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Verband: Sitzenbleiben ist bei einer Legasthenie oder Dyskalkulie keine Lösung

BONN. Der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie (BVL) empfiehlt Eltern und Pädagogen, Kinder mit einer Legasthenie und Dyskalkulie nicht zusätzlich durch ein Sitzenbleiben seelisch zu belasten.

 

Der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e. V. (BVL) erhält aktuell viele Anfragen von Eltern, die sich Rat holen, weil ihre Kinder wegen einer Legasthenie (Lese-Rechtschreibstörung) oder Dyskalkulie (Rechenstörung) sitzen bleiben. Die betroffenen Kinder haben meist keine individuelle Förderung und keinen Nachteilsausgleich wegen ihrer Beeinträchtigung erhalten und die Schule scheint mit der Situation überfordert zu sein. „Die Mathematiklehrerin meiner Tochter teilte mir mit, dass Nadine sich nicht am Unterricht beteiligt und auch bei den Klassenarbeiten versagt. Trotz der zusätzlichen Arbeitsblätter zeige sie keine Fortschritte und solle deshalb die Klasse wiederholen“, beklagt Nadines Mutter. Die Lehrerin habe ihr gesagt, sie kenne sich mit Dyskalkulie nicht aus und wüsste auch nicht, wie man Nadine, die in die 3. Klasse kommen würde, helfen könne. Daher sei eine Klassenwiederholung der beste Weg, um mehr Zeit zu gewinnen, den Schulstoff der 2. Klasse in Mathematik zu wiederholen. „Meine Tochter sitzt weinend in ihrem Zimmer und ist mit ihren 8 Jahren total verzweifelt. Wir fühlen uns von der Schule allein gelassen und fragen uns, was eine Klassenwiederholung bringen soll, wenn Nadine in der Schule nicht gefördert wird“, so die Mutter.

"Kurze Beine - Kurze Wege": Kinder sollen auch zukünftig in ihrem Wohnort zur Schule gehen können, fordern Lehrerverbände; Foto: Günter Havlena / pixelio.de

Damit Schulangst gar nicht erst aufkommt: Wer an einer Lese -oder Rechenschwäche leidet, soll möglichst früh speziell gefördert werden. Foto: Günter Havlena / pixelio.de

Der BVL rät Eltern, frühzeitig mit der Schule in den Austausch zu gehen und mit Schulleitung ein Gespräch zu führen, um zu klären, welche Maßnahmen die Schule einleiten kann, um Schülerinnen und Schülern mit einer Legasthenie oder Dyskalkulie nachhaltig zu helfen. Die Schule hat den Auftrag, den Kindern das Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen und sollten sich dabei besondere Schwierigkeiten zeigen, so ist gemeinsam mit den Eltern zu besprechen, wie das Kind unterstützt werden kann. Die seelische Belastung, die ein Kind täglich im Unterricht erfährt, wenn es trotz guter Begabung den Unterrichtsstoff nicht richtig verarbeiten kann, ist extrem hoch. Ca. 40 % aller betroffenen Kinder leiden unter psychosomatischen Folgeerkrankungen. Nur durch eine gezielte Förderung, einen anforderungsgerechten Nachteilsausgleich und Verständnis können die betroffenen Kinder seelisch stabil bleiben.

Wenn das Kind nicht aufgefangen wird, weil man sein Problem nicht erkennt oder es nicht ausreichend unterstützt, sondern es zusätzlich noch durch ein gutgemeintes Sitzenbleiben straft, dann bricht für viele Kinder und Eltern eine Welt zusammen. Das Fatale an der Situation ist, dass das Kind im Wiederholungsjahr meist nicht anforderungsgerecht gefördert und unterstützt wird, weil man hofft, dass die reine Stoffwiederholung ausreichend ist. „Kinder mit einer Legasthenie oder Dyskalkulie benötigen eine qualifizierte Förderung, aber leider sind Pädagogen dafür oftmals nicht ausreichend ausgebildet und werden mit der schwierigen Situation allein gelassen. Wir fordern daher eine Zusammenarbeit mit gut qualifizierten Therapeuten, die in die Schule eingebunden werden, um auch die Lehrkräfte zu entlasten und den Kindern endlich die Hilfe zukommen zu lassen, die sie benötigen“, sagt Christine Sczygiel, Bundesvorsitzende des BVL. „Sitzenbleiben ist keine Lösung, sondern verschärft zusätzlich die Situation für das Kind“, bedauert Sczygiel. Eltern und Pädagogen sollten sich zur Beratung an den BVL wenden, der helfen kann, gute Wege im Umgang mit der Problematik zu finden.

Weitere Informationen zum Thema Legasthenie und Dyskalkulie sind im Internet unter http://www.bvl-legasthenie.de abrufbar.

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Ein Kommentar

  1. Das größte Dilemma besteht in der Dyskalkulieförderung. Gerade rechenschwache Kinder bräuchten im arithmetischen Bereich ein auf sie zugeschnittenes Programm um in den grundlegenden Zahlenräumen (auch wenn die Gesamtklasse schon weiter ist) zu rechnen. Ohne gelegte Grundlagen kommen diese Kinder nur leidlich mit, da die Mathematik Zahlenraum aufbauend ausgerichtet ist. Ausgerechnet solche Kinder erhalten keinen Notenschutz, d.h., sie müssen die normalen Leistungskontrollen mitschreiben. Da ist es manchmal als Lehrer schwer, in wie weit man es verantworten kann, dass man diese Schüler in den Mathematikstunden etwas, was sie in den Zahlenräumen fördert, machen lässt. Am Anfang kann man sie ja noch mehr materialgestützt arbeiten lassen, aber was ist dann? So lange die „Auflagen“ so sind, geht es um wirkliche Effekte zu erreichen, tatsächlich nur über eine zusätzliche Förderung außerhalb der Mathematikstunden. Dyskalkulieförderung gibt es so gut wie nicht an den Schulen, Beratungszentren gibt es in größeren Städten, gute Therapeuten, die Erfolge vorweisen können, sind rar gesät und für regelmäßige Besuche dann nicht geeignet. Dazu kommt noch, dass Eltern die Therapien aus eigener Tasche zahlen. Es gibt Lerntherapeuten, die eine Förderung anbieten, doch wenn es um Dyskalkulie oder auch Legasthenie geht, dann ist es nicht selten, dass eine Stunde über 50 € kostet. Wenn so etwas nicht bezahlt wird (bei Legasthenie werden schon mal die Kosten vom Jugendamt übernommen) , können sich dies nur die Besserverdienenden leisten.

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