl nach Hause, mein Weltbild völlig umgekrempelt zu haben. Irgendwie schämte ich mich dafür. Dafür, so verquer gedacht und Vorurteile gehabt zu haben.

Zu Anfang hatte einer aus unserer Runde, weil er es bereits vollmundig angekündigt hatte, den Syrer vor unser aller Augen einem kleinen Test unterzogen: Nachdem sich die Jungen vorgestellt hatten, erhob er sich, lächelte, streckte die Hand aus und sagte: „Hallo, ich bin -“ Und der junge Araber stand auf, mit einer derartigen Gelassenheit, als hätte er es nie anders gemacht, um die Geste zu erwidern, bevor wir auch nur in die Nähe einer peinlichen Situation kommen konnten.

Alles schien in Ordnung.
Am nächsten Mittwoch sollte es ein zweites Treffen geben, bei dem Gesellschaftsspiele gespielt würden.

Fieberhaft überlegte ich, wie ich für mich Kontakt herstellen könnte. Zum Fußballspielen würde mich niemand einladen. Soviel war klar. Großartige Talente oder Gemeinsamkeiten wie das weitverbreitete Rauchen hatte ich nicht zu bieten. Hm. Ich beschloss, einige arabische Bücher zu besorgen und sie den Jungen zu schenken. Zu Hause hatten wir ein Kochbuch, und den Rest würde ich bestellen können. Der Syrer hatte als seine Hobbies: Kaffee, Bücher, Gedichte, Mathematik und Physik angegeben. Auf meine Frage, ob er Rafik Schami kenne, antwortete er verwirrt mit nein. Siedend heiß fiel es mir wieder ein; er konnte ihn offiziell gar nicht kennen! Natürlich nicht! Schami war in Syrien verboten!
Er hatte seinerseits mit ein paar arabischen Autorennamen um sich geworfen, ich musste ihn aber enttäuschen…

***

Rafik Schami „Erzähler der Nacht“ (Arabisch)
Rafik Schami „Eine Hand voller Sterne“ (Deutsch)
und ein Kochbuch für Aufläufe und Nudelgerichte (Arabisch)

Ich hatte nur die drei Bücher und einen Namen im Gepäck, verknüpft mit der vagen Erinnerung an den Cafeterianachmittag, als ich einige Tage später zur Rheinstraßen-WG ging.
Es war schon Abend und dunkel draußen. Aber hinter den Fenstern brannte Licht. Stimmengewirr war zu hören. Zitternd stand ich an der Tür. Ich konnte da nicht klingeln! Ich konnte es einfach nicht! Hätte mich jemand gefragt, ich hätte nicht sagen können, warum ich solche Angst hatte. Nicht, dass ich wirklich glaubte, es könnte etwas passieren. Es war eher das seltsam Fremde, das mich abschreckte. Andererseits war ich auch verdammt neugierig…

„Suchst du jemanden?“ Eine Frau löste sich aus dem Dunkel und trat an mich heran. „Ich suche… – …ich habe Bücher mitgebracht!“, murmelte ich.
„Wart ihr verabredet?“
Hm, nein, das waren wir tatsächlich nicht. Die Frau erklärte mir, dass sie eine der Betreuerinnen sei und hier im Hof nun Dienst habe, um zu verhindern, dass die Jungen zu allen Zeiten einfach auf Trebe gingen. Um im zweiten Satz seelenruhig rauchend nachzuschieben, dass sie nicht wisse, wo der Gesuchte stecke oder ob er weggegangen sei. Sie wandte sich zum Haus um.

Die Rheinstraßen-WG hat viele Zimmer und eines davon (nicht der Gemeinschaftsraum) liegt praktisch neben der Tür. Es hat einen Rollladen vor dem Fenster. Dort wohnte er vor seinem Umzug, lernte ich später. Man sah von außen ein Licht. Es konnte also gut sein, dass er anwesend war.
Sie begann nun, wie verrückt am Fenster zu rütteln und dabei seinen Namen zu brüllen. Das ohrenbetäubende Geschepper hallte im ganzen Hof wider. Ein bisschen schockiert versuchte ich ihr zu sagen, dass es schon in Ordnung sei, wenn er nicht käme und ich jetzt einfach gehen würde. Doch sie hörte mich nicht…

Ich musste schmunzeln. An seiner Stelle wäre ich auch nicht gekommen, wenn ich oben im Zimmer wäre. Sein spöttisches Gesicht konnte ich fast schon sehen. Ich ahnte, dass er dort oben war…

Endlich ließ sie davon ab. „Hm, dann ist er wohl nicht da!“, stellte sie sachlich fest und verabschiedete sich rasch. Kopfschüttelnd entfernte ich mich.
So würde ich ihn also nicht wiederfinden.

Na gut, dann eben beim Spielenachmittag, dachte ich. Doch weit gefehlt, denn es kam niemand! Nur einer von ihnen, von den geflohenen Jungs, war tatsächlich erschienen, erfuhr ich später, und das war keiner, der Arabisch hätte lesen können: Die Patenaktion der Schule wurde für gescheitert erklärt.

***

Es half nichts, ich musste es wieder auf eigene Faust versuchen:

Tags darauf machte ich mich in der Frühstückspause auf den Weg zur Raucherecke. Einer der Flüchtlinge führte mich. Lange, lange hatte ich zuvor gezögert, zu ihrem Tisch im Speisesaal zu gehen, alle Bedenken über Bord zu werfen und sie anzusprechen. Lieber stand ich da und glotzte hinüber.
Ich traute mich schließlich doch, die Bücher fest im Arm.
Ich hatte beschlossen, einfach mal das Hirn auszuschalten und mit dem Kopf voran ins Unbekannte zu springen, sonst würde ich es nie mehr schaffen. Für mich wurde die Zeit bereits knapp, wenn ich nicht zu spät zum Unterricht kommen wollte.

Der Angesprochene, ein magerer, blasser Junge im Karohemd, zeigte mit einer vagen Handbewegung aus dem Fenster, als ich den Namen des Jungen nannte, den ich suchte. Ich wusste nicht, was er meinte, also brachte er mich in die Raucherecke, wo ich mich gleich nochmal überwinden musste, die Leute anzusprechen. Die Coolen. Die Größeren. Die Clique.

Ich tat es und einer, ein Kleiner mit dunkler Jacke, Mütze und Brille brüllte nach ihm. Ich wartete mit wild klopfendem Herzen.
Und da kam er tatsächlich mit einem fröhlichen „Hi, wie geht’s?!“ angesprungen! Wahnsinn!
Zum ersten Mal sah ich sein Gesicht. Ein schmales, ebenes, arabisches Gesicht. Er hatte kurze schwarze Haare, die er unter einer Art hellgrauer Mütze oder Kopftuch verbarg und dunkle Augen, die nun abwartend-freundlich zu mir hinunterschauten.

Zitternd vor Aufregung sagte ich meinen Spruch auf und überreichte die Bücher. „Ohmeingottohmeingottohmeingott!“ war die Antwort, er schien sich zu freuen! Rafik Schami kannte er tatsächlich nicht. Er nahm auch das deutsche Buch, um Deutsch zu lesen, wie er sagte.
Dann smalltalkten wir und tauschten Handynummern aus. Oder vielmehr er versuchte, mit mir zu reden, weil ich kaum ein Wort rausbekam. Aufschlussreich war die Unterhaltung aber trotzdem.
„Ich war am Dienstag bei deiner WG und hab dich gesucht, aber du warst nicht da!“
Er schaute zum Himmel, grinste frech und ich bin mir inzwischen hundertprozentig sicher, denn dieser Blick sprach Bände, dass er an jenem Abend in seinem Zimmer war.

„Betreuer!“, seufzte ich.
Mit einem Mal wurde er sehr finster und ernst, doch die Stimme blieb ganz ruhig und gelassen. Mit einer wegwerfenden Geste sagte er: „Ist mir egal, gibt kein Problem bei mir. Schlagen mich nie. Ich hab zu essen, alles besteee! Alles mir egal! – Magst du Kaffee? Ich hab zwei Kilo arabischen Kaffee in meinem Haus. Ich kann nicht ohne Kaffee! Kommst du vorbei, ja?“
Darauf fiel mir zuerst nur ein verwirrtes „Okay…!“ ein, bevor ich glücklich die Einladung annahm und das Thema fallen ließ.

Leider war die Pause fast schon wieder um, also begleitete er mich noch zurück bis zu meinem Klassenraum, verabschiedete sich mit einer Verbeugung und verschwand.
Erfolg, Erfolg, Erfolg!

An diesem Abend betrat ich zum ersten Mal die geheimnisvolle Welt von Facebook und gleichzeitig die sogenannte „Arabische Welt.“ – Überraschung. Es war gar nicht so anders, es war nur arabisch! Genau dasselbe wie „bei uns“, nur mit anderen Namen. Gar nicht soooo fremd…
Erstaunlich fand ich, dass die Leute sich in den Kommentaren unter Beiträgen oder Fotos, wo jeder jeden zu kennen scheint, siezen und nach allen Regeln der orientalischen Höflichkeit miteinander schreiben. In den Teenie-Ecken war das tendenziell weniger, auf deutschen Seiten habe ich das praktisch nie erlebt.
Mein neuer syrischer Freund war allerdings eher ein Poet und Dichter, was mir gefiel und kein Selfie-Darsteller. Leider spuckte die Übersetzungsfunktion vor allem Mist aus. Aber das Wenige, was ich verstand, reichte schon, um dem Alltag ein bisschen näher zu kommen.
Dachte ich jedenfalls.

Wir fingen an, uns in einer Art Deutsch Textnachrichten zu schreiben. Manche Wörter waren so kryptisch, dass ich raten musste. Was war eine „sekart“? Ach so, rauchen, Zigarette!

***

Von der Schokoladensache ganz am Anfang möchte ich noch berichten, bevor ich fortfahre, denn die darf nicht fehlen. Folgendes: An einem Morgen, kurz nachdem die Intensivklasse eingerichtet worden war und noch lange vor den Cafeteriatreffen, kam mir die Idee, eine Tafel Schokolade in die Schule mitzubringen und sie in der Pause mit den Jungen zu teilen – zwecks Kontaktaufnahme.
Da ich mich nicht allein traute, fragte ich jemanden aus meiner Klasse, ob sie mit mir in den Speisesaal gehen würde. Mit den Jungen hatten wir nur die Pausen gemeinsam, also war das die einzige Möglichkeit. Oh, was brach da für ein Sturm los!:
„Nein, tu das nicht, nachher haben sie noch irgendwelche Allergien und kippen um!“
„Sollen sie sich doch selber Schokolade kaufen, die kriegen doch Geld!“
„Du als Frau darfst das doch nicht einfach machen!“
„Das ist nicht gut, das verdirbt sie, wenn sie hier alles geschenkt kriegen!“
Schließlich stand ich völlig verwirrt und verunsichert auf dem Schulflur, wo die Diskussion weiterging.

Da kam Herr Bilch den Flur entlang geschlendert, gut gelaunt und pfeifend wie immer. Ich fragte ihn sofort. Darf man Flüchtlingskindern Schokolade anbieten?
Seelenruhig schaute er mich an und sagte dann etwas, was mich in positivem Sinne sprachlos machte: „Aber natürlich darfst du das! Warum denn nicht? Nimm sie doch einfach als deine Mitschüler!“
Ich schnappte mir Lisa und wir rannten los.

Natürlich haben sie die Schokolade angenommen! Wir bekamen auch sofort einen Sitzplatz angeboten, den wir aus Zeitmangel leider ablehnen mussten. Aber der Anfang war gemacht. Gegen all die Besserwisser!

Denn jedes Kind mag Schokolade!

***

Per Facebook kam die Verabredung für ein erstes Treffen in der Rheinstraße zustande. Am Abend klingelten Lisa und ich gemeinsam dort und wurden diesmal freundlich von einem der Farsi-Dolmetscher empfangen. Wir erfuhren, dass sie einmal wöchentlich eine Zusammenkunft mit Dolmetschern hatten, um mit den Betreuern allgemein wichtige Dinge besprechen zu können. Deshalb bezogen wir auch gleich einen Rüffel von den Betreuern, da wir jetzt als Besuch eigentlich nicht mehr erlaubt waren. Trotzdem brachte uns ein Mann in das Stockwerk, wo der Junge wohnte – und klopfte prompt an der falschen Tür! So landeten wir plötzlich im Zimmer eines der beiden Albaner, der als unfreiwilliger Gastgeber mindestens genauso überrumpelt wirkte wie wir. Aber er gab sich alle Mühe. An Lisa erinnerte er sich sogar, da sie beim Cafeteriatreffen Gitarre gespielt hatte.

Ich mochte ihn. Er hatte ein sehr bedächtiges, zurückhaltendes und gutmütiges Wesen, ein bisschen wie ein großer, sanfter Bär.
Wir zogen dann zusammen rüber ins Zimmer seines syrischen Nachbarn, den wir ja eigentlich gesucht hatten. Mitten auf dem Stockwerk stand seltsamerweise eine Waschmaschine zwischen den Türen und blockierte alles.
Ich erschrak, als er öffnete. Im Zimmer des Albaners hatte es Farben gegeben. Eine Gitarre, einen bunten Teppich, einen Laptop.
Sein Zimmer dagegen war leer und kahl. Möbel waren zwar vorhanden, aber das war auch schon alles. Bett, Schrank, Tisch und Kommode. Mit nichts. Da war praktisch kein Besitz, die Wände nackt bis auf eine Deutschlandkarte, im Regal ein Haufen “Bali“-Schreibhefte… An der Schranktür klebte wie zur Deko eine Handvoll fremder Geldscheine. Ich zuckte nochmals zurück, als ich das wiedererkannte. Mazedonisch, serbisch, ungarisch,….
„Möchtet ihr Kaffee?“ Er flitzte nach unten, um welchen zu machen und wurde ganz nervös, weil er nicht wusste, wie Deutsche ihren Kaffee mögen. Lisa lief ihm nach und half. „Sag, dass du mit Milch willst!“, flüsterte sie mir noch zu, „wenn du als Nichtkaffeetrinker jetzt arabischen Mokka bekommst, wirst du leiden!“ Mir schmeckte es auch so nicht, aber das sagte ich nicht.

Wir bezogen schon wieder Ärger: weil wir immer noch da waren und weil wir unseren syrischen Freund unter Stress gesetzt hatten. Sie schickten uns für die letzte Viertelstunde mit den Kaffeetassen ins Wohnzimmer, während sie langsam alle Jungs zusammentrommelten.
Wir redeten dies und das, der Syrer und der Albaner, die hier beste Freunde geworden waren – sie nannten sich gegenseitig immer Habibi, was auf Arabisch so etwas wie „mein Schatz“ bedeutet – kuschelten miteinander.

Dann kamen wir auf die Türkei zu sprechen und schließlich auf Izmir, wo Lisas Eltern in der Nähe lebten.
„Ich war schon in Izmir!“, merkte der Syrer auf.
„Und wie war’s?“
„GROSSE SCHEISSE!“, explodierte er plötzlich und dann kam es nur so aus ihm heraus. Es brauchte kein ‘Du musst nicht, wenn du nicht willst‘, denn er wollte. Es kam von ganz allein. Es machte mir Gänsehaut. Und es machte mir auch wieder einmal klar, wie real die Mittelmeerkatastrophe ist. Er erzählte, wütend und zugleich mit einer unglaublichen Ruhe und Verletzlichkeit in der Stimme, was ihm auf der Flucht passiert war. Bruchstückhaft. Ich glaubte ihm sofort, denn es gibt gut erzählte und es gibt wahre Geschichten und das hier war eine der wahren. Sein Deutsch war natürlich nicht gut genug, um richtig zu erzählen. Aber er machte Gesten dazu und wir fragten immer wieder: Und dann?
Und dann kam er endlich sicher in Deutschland an. Er berichtete ohne Stolz oder Heldenpose von Misshandlungen durch türkische Polizisten („Gendarma!“), aber auch von hilfsbereiten Menschen, von eiskalten Nächten im Freien, tagelangen Fußmärschen durch halb Europa und kaputten Booten, Zafinas genannt, die nur noch durch die Hoffnung der Passagiere überhaupt fahren können. Aber das reicht nicht immer. Im Meer zählt jede Minute…

Sein Habibi, der ihn die ganze Zeit aufrecht gehalten hatte, schlug ihn jetzt heftig ins Gesicht und er hörte sofort auf zu sprechen. Betreuer in der Tür. Die Jungen sollten kommen. „Zwei Minuten!“, flehte unser Gastgeber. „Nein!“, entgegnete der Betreuer bestimmt, „DEUTSCHE PÜNKTLICHKEIT!“ Ich starrte Lisa fassungslos an und sie schaute zurück. Das Letzte hatte er in Nazi-Betonung gesagt.
„Entschuldigung!“, sagte der Syrer geknickt und stand auf. „Ich muss lernen, ein Deutscher zu werden!“ Weg war er.
Habibi legte einen Finger an die Lippen, Psst! E lächelte verschmitzt, sprang dann auf und machte uns ein Zeichen, dass wir folgen sollten. In Windeseile huschten wir treppauf – über die Waschmaschine hinweg – und hinein in sein Zimmer, wo er uns grinsend einschloss. Dort warteten wir, bis sie wiederkamen. Und wie!

Wutentbrannt stürmte der Syrer herein, er war so aufgebracht, dass er zuerst gar nicht sprechen konnte. Habibi reichte ihm schnell eine Wasserflasche.
Als er wieder einigermaßen Luft bekam, fing er an, im Kreis zu rennen und abwechselnd zu brüllen und zu trinken, fast zwanghaft, als würde ihm sonst die Beherrschung endgültig abgehen.
„Haben keinen Respekt, die!!!“, tobte er. „Leute von Afghanistan! Kommen hierher, wollen alles, sagen immer alles ist schlecht, schlecht, schlecht! Essen schlecht! Wir wollen das! Wir brauchen das… Das geht nicht! Müssen dankbar sein für alles! Guck, sie kommen hier nach Deutschland. In Afghanistan haben sie kein Bett, kein Essen, was weiß ich!“
Auch Habibi war verärgert, blieb aber ruhig: „Arabisch übersetzen fünf Minuten, Albanisch übersetzen fünf Minuten, Afghanisch eine Stunde!“

Unser Freund war nicht mehr zu stoppen.
„Kennt ihr Assad?“
Schluck. Ja, natürlich.
„Er macht am meisten Krieg in meinem Syrien! So viele tot jeden Tag! Ich hab kein Haus mehr, weißt du! Ich komm’ nicht nach Deutschland und ich sage, ich will das!“ Mit einem Schrei feuerte er die Wasserflasche quer durchs Zimmer und machte sich daran, den Schrank kaputtzutreten.

Und ich begriff etwas Wichtiges. Zuhören musste man. Zuhören und reden und helfen, um Schlimmeres zu verhindern. Ich sah diese Jungen hier vor mir. Sie waren wütend, sehr wütend. Und das zu Recht, denn sie konnten nichts für die Ungerechtigkeiten in ihren Heimatländern. Wenn niemand diese Wut sah und ernst nahm, wenn ihnen niemand etwas anbot, dann würde diese Wut irgendwann zu Hass werden und der würde fruchtbaren Boden finden und gedeihen…und sich schließlich gegen uns richten, gegen die, denen sie jetzt noch keine Vorwürfe machten.
Es brauchte nur einen Katalysator, ein paar Radikale, die die Jungen mit offenen Armen auffingen, ihnen zuhörten, einfache Lösungen bereitstellten…
Wem es gut geht, der braucht sich nicht in ein Paradies zu sprengen!

So dachte ich, während er raste. Er erzählte von toten Freunden und Verwandten, von geheimen Folterlagern, in denen Leute waren, die er kannte, von Zerstörungen und Nahrungsmittelknappheit. Er erzählte, dass er bis 2013 zur Schule ging. Dann wurde die Schule zerstört und er habe sich den Abiturstoff für Mathe, Chemie und Physik selbst beigebracht. Er könne es, aber er habe eben kein Abitur.
Wir hörten entsetzt und schweigend zu.

Zwei Jahre lang war er immer wieder unterwegs, irgendwo in den Kriegsgebieten, im Nirgendwo.
Er war eine Art Lehrer geworden, hatte Neunt- und Zehntklässler unterrichtet, die ebenfalls nicht mehr zur Schule gehen konnten. Damit hatte er sich das Notwendigste verdient.

Schließlich unterbrach ihn Habibi doch: „Das Buch!“
Sie erzählten uns von einem Buch, das sie schreiben wollten. Auf Deutsch. Der Anfangstext lag bei ihrem Lehrer. Es sollte von ihrem Leben, ihren Geschichten handeln und den Leuten erzählen, was in der Welt passiert. Alle Leute sollten das lesen.
Ich werde es lesen, schwor ich.

Ich weiß noch, dass wir irgendwann auf das Wort „Fehler“ kamen. Fehler, einen Fehler machen, du fehlst mir,… Wir schafften es nicht, das richtig zu erklären.
Habibi ging ein Licht auf: „Ich weiß es! Wenn ich in die Schule gehe und der Lehrer schaut, wer ist da und ich bin nicht da, dann bin ich der Fehler!“
Alle lachten.
Wunderschön war auch der „Sauberstab“ zum Putzen, der aus dem Zauberstab entstand – ja, auch in Syrien kennt man Harry Potter! – und „Hochen“, das ultimative Verb zu „Hochheben.“
Jedes neue Wort wurde fein säuberlich notiert, sie saugten alles in sich auf. Immer kam die Frage: Ist das ein Verb??? Und was ist das Nomen dazu?? Und energisch erklärten sie uns: „Sprache ist Nummer Eins! Sonst nix in Deutschland!“
Oh, wir lernten wirklich die nützlichsten Wörter zuerst: Schwert, töten, Arschloch, Gefängnis, Geheimnis…

Ein weiterer Bewohner trat in Erscheinung, sein Spitzname war Herr Infinitiv: „weil er immer ‚ich essen, ich gehen, ich sprechen‘ sagt“, erklärten die anderen lachend. Keiner hatte ihn kommen hören. Er war Albaner wie Habibi und nach außen hin recht schweigsam und mürrisch. Ich erinnerte mich an ihn durch das erste Cafeteriatreffen, aber er sich nicht mehr an uns.

Wir lernten also zusammen, halb erklärend, halb schauspielernd. Wir schrieben unsere Namen und Worte in verschiedenen Sprachen und es wurde viel gelacht. Zwischendurch rauchten sie alle. Vorzugsweise selbstgedrehte Zigaretten und Haschisch. Ich bewunderte Lisa für ihre lockere Art und ihre Offenheit, wie sie es gleich schaffte, den Kontakt mit den Jungs herzustellen und etwas zu bieten. Ich fühlte mich klein und grau und langweilig – talentfrei. Aber ich war auch sehr glücklich! Endlich hatte ich es geschafft. Endlich, nach mehreren Versuchen, war ich hier, in diesem Haus herzlich willkommen geheißen worden.
Zu keiner Zeit hatte irgendwer blöd geschaut oder dumme Fragen gestellt; dass wir behindert oder Frauen waren, interessierte sie überhaupt nicht! Wir wurden immer sehr respektvoll behandelt und die Gastfreundschaft war überwältigend.
Erst später lernte ich, dass auch diese Tradition ihre Schattenseiten hat und dass zwischen reinem Respekt und echter Wertschätzung ein tiefer Graben liegt.

Angelockt von unserem Geschrei kam noch ein Junge ins Zimmer und stellte sich vor. Oder besser: Er hüpfte! Es ging um das Wort „Schmetterling“, das Lisa erklären sollte.
„Hi!“, rief er zur Begrüßung, „Das ist Schmetterling, ja?! Das?“ Es sollte vermutlich ein Vogel sein.
Sie nennen ihn Clown, weil er wohl gern albern war. „Woher kommst du?“, fragte Lisa. „Aus meinem Zimmer!“ Wieder lachten alle.
Er kam auch aus Syrien.

Dann gingen wir mit ihnen hinunter zum Abendessen. Es war sehr laut und eng dort in der Küche, kein Wunder bei so vielen Leuten an einem einzigen, riesigen Tisch. Allerdings war nur noch eine Betreuerin anwesend. Die anderen hatten sich schon verabschiedet und dabei laut klargemacht, wie sehr ihnen das hier alles auf die Nerven ging. Darauf folgte ein derart furchteinflößendes, wütendes Zischen von der gesamten Schülerbank, dass ich froh war, zu wissen, auf welcher Seite ich stand.
Jemand schöpfte mir Soße auf den Teller und fragte dann freundlich: „Möchtest du Nudeln dazu?“
Fladenbrot wurde gereicht. Der Lärm war unglaublich. Ich aß und fühlte mich völlig überfordert in diesem Haufen. Und plötzlich wurde mir bewusst, dass ich hier der Fremdling war. Mit einem Mal mussten sie mich an ihrem Tisch „integrieren“ und nicht umgekehrt!

„Was machen wir denn an Weihnachten?“, fragte die Frau irgendwann in die Runde, als alle mit essen beschäftigt und daher etwas ruhiger waren. Ein genervtes Stöhnen lief den Tisch entlang. Weihnachten. Nicht auch noch das! Begeisterung klang anders.

Kurz darauf standen wir, Lisa, unser Freund und ich, im Flur und warteten auf Habibi und Herrn Infinitiv. Einer der anderen Jungs rannte an uns vorbei, erkannte unseren Freund, bremste scharf, drehte sich um und sah ihn seeehr giftig an. Er schaute nicht minder giftig auf ihn herab. „War Scheiße, was du gesagt hast, beim Gruppenabend, ja, Kollege? Finde ich scheiße! Hast keinen Respekt vor den Leuten. Nichts hast du!!! Kannst du nicht DANKE sagen!“ Der andere schoss leise zurück. Ich konnte nichts verstehen.
„Ja ok! Alles verstanden! Klären wir später!“, schrie unser Freund weiter, „ich komme!“ Es klang wie: Ja okay, wir prügeln uns später!
„Ich warte!“, kam es mit einer Beleidigung von der anderen Seite.
Und weg war der Kollege.

Wieder oben im Zimmer setzten wir unser Gespräch fort. Wir kamen auf Israel und auch das war ein großer Fehler. Sie brüllten vor Wut. Wir hatten ins Herz getroffen. In rudimentärstem Deutsch schleuderten sie uns die einfachste Zusammenfassung des Nahostkonflikts entgegen, die ich je gehört hatte:
„Was denkst du, wenn ich in dein Haus komme und zu deinen Nachbarn und ich sage, das ist jetzt mein Haus? Wenn ich noch hundert andere hole? Scheiße man, ich bring dich um!“

Sie hatten den Plan gefasst, irgendwann einmal das ganze Land auszulöschen, was uns natürlich nicht gefiel. Die Leute seien alle schlecht. Ich beschwor sie innig, das niemanden außerhalb des Zimmers hören zu lassen, ja in ganz Deutschland den Mund zu halten! Ich konnte sie verstehen, mehr als sie vielleicht glaubten. Auch ich würde lernen, ein ganzes Volk zu hassen, wenn dieses mein Land besetzte und die Welt bedrohte. Und trotzdem versuchte ich ihnen zu sagen: Tut nicht dasselbe! Ihr habt keine Chance, auch Palästina nicht! Nicht so! Lasst die Messer stecken, es sind sinnlose Opfer! Irgendwann, eines Tages wird das alles vorbei sein, denn nichts bleibt für immer. Irgendwann fallen auch Mauern, von denen man es nie gedacht hätte und am Schluss wird die Menschlichkeit siegen.
Doch ich konnte jetzt nichts bewirken. Was wusste ich schon, wie es sich wirklich anfühlte, so zu leben? Es war so absurd…
Ich kannte keinen Lösungsweg. Ich dachte nur an die vielen aufrichtigen Menschen, die ich kennenlernen durfte und elfjährige Jungen, die in den Straßen von Tel Aviv gerne Fußball spielten. Sie waren nicht weniger gut oder schlecht als diese Jungs hier! Ihnen wurde der Hass ebenso eingepflanzt wie den Generationen zuvor und solange das so war, würden auch die Giftmischer nicht abtreten müssen.
Nur langsam beruhigten sich die Gemüter. Nachhaltig böse schienen sie uns aber nicht zu sein.

Fortsetzung folgt
(den zweiten Teil finden Sie hier…)

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