Evaluationsbericht zum Berliner Bonus-Programm: Geld wirkt – wenn auch langsam

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FRANKFURT/BERLIN. Bildungschancen benachteiligter Schüler verbessern, die Schulabbrecherquote verringern und das Erreichen größerer schulischer Erfolge: Gemessen an diesen Zielen hat das 2014 gestartete Bonus-Programm für Berliner Brennpunktschulen noch nicht viel erreicht, so der aktuelle Evaluationsbericht. Trotzdem zeigen sich die beteiligten Schulen zufrieden. Insgesamt raten die Forscher zu Geduld.

Seit 2014 stattet das Bonus-Programm Berliner Schulen mit einer hohen sozialen Belastung mit zusätzlichen Finanzmitteln aus. Ziel ist es, die Bildungschancen der dort unterrichteten Kinder zu verbessern. Jetzt liegt der zweite Bericht der begleitenden wissenschaftlichen Evaluation vor. Ergebnis: Die Schulen betrachten das Programm als wichtigen Baustein für ihre Weiterentwicklung. Zudem hätten sich Motivation, Innovationsbereitschaft und Sozialverhalten an den Einrichtungen verbessert. Keine signifikanten Fortschritte zeigen sich aber bislang bei den Lernleistungen, der Schulabbrecherquote und den Gymnasialempfehlungen.

Die Zusatzförderung von Berliner Schulen in schwieriger Lage setzt laut Evaluationsbericht Impulse für die Schulentwicklung. Mit harten Zahlen sind die Erfolge jedoch nur schwer messbar (Symbolbild). Foto: Gkittlaus / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0
Die Zusatzförderung von Berliner Schulen in schwieriger Lage setzt laut Evaluationsbericht Impulse für die Schulentwicklung. Mit harten Zahlen sind die Erfolge jedoch nur schwer messbar (Symbolbild). Foto: Gkittlaus / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)
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Susanne Böse vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung, das die Evaluation vorgelegt hat, zieht folgende Bilanz: „Das Bonus-Programm erleichtert die Arbeit von Schulen in herausfordernder Lage an vielen Stellen. Es eröffnet neue Möglichkeiten, den jeweiligen Problemen zu begegnen. Zugleich hat sich der robuste Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungserfolg bislang nicht grundlegend verändert. Angesichts der kurzen Zeit seit Inkrafttreten des Programms war dies aber auch nicht unbedingt zu erwarten.“

Das Bonus-Programm des Landes Berlin ist 2014 mit insgesamt 220 Grundschulen und weiterführenden Schulen an den Start gegangen. Für das Programm wurden sie nach dem Anteil ihrer Schüler ausgewählt, deren Eltern von der Zuzahlung zu Lernmitteln befreit sind. Die jährliche Förderung kann pro Schule bis zu 100.000 Euro betragen. Die Summe enthält unter anderem einen erfolgsabhängigen Leistungsbonus, dem eine individuelle Zielvereinbarung zugrunde liegt.

Die Schulen sind aber weitestgehend frei darin, mit welchen Maßnahmen sie ihre gesteckten Ziele erreichen wollen. Sie setzten unter anderem auf zusätzliche Sozialarbeit, Fortbildungen oder Kooperationen mit außerschulischen Partnern. Insgesamt soll das Programm dazu führen, dass sich die Bildungschancen der Schüler verbessern.

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Wie der Bericht zeigt, sehen sich die Schulen durch das Bonus-Programm für den Umgang mit den jeweiligen sozialen Problemlagen gestärkt. Fast 90 Prozent der Schulleitungen sind der Ansicht, dass das Programm „wirklich etwas bewirkt“. An den geförderten Schulen sei jetzt neben den Lehrkräften mehr pädagogisches Personal tätig, die Kollegien seien offener für Innovationen und die Schulen kooperierten verstärkt mit externen Anbietern. Außerdem, so die Einschätzung, hätten sich das Schulklima, die Außenwirkung der Schulen und das Sozialverhalten der Schüler verbessert. Insgesamt ist die Mehrheit der Schulleiter davon überzeugt, dass das Programm die Schulentwicklungsarbeit vorangebracht hat. Das zeige sich an konkretisierten Zielen, optimierten Strukturen und nun umgesetzten Maßnahmen.

Positiv bewerten die Befragten auch, dass durch das Programm zusätzliche Fördergelegenheiten entstanden sind und dass die Maßnahmen helfen, gezielter auf die Bedürfnisse der Schüler einzugehen. Allerdings konnten die Lehrkräfte im Zuge des Programms bislang kaum spürbare Verbesserungen bei den Lernergebnissen ausmachen. Auch die unentschuldigten Fehltage und die Schulabbrüche sind an den teilnehmenden Schulen im Vergleich zu den nicht teilnehmenden Schulen nicht signifikant zurückgegangen.

Nur bei den sozial besonders belasteten Schulen (mehr als 75 Prozent der Kinder von Zuzahlungen zu den Lernmitteln befreit) zeigt sich eine leicht positive Entwicklung. Unter anderem ist bei rund drei Vierteln von ihnen die Abbrecherquote um mindestens zehn Prozent gesunken, wenngleich dieser Effekt nicht zwingend eine Folge des Bonus-Programms darstellen müsse. Und was den Anteil der Empfehlungen für das Gymnasium angeht, können sich die am Bonus-Programm beteiligten Schulen in ihrer Entwicklung nicht von den weiteren Grundschulen abheben.

Auch wenn damit noch keine „harten“ Zahlen darauf schließen lassen, dass sich herkunftsbezogene Ungleichheiten beim Bildungserfolg verringern, rät Susanne Böse zu Geduld: „Aus zahlreichen Forschungsarbeiten ist bekannt, dass Reformmaßnahmen im Bildungswesen Zeit benötigen. Große und schnelle Fortschritte stellen eher die Ausnahme dar.“ Sie weist zudem darauf hin, dass die Ergebnisse auch vor dem Hintergrund betrachtet werden müssen, dass soziale Ungleichheiten ein vielschichtiges und langfristiges Problemfeld darstellen und sich allein durch Maßnahmen innerhalb des Bildungssystems nur zu einem Teil reduzieren lassen.

Der Bericht wertet das Bonus-Programm als wichtigen Impuls, um die Schulen in ihrer schwierigen Lage zu unterstützen. Jetzt gelte es, die begonnene Schulentwicklungsarbeit weiter zu intensivieren und zu professionalisieren, etwa durch eine stärkere Vernetzung der Schulen.

• zum Ergebnisbericht (DIPF)

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9 KOMMENTARE

  1. Ja, dieses Programm ist begrüßenswert. Dabei geht es übrigens NICHT um mehr Gehalt für die Lehrer.

    “Die Schulen dürfen das Geld eigenverantwortlich einsetzen. Sie können Sozialarbeiter oder Musikpädagogen als Honorarkräfte einsetzen oder die Ausstattung der Schule verbessern. Unzulässig sind nur Baumaßnahmen oder die Einstellung zusätzlicher Lehrer. Die Fördersumme enthält einen erfolgsabhängigen Leistungsbonus, dem eine Zielvereinbarung zugrunde liegt. Die Bildungssenatorin möchte mittelfristig mit allen Berliner Schulen Verträge abschließen, in denen Ziele der Schulentwicklung definiert werden.”

    https://www.morgenpost.de/berlin/article215387127/Foerdergeld-hilft-Brennpunktschulen.html

  2. “Zugleich hat sich der robuste Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungserfolg bislang nicht grundlegend verändert”.
    Der robuste, kaum beeinflussbare Zusammenhang kann auch mit dem selektiven/diskriminierenden Schulsystem zusammenhängen, das Lernende zwingend in Gewinnende und Verlierende aufteilen muss.

    • Den Begriff “selektives/diskriminierendes Schulsystem” finde ich zu spekulativ und ideologisch. Der wertfreie Begriff “gegliedertes Schulsystem” scheint mir sachlicher und zutreffender.
      Bisher konnten die schon seit Jahrzehnten existierenden Integrierten Gesamtschulen und die begrifflich neueren Gemeinschaftsschulen die Hoffnungen nicht erfüllen, die gerade wegen der Vorstellung von mehr “Chancengleichheit” bzw. “Chancengerechtigkeit” in sie gesetzt wurden.
      Es zeichnet sich im Gegenteil immer mehr ab, dass gerade Kinder aus sog bildungsfernen Elternhäusern mit Gesamt- oder Gemeinschaftsschulen noch schlechter klarkommen als Kinder aus bildungsnäheren Schichten. “Eine Schule für alle” mit größtmöglicher Heterogenität der Schüler scheint eine schöne, aber fixe Idee, die von der Realität nicht bestätigt wird.

      • “Eine Schule für alle” mit größtmöglicher Heterogenität der Schüler scheint eine schöne, aber fixe Idee, die von der Realität nicht bestätigt wird.
        Da habe ich andere Beobachtungen gemacht an finnischen Schulen. Wenn Vergleiche mit dem finnischen Schulsystem auch nur bedingt möglich sind, so gelingt es den Finnen, den Anteil Lernende mit Schwierigkeiten in Lesen und Schreiben bei Schulende auf 5 % zu reduzieren, während dieser Anteil in der Schweiz (und in Deutschland) bei 15-20% liegt (gegliedertes Schulsystem). “Eine Schule für alle” ist in Finnland weder eine schöne noch eine fixe Idee, sondern erlebbare Realität, die interessierten Personen offen steht.
        Noch zur Begrifflichkeit:Als “gegliedertes Schulsystem” werden Schulsysteme bezeichnet, in denen Schüler in der Sekundarstufe I verschiedene Schulformen besuchen. Zuordnung=Selektion nach verschiedenen Kriterien.

  3. Finnlands Pisa-Wunder entpuppt sich als Irrtum: Frage an den aufmerksamen Beobachter. Haben Sie Schulen in Finnland besucht? Wenn ja: welche und wo? Berichte lesen und zitieren ist das eine, direkte Beobachtungen und Befragungen vor Ort sind etwas anderes. Die tägliche Umsetzung von Grundsätzen wie zum Beispiel “Jeder Schüler ist wichtig, niemand darf auf der Strecke bleiben, kein Kind darf beschämt werden” kann nur im täglichen Vollzug, in konkreten Unterrichtssituationen beobachtet werden. Kein Bericht kann solche Feldstudien ersetzen.
    Diskussionen über die finnische Gemeinschaftsschule für alle ohne gemeinsame, definierte Beobachtungsgrundlagen vor Ort führen erfahrungsgemäss nicht weiter.

    • Ich kenne das skandinavische Schulsystem durch Besuche an schwedischen Schulen und habe in Deutschland an Fortbildungen durch finnische Schulforscher teilgenommen. Vieles fand ich interessant, vieles aber auch nicht mit den dt. Gegebenheiten vergleichbar. Und am meisten hat mich das unreflektierte Hochjubeln der Marke “Das finnische System ist das einzig richtige” gestört. Unabhängig vom Thema finde ich es immer wichtig, auch die Gegenmeinung zur Kenntnis zu nehmen. Diese wird beim Thema “Finnische Schulen” zunehmend mehr fokussiert.

  4. “Das finnische System ist das einzig richtige” : Eine Aussage, der ich in Finnland nie begegnet bin. Den Finnen war es eher peinlich, dass ihr Schulsystem plötzlich internationale Beachtung fand.
    “Gegenmeinungen zur Kenntnis nehmen ja, aber vor allem wenn sich die Gegenmeinungen auf konkrete, beobachtbare Schulsituationen an finnischen Schulen beziehen.

    • Nichts anderes habe ich vorgeschlagen. Außerdem behauptete ich nirgendwo, dass die Finnen selbst ihr System für allein seligmachend gehalten hätten. Das waren und sind eher bestimmte interessierte Kreise in Deutschland, die z.B. solche Fortbildungen, wie ich sie erlebte, in eine bestimmte Richtung zu instrumentalisieren versuchen. Es ging und geht diesen Damen und Herren um (Bildungs-)Politik, nicht um Pädagogik. Es geht ihnen nicht um den bestmöglichen Unterricht für die Schüler, sondern um die Durchsetzung der Ideologie der “einen Schule für alle” – und das um nahezu jeden Preis. Nur kosten darf es nix…

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