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Monate ungenutzt verstreichen lassen: Drosten kritisiert die Kultusminister – und sagt Probleme im Schulbetrieb voraus

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BERLIN. Es gibt in Deutschland erste belegte Corona-Ausbrüche an Schulen, heißt: Lehrer und Schüler haben sich in der Schule angesteckt. Dies hat der renommierteste deutsche Virologe, der Charité-Wissenschaftler Prof. Christian Drosten, in einem Interview mit dem “Tagesspiegel” bestätigt. Er macht den Kultusministern den Vorwurf, sich monatelang nicht um einen angemessenen Corona-Schutz in Schulen gekümmert zu haben. Und er sagt voraus: „Wir werden Probleme kriegen mit der unbeschränkten Schulöffnung, wie sie inzwischen stattgefunden hat.“

Mittlerweile sind einige Corona-Ausbrüche an deutschen Schulen dokumentiert. Illustration: Shutterstock

Befragt dazu, ob die Schulen gut vorbereitet seien, „auf das, was kommen könnte“, antwortet Drosten im “Tagesspiegel”: „Zunächst einmal bedauere ich, dass es im Mai und Juni so viel irreführende Informationen in der öffentlichen und politischen Diskussion gegeben hat. Es hat ja die Vorstellung kursiert, dass Kinder kaum am Infektionsgeschehen beteiligt sind. Wir konnten jedoch in einer Studie als erste zeigen, dass Kinder etwa eine gleich große Menge Viren mit sich herumtragen wie Erwachsene und daher möglicherweise eine vergleichbare Ansteckungsgefahr von ihnen ausgeht. Diese Studie wurde unter Missachtung der journalistischen Sorgfaltspflicht medial teils falsch dargestellt und völlig ungerechtfertigt skandalisiert. Das hat dann einen rationalen, lösungsorientierten Austausch zur Sache erschwert.“

“Bild” startete eine Kampagne gegen Drosten – mit Folgen

Der Hintergrund: „Bild“ war am 26. Mai mit der Titelzeile „Fragwürdige Methoden – Drosten-Studie über ansteckende Kinder grob falsch! Wie lange weiß der Star-Virologe schon davon?“ erschienen (News4teachers berichtete seinerzeit). Dafür ist „Bild“ mittlerweile vom Deutschen Presserat gerügt worden. Weder sei die Formulierung, die Studie sei „grob falsch“, von den zitierten Expertenmeinungen im Text gedeckt. Noch sei belegt worden, dass Drosten Tatsachen unterdrückt habe.

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Das Blatt hatte eine im wissenschaftlichen Diskurs übliche fachwissenschaftliche Diskussion um Details der Studie verzerrt dargestellt. Drosten verfeinerte die Untersuchung entsprechend – und hält am Ergebnis fest: Es gebe keine Hinweise darauf, dass Kinder in Bezug auf Sars-CoV-2 nicht genauso ansteckend seien wie Erwachsene.

Das aber haben Kultusminister behauptet – mehr noch: Der Beschluss der KMK vom Juni, die Schulen ohne Abstandsregel und ohne Maskenpflicht im Unterricht nach den Sommerferien im Regelbetrieb zu öffnen, beruht auf dieser Einschätzung.

“Kinder und Jugendliche sind kaum betroffen”

„Das ist zwar wissenschaftlich nicht bis ins Letzte ausgeleuchtet, das gebe ich allen zu, aber die meisten Wissenschaftler sind sehr klar in der Auffassung, dass das ganz anders ist als bei der Spanischen Grippe, die man früher immer mit Corona gleichgesetzt hat“, so erklärte Ties Rabe, Bildungssenator in Hamburg und Sprecher der SPD-geführten Kultusministerien in Deutschland, noch im Juli. Die Spanische Grippe habe vor allem Kinder und Jugendliche betroffen. „Und hier ist es genau umgekehrt“, meinte Rabe. „Das Infektionsgeschehen bei Kindern und Jugendlichen kann nicht gleichgesetzt werden in seinen Auswirkungen mit dem, was bei Erwachsenen passiert. Das ist ein Momentum, das man berücksichtigen muss in dem Abwägungsprozess, vor dem jetzt die Politik steht.“

Zuvor hatte sich Rabe sogar zu der Aussage verstiegen, dass die Schulschließungen ab März eigentlich gar nicht notwendig gewesen seien – und dass man in Zukunft wohl anders entscheiden werde. Regierende Politiker, quer durch alle Parteien, stießen in das gleiche Horn: „Zwischen eins und zehn ist kaum ein Ansteckungsrisiko vorhanden“ (NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer, FDP), „Kinder infizieren sich deutlich seltener mit dem Virus als Erwachsene“ (Hessens Kultusminister Alexander Lorz, CDU), „Kinder werden anscheinend nicht nur seltener krank, sondern sind wohl auch seltener infiziert als Erwachsene“ (Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Grüne).

Der größte Ausbruch an einer Schule betraf offiziell 36 Schüler und Lehrer

Studien, die das auch im Auftrag von Landesregierungen angeblich belegen sollten, waren allesamt in zeitlicher Nähe zu den Schulschließungen erstellt worden, sagen also wenig aus (außer, dass die Schulschließungen augenscheinlich erfolgreich waren). Mittlerweile, seitdem die Schulen wieder im Regelbetrieb laufen, gibt es allerdings einige dokumentierte Ausbrüche unter Schülern und Lehrern. Der größte: Bei 36 Schülern und Beschäftigten einer Schule in Hamburg wurden Infektionen nachgewiesen. An einer Schule im hessischen Gießen haben sich nach Angaben des Gesundheitsamts 14 Covid-19-Infektionen von Schülern bestätigt; 13 Betroffene besuchen gemeinsam eine Klasse. „As expected“ – wie erwartet –, so  kommentierte Drosten das Geschehen auf Twitter (News4teachers berichtet immer wieder über die Ausbrüche – hier geht es zu einem aktuellen Beitrag).

„Kritischer Diskussion meiner Forschungsergebnisse stelle ich mich immer“, sagt Drosten jetzt. „Der Diskurs ist durch Schlagzeilen angestoßen worden, hat sich dann aber fortgesetzt, weil Fachfremde aufgesprungen sind. Dadurch haben wir Zeit verloren. Ich habe immer gesagt, dass die Schulen offenbleiben sollten, aber man muss doch darüber reden, wie das erreicht werden kann, wie Arbeitsschutz für Lehrer und Fürsorgepflicht für die Schüler trotzdem gewährleistet werden.“ Mit „Fachfremden“ meint der international anerkannte Virologe offenbar mehrere Ärztegesellschaften, die hinter den Kulissen seit Monaten für weite Schulöffnungen trommeln (News4teachers berichtete ausführlich über das Wirken der Ärzte-Lobby – hier nachzulesen).

Lüften in der Schule ist wichtig – und die AHA-Formel

Drosten weiter: „Da muss etwa geklärt werden, ob die Schüler immer noch in einem geschützten rechtlichen Bereich sind, wenn man etwa Hallen oder Festzelte anmietet, um für mehr Abstand zu sorgen, ob der Arbeitsschutz ständige Zugluft zulässt, und was Ventilatoren kosten würden… Mai, Juni, Juli, August –  vier Monate hätte man Zeit gehabt, wenn nicht gleich zu Anfang die entscheidende Information verzerrt worden wäre durch einen Angriff auf meine Person und die wissenschaftliche Arbeit meiner Arbeitsgruppe.“ Der Forscher betont: „Jetzt sind wir fast wieder in einer ähnlichen Situation wie damals. Wir werden Probleme kriegen mit der unbeschränkten Schulöffnung, wie sie inzwischen stattgefunden hat.“ Lüften sei wichtig – und die Maßnahmen der AHA-Formel: Abstand, Hygiene, Alltagsmasken.

Angesprochen auf Israel, wo der Anstieg der Infektionen auch in Schulen jetzt zu einem erneuten gesellschaftlichen Lockdown geführt hat, sagt Drosten: „Auch in Deutschland gibt es inzwischen belegte Ausbrüche an Schulen. Da werden wieder einige sagen: Aber es ist doch noch nichts passiert. Klar, weil die Gesundheitsämter darauf achten. Noch haben die Behörden die Kraft, früh zu reagieren. Es gibt Schulklassenquarantänen im Moment, landesweit.“ News4teachers

Was die Gesellschaft für Virologie rät

«Fehlende Präventions- und Kontrollmaßnahmen könnten in kurzer Zeit zu Ausbrüchen führen, die dann erneute Schulschließungen erzwingen», heißt es in einer Stellungnahme der Gesellschaft für Virologie, die am 7. August veröffentlicht wurde – und an der neben Prof. Christian Drosten weitere anerkannte Virologen wie Prof. Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, Hamburg, und Prof. Isabella Eckerle vom Centre for Emerging Viral Diseases des Universitätsklinikums Genf mitgearbeitet haben.

«Wir warnen vor der Vorstellung, dass Kinder keine Rolle in der Pandemie und in der Übertragung spielen». Eine Unterschätzung der Übertragungsgefahren an Schulen wäre kontraproduktiv für das kindliche Wohlergehen und die Erholung der Wirtschaft. Für eine wirksame Unterdrückung der Virusausbreitung in der Gesamtgesellschaft bleibe es weiterhin Grundvoraussetzung, die Viruszirkulation in den Schulen niedrig zu halten.

Virologen plädieren für kleinere Klassen – und Maskenpflicht im Unterricht

Die Experten schlagen mehrere Maßnahmen vor, um die Übertragungsrisiken in den Schulen zu minimieren. Dazu gehört beispielsweise, die Klassengrößen abhängig von der Zahl der Neuinfektionen zu reduzieren. Zudem sollten aus virologischer Sicht feste Kleingruppen definiert werden mit möglichst geringer Durchmischung der Gruppen im Schulalltag.

Die Wissenschaftler sprechen sich außerdem für das «konsequente Tragen von Alltagsmasken in allen Schuljahrgängen auch während des Unterrichts» aus. «Dies sollte begleitet werden durch eine altersgerechte Einführung der Kinder in die Notwendigkeit und den Umfang von Präventionsmaßnahmen», heißt es. Sollte es gegen Jahresende zu einem kritischen Anstieg der Neuinfektionen kommen, und dabei auch Bildungseinrichtungen eine Rolle spielen, bringen die Virologen auch eine Ausdehnung der Weihnachtsferien ins Spiel, um die Zeiten mit höchster Infektionsaktivität zu verringern. “Insbesondere eine Ausdehnung in das neue Jahr erscheint sinnvoll, vor allem auch, weil es über Weihnachten durch feiertagsbedingte Reisetätigkeit und Familienfeiern vermutlich zu einer weiteren Zunahme der Infektionsrisiken kommen kann.”

Hier lässt sich die komplette Stellungnahme herunterladen.

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Ministerium fällt auf, dass es bei offenen Fenstern im Unterricht zu kalt wird – und will jetzt über Lüftungskonzepte sprechen

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