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Lehrermangel-Chaos – Kurzfristige Abordnungen von Kollegen noch nach Schuljahresbeginn setzen Stundenpläne außer Kraft

HANNOVER. Der Lehrermangel in Deutschland sorgt für wachsende Unruhe an den Schulen. In Niedersachsen führen kurzfristige Abordnungen von Gymnasiallehrern an unterbesetzte Grund-, Haupt-, Real- und Oberschulen zu „Chaos an den Schulen“, wie die „Neue Osnabrücker Zeitung“ (NOZ) berichtet –  weil das Schuljahr dort bereits begonnen hat und viele der mühsam erstellten Stundenpläne damit hinfällig werden.

Schwupps, da ist der Lehrer weg. Foto: Luis Priboschek

Schwupps, da ist der Lehrer weg. Foto: Luis Priboschek

Selbst in Baden-Württemberg, wo der Unterricht erst wieder am 11. September startet, kommt Unmut auf. „Schulleitungen trauen sich nicht so richtig an die Deputatsverteilung und an die neuen Stundenpläne für das kommende Schuljahr heran, weil sie befürchten, dass aufgrund der angespannten Versorgungslage noch in den Ferien die eine oder andere Lehrkraft aus dem Kollegium abgezogen werden könnte und damit die ganze Tüftelei für einen optimalen Stundenplan umsonst gewesen war“, so heißt es beim VBE.

In Niedersachsen wurden laut NOZ die Schulleiter erst am Freitag der vergangenen Woche – also dem zweiten Schultag – über abzuordnende Deputate informiert. Der Weisung zufolge sollten die Gymnasien bis zum 17. August Weisung klären, mit welchen Lehrern sie die von der Landesschulbehörde errechneten abzuordnenden Stunden erfüllen wollen.

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Wieso kommt das so spät? Das sei unverständlich, weil alle Leiter von Grund-, Haupt-, Real- oder Oberschulen ihren jeweiligen Bedarf weit vor Beginn der Sommerferien angemeldet hätten, heißt es in dem Bericht. Man habe die unbesetzten Stellen exakt nicht eher ermitteln können, erklärt hingegen eine Behördensprecherin der Zeitung zufolge, und die Gymnasien hätten mit möglichst genauen Zahlen versorgt werden sollen. Laut Bericht sind aber immer noch Abweichungen möglich: Die Einstellungsverfahren laufen weiter.

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Von den Abordnungen sind viele Gymnasien in Niedersachsen betroffen; die Lokalzeitungen sind voll mit Klagen Betroffener – wie viele das sind, ist aber unklar. Das konnte oder wollte das Ministerium laut „Weser Kurier“ nicht sagen. Schätzungen gingen landesweit von mehreren hundert abzuordnenden Lehrkräften aus, heißt es. „Jeder Kollege ist betroffen, denn das ganze System wird einmal durchgeschüttelt“, schimpft ein Schulleiter gegenüber der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ (HAZ).

„Pflichtunterricht ist nicht gesichert“

Die Folge: zunächst mal ein erheblicher zusätzlicher Arbeitsaufwand. So müssen die Stundenpläne in den betroffenen Schulen überarbeitet werden. Darüber hinaus entstehen auch an den Gymnasien, die bislang personell gerade mal über die Runden kamen, Engpässe. „Wir werden bei uns kürzen müssen, um das aufzufangen. Auch wenn das Ministerium etwas Anderes sagt: Der Pflichtunterricht ist nicht gesichert“, sagt der Direktor dem Blatt und berichtet: „Wir werden zudem sinnvolle Schulprogrammarbeit wie das Selbstverantwortliche Lernen stornieren müssen.“

Ein Mitglied des Personalrats schildert laut HAZ die Wut im Kollegium. „Wir kochen“, sagt er. Und der Vorsitzende des Schulelternrates kündigt an: „Wir werden uns massiv gegen die Abordnungen stellen.“ Denn nicht nur Kurzfristigkeit und Ausmaß der Welle sorgt für Unverständnis – schon der Sinn der Aktion wird hinterfragt. Was sollen Grundschulen mit Gymnasiallehrkräften anfangen, fragt der Elternsprecher dem Bericht zufolge und meint: „Die Grundschul-Pädagogik ist doch eine völlig andere.“

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Wie geht es nun weiter? „Bis nächsten Mittwoch sollen sich die Kollegen äußern, ob sie sich vorstellen können an die Grundschule zu gehen“, erläutert der Schulleiter. Sollten sich nicht genügend Freiwillige finden – wovon auszugehen sei –, werde die Landesschulbehörde verbeamtete Pädagogen gegen ihren Willen vorübergehend an andere Schulen schicken. Wen trifft es, wer bleibt verschont? „„Da kann man sich vorstellen, was dann in einem Kollegium passiert, wenn einige in die Wallachei fahren müssen und andere nicht“, meint der Schulleiter gegenüber der HAZ. So wird es Wochen dauern, bis die Umsetzungen durchgeführt sind und wieder einigermaßen Ruhe in den Schulen einkehrt. Aber nicht für lange – schon zum Halbjahreswechsel droht ein neues Durcheinander. Die erfolgten Abordnungen gelten nämlich zunächst nur für ein halbes Jahr; dann könnte das Wechselspiel von vorne losgehen.

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Schulleitungen in Baden-Württemberg schauen mit Entsetzen nach Niedersachsen – ihnen droht möglicherweise Ähnliches. Auch im Südwesten hat das Kultusministerium angekündigt, kurzfristig mit Abordnungen auf den Lehrermangel an den Grundschulen reagieren zu müssen. Normalerweise würden zu Beginn der Ferien in den Schulen die Unterrichtsdeputate verteilt und es werde an den Stundenplänen getüftelt, damit das neue Schuljahr vom ersten Tag an nach Plan anlaufen kann, heißt es beim VBE. Dieses Jahr aber hielten sich etliche Schulleitungen noch damit zurück, weil sie aufgrund der unsicheren Personalversorgung befürchteten, sonst für den Papierkorb zu arbeiten.

Früher vorhandene Reserven, mit denen im Notfall manövriert werden konnte, gebe es nicht mehr. „Hatten die Schulen bei der Bedarfsanalyse vor den Sommerferien nämlich auch nur ein paar Stunden Überhang, wurden diese Lehrerstunden als befristete Abordnung an die Schule gegeben, die noch nicht nach der Vorgabe des Organisationserlasses ausgestattet war“, so verlautet der VBE. Die Maßgabe:  „Die Schulämter müssen den Mangel möglichst gerecht verteilen.“  bibo / Agentur für Bildungsjournalismus

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14 Kommentare

  1. Ich bin auch der Meinung (sage ich ja immer), dass sich das Lehramt an den Grundschulen und die Lehrämter an den weiterführenden Schulen erheblich in den Unterrichtsinhalten, Methodik und Didaktik unterscheiden; sodass diese Lehrer nicht (so einfach) wechselseitig einsetzbar sind. Das ist genauso wenig eine Abwertung, wie wenn ich sage, dass weiterführende Lehrer nicht mit Dozenten oder gar Professoren an Universitäten vergleichbar sind.

    Dennoch meine ich, dass ein Lehrer einer weiterführenden Schule doch noch eher in der Lage sein sollte, an einer Grundschule zu unterrichten als ein Seiteneinsteiger – und Seiteneinsteiger nimmt man doch nun zuhauf. Da muss dann eben beamtenrechtlich abgeordnet werden. Ist eben auch nicht das Gleiche, ob man Beamter oder Angestellter ist.

  2. Kann ein Ministerium noch unprofessioneller und unfähiger arbeiten?

    Man muss doch schon vor 4 Monaten gewusst haben, welche Lücken es an welchen Schulen gibt, das Ganze ist doch kein Hexenwerk! Und jetzt – nach Beginn des Schuljahrs – fängt man an, nach Kollegen zu suchen, die abgeordnet werden sollen, was ansich – wie sofawolf schon ausgeführt hat – auf Grund der unterschiedlichen Anforderungen von Gymnasial- und Grundschullehrern kaum sinnvoll ist?

    Und nun zur Landtagswahl: Wie soll man in Niedersachsen SPD wählen, wenn die ihre Ministerien mit solchen Nullen besetzen?

    • die minister selbst müssen nicht fachkundig sein. sonst könnte z. b. frau uschi vdl nicht vom arbeits- ins Verteidigungsministerium wechseln. sie vertreten die Entscheidungen nur nach außen. die eigentliche arbeit machen die festen Mitarbeiter im Hintergrund. in der sache haben sie natürlich recht.

      • Es geht doch nicht darum, ob eine Ministerin fachkundig ist, hier sind das ganz einfache organisatorische Abläufe, die nicht klappen und die sie zu verantworten hat.

    • Wenn das alles so einfach wäre.

      Bekannt ist wer pensioniert wird, in ATZ geht, ins Sabbatjahr geht, wer versetzt werden will oder Stunden reduzeieren will.
      Personalmeldungen wegen Mutterschutz und Erziehungszeit gibt es eher kurzfristig; die Zeiträume passen auch nicht zu denen der Schuljahre.

      Und dann sind da noch die Neueinstellungen … Kurz vor Beginn des Schuljahres kommen dann die Absagen, obwohl eigentlich alles in trockenen Tüchern zu sein schien.

      • Mir ist schon bekannt, dass es einzelne Verschiebungen gibt (Mutterschutz, Absagen), doch im Kern MUSS man alles vor den Sommerferien geklärt haben und nur noch ganz wenige einzelne Nachjustierungen jetzt vornehmen. Ja, so einfach ist das schon.

        • Bei einem System, das klar auf Kante genäht ist, reicht es für die einzelne Schule schon, wenn jemand die erziehungszeit verlängert, kurz vor Ende der erziehungszeit einen Teilzeitantrag einreicht, zugesagte Versetzungen nicht zustandekommen, Vertretungskräfte absagen, Todesfälle im Kollegium auftreten, der Ersatz muss ja erst einmal genehmigt werden. Bei Neueinstellungen habe ich es auch schon erlebt, dass die in den Sommerferien kundgetan haben, dass sie die zugesagte Stelle trotz Vertrag nicht antreten,d a sie in der Zwischenzeit ein anderes Angebot erhalten haben.

          • Das gilt aber für den gesamten öffentlichen Dienst und seine privaten Tochterunternehmen, den gesamten ÖPNV, Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen usw.

          • @dickebacke: Ja, alle diese Gründe können bei einer einzelnen Schule für große Probleme zu Schuljahresbeginn sorgen. Davon kann es auch 10 Schulen im Land geben, wo dies so ist. Aber deshalb kann man doch nicht erst jetzt für alle betroffenen Schulen damit anfangen, Abordnungen anzudenken und erst in einigen Wochen durchzuführen.

            Die abgebenden Schulen müssen wieder völlig umplanen, ggf. muss ein neuer Stundenplan erstellt werden (20 Stunden PLUS Arbeitszeit für ein Gymnasium), in mehreren Lerngruppen gibt es nach 3 Wochen im Schuljahr einen Lehrerwechsel, was wenig hilfreich ist.

            Die aufnehmenden Schulen müssen ersteinmal schauen, wer da denn so kommt und was diese Lehrkraft an einer ihr unbekannten Schulform so kann, diese Lehrkraft muss sich erst einarbeiten ohne jede Vorlaufzeit, auch hier gibt es wieder Umbesetzungen in Lerngruppen usw. usw.

            Wer aus Unfähigkeit so ein Chaos verbreitet, sollte dringend zurücktreten. Dafür gibt es keine Entschuldigung!

          • Wir reden ja nicht von einzelnen Schulen oder einzelnen Stellen. Ich hatte es in der letzten Juli-Woche, das war die Woche vor unserem Schuljahresbeginn, schon einmal geschrieben.
            Offene Stellen stehen weiterhin im Internet einsehbar im Portal eis-online.
            Inzwischen sind es noch 190 Stellen an Grund-, Haupt- und Realschulen (davon 120 an Grundschulen), 14 Förderschul-LuL und 42 Stellen an Gymnasien, insgesamt also knapp 250 unbesetzte Stellen.
            Der 17-Punkte-Plan aus dem letzten Jahr hat nicht ausgereicht und es gibt nicht genügend Bewerber für die ausgeschriebenen Stellen – schon gar nicht in der Fläche.

  3. @ xxx,

    genau, der gesamte öffentliche Dienst ist in den letzten Jahren von einem massiven Stellenabbau betroffen gewesen (16.000 Stellen im Polizeidienst seit der Wende). Immer weniger Beschäftigte müssen immer mehr leisten – und brennen irgendwann aus, aber wen’s kümmert’s, draußen stehen genug, die den Job gerne übernehmen (bis auch sie ausgebrannt sind).

    Das ist eine Folge der „Mehr-netto-vom-Brutto-Politik“. Sie macht den Staat arm und zwingt ihn zu diesen Einsparungen, über sich viele leider kurzsichtig freuen, weil sie ein wenig mehr im Portmonee haben, aber nicht sehen, welche Folgen das langfristig für uns alle hat (oder glauben, davon ja nicht betroffen zu sein).

    Das ist keine gemeinwohl-, sondern eine alleinwohlorientierte Politik. Das ist Kapitalismus. 😉

  4. Ich frage mich generell, warum das so spät gemacht wurde. Im Zeitalter des Internets müsste ja vieles einfacher sein. Im Prinzip müsste nämlich bis zu Ende des Schuljahrs die Personalfrage geklärt sein, also wer kommt und wer geht.
    Waren da vielleicht welche an maßgeblichen Stellen im Urlaub? Ist vielleicht eine Info liegengeblieben? Oder hat man Entscheidungen hinausgezögert? Anders kann ich mir das nicht erklären. Manchmal ist die Urlaubssituation ein Grund, weshalb man auf Entscheidungen von Behörden warten muss. Vielleicht gibt es auch zu wenig Personal für diese Dinge.
    In Bayern mussten aktuell Rektoren bis zu einer gewissen Zeit in den Ferien erreichbar sein. Die Lehrerzuteilungen für nächstes Schuljahr waren bei uns nach der 1. Ferienwoche klar, der Stundenplan wird in der letzten Ferienwoche gemacht, falls sich noch Änderungen ergeben.

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