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IQB-Studie: 15-Jährige sind besser in Englisch und Rechtschreibung als erwartet – vor allem in Schleswig-Holstein

BERLIN. Neuntklässler sind besser als erwartet in Englisch und auch etwas sicherer bei der Rechtschreibung. Luft nach oben gibt es noch beim Lernerfolg von Migrantenkindern. Die große Ländervergleichsstudie zur deutschen Schulbildung verzeichnet wieder Licht und Schatten. Aufsteigerland Nummer eins: Schleswig-Holstein.

15-Jährige standen im Fokus der IQB-Studie. Foto: Steven Leggett / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

15-Jährige standen im Fokus der IQB-Studie. Foto: Steven Leggett / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Die Schüler der 9. Klassen in Deutschland haben sich nach einer neuen Kompetenzstudie im Fach Englisch «deutlich verbessert», in Deutsch dagegen herrscht Stagnation. Das geht aus dem am Freitag in Berlin vorgestellten Ländervergleich «IQB-Bildungstrend 2015» der Kultusministerkonferenz (KMK) hervor.

Als positiv heben die Bildungsminister hervor, dass bundesweit zwei von drei Schülern die Regelstandards in deutscher Orthografie (Rechtschreibung) schon ein Jahr vor dem Mittleren Schulabschluss schaffen. In Englisch hätten etwa vier von zehn Schülern diese frühzeitige Kompetenz. In diesem Fach seien in Ostdeutschland «große Fortschritte erzielt» worden – obwohl vier dieser fünf Bundesländer bei der Englisch-Kompetenz Hörverständnis immer noch hinterherhinken.

Nach Ländern geordnet, kommt das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) im Vergleich zum ersten Deutsch/Englisch-Test 2008/2009 zu diesem Ergebnis: Bayern bleibt bei Bildungserfolgen an der Spitze, Schleswig-Holstein ist neben Sachsen Aufsteiger, Baden-Württemberg schwächelt, Bremen und Berlin sind weiterhin oft Schlusslichter.

Nach dem Absturz Baden-Württembergs will Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) den Fokus verstärkt auf Qualität und Leistungsorientierung legen. «Die Studie führt uns drastisch vor Augen, dass wir uns auf die Kernkompetenzen konzentrieren sollten, statt immer mehr Schulversuche zuzulassen», sagte die Ministerin am Freitag in Stuttgart. Die Schulreformen der vergangenen Jahre hätten den Lehrern Zeit und Aufmerksamkeit entzogen. Nun müssten mehr Ruhe und Stabilität in die Schulen einkehren.

Nach der IQB-Studie, die Eisenmann am Freitag in Berlin vorstellte, sackt der einstige Primus auf die hinteren Ränge ab: In den Fächern Deutsch und Englisch lag der Südwesten 2009 bezogen auf die Kompetenzen der Neuntklässler noch in der Spitzengruppe der Bundesländer; im Jahr 2015 war das Land in Deutsch auf hintere Ränge abgerutscht. In Englisch verbesserten sich die Leistungen hingegen, aber geringer als in allen anderen Ländern.

Immer noch ein Risikofaktor: die soziale Herkunft

Insgesamt bleibe in Deutschland «eine wichtige Aufgabe, den Zusammenhang von Bildungserfolg und sozialer Herkunft zu reduzieren», erklärte die KMK. Allerdings konnten immerhin im Deutsch-Kompetenzbereich Lesen die auf dem sozialen Hintergrund basierenden Unterschiede «bundesweit signifikant verringert» werden.

Zudem seien die Kompetenzunterschiede zwischen Schülern mit und ohne Zuwanderungshintergrund im Fach Englisch reduziert worden und damit nun «deutlich geringer als im Fach Deutsch». Hier müsse aber das sprachliche Lernpotenzial von Migrantenkindern besser ausgeschöpft werden, hieß es.

In der Studie wurde auch untersucht, ob sich die Neuntklässler in ihrer Schule wohlfühlen. «Die Ergebnisse zeigen, dass das Zugehörigkeitsgefühl insgesamt hoch ausgeprägt ist», und dies gelte für Schüler mit und ohne Migrationshintergrund, so das KMK-Fazit. Soziale Integration an deutschen Schulen gelinge also «sehr gut».

Das IQB organisiert den Ländervergleich als regionale Ergänzung des internationalen PISA-Tests seit 2008. Diesmal nahmen gut 37 000 Mädchen und Jungen der 9. Jahrgangsstufe aus über 1700 deutschen Schulen teil, vor acht Jahren waren es ähnlich viele. dpa

26 Kommentare

  1. Ich habe den Beginn grün-roter Bildungspolitik in BW noch miterlebt. Die vollkommene Ahnungslosigkeit in der Kultusverwaltung bzgl. der Tragweite eigener Entscheidungen war wirklich faszinierend. Ich erinnere mich z. B. noch, dass die für Gymnasien zuständigen KollegInnen im Ministerium ihre Büros wechseln mussten, damit die vermeintlich besten Räume für die Koordination der neuen Gemeinschaftsschulen zur Verfügung standen. Das hat die Verwaltung monatelang beschäftigt und war kein Einzelfall. Ressourcen ohne Ende flossen in die grün-rote Selbstbespiegelung statt in Unterricht und Schulverwaltung.

    Gerne denke ich auch an folgende Namen: Gabriele Warminski-Leitheußer, Margret Ruep, Peter Fratton.

    Oder an die Idee von Kultusminister Stoch, Lehrer müssten in den Ferien Betriebspraktika machen, um endlich das Leben kennen zu lernen.

    So spornt man eben das eigene Personal zur Leistung an.

    Wenn es stimmt, dass die Politik den BW-„Abstieg“ mit verschuldet hat (noch müssen Ursachen ja ermittelt werden), wäre das trotzdem eine echte Knallernachricht und eigentlich positiv. Was man schnell abwirtschaften kann, kann man auch wieder aufbauen. Und: Vielleicht spielen Lehrer, Verwaltung und Schulpolitik für Schülerleistungen doch eine größere Rolle, als man manchmal denkt. Das ist doch ein Grund, die eigene Arbeit ernst zu nehmen.

  2. Man muss abwarten. Nein, die Lehrer sind nicht unbedingt identisch, ungefähr 2008/09/10 ist in BW gerade die große Pensionierungswelle durchgerauscht. Also ist es zu früh für klare Ursachen-Behauptungen. Vielleicht haben auch Lehrer das lehren verlernt… Aber es spricht schon einiges für eine wichtige Rolle der Politik.

    • Wenn es an den Lehrern liegen würde, dann hätten die alten Hasen, die in den 1970er Jahren ihr Referendariat abgelegt hatten, einen wesentlich besseren Unterricht gemacht als die nachfolgende Generation, die Anfang des Jahrtausends studiert und Mitte des Jahrtausends ihr Referendariat durchlebt hatten. Konsequenterweise ist die Inputorientierung der 1970er Jahre wesentlich besser für die Schülerleistung als die Outputorientierung der 2000er Jahre. Die Auswirkungen der Kompetenzorientierung in egal welcher Richtung werden wir in einigen Jahren präsentiert bekommen. Ich hoffe, dass sich meine überaus negativen Befürchtungen nicht bestätigen.

      • Letztendlich egal, es zeigt sich doch nur, dass in den Bundeländern, in denen Lehrkräfte in erster Linie damit beschäftigt sind, Konzepte zu entwickeln, Curricula anzupassen und neue Kernlehrpläne umzusetzen – also in erster Linie mit Schulentwicklung beschäftigt werden – die zeit fehlt Unterricht zu machen. Also rutschen alle Länder, die in einer „systemrelevanten“ Umbruchphase sind, in den rankings ab.
        Dass ausgerechnet BY und SN – also die Länder, in denen nichts passiert weder die Inklusion umgesetzt wird (über 10% SuS an FöS), der Elternwile bei der Schulformwahl ignoriert wird etc. – in den Rankings hervorgehoben werden.
        Auf der anderen Seite würde das nämlich auch den Erfolg von SH erklären, dort gibt es seit geraumer Zeit ein mehr oder weniger zweigliedriges Schulsystem bestehend aus GY und Regionalschulen, dass sich kontinuerlich entwickeln konnte, um so den Grundsätzen individueller Förderung gerecht zu werden.
        Förderkonzepte aufzustellen, umzusetzen und ggf. nachzusteuern, an aktuelle Gegebenheiten anzupassen braucht Zeit und vor allem keine Politiker, die im Zwei-Jahres-Rhytmus eine neue Sau durch’s Dorf treiben., weil sie einer neuen Bildungsstudie auf den Leim gegangen sind, bzw. meinen auf den medialen Hype, den solche Rankings auslösen, reagieren zu müssen , um so kulturpolitische Grabenkämpfe zwischen den Parteien auszulösen.

        • Zitat:
          „also die Länder, in denen nichts passiert“

          Die Schüler müssen also ausbaden, dass in einem Land etwas passiert??? Vielleicht „passiert“ dort nur das Falsche? Es wird sich in Zukunft zeigen.

          • Zukunft:
            Ich selbst bin einmal gespannt, wie sich die kompetenzorientierten Lehrpläne, deren Einführung mit diesem Schuljahr in Bayern in der Grundschule abgeschlossen ist und ab dem nächsten Schuljahr in der Sekundarstufe weitergeführt werden, auswirken.
            Schlecht finde ich es nicht, dass man erst einmal abwartet, wie Bayern es getan hat; wenn man später dran ist, da kann man aus den Fehlern der anderen lernen und zudem die Dinge genauer entwickeln. Schnellschüsse bringen meistens nichts, wie z.B. das G 8 gezeigt hat.

          • Ihrer Aussage bzgl. G8 stimme ich voll zu. Bayern war bei G8 ein Jahr schneller als NRW und hat es geschafft, die Umstellung noch mehr zu vermurksen als NRW.

            (Ich bin ausdrücklich für G8, aber gegen die Art der gewählten Umstellung.)

            Ich bin auch gespannt, welche Folgen die Kompetenzorientierung auf die Universitäten hat. In den Naturwissenschaften haben ich große Bedenken, weil abstraktes Denken oder naturwissenschaftliches Rechnen durch Gelaber ersetzt wurde, in Mathematik wurden abstraktes Denken und Beweise ersetzt durch Knöpfchendrücken auf einem grafikfähigem Taschenrechner und Gelaber über Pseudokontexte um Signalwörter herum.

          • BY kann mir mi seinen Testergebnisen den Buckel runter rutschen.

            Ersteinmal sortiert BY viele Schüler, die woanders auch ohne Inklusion Regelschüler aus. Wer an einer FöS unterrichtet wird, muss den gesamten Testzirkus nicht mitmachen.
            Der überwiegende Teil der Mittelschüler beendet seine Laufbahn nach der 9, somit fallen die ZP10 weg.
            Die wenigen Gymnasiasten liegen nicht so weit über dem Durchschnitt der anderen Bundesländer, die selbst auf den GY eine wesentlich höhere Heterogenität innerhalb der Schülerschaft zu verzeichnen haben.
            Der größte Teil der Abiturienten in BY sind Fachabiturienten an beruflichen Gymnasien, die ebenfalls nicht am Zentralabitur teilnehmen.
            Aufgrund des ausgewählten Anteiles der Schülerschaft, die an den Prüfungen teilnehmen, ist das Ergebnis Bayerns aus meiner Sicht nicht repräsentativ.
            Hinzu kommen die Tücken der Statistik. BY hat nur wenige große Städte mit mehr als 500.000 Einwohnern. In diesen Stadtregionen hat BY die gleichen Probleme wie andere Länder auch. Der Vorteil ist aber, dass in BY der überwiegende Teil der Schülerschaft an Mittelschulen im gesamten Land sitzt. Das ist für die Statistik ein unschätzbarer Vorteil.

          • @dickebank
            „Der Vorteil ist aber, dass in BY der überwiegende Teil der Schülerschaft an Mittelschulen im gesamten Land sitzt. Das ist für die Statistik ein unschätzbarer Vorteil.“
            Obige Aussage stimmt so nicht.
            Siehe Link:
            https://www.statistik.bayern.de/statistik/schulen/
            Die Hauptschulen wurden in „Mittelschulen“ umbenannt (den Begriff „Hauptschule“ gibt es in Bayern so gut wie nicht mehr), bieten allerdings eine 10. Klasse zur Erreichung des mittleren Schulabschlusses an.

          • Sie bieten an, in anderen Bundesländern – wie NRW – ist das 10. Schuljahr ein Pflichtschuljahr, weshalb auch alle SuS außer den Gymnasiasten und Förderschülern die ZP1ß mitschreiben müssen.

            Die Aussage, dass der überwiegende teil der Mittelschulen nicht in den bayrischen Großstädten sondern auf dem „platten Land“ liegt, wird ja auch von der Statistik nicht widerlegt.

            Wenn 90% der Mittelschulen in ländlichen Gemeinden und Städten kleiner 500.000 EW liegen und ein Durchschnittsergebnis bei Test von etwa der Schulnote 2,7 erreichen und 10% ein desaströses Ergebnis von 4,5, dann ist das allemal besser als wenn 35% der Schülerschaft aus Großstädten kommen und einen Durchschnitt von 4,5 erwirtschaften und 65% einen von 2,7.

            Dass auf dem Land eher kleinere Schulsysteme aufrecht erhalten werden als in Ballungsräumen, ist ebenfalls nicht von der Hand zu weisen.

          • Natürlich schummeln sich die Bayern an die Spitze. Welche Schüler ausgewählt werden, legt das IQB fest, nicht die Bayern. Falls die Leute am IQB ihre Arbeit richtig erledigen, sollte die Schülerschaft auch in Bayern repräsentativ ausgewählt worden sein. Ansonsten können Sie die komplette Studie in die Tonne klopfen.
            Übrigens ist das Fachabitur in Bayern ist ein Zentralabitur.

          • Validität von Daten. Es geht nicht um die Frage, ob die Bayern bewusst schummeln. Es geht um die ganz allgemeine Frage, ob die Daten als solche vergleichbar sind oder ob da Äpfel mit Birnen verglichen werden.

            Auffallen dabei, in Bayern gehen mehr Kinder auf Förderschulen und sind somit nicht Teil der Regelschülerschaft. In Bayern gibt es verbindliche Schulempfehlungen, die vorrangig vor dem Elternwillen bei der Anmeldung an eine weiterführende Schule sind. BY hat ein erfolgreiches System, Schüler über berufliche GY zum Fachabitur zu führen, allerdings ist die Zahl derjenigen, die ihre Schullaufbahn mit der AHR abschließen, signifikant geringer als in anderen Bundesländern. Die Pflichtschulzeit in BY endet am Ende des neunten Jahrganges einer Mittelschule mit dem HA, lediglich ein Teil (ca. 60% bis 65% machen das 10. Schuljahr, um den HSA oder den MSA zu erreichen).

            Das, worauf ich abgezielt habe, ist die Frage, ob die Leistungen vergleichbar sind, die die Schüler in Deutsch im neunten Schuljahr erbracht haben. Würde man die Kriterien, die in NRW festgesetzt worden sind, um Schulstandorte bezüglich ihres sozio-ökonomischen Umfeldes einzustufen, auf BY übertragen, würde festzustellen sein, dass ganz andere Voraussetzungen vorliegen, die Einfluss auf das Erbringen von Leistungen haben.

            Grundsätzlich spreche ich mich dagegen aus Bundesländer zu vergleichen und schulische Leistungen als Systemstreit zu missbrauchen. Wenn die Daten verglichen werden sollen, dann bitte die von Regionen, die vergleichbare Voraussetzungen bieten. Z.B. die „Medrobolregion“ Nürnberg mit dem Ruhrgebiet, die Oberpfalz mit dem Märkischen Kreis, die Städtelandschaft von Köln bis D’dorf mit dem Großraum München, das Münsterland und Oberbayern etc.. Aus meiner Sicht entstehen nur so Vergleichsräume, die verlässliche Datenmengen bieten, die entsprechende Aussagen bezüglich der Schülerleistungen verifizierbar machen un die Validität der Aussagen erhöhen würden.

            Innerhalb Bayerns bieten ja nicht einmal Bayern und Franken, obwohl sie den gleichen schulrechtlichen Bedingungen unterworfen sind, vergelichbare Voraussetzungen. Mich würde einmal eine Auswertung innerhalb Bayerns nach den beiden Landesteilen bzw. nach regionen interessieren. Der statistische Mittelwert ist uninteressant, interessanter wäre der Median bzw. die Kenntnis der jeweiligen Quartilsgrenzen, also innerhalb welches weteraumes bewegen sich die Leistungen der Hälfte der Schülerschaft.

            Die Form, in der die Medien die Aussagen von statistichen Untersuchungen, aufbereiten, erzeugt bei mir erhebliche Übelkeit. Und nicht nur bei mir, hier im Forum geht es vermutlich @xxx und anderen, die mehr als mathematische Grundkenntnisse haben, genauso

          • Ich fühle mich ob des Lobes von dickebank geehrt ;-).

            Ich lobe mal zurück: Sie schaffen es mit Ihrer naturwissenschaflichen Ausbildung und Ihrem Hintergrundwissen insbesondere zum Schulrecht diverse Artikel zu ergänzen oder (aus Ihrer Sicht) kritisch zu hinterfragen.

          • Sehr wohl sind die Leistungen der Schüler vergleichbar. Es werden ja nicht Schulformen mit einander verglichen sondern Schüler. Alle diese Schüler mussten dieselben Aufgaben lösen – war daran ist nicht vergleichbar???

          • GriasDi: Sie haben Recht, wenn _alle_ Schüler dieselben Aufgaben lösen mussten und die Verteilung der Schülerleistungen in jedem Bundesland dieselbe ist. Das ist aber nicht gegeben, weil die Förderschüler außen vor waren und Sie schwerlich das eher ländlich geprägte Bayern mit dem Berliner Großstadtmileu vergleichen können.

          • Das muss aber dann in die Interpretation einfließen und nicht in den Befund. Zunächst können Schüler im Bundesland x besser lesen als im Bundesland y – dies der Befund. Woran das liegt, darüber lässt sich streiten. Das heißt, wenn Bayern vorne liegt ist das nicht der Rede wert. Wenn allerdings ein Bundesland aufsteigt, dann muss man sich sehr wohl fragen, woran das liegen könnte. Und wenn es nur die Ruhe vor reformwütigen Politikern ist, dann ist dies auch eine gute Erkenntnis.

          • Die Schülerleistungen sollen vergleichbar sein, die Lehrpläne bzw. Kernrichtlinien nicht?
            Die KMK einigt sich doch nur auf grundlegende Kompetenzen, die die Schulen der Bundesländer vermitteln sollen. Welches Bundesland in welchem Jahrgang was macht, ist doch überhaupt nicht verbindlich geregelt.
            Geben Sie einem Nordrhein-Westfalen in Klasse 9 eine Zinseszinsrechnung und Sie werden Ihr blaues Wunder erleben. Der Nicht-Gymnasiast versteht nämlich nur Bahnhof, da er „Wachstum“ erst im 10. Jahrgang kennen lernt.
            Das weitaus größere Problem ist aber, dass heute in den Naturwissenschaften und Mathematik Aufgaben Kontext bezogen sein müssen. Das bedeutet, die eigentliche Aufgabe, die jeder einigermaßen mathematisch beschlagene Schüler in Null-Komma-Nix lösen könnte, wird in einer Bleiwüste (umfangreichen Text) dergestalt versteckt, dass selbst „Kartoffeln“ (Biodeutsche) den text mehrfach lesen müssen, um die Aufgabenstellung zu ergründen. Die gleiche Aufgabe als Teil eimer „Päckchenrechenaufgabe“ lösen drei Viertel einer Klasse ohne größere Fehler. In der vorliegenden, Kontext bezogenen Form allenfalls ein Drittel. Selbst einem Drittel der „biodeutschen“ Kindern fehlt der Wortschatz, um die Aufgabenstellung verstehen zu können.

            Aber wir müssen nur noch etwas abwarten, die Kompetenzorientierung steht derzeit unter mächtigem Beschuss aus Universitäten und der Industrie. (Die jüngere Generation kann komplexe Themen wunderbar moderieren und präsentieren, ihr fehlt lediglich das grundlegende Rüstzeug – die Fähigkeiten und Fertigkeiten – die vorgestellte Problematik ansatzweise zu begreifen und Lösungsansätze zu finden.)

          • @GriasDi „Das muss aber dann in die Interpretation einfließen und nicht in den Befund.“
            Warum erinnert mich das jetzt an das Bild von Ihnen mit einem Fuß in eiskaltem Wasser und dem anderen auf glühenden Kohlen? Ihre Feststellung, dass die mittlere Temperatur, die Sie empfinden, auf Fakten beruht, Ihre Schmerzen somit lediglich eine Frage der Interpretation der Daten sind, lässt mich bei dem Bild stark schmunzeln.

            Trotz NRW-Abi – allerdings zu Zeiten als ein bayrisches noch mit einem Malus bei der ZVS versehen wurde – kann ich mir die Feststellung, das bayrisches Selbstwertgefühl und bayrische Realität mitunter weiter auseinander klaffen, nicht verkneifen.

          • Richtig: Schmerzempfinden ist Interpretationssache und von Individuum zu Individuum verschieden.
            Jedes Bundesland muss sich halt fragen, ob es was zu ändern gibt und wenn ja, wie man es ändern kann.
            Ich bin ja gespannt, was Sie sagen, wenn in den nächsten Studien NRW weit vor Bayern liegt, was ja nicht mehr lange dauern kann.

  3. Dickebank hat völlig Recht mit seinen Aussagen über das bayerische Schulsystem. FOS – da machen ganz viele ihr Abitur, das war schon vor 30 Jahren so, als ich in Bayern studiert habe. Mit einem schulpflichtigen Kind (2.Klasse) haben wir von Bayern nach BaWü gewechselt. Von den Anforderungen, aber mehr noch der Arbeitsweise her, kam es uns so vor, als wäre die Klasse in Bawü ein Jahr weiter. „Ausländeranteil“ in der Grundschule in Bayern: 5 Schüler in der ganzen dreizügigen Schule. Schüler mit Migrationshintergrund in BaWü: Von 26 SuS in der Klasse hatten 17 einen Migrationshintergrund. Meine Tochter wurde von den Mitschülern erstmal wegen ihres Aussehens für eine Türkin gehalten. Der Stadtteil ist allerdings besonders multikulturell. Das ist jetzt ein Einzelfall und überhaupt nicht repräsentativ, aber nur ein Beispiel dafür, dass bayerische Schulbildung nicht automatisch besser ist.
    Die Anforderungen in dieser badenwürttembergischen Grundschulklasse waren trotz der vielen Kinder mit Migrationshintergrund weitaus höher als in der bayerischen Dorfidylle im Fünfseenland.

    • Kommt vielleicht auch darauf an, was man unter „weitaus höheren Anforderungen“ versteht. Da scheinen mir auch Lehrer unterschiedliche Schwerpunkte zu setzen und verschiedene Maßstäbe anzulegen.
      Sogar Welt-, Lebens- und Gesellschaftsvorstellungen spielen meiner Meinung nach bei der Beurteilung eine Rolle.

      • Ja klar, die Schule soll zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben der Zivilgesellschaft und am Wirtschaftsleben als Konsument und Anbieter der eigenen Arbeitsleistung befähigen.
        Die nicht vorhandenen von Eltern vermittelten Welt-, Lebens- und Gesellschaftsvorstellungen führen ja dazu, dass die Kinder und Jugendlichen selbst die „angepassten Anforderungen“ nicht bewältigen können. Die Zeit, die benötigt wird Schülern zu vermitteln, wie sie sich methodisch Wissen aneignen können, fehlt halt zur Wissensvermittlung
        „Think-pair-share“ ist eine super Methode, um konplexe Sachverhalte zu erarbeiten. Nur ich muss ansatzweise eine Vorstellung haben, in die ich die neuen Erkenntnisse einbauen kann. Was nutzt es Ihnen zu wissen, dass ein Automobil eine selbstfahrende Kutsche ist, wenn Sie nicht wissen was eine Kutsche ist. Fragen Sie doch einmal eine 15-jährigen und seine Mutter, was der Antrieb eines Fahrrades ist. Spätestens bei der Nachfrage, wie das denn bei einem Auto ist, werden Sie Motor hören. – Und das ist technisch gesehen Mist, um nicht grundliegend falsch zu sagen
        Es gibt einen Unterschied zwischen Kraftquelle (Motor, Muskelkraft) und Kraftübertragung (Getriebe). Und bei letzterem gibt es Antrieb und Abtrieb. Und spätestens bei diesem Begriff schreien dann die christlichen Fundamentalisten auf und drohen mit Exkommunikation.

  4. Ich möchte meine Erfahrung überhaupt nicht pauschalisieren. Meine Tochter hatte wohl auch zufälligerweise 2 extrem unterschiedliche Lehrerinnen. Die bayerische schwor auf Freiarbeit, die baden-württembergische auf Päckchenrechnen und jeden Donnerstag Klassenarbeit. Vielleicht musste sie auch so strickt sein, um diese schwierige Klaase zu händeln. Von 26 SuS gingen ja auch nur 7 oder 8 aufs Gymnasium. Eigentlich wollte ich ausdrücken, dass man keine pauschalen „Bundeslandurteile“ fällen kann. Ich kenne Bayern und BaWü von Mutter- und Lehrerseite her. Eigentlich war der Wechsel für mich so, als hätte ich bloß die Schule gewechselt. Größere Unterschiede kamen dann durch die Kompetenzorientierung der baden-württembergischen Lehrpläne, die aber jetzt in Bayern auch anlaufen.

  5. So kann man es sehen.

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