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Gut gemeinter Ratschlag älterer Menschen an den Nachwuchs? – Seniorenunion für generelles Handyverbot an Schulen

BERLIN. Die Seniorenunion will als Konsequenz aus dem jüngsten TIMMS- Vergleich ein generelles Handyverbot an deutschen Schulen. Stoßen die Senioren damit bei Experten durchaus auf offene Ohren, reagiert der Branchenverband Bitkom abschätzig. Die Realität an deutschen Schulen lässt ein einfaches Verbot wenig realistisch erscheinen und der Trend geht nicht erst seit Johanna Wankas angekündigtem Digitalpakt in die andere Richtung.

Das Thema Smartphones im Klassenzimmer ist an vielen Schulen ein Dauerbrenner. Eltern fürchten, dass ihre Kinder in Chatgruppen gemobbt werden. Lehrer sind genervt, wenn die Aufmerksamkeit von Schülern von den kleinen Computern aufgesogen wird. Nun sind mit der jüngsten TIMSS-Bildungsstudie auch noch besorgniserregende Mathe-Probleme an Deutschlands Grundschulen deutlich geworden. Zeit für ein Handyverbot an Schulen?

Kinder werden zu früh in eine Welt hineingeworfen, die sie zum Spielball der Technik macht, findet der Seniorenunionsvorsitzende Otto Wulff. Ein Handyverbot an Schulen könnte ihnen dabei helfen, die nötige Ruhe für Ideen, Träume zu haben Foto: Intel Free Press / flickr (CC BY-SA 2.0)

Kinder werden zu früh in eine Welt hineingeworfen, die sie zum Spielball der Technik macht, findet der Seniorenunionsvorsitzende Otto Wulff. Ein Handyverbot an Schulen könnte ihnen dabei helfen, die nötige Ruhe für Ideen, Träume zu haben Foto: Intel Free Press / flickr (CC BY-SA 2.0)

Für Otto Wulff ist die Sache klar – der Vorsitzende der Senioren-Union ist für ein Verbot. Die Kinder würden durch Handys zu stark abgelenkt. Als er neulich in einer Schule war, erzählt Wulff, traf er sechs Jungen zwischen 11 und 14 Jahren. «Sie sprachen kein Wort miteinander», sagt der 83-Jährige. «Alle hatten ein Handy in der Hand. Wie wollen die Kinder da kommunizieren lernen?»

Der CDU-Politiker betont, er habe nichts gegen die Technik. Sein Handy schalte er aber oft aus. Das ist für ihn auch eine Freiheit. Bei den Kindern geht es ihm um Leistungen, um Konzentration – aber auch um Freiräume. «Wir müssen den Kindern schöpferische Ruhe verschaffen», so Wulff. Man müsse den Kindern helfen, die nötige Ruhe für Ideen, Träume zu haben. So etwas komme sonst gar nicht auf. «Wenn man permanent abgelenkt wird, geht das Gespür dafür verloren, sich um die Umgebung zu kümmern, zu horchen, was drumherum ist.» Wulff fürchtet falsche Weichenstellungen für Kinder. «Sie werden zu früh in eine Welt hineingeworfen, die sie zum Spielball der Technik macht.»

Im Unterricht müsse der Schwerpunkt wieder stärker auf Basisqualifikationen wie Rechnen, Schreiben und Lesen gelegt werden, sagte der 83-Jährige. «Es ist ein unhaltbarer Zustand, wenn im Land der Ingenieure nicht mehr die Basisqualifikationen vermittelt werden, die am dringendsten benötigt werden», sagte Wulff. Auch müsse der Leistungsgedanke an Schulen wieder einen höheren Stellenwert erhalten.

Der Vorstoß der Seniorenunion erscheint aus der Zeit gefallen. Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) hatte erst im Oktober angekündigt, fünf Milliarden Euro lockerzumachen, um die 40 000 Schulen computertechnisch aufzurüsten. Mit dem Deutschen Lehrerpreis wurde im Herbst ein Projekt aus Freiburg ausgezeichnet, bei dem Schüler den Nutzen von Smartphones im Unterricht erkunden. Und die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, die Bremer Senatorin Claudia Bogedan, sorgte mit dem Aufruf für den Gebrauch von Smartphones im Unterricht für Schlagzeilen.

KMK-Präsidentin Bogedan: «Handyverbote sind von gestern»

Doch geht die digitale Euphorie nicht an den Problemen vorbei? Der Wuppertaler Lehrer und Autor Arne Ulbricht wirbt für ein Handyverbot. «Schüler schauen im Unterricht ständig aufs Smartphone und haben, wenn man sie aufruft, keine Ahnung», so Ulbricht bei Spiegel Online. «Für die meisten Schüler hat das verheerende Folgen.»

Der Deutsche Philologenverband hält nichts von einem Verbot. «Das ist eine Geisterdebatte», sagt sein Vorsitzender Heinz-Peter Meidinger. Im Unterricht seien Handys ohnehin meist verboten – Lehrer könnten sie aber etwa für bestimmte Recherchen erlauben.

Smartphones im Unterricht auszuschalten hält Meidinger für sinnvoll. Doch geschätzt zu 80 bis 90 Prozent umgingen die Schüler entsprechende Vorgaben – und schalteten nur auf stumm. «Ein Verbot geht an der echten Lebenssituation vorbei, da müsste man den Schülern die Geräte schon abnehmen.» Zur Kontrolle bräuchte man am Ende aber noch Leibesvisitationen und Taschenkontrollen – das wolle niemand. Und es sei auch juristisch heikel. Ganz abgesehen davon, dass Eltern ihre Kinder auch oft zumindest in Pausen erreichen können wollten.

Der Digitalverband Bitkom hat für Otto Wulff eher ein müdes Lächeln übrig. «Wir verstehen den Vorschlag der Senioren-Union als gut gemeinten Ratschlag älterer Menschen an den Nachwuchs», sagt Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder. 69 Prozent der Älteren nutzten kein Smartphone. Dagegen gebrauchten 72 Prozent der Kinder und Jugendlichen in der Schule ein Handy oder Smartphone. Mobile Geräte müssten sinnvoll in den Unterricht integriert werden. Sie ermöglichten individuelles Lernen. «Wer ein Handyverbot an Schulen fordert, frustriert Schüler und verbaut ihnen Bildungschancen.»

Das von Meidinger selbst geleitete Gymnasium im bayerischen Deggendorf, zieht demnächst um – in ein Gebäude, das auch in digitaler Hinsicht Vorzeige-Charakter hat. Im alten Haus aus den 70er Jahren sind einige Unterrichtsräume extra fensterlos. «Das hat man damals gemacht, damit die Fenster die Schüler nicht ablenken», sagt er. «Heute sieht niemand mehr in Fenstern ein Ablenkungsrisiko.» Viele Lehrer wären wohl froh, würden die Schüler nur verträumt in den Himmel gucken. (Basil Wegener, dpa)

Hintergrund: Was hinter dem Angebot von Wanka steckt, die Schulen mit Computern auszustatten

14 Kommentare

  1. Ich unterstelle mal, dass ein 83-Jähriger möglicherweise noch ein Handy zum Telefonieren besitzt, sich aber im Bezug der Internetnutzung nicht mal im Ansatz klar darüber ist, was Jugendliche heute damit anstellen, und sich daher mit allen positiven und negativen Aspekten nicht auseinandersetzen kann.
    Und wenn man keine Ahnung hat, dann sollte man auf ein „früher war alles besser“ oder damit verwandten Unsinn einfach verzichten und einfach mal gar nichts sagen. Technologiefeindlichkeit hat die Menschheit noch nie weitergebracht.

    Und wenn bei dem „Wuppertaler Lehrer und Autor Arne Ulbricht“ die Schüler im Unterricht ständig auf ihr Smartphone schauen, dann hat entweder er selbst oder seine Schule insgesamt versagt. Wer bei mir im Unterricht auf sein Smartphone schaut, der sitzt eine Stunde nach oder – falls er Oberstufenschüler ist – fliegt raus. Das wird von der Schulleitung unterstützt und somit existiert das Problem nicht wirklich (3-4 Fälle pro Schuljahr). Und ja, es wird eine Dunkelziffer geben, aber auch die dürfte sehr überschaubar sein.

    • Nun, wenn Sie den Artikel nochmal aufmerksam lesen, können Sie feststellen, dass Herr Wulf die dummen Bemerkungen nicht geäußert hat, die Sie ihm vorwerfen, weder Technologiefeindschaft noch „früher war alles besser“. Aber wie Meidinger (und vielleicht Sie?) halte auch ich „Handyverbot“ für einen unscharfen Begriff und, wörtlich genommen, für nicht durchsetzbar. Dagegen sind klar umrissene und gut überlegte Nutzungsverbote notwendig und hilfreich, das scheint ja auch bei Ihnen so üblich zu sein.

  2. „…Bitkom hat für Otto Wulff eher ein müdes Lächeln übrig“. Wenn man den Sumpf trockenlegen will, darf man nicht die Frösche nach ihrer Meinung fragen. Die Schule ist für die Schüler ihr Arbeitsplatz; die Schule ist kein Jugendclub, kein lustiger Treff mit zeitweiser Störung durch Lehrer, sondern schlicht und einfach der Arbeitsplatz mit den entsprechenden dort geltenden Spielregeln. Man zeige mir bitte den Arbeitsplatz, wo die Angestellten permanent mit ihren Telekommunikationsgeräten private Mitteilungen empfangen und verschicken oder irgendwelche Spielchen spielen dürfen. Und welche Folgen der Missbrauch des Handys am Arbeitsplatz im Extremfall haben kann, zeigt drastisch das Bahnunglück in Bad Aibling. Noch Fragen?

    • Da habe ich eine Reihe voin Fragen:
      1. Wieso sollten Schüler in den Pausen nicht ihr Smartphone nutzen?
      2. Sehen sie nicht vielleicht doch einen Unterschied zwischen Arbeitsplatz und Schule und sei es nur der, dass man den Arbeitsplatz immer freiwillig annimmt, die Schule aber ansich eine Zwangsveranstaltung ist?
      3. In wiefern kann es bei der (meist untersagten) Handynutzung im Unterricht zu Unglücken mit Dutzenden Toten kommen?
      4. Gibt es nicht vielleicht doch Arbeitgeber, die Internetzugang auch mit privaten Geräten erlauben, wenn dies der Arbeitsleistung förderlich erscheint?

      • zu 1) Niemand will/kann die Schule zu einer handyfreien Zone machen.
        zu 2) Sollte die Schule die Schüler nicht aufs „richtige Leben“ vorbereiten?
        zu 3) Ironie angekommen, wenn auch vielleicht unpassend
        zu 4) Selbstverständlich kann es sinnvoll sein, Smartphones im Unterricht gezielt
        einzusetzen. Bitte oben nochmal genau lesen: „… private Mitteilungen empfangen
        und verschicken oder irgendwelche Spielchen spielen…“

        • zu 1) Doch, darum geht es doch in dem Artikel:

          „Zeit für ein Handyverbot an Schulen? Für Otto Wulff ist die Sache klar – der Vorsitzende der Senioren-Union ist für ein Verbot. “

          zu 2) Ein Arbeitsplatz mit allen Rechten, Pflichten und Konsequenzen bei Verstößen, das sollen Jugendliche zwar lernen, aber es sind halt Jugendliche, an die ein anderer Maßstab als an Erwachsene angelegt werden muss. Insbesondere, wenn ein Kind in der Pubertät ist.

      • @ Küstenfuchs: Seit SuS das Handy in der Schule nicht mehr benutzen dürfen, unterhalten sie sich wieder in den Pausen miteinander. Das sollten sie nicht verlernen. Wie oft wird z.B. per whatsapp „Schluss gemacht?“ Ist ja auch ganz einfach.

  3. Ich bin keine Lehrerin, aber Mutter von zwei Grundschülerinnen. Handys haben meiner Meinung nach nur dann was im Unterricht zu suchen, wenn sie dafür genutzt werden sollen. Sonst haben sie aus zu sein. Konzepte für eine gute Nutzung digitaler Geräte im Unterricht und eine entsprechende Ausstattung der Schulen bzw. Qualifikation der Leherer habe ich in unserem Einzugsbereich noch nicht gesehen (Unterfranken). Den Vergleich mit der Arbeitsstätte finde ich so falsch nicht.

    Warum um Himmels Willen sollte ich meine Töchter in der Pause erreichen wollen? Entweder reicht es, wenn sie meine Mitteilung nach der Schule erreicht oder es ist so was Schlimmes passiert, dass ich sowieso über das Sekretariat gehen würde, damit sie die Nachricht nicht „einfach so“ mitgeteilt bekommt.

  4. @ Anke, ich stimme Ihnen zu.

  5. Zitat: „Im Unterricht müsse der Schwerpunkt wieder stärker auf Basisqualifikationen wie Rechnen, Schreiben und Lesen gelegt werden, sagte der 83-Jährige. «Es ist ein unhaltbarer Zustand, wenn im Land der Ingenieure nicht mehr die Basisqualifikationen vermittelt werden, die am dringendsten benötigt werden», sagte Wulff. Auch müsse der Leistungsgedanke an Schulen wieder einen höheren Stellenwert erhalten.

    EINVERSTANDEN !!!

    • Aber Wulff setzt Lesen, Rechnen und Schreiben in den Gegensatz zu Smartphonenutzung. Und dieser Gegensatz will mir nicht einleuchten.

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