Ausstellungstipp Hamburg: Der Krieg und die Grammatik

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HAMBURG. Ab dem 23. Oktober werden im Hamburger MARKK (Museum am Rothenbaum – Kulturen und Künste der Welt) Tonaufnahmen mit afrikanischen Gefangenen des Ersten Weltkriegs hörbar gemacht. Aufgenommen vor 100 Jahren im Sammelwahn linguistischer Forscher und Forscherinnen, wurden sie 2019 erstmals übersetzt. Die Ausstellung Der Krieg und die Grammatik gibt Einblick in die Erfahrungen von Gefangenschaft, Verlust und Heimweh. Im Mittelpunkt stehen die Erzählungen von Mohamed Nur, einem jungen Intellektuellen aus Somalia, der in Ruhleben bei Berlin interniert war.

Wilhelm Doegen mit kriegsgefangenen Afrikanern im Lager Ruhleben (2. v.l. Mohamed Nur). Foto: Deutsches Historisches Museum/MARKK.

Der Krieg und die Linguistik begegneten sich nicht zufällig in deutschen Gefangenlagern des Ersten Weltkriegs: Linguisten, Musikologen und Anthropologen, der zu Kriegsbeginn eingerichteten Königlich Preußischen Phonographischen Kommission nutzten die Zwangssituation der Lager für ihre Forschung. Vor allem afrikanische und asiatische Gefangene wurden zu Objekten rassistischer Untersuchungen; sie wurden gemessen, fotografiert, gezeichnet und waren eine Attraktion für schaulustige Anwohner.

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Zwischen 1915-18 produzierte die Kommission 2000 Sprach- und Musikaufnahmen mit Gefangenen in 30 deutschen Lagern. Der Großteil dieser Aufnahmen wurde bisher nicht übersetzt. Doch sind diese akustischen Dokumente, die seit mehr als 100 Jahren im Lautarchiv und im Phonogramm-Archiv in Berlin archiviert sind, nicht bloß Sprach- und Musikbeispiele: Sie sind vielstimmige, historische Quellen, die von der Gefangenschaft, dem Krieg, Hunger und Unsicherheit erzählen. Einige von ihnen wurden für die Ausstellung Der Krieg und die Grammatik übersetzt und können heute als Kritik an der kolonialen Forschungspraxis gehört werden.

Einer der Gefangenen war der somalische Intellektuelle Mohamed Nur. Die Ausstellung folgt seinem ungewöhnlichen Lebensweg anhand einer Lautlehre des Somali, bestehend aus seinen eigenen Erzählungen. Nur ließ sich 1910 in Aden als Lehrer für die Kinder einer Völkerschautruppe anwerben und reiste mit dieser nach Deutschland. Nach einer Auseinandersetzung mit dem Direktor der Schau strandete Nur ohne Pass und Geld in Deutschland und verdiente seinen Lebensunterhalt u.a. als Modell. Er wurde zum Fantasiebild des afrikanischen Mannes. So zeigen beispielsweise zwei Gemälde des Museum Kunstpalast in Düsseldorf Nur, dessen Identität bisher nicht bekannt war. Während des Ersten Weltkriegs wurde er als ausländischer Mann im Zivilgefangenlager Ruhleben interniert. Dort traf er auf den Afrikanisten Carl Meinhof, der seine Stimme aufnahm und ihn 1917 als Sprachassistenten für das Hamburger Institut für Kolonialsprachen anwarb. Nur war maßgeblich an der Erarbeitung einer Grammatik des Somali beteiligt. In den Beispielsätzen der Lautlehre sind biografische Details, die Beweggründe seiner Migration und die Stationen seiner Reise zu lesen.

Die von Dr. Anette Hoffmann kuratierte Ausstellung ermöglicht durch historische Tonaufnahmen einen neuen Zugang zur Geschichte Mohamed Nurs und nähert sich seinen Sprechtexten und Bildern als Spuren kolonialer Wissensproduktion und seiner widersprüchlichen, oft exotisierenden visuellen Repräsentation in Deutschland. Hoffmanns Ausstellung und Forschung kann somit regelrecht als eine Methode für den wichtigen Prozess der Aufarbeitung der Sammlungsgeschichte des MARKK gesehen werden und präsentiert neue Anreize für eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit des Museums und ihrer zahlreichen Bezüge in die Gegenwart.

Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Universität Hamburg im Jahr 2019 soll mit dieser berührenden Ausstellung Aspekte der historischen Verknüpfung von Kolonialismus und Wissenschaft veranschaulicht werden.

Der Krieg und die Grammatik wird im Zwischenraum gezeigt. Hier macht das MARKK die Veränderungsprozesse des Museums sichtbar und begibt sich auf die Suche nach neuen Formaten und Wegen. In den nächsten Jahren ist der Raum Ideenwerkstatt, Interaktionsfläche und experimenteller Ausstellungsraum zugleich: Ein Ort zum Arbeiten und Mitdenken, zum Austauschen und Ausruhen. Eröffnet Anfang 2019 und finanziert aus Mitteln der „Initiative für ethnologische Sammlungen“ der Kulturstiftung des Bundes, werden hier zentrale Fragen und Aushandlungen der Neupositionierung des Museums aufgegriffen.

Ein Projekt mit Unterstützung der „Initiative für ethnologische Sammlungen“ der Kulturstiftung des Bundes

Weitere Infos unter markk-hamburg.de

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