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„Wir dürfen die Lehrer nicht allein lassen“: PISA-Chef Andreas Schleicher zeigt im N4t-Interview Verständnis für überlastete Schulen

PARIS. In der kommenden Woche – am Nikolaustag – ist es wieder so weit: Die Industrieländervereinigung OECD präsentiert die Ergebnisse der größten Bildungsstudie der Welt. Gemeint ist das „Programme for International Student Assessment“, kurz PISA. News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek sprach im Vorfeld mit dem verantwortlichen OECD-Direktor Prof. Andreas Schleicher über erfolgreiche Schulreformen in Deutschland – und Herausforderungen, die uns noch lange beschäftigen werden.  

Leitet PISA von der ersten Erhebungsrund 2000 an: Andreas Schleicher. Foto: TED Conference / flickr (CC BY-NC 2.0)

Leitet PISA von der ersten Erhebungsrund 2000 an: Andreas Schleicher. Foto: TED Conference / flickr (CC BY-NC 2.0)

News4teachers: Was hat Deutschland seit dem PISA-Schock vor 15 Jahren erreicht?

Schleicher: Da gibt es mehrere Punkte. In Deutschland ist das frühkindliche Lernen mittlerweile gut etabliert. Das bietet die Chance, soziale Herausforderungen auszugleichen, aber auch Talente möglichst schon in den ersten Lebensjahren zu finden und zu fördern. Das ist ein wichtiger Beitrag zu mehr Chancengerechtigkeit. Darüber hinaus hat sich auch an den Schulen viel getan – bei der Lehrerfortbildung etwa, oder im Bereich der Schulautonomie. Wichtig auch: Deutschland hat mit den nationalen Bildungsstandards klare Zielvorstellungen entwickelt, die für alle 16 Bundesländer gelten. Das ist von sehr großer Bedeutung. Auch, dass diese Standards sich an Kompetenzen orientieren, ist ein enormer Fortschritt. Es geht nicht mehr nur um Wissensvermittlung, sondern um die Frage: Was tun die Schülerinnen und Schüler mit dem Wissen?

News4teachers: Die Kompetenzorientierung ist aber nicht unumstritten. Kritiker wenden ein, dass das Niveau im Unterricht verflacht, wenn Wissen weniger zählt.

Schleicher: Es ist umgekehrt – reines Wissen zu vermitteln, ist viel leichter. Natürlich geht es nicht ohne einen Grundstock an Strukturwissen, ohne den sich keine sinnvolle Google-Abfrage starten lässt. Solches Oberflächenwissen hilft aber nur sehr begrenzt. Dazu kommen muss ein konzeptionelles Verständnis von den Dingen, die eine Einordnung und eine Entwicklung erlauben. Wissen verändert sich. Wir können ja nicht vorhersehen, mit welchen Aufgaben die heutigen jungen Menschen in der Zukunft konfrontiert sein werden. Schule darf Kinder nicht in unserer Welt gefangen halten, sondern muss ihnen ermöglichen, ihre eigene Welt zu schaffen. Sie müssen dafür in der Lage sein, Gelerntes auf unbekannte Zusammenhänge kreativ zu übertragen. Darum geht es beim kompetenzorientierten Unterricht.

Newsteachers: Was bleibt für Deutschland zu tun?

Schleicher: Das Thema Chancengerechtigkeit ist weiter eine große Herausforderung. Deutschland muss hier am Ball bleiben. Die Reformdynamik nach PISA 2000 ist wieder abgeflacht, schon ab 2009 waren nur noch wenige Veränderungen spürbar. Dabei wächst die Vielfalt in den Klassenzimmern. Bei unserer aktuellen PISA-Erhebung haben wir, die Daten stammen aus 2015, ja schon viele Flüchtlingskinder mit dabei. Der Umgang mit Heterogenität ist für Deutschland das Kernthema. Gewöhnliche Schüler haben außergewöhnliche Fähigkeiten, und diese Fähigkeiten müssen wir erkennen und fördern. Deutschland kann hier viel von anderen Ländern, etwa von Kanada oder den Niederlanden, lernen. Es wäre beispielsweise ein großer Fehler, das Leistungspotenzial von Schülern mit Migrationshintergrund zu unterschätzen und zu vernachlässigen. Damit würden wir enorme Chancen verschenken.

News4teachers: Haben Sie Verständnis für die Klagen von Schulen, die sich – Stichwort: Inklusion – alleingelassen fühlen?

Schleicher: Ja, schon. Die zunehmende Heterogenität macht ein individuelleres Arbeiten notwendig. Die Ansprüche an Diagnostik und Förderung wachsen. Um das hinzubekommen, benötigen Lehrer aber auch zeitliche Ressourcen, etwa für einen systematischen Austausch im Kollegium, für die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts. In Schanghai etwa haben Lehrer bis zu 50 Schüler in der Klasse, und zwar Kinder aus allen Schichten, unterrichten aber nur elf bis 16 Stunden in der Woche. Wir müssen auch neu über Unterstützungssysteme nachdenken. Wir benötigen in den Schulen multiprofessionelle Teams, zu denen dann zum Beispiel auch Sozialarbeiter und Schulpsychologen gehören sollten.  Wir dürfen die Lehrer nicht allein lassen.

News4teachers: Welche Rolle spielen die Schulleitungen bei der Entwicklung der Schulen?

Schleicher: Sie sind das A und O. Schulleitungen haben heute sehr viel mehr Freiraum, aber das heißt auch deutlich mehr Verantwortung. Personalentwicklung zum Beispiel war früher eine Aufgabe der Ministerien. Heute gehört sie zu den Kernaufgaben eines Schulleiters oder einer Schulleiterin, und das ist wichtig: Wer Schule entwickeln will, muss die Menschen darin bei ihrer Entwicklung begleiten.

News4teachers: Lange hat die OECD Deutschland dafür kritisiert, dass hierzulande angeblich zu wenige junge Menschen einen akademischen Abschluss erreichen. Zuletzt hat die OECD Deutschland ausdrücklich für sein Duales System und seine niedrige Jugendarbeitslosigkeit gelobt. Ist das nicht ein Widerspruch?

Schleicher: Beides ist richtig. Das Duale System bietet einen hervorragenden Berufseinstieg, ja. Aber dieser Erfolg darf uns den Blick für die Realität nicht verstellen – Akademiker haben einen großen Gehaltsvorteil, und der ist in den vergangenen Jahren nochmal enorm gewachsen. Die langfristigen Berufsaussichten bleiben für Hochschul-Absolventen gut. Deutschland muss die Bereiche stärker miteinander verzahnen, etwa durch eine Stärkung des Dualen Studiums.

 

Hintergrund: Zur Person
Lobt die deutschen Schulen dafür, die Gruppe der Leistungsschwachen verkleinert zu haben, aber ... : Andreas Schleicher. Foto: re:publica / flickr (CC BY-SA 2.0)

Lobt die deutschen Schulen dafür, die Gruppe der Leistungsschwachen verkleinert zu haben, aber … : Andreas Schleicher. Foto: re:publica / flickr (CC BY-SA 2.0)

Andreas Schleicher (52), ein in Hamburg geborener Bildungsforscher bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris, ist für viele „der PISA-Papst“. Als Internationaler Koordinator leitet er das Programme for International Student Assessment (PISA). Schleicher – der später sein Abitur mit der Traum-Durchschnittsnote 1,0 ablegen sollte – war von seiner Grundschule als ungeeignet fürs Gymnasium eingeschätzt worden; seine Eltern widersetzten sich damals der Empfehlung. Schleicher gilt als Kritiker des deutschen gegliederten Schulsystems.

 

2 Kommentare

  1. …. früher musste ein Lehrer gut erklären können, heute muss er über KDKK verfügen… (KDKK= Kompetenzdefizitskompensationskompetenz)..

  2. Komischerweise sagt uns die Hirnforschung, dass Neues besser gelernt wird, wenn es mit Altem in Verbindung gebracht werden kann. Mit je mehr Altem das Neue in Verbindung gebracht werden kann, desto besser prägt sich das Neue ein. Warum wird also auf Wissen kein Wert mehr gelegt? Soll Neues keine Anknüpfungspunkte mehr finden?

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