Gastbeitrag: Auch für Fernunterricht rüsten! Wie Schulträger jetzt gefordert sind

16

MÜNCHEN. Das Schuljahr hat in den ersten Bundesländern bereits begonnen, und nach wie vor sind viele Fragen für den Schulbetrieb in den kommenden Monaten ungeklärt. Das betrifft auch die Kommunen, die als Schulträger in einer besonderen Verantwortung stehen. Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, ist selbst Schulleiter (eines Gymnasiums in Bayern). In seinem Gastbeitrag beschreibt er, worauf sich die Städte und Gemeinden einstellen sollten.

Sieht den Digitalpakt als Bürokratie-Monster: Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands (und selbst Leiter eines bayerischen Gymnasiums). Foto: Deutscher Lehrerverband

Bei Digitalausstattung Vollgas geben

Wie wird der Schulbeginn in den einzelnen Bundesländern aussehen? Sind die Schulen auf alle Eventualitäten und möglichen Infektionsszenarien vorbereitet? Welche Aufgaben sind von Schulleitungen, den Schulträgern sowie von Bund und Ländern bis zum Herbst noch zu erledigen?

Das Infektionsgeschehen nach Schulbeginn ist nicht absehbar

Das sind die großen Fragen, die sich die Betroffenen, also vor allem Eltern, Schulkinder und Lehrkräfte gerade stellen, – Fragen, auf die es allerdings keine einfachen und allgemeingültigen Antworten gibt. Die Beantwortung hängt nämlich sehr stark von der weiteren Entwicklung des Infektionsgeschehens ab, die derzeit niemand absehen kann. Wird es durch Reiserückkehrer aus Risikogebieten eine zweite Infektionswelle geben oder bleiben die Neuinfektionen insbesondere unter Kinder und Jugendlichen weiterhin sehr gering, was wir natürlich alle hoffen?

Die Hauptlehre aus dieser großen Unsicherheit muss lauten: Unsere Schulen und die dafür verantwortlichen Ministerien, Schulbehörden, Schulleitungen und Sachaufwandsträger müssen auf verschiedene mögliche Szenarien vorbereitet sein.

Erstes Szenario: Der vollständige Unterrichtsbetrieb ist möglich

Szenario 1, auf das sich die Kultusministerkonferenz als wünschenswertes Ziel festgelegt hat, will einen weitgehend vollständigen Unterrichtsbetrieb in vollen Klassenräumen ohne feste Abstandshaltung ermöglichen. In diesem Fall müsste das Abstandsgebot, das bisherige Rückgrat der schulischen Hygieneschutzkonzepte, ersetzt werden durch alternative Maßnahmen zum Gesundheitsschutz von Kindern und Lehrkräften.

Da geht es dann etwa um die organisatorische Isolierung von Lerngruppen und Klassen voneinander, auch in den Pausenzeiten, praktikable Lüftungskonzepte, gegebenenfalls durch Beschaffung mobile Ventilatoren, und auch über eine Maskenpflicht nicht nur auf den Verkehrsflächen der Schule, sondern auch im Unterricht, wie sie Nordrhein-Westfalen als erstes Bundesland für das neue Schuljahr bei älteren Schülern und Lehrkräften eingeführt hat, müsste ernsthaft nachgedacht werden.

In den Aufgabenbereich der Schulträger fällt unter anderem der angemessene Zustand der sanitären Anlagen, die Bereitstellung der Desinfektionsmittel sowie die Sicherstellung regelmäßiger gründlicher Reinigungszyklen. Auch der Gesundheitsschutz bei der Schulwegbeförderung und die eventuell notwendige Aufstockung der Beförderungskapazitäten bei dann wieder vollständigem Unterrichtsbesuch fällt meist in den Verantwortungsbereich der Kommunen, Städte und Landkreise.

Für die durch die Wiederaufnahme des Unterrichts mit vollen Klassen notwendigen neuen Pausenpläne, Corona-Hausordnungen, die Einhaltung des Maskengebots und die erforderlichen Einbahn-Wegsysteme im Schulgebäude sind die Schulleitungen zuständig. Für die allgemeinen Vorgaben für den Hygieneschutz ist das jeweilige Schulministerium zuständig, – wichtig ist aber, dass die Einzelschule abhängig von der Lage vor Ort, auch imstande ist, diese Vorgaben in die Praxis umzusetzen.

Zweites Szenario: Wechselbetrieb zwischen Distanz- und Präsenzunterricht

Allerdings gilt es, sich gleichermaßen auch mit Hochdruck optimal auf das Szenario 2 vorzubereiten, also den Fall, dass wegen erhöhter Infektionszahlen in manchen Bundesländern wieder in den Wechselbetrieb zwischen Distanz- und Präsenzunterricht umgeschaltet werden muss. Da rächt sich jetzt, dass die Umsetzung des Digitalpakts so ewig lang gedauert hat und ein richtiggehendes Bürokratiemonster geworden ist.

Aufgrund der erst Mitte letzten Jahres unterzeichneten Bund-Länder-Vereinbarung mussten in allen Ländern nochmals die Förderrichtlinien für die Antragstellung angepasst oder neu erarbeitet werden. In vielen Fällen sind auch zeitaufwändige europaweite Ausschreibungen notwendig. Trotzdem halten wir es vom Lehrerverband für skandalös, dass bis jetzt nur ein kleiner Teil der Digitalpaktmittel an den Schulen angekommen ist. Das ist nicht in erster Linie Schuld der Kommunen, aber wir würden uns trotzdem wünschen, dass bis Ende des Jahres von allen Beteiligten Vollgas gegeben wird bei der Modernisierung und Nachrüstung der digitalen IT-Struktur unserer Schulen.

Ohne Breitbandanschlüsse, Glasfaser, komplette Wlan-Ausleuchtung und entsprechende Endgeräte werden Lehrkräfte und Schüler auch für eine eventuell nochmals notwendige „Homeschooling“ Phase wiederum schlechte Rahmenbedingungen vorfinden. Noch nicht befriedigend gelöst ist auch die professionelle Betreuung dieser Systeme durch entsprechendes außerschulisches Personal, auch wenn hier eine Beteiligung von Bund und Ländern an den Kosten nicht mehr ausgeschlossen wird.

Schüler müssen für das neue Schuljahr mit Computern versorgt sein

Eine deutliche Verbesserung der Versorgung von bedürftigen Schülern mit Computer-Leihgeräten für Zuhause versprechen wir uns vom Sofortausstattungsprogramm des Bundes und der Länder als Zusatz zum Digitalpakt in Höhe von 500 Millionen Euro. Für die Beschaffung sind die Schulträger verantwortlich, für die Verteilung und die Bedarfsanalyse die jeweiligen Schulleitungen. Der Deutsche Lehrerverband hofft, dass ab Herbst in allen Bundesländern die Endgeräte beschafft sind und zur Ausleihe zur Verfügung stehen. Damit wäre eine große Schwachstelle des bisherigen digitalen Distanzunterrichts beseitigt, nämlich die Unmöglichkeit in der Vergangenheit, bis zu einem Viertel der Schüler zu erreichen, da kein entsprechende Endgerät im elterlichen Haushalt zur Verfügung stand.

Es bedarf sehr großer Anstrengungen aller für die Verwaltung und Finanzierung von Schulen zuständigen Stellen, um weiterhin die notwendige Balance zu halten zwischen größtmöglichem Gesundheitsschutz und möglichst umfassendem Unterrichtsangebot. Ein nochmaliger Lockdown sollte unter allen Umständen vermieden werden!

Wie ein Bürokratie-Monster namens „Medienentwicklungsplan“ die Digitalisierung der Schulen ausbremst – eine Analyse

Anzeige


16 KOMMENTARE

    • Insgesamt gibt es aber laut DeStasis aber „nur“ 685 566 Lehrer, davon Rund 350 000 die der DL vertreten könnte, denn es werden nur Gymnasiallehrer, Realschullehrer und Berufsschullehrer vertreten.

      • „[…] die Aussage einer Schulministerin, die nicht nur für den Unterricht, sondern auch für den Gesundheitsschutz von 200.000 Lehrern und 2,1 Millionen Schülern verantwortlich ist […]“

        Entweder liegt DeStatis oder IT.NRW daneben.

        „Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) berichtet, waren von den insgesamt knapp 686 000 Lehrkräften, die im Schuljahr 2018/19 an allgemeinbildenden Schulen unterrichteten, […]“
        Wenn Sie sich hierauf beziehen, müsste Ihnen auffallen, dass lediglich die zahl der Lehrkräfte, die an allgemeinbildenden Schulen unterrichten, genant wird. Zu den 200.000 Lehrkräften in NRW werden aber auch die Lehrkräfte an den Berufkollegs sowie FöS gezählt.

    • Es gibt rund 800 000 Lehrkräfte, davon sind nach Angaben, die schon etwas älter sind, rund 50 Prozent organisiert, vielleicht heute sogar weniger, also 40 Prozent. Das sind im besten Fall 400 000 Lehrkräfte.
      Die GEW behauptet 280 000 Mitglieder zu haben, VBE und DL je 160 000 bzw. 165 000. Da wäre wir schon bei über 600 000. Wie löst sich das Rätsel?
      Die GEW vertritt nur rund 190 000 Lehrkräfte, ansonsten eben auch viel Personal aus dem Kitabereich und auch an Hochschulen. Und dann sind bei den Mitgliedszahlen der Verbände und Gewerkschaften auch die Pensionist*innen und Studierenden dabei, das können bis zu einem Viertel aller Mitglieder sein.

  1. „ Ohne Breitbandanschlüsse, Glasfaser, komplette Wlan-Ausleuchtung und entsprechende Endgeräte werden Lehrkräfte und Schüler auch für eine eventuell nochmals notwendige „Homeschooling“ Phase wiederum schlechte Rahmenbedingungen vorfinden.“

    Immer wieder der gleiche Denkfehler. Für ein „Homeschooling“ braucht man keine Beitbandanschlüsse in der Schule – wofür denn, es sind doch keine Schüler da?!

    Was wirklich benötigt wird sind Konzepte zum Hybridunterricht und pädagogisch ausgerichtete Lernmanagement-Systeme (LMS) mit professionellen Support, die von Lehrkräften verpflichtend genutzt werden müssen. Der geliebten „pädagogischen Freiheit“ muss in der Corona-Zeiten ein Riegel vorgeschoben werden, um den konzeptionellen Wildwuchs einzudämmen.

    • Vielleicht wäre es sinnvoll, wenn Lehrkräfte im Schulgebäude Endgeräte nutzen können?

      Womöglich braucht es eine entsprechende schulische Ausstattung, um die Nutzung der LMS im Unterricht mit SchülerInnen erläutern und einüben zu können, damit sie dann von zu Hause aus selbstständiger damit umgehen können?

      Vielleicht könnte man auch den SuS, die zu Hause keinen Internetzugang haben, Räumlichkeiten in der Schule anbieten, in denen sie dann die digital gestellten Aufgaben des Distanzlernens abrufen, bearbeiten und hochladen könnten.

      • Lehrer ohne eigenen Rechner, ja es mag da einige schrullige Typen geben. Bei uns haben alle ihren eigenen privaten Rechner und keiner würde an die Schule gehen, nur um von dort Fernunterricht zu geben.

        Alles was Sie beschreiben können Lehrer und Schüler schon jetzt machen, dafür braucht es keinen Digitalpakt.

        Drücken tut man sich – Ministerien und Schulen – vor einem verbindlichen Konzept zur Umsetzung des Fernunterrichts.

        • „Alles was Sie beschreiben können Lehrer und Schüler schon jetzt machen,“
          Das mag in Ihrem Umfeld so sein, in meinem ist es anders.
          Wenn man etwa 30% der Eltern per Mail erreichen kann, die anderen aber nicht, dann wird es mit dem Fernunterricht schwierig – da hilft übrigens auch kein Unterrichtskonzept.
          Das ist natürlich auch abhängig von einer DSGVO-konformen Dienst-E-Mail-Adresse für Lehrkräfte, die viele bisher nicht hatten. Selbst wenn sie eingerichtet sind, dauert es eine Zeit, bis man neue Kommunikationsmittel implementiert hat und diese von Beteiligten nicht nur angenommen, sondern auch sinnvoll verwendet werden.

          Zur Ausstattung von Schulen verweise ich auf die Ergebnisse der ICILS 2018,
          siehe https://kw.uni-paderborn.de/institut-fuer-erziehungswissenschaft/arbeitsbereiche/schulpaedagogik/forschung/forschungsprojekte/icils-2018/
          Etwas mehr als ein Viertel der Achtklässler haben Zugang zu schulischem WLan, knapp 45% zu einem LMS, 16% zu internetbasierten Anwendungen für kolaboratives Arbeiten.

          Vielleicht hat sich in den letzten Jahren seit der Studie und in den letzten Monaten während des Distanzlernens an den Zahlen etwas verändert, von einem flächendeckenden Angebot kann man aber bisher nicht ausgehen.

        • „Isch ‚abe überhaupt keine Rechner!“

          Und die Finanzbeamten im Home-office benutzen ebenfalls private Endgeräte zur Bearbeitung Ihrer Daten und versenden Ihre Steuersachen mittels ungeschützter Verbindungen.

          • Ne, die haben vermutlich die Bürorechner mitgenommen und haben einen VN-Zugang zu den Servern.
            Aber die hatten halt schon Rechner, weil sie diese für die Arbeit schon nutzten.
            Wir können ja schlecht die SuS mit nach Hause nehmen.

          • Die Chance die Krise zu nutzen, um mit einem entschlacktem Lehrplan über zeitgemäße Medienkonzepte die Schüler in einem Online-Präsenzuntericht zu erreichen ist bisher leider komplett vertan worden. Auch die notwendige -zentral von den Ministerien ausgehende digitale Erreichbarkeitsanalyse – ist leider nur in wenigen Schulen durchgeführt worden. Leider haben die Verantwortlichen bisher leider nicht die Chance genutzt, den Lehrplan beispielsweise von Spieldesignern in interaktive Rollenspiele zu integrieren. Mit solchen Spielplattformen können die Schüler Ihren jeweiligen Wissensstand über Prüfungen erfahren und bekommen dann wie beispielsweise bei bubble Sprachschulungen Aufgaben, die gezielt Ihre Mängel aufgreifen. Der Lehrer hat als Admin Zugriff auf die Testergebnisse aller Schüler und kann dann individuell Schüler betreuen und fördern.
            Um solche Konzepte zu entwickeln bedarf es aber s.O. erstmal einer zentral analysierten und ausgewerteten Erreichbarkeitsanalyse, was in 6 Monaten immer noch nicht umgesetzt wurde. Down- und uploadgeschwindigkeit der Haushalte, wieviel Personen dort online tätig sind, Endgeräte und Betriebssystem müssten für anstehende Digitalkonzepte erstmal erfasst und einheitlich ausgewertet werden, um dann den Bedarf zu ermitteln und zu gegebenenfalls individuell zu unterstützen.

          • @Utz Kaspar
            Der Gedanke einer digitalen Erreichbarkeitsanalyse lässt mich schmunzeln.
            Wir funktioniert das, wenn keine Geräte vorhanden sind?
            Wie geht das ohne Internet?

  2. Bei uns wurden die frisch angeschafften Notebooks aus dem Laptopwagen geräumt, um den Mitarbeitern im Rathaus das Homeoffice zu ermöglichen.

    Großartig.

    Jetzt sollten sie wiederkommen.

  3. Herr Beckmann (VBE) ist übrigens schon seit zwei Jahren im Ruhestand und Frau Tepe (GEW) seit einem halben Jahr, wir werden als Lehrkräfte nur von Pensionist/inn/en vertreten …

    • Nicht ganz, die Chefin vom BLLV ist noch lange nicht pensioniert. Von außen wundert einen, dass die Chefin des Philologenverbandes eine Uniprofessorin ist.
      Die Hauptfunktionäre der Lehrerverbände sind teilweise nicht im aktiven Schuldienst, sondern für ihre Arbeit beurlaubt, denn das ist ein Fulltimejob.
      Die Frage ist, ob es einen Unterschied macht – Beurlaubung oder Pension. Vielleicht macht es dann einen Unterschied, wenn man schon länger aus dem Dienst ist und die Wandlungen in der Schule nicht mehr hautnah mitbekommt. Mich wundert, dass Herr Meidinger die Aufgaben als Direktor bis zum Schluss wahrnehmen konnte.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here