Startseite ::: Praxis ::: 50.000 Jugendliche pro Jahr scheitern an der Schule – und landen in der Arbeitslosigkeit. Können wir uns das leisten?

50.000 Jugendliche pro Jahr scheitern an der Schule – und landen in der Arbeitslosigkeit. Können wir uns das leisten?

Vom Risikoschüler zum Schulabbrecher ohne Abschluss zum «Loser» auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt: Für bundesweit knapp 50.000 Jugendliche pro Jahr ist das eine so traurige wie realistische Perspektive. Mal abgesehen vom volkswirtschaftlichen Schaden durch quasi programmierte Arbeitslose: Deutschland hat auch ein Gerechtigkeitsproblem, wenn sein Bildungssystem nicht verhindert, dass so viele junge Leute «ganz ohne Schulabschluss unten rauspurzeln», wie Bertelsmann-Stiftungsvorstand Jörg Dräger sagt.

Sozialstudie: Viele junge Erwachsene sind von Armut bedroht; Foto: IvanClow / Flickr (CC BY-NC 2.0)

Wer in der Schule scheitert, hat auf dem Arbeitsmarkt faktisch keine Chance. Foto: IvanClow / Flickr (CC BY-NC 2.0)

Genau dieser Problem-Klientel widmet sich die am Mittwoch präsentierte Bildungsstudie «Chancenspiegel 2017» im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung – neben erfreulicheren Themen wie dem Ausbau der Ganztagsschulen, dem Weg von immer mehr Jugendlichen zum Abitur und der zunehmenden Integration von Sonderschülern. Die Abbrecher-Quoten sind zwar besser als nach dem «PISA-Schock» vor 15 Jahren, aber sie werfen immer noch ein düsteres Licht auf den engen Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungserfolg in Deutschland.

Manche Bundesländer müssen sich fragen lassen, ob sie genug getan haben für ihre oft aus schwierigen oder prekären Verhältnissen stammenden Risikoschüler mit mangelhaften Grundkenntnissen. In Sachsen-Anhalt (9,7 Prozent) und Berlin (9,2) ging nach den derzeit aktuellsten Daten 2014 fast jeder zehnte Jugendliche ohne Abschluss von der Schule. Bayern (4,5), Hamburg, Hessen und Niedersachsen (je 4,9) standen indes gut da. Womit klar ist: Die politische Färbung eines Landes entscheidet nicht darüber, ob potenzielle Schulversager mehr oder weniger erfolgreich intensivbetreut werden.

Wann, wenn nicht jetzt? Gebt Lehrern endlich die Unterstützung, die sie brauchen!

In Schleswig-Holstein, als neuer Musterknabe der Bildungspolitik zuletzt hoch gelobt, war die Quote mit 7,6 Prozent mittelmäßig. Hier könne sich ein großes Landesprogramm («Kein Kind zurücklassen») aber noch auszahlen, sagt der Jenaer Bildungsforscher Nils Berkemeyer. In Baden-Württemberg, über viele Jahre Spitze in puncto Bildungspolitik, zeigte die Leistungskurve zuletzt nach unten – zu viele hektische Reformen in kurzer Zeit, vermuten Schulentwicklungsexperten wie der Dortmunder Professor Wilfried Bos.

Bundesweit ist der Anteil der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss seit 2002 – dem Jahr des bildungspolitischen Neustarts nach dem PISA-Fiasko – zwar von 9,2 auf zuletzt 5,8 Prozent gesunken. Aber genügt das dem Anspruch an ein Schulsystem, nicht nur leistungsstark, sondern auch gerecht zu sein? Der «Chancenspiegel» – eine 430 Seiten starke Analyse unzähliger schulstatistischer Daten – sieht Gerechtigkeit erst dann verwirklicht, wenn Schulsysteme «sämtliche Potenziale von Schülerinnen und Schülern ausschöpfen und keine systembedingten einseitigen Fördereffekte zulassen». Das Ziel sei «die faire Chance zur freien Teilhabe an der Gesellschaft».

Risikogruppe Migrantenkinder

Besonders bei Ausländern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist da wohl noch viel zu tun. Denn sie sind besonders bedroht vom Schulversagen mit all seinen Folgen für Ausbildung und Jobsuche. So fiel die Abbrecher-Quote bei ausländischen Schülern zunächst von 16,9 (2003) auf 12,1 Prozent (2011), kletterte seitdem aber wieder auf 12,9 Prozent. Betroffen ist in dieser Gruppe also gut jeder Achte. Die Entwicklung sähe nach den Worten von Bildungsforscher Bos noch dramatischer aus, wenn man nicht nur die Schüler mit ausländischem Pass in Deutschland anschaue, sondern zusätzlich die jungen Deutschen aus Zuwandererfamilien ohne jeden Schulabschluss.

Absturz für Bayern: „Chancenspiegel“ attestiert Schulsystem im Freistaat, veraltet zu sein (und: Wie andere Bundesländer abschneiden)

Der Deutsche Caritasverband veröffentlicht seit Jahren eigene Studien zum Thema. Präsident Peter Neher verlangt angesichts der Stagnation auf diesem Feld einen Kraftakt von Bund, Ländern und Gemeinden zur besonderen Förderung von Risikoschülern. Zu oft werde Schulversagen «nur als Problem eines Einzelnen verstanden», sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Neben (oft hilflosen) Eltern und (oft überforderten) Lehrern sei also die Politik gefragt.

«Zentral ist doch: Gibt es bei den politisch Verantwortlichen den Willen, etwas zu tun? Wie durchlässig ist in den einzelnen Ländern das Schulsystem? Wie gut ist die Schulsozialarbeit, und wie stark ist die individuelle Förderung von Risikoschülern?», so Neher. Der Chef des katholischen Sozialverbands warnt davor, bei der Kostenfrage «immer nur auf den jeweils anderen zu zeigen». Es dürfe keinen «Verschiebebahnhof von Bund und Ländern» geben, wenn der einst von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) geprägte Begriff «Bildungsrepublik Deutschland» nicht zur Farce verkommen solle.

Was ein hoher Anteil schlecht gebildeter Schüler langfristig bedeuten kann, hatte übrigens vor einigen Jahren das ifo-Institut für Wirtschaftsforschung hochgerechnet: «Die Folgekosten unzureichender Bildung durch entgangenes Wirtschaftswachstum summieren sich innerhalb der kommenden achtzig Jahre – der Lebensspanne heute geborener Kinder – auf rund 2,8 Billionen (2800 Milliarden) Euro», so das Fazit des Bildungsökonomen Prof. Ludger Wößmann. Von Werner Herpell, dpa

6 Kommentare

  1. Ja – unter der Voraussetzung, dass es die Möglichkeit gibt, diese Jugendlichen durch Teilqualifizierungen ins Berufsleben zu integrierenn.

    Die Zahl der Schulabbrecher oder Jugendlichen ohne Schulabschluss war in den „Wirtschaftswunderjahren“ um ein Vielfaches höher als heute …

  2. Die Überschrift klingt so, als seien „wir“ bzw. der Staat am Versagen der Jugendlichen schuld, was angesichts der breiten Hilfsangebote und enormen Anstrengungen von Jugendamt bis Bundesministerrunde absurd ist.
    Ich frage mich auch oft, warum die jungen Leute sich das leisten.

    • Jürgen Günther

      Warum die jungen Leute sich das leisten? Da Sie sehr oft auf n4t kommentieren hatte ich von Ihnen diese Frage eigentlich nicht erwartet. Sie machen es sich sehr bequem, den jungen Leuten den schwarzen Peter zuzuschieben.
      Ich empfehle Ihnen diesen Artikel: http://www.news4teachers.de/2017/03/wann-wenn-nicht-jetzt-gebt-lehrern-endlich-die-unterstuetzung-die-sie-brauchen/
      und viele weitere. Vielleicht erkennen Sie dann die gesellschaftliche Komplexität dieses Problems.

      • Ganz einfach; ein großer Teil meiner Neunt- und Zehntklässler haben lukrative Jobs schon in der Schulzeit. Die Aussicht durch regelmäßigen Schulbesuch zu einem Abschluss zu gelangen und anschließend eine Ausbildung zu beginnen und vor allem abzuschließen, führt bei denen zu heftigen Lachanfällen.

        • Besonders weil das Einkommen während der drei Ausbildungsjahre im Vergleich zu den aktuellen Nebenjobs schnell zu einem schlechten Witz verkommt, der durch verpflichteten Religionsunterricht in der Berufsschule noch weitaus schlechter wird.

          • Und danach winkt aufgrund des Fachkräftemangels allenfalls ein von den Gewerkschaften durchgesetzter auf ein Jahr befristetes Arbeitsverhältnis mit anschließendem ALGI-Anspruch. Wer sich qualifiziert hat und viel Glück bzw. Beziehungen hat, darf für den Personaldienstleister des Unternehmens, das ihn ausgebildet hat, dann als Leiharbeiter weiter arbeiten.

            Da kann man auch ohne Schulabschluss in einem der Geschäfte/Unternehmen des Familienclans sein Auskommen finden und diverse Geschäfte sozialversicherungsfrei so nebenbei betreiben.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*