Eisenmann prescht vor: “Wir brauchen in Deutschland ein zentrales Abitur” – Philologen: Ja, aber auf bayerischem Niveau

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STUTTGART. Mit unterschiedlichen Standards beim Abitur soll nach Meinung von Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann Schluss sein – zumindest mittelfristig. Die CDU-Politikerin sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland: «Wir brauchen in Deutschland innerhalb von fünf bis zehn Jahren ein zentrales Abitur und auch für andere Schulabschlüsse zentrale Prüfungen.» Dies heiße für das Abitur: «Am Ende muss es nicht nur deutschlandweit dieselben Prüfungsaufgaben geben, sondern auch einheitliche Regeln dafür, welche Fächer ins Abitur eingebracht werden.» Eisenmann stößt damit auf Skepsis.

Befeuert die Debatte um ein bundesweites Zentralabitur: Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann. Foto: Kultusminsterium Baden-Württemberg

Damit befeuerte die designierte CDU-Spitzenkandidatin für die Landtagswahl 2021 ein Thema, an dem sich schon seit Jahren die Geister scheiden. Einerseits klagen Eltern und Schüler bei Umzügen innerhalb Deutschlands über die unterschiedliche Bildungslandschaft. Und bei der Vergabe von Studienplätzen kann die Abiturnote ein zentrales Kriterium sein, obwohl das Abitur unterschiedlichen Standards unterliegt. Anderseits liegt die Bildungshoheit bei den Bundesländern – und die sahen ein Zentralabitur in der Vergangenheit als Einfallstor zu einer zentralen Bildungspolitik, deren Kritiker eine Nivellierung des Leistungsniveaus nach unten befürchten.

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So meinte jetzt auch der Landesvorsitzende des Philologenverbandes, Ralf Scholl: «Ein bundesweites Abitur ist ein gutes Ziel – aber nur auf bayerischem Niveau oder dem Niveau von Baden-Württemberg vor dem Jahr 2011.» Bislang habe jeder Versuch der Vereinheitlichung dazu geführt, dass das Niveau gesunken sei.

Elternvertreter: Schon jetzt schwierig, gemeinsame Abitur-Termine zu finden

Der Vorsitzende des Landeselternbeirats, Carsten Rees, sagte: «Ich sehe ein Zentralabitur in Deutschland in den nächsten zehn Jahren nicht einmal ansatzweise.» Zu groß seien die Unterschiede. Schon heute sei es schwierig, überhaupt die Termine für gemeinsame Prüfungen in Deutsch, Mathe und den Fremdsprachen länderübergreifend koordiniert zu bekommen.

Seit 2017 können die Bundesländer die Abituraufgaben für die Fächer Mathe, Deutsch und die Fremdsprachen aus einem gemeinsamen Aufgabenpool der Kultusministerkonferenz entnehmen. Vor zwei Jahren hatte sich Eisenmann noch gegen ein Zentralabitur ausgesprochen. Eine Sprecherin erklärte mit Blick auf die Probleme beim diesjährigen Mathe-Abitur (News4teachers berichtete), die Erfahrungen mit dem Aufgabenpool zeigten, dass das gemeinsame Vorgehen nicht die gewünschten Effekte zeige und es immer noch keine vergleichbaren Bedingungen für das Abitur gebe.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) sieht Vor- und Nachteile eines Zentralabiturs. Einerseits dürften die Standards nicht zu sehr voneinander abweichen. «Man braucht eine bessere Vergleichbarkeit.» Ein Zentralabitur sei aber allenfalls etwas für einen Zeithorizont von fünf bis zehn Jahren. Zudem nähmen zentrale Prüfungen den Ländern die Freiheit, eigene Schwerpunkte zu setzen.

Der Präsident der Kultusministerkonferenz und hessische Kultusminister, Alexander Lorz (CDU), erklärte: «Unser Ziel ist es natürlich, die Vergleichbarkeit des Abiturs, soweit wie es in einem föderalen Staat möglich ist, noch weiter zu erhöhen.» Mit dem gemeinsamen Aufgabenpool für das Abitur sei man auf dem Weg dorthin schon ziemlich weit. Er bat aber um Geduld: «Es liegen auch noch einige Schritte vor uns, und vor allem braucht es Zeit, bis der Aufgabenpool seine Wirkung in vollem Umfang entfalten kann.»

GEW: Erst einmal Unterrichtsausfall am Gymnasium senken

Die Landeschefin der Bildungsgewerkschaft GEW, Doro Moritz, hielt Eisenmann hingegen schlichtweg Populismus vor. «Ein zentrales Abitur und zentrale Prüfungen für andere Schularten sind weder sinnvoll noch in fünf bis zehn Jahren realisierbar.» Eisenmann solle sich lieber darum kümmern, den Unterrichtsausfall an den Gymnasien in Baden-Württemberg zu senken. Auch Grünen-Bildungsexpertin Sandra Boser (vom Koalitionspartner also) sprach von «großspurigen Ankündigungen» der Kultusministerin, die erstmal dafür sorgen solle, dass die Kultusministerkonferenz den «holprigen Start» des gemeinsamen Aufgabenpools in den Griff bekomme.

Der SPD-Bildungsexperte im Landtag, Stefan Fulst-Blei, meinte: «Die föderale Struktur, insbesondere mit Blick auf die inhaltliche Ausgestaltung der Lehrpläne, hat ihre Gründe und sollte nicht leichtfertig über Bord geworfen werden.» Die Vergleichbarkeit der Abschlüsse sei wichtig, ein Zentralabitur aber nicht der einzige Weg.

Eisenmann reagierte mit ihrer Forderung auf die Ankündigung des Bundes, einen Nationalen Bildungsrat einzurichten, um für mehr Vergleichbarkeit im Bildungswesen zu sorgen (News4teachers berichtete). Das Vorgehen sei falsch. «Wir brauchen kein zusätzlich beratendes Gremium, das bedrucktes Papier ohne verbindliche Wirkung produziert», erklärte sie. «Wir brauchen selbstständige Länder, die aus eigener Kraft gemeinsam Dinge voranbringen.» Eisenmann plädierte für einen gemeinsamen Staatsvertrag, in dessen Rahmen sich die Länder auf ein deutschlandweites Zentralabitur verständigen sollten. dpa

Hintergrund

Zu unterschiedlich und daher kaum vergleichbar, in manchen Bundesländern viel zu lasch, in anderen viel zu schwierig, alles in allem ziemlich ungerecht: Das Abitur steht seit langem in der Kritik. Seit 2017 soll ein gemeinsamer Aufgabenpool die Anforderungen in vier Fächern auf ein gemeinsames Level bringen.

Dies betrifft Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch. Die Länder können sich aus einem Pool der Kultusministerkonferenz bei den Aufgaben bedienen. Nach Angaben des Kultusministeriums in Stuttgart obliegt es aber den Ländern, Aufgaben oder auch nur Aufgabenteile zu entnehmen. Und diese dürfen auch noch verändert werden.

Auch bei der Bewertung gibt es kein einheitliches Vorgehen: In diesem Jahr haben Schüler darüber geklagt, dass das Mathe-Abitur zu schwer gewesen sei. Die Aufgabe stammte aus dem gemeinsamen Pool. Hamburg, Bremen und das Saarland änderten daraufhin den Bewertungsschlüssel.

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Wirrwarr ums Mathe-Abi: Hamburg vergibt bessere Noten, Nachbarländer nicht – Philologen stellen gemeinsamen Aufgabenpool infrage

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7 KOMMENTARE

  1. Bayerisches Niveau reicht nicht. Ich hatte auf dem Gymnasium drei Fremsprachen und drei Leistungskurse. Religion muss weg und durch Informatik und Wirtschaft/Recht ersetzt werden. Religionswissenschaft wird dann in Politik und Geschichte unterrichet, Ethikanteile in einem zwei- bis dreijährigen Philosophiefach.

  2. Warum schließen nicht die Länder, die wollen, einen Staatsvertrag zum Abitur ab? Und jedes Land, das mithalten will, schließt sich an? Ich mag nicht, dass Berliner und Bremer Schulverwaltungsbeamte über die Qualität meiner Abi-Aufgaben mitbestimmen!

  3. Zentralabitur ist gut – aber viel wichtiger scheint mir die zentrale Regelung der Prüfungen an beruflichen Schulen, die zur Fachhochschulreife führen. Hier kann zurzeit noch jeder machen, was er will. Die Bezirksregierungen kontrollieren nicht das Anspruchsniveau sondern nur die Form…

    • Die Fachoberschulen etc. sollten abgeschafft und durch Aufbaugymnasien, die zur allgemeinen Hochschulreife führen, ersetzt werden. Viele Fachoberschüler sind frustriert, wenn sie erfahren müssen, dass sie nur an wenigen Unis mit ihrem Abschluss studieren können.

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