Digitales Lernen: Jede achte Schule ist „Vorreiter“, ein Drittel hinkt hinterher

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FRANKFURT/MAIN. Welche Auswirkung hat der coronabedingte Digitalisierungsschub im Bildungssystem? Und wie verändert sich die Arbeit der Lehrkräfte? Ein repräsentative Studie im Auftrag der GEW sieht Mängel bei der technischen Ausstattung – und warnt vor einer Kluft zwischen den Schulen. Darüber hinaus wird deutlich, wie stark die Lehrkräfte in der Pandemie gefordert waren.

Digitale Medien können im Unterricht sinnvoll eingesetzt werden – das passiert aber nicht überall. Foto: Shutterstock

Die Corona-Pandemie hat die Digitalisierung in deutschen Schulen zwar beschleunigt, doch es gibt weiterhin deutliche Lücken bei der technischen Ausstattung. Wie aus einer repräsentativen Studie der Universität Göttingen hervorgeht, stellt beispielsweise jede zweite Schule kein Wlan für Schüler bereit. Zudem habe sich eine deutliche Kluft zwischen einzelnen Schulen etwa in Sachen digitaler Kompetenz gebildet, erklärte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), die in Frankfurt erste Ergebnisse der Umfrage präsentierte. Die Arbeitsbelastung der Lehrer sei noch einmal gewachsen.

«Wir haben eine auseinanderdriftende Schulwelt»

«Das Lernen mit digitalen Medien und Tools wird an deutschen Schulen extrem ungleich umgesetzt», hieß es. Diese digitale Kluft gefährde die Kompetenzentwicklung und die gleichberechtigte Teilhabe. «Wir haben eine auseinanderdriftende Schulwelt», sagte Ilka Hoffmann vom GEW-Vorstand. Für die Studie waren Anfang 2021 bundesweit mehr als 2000 Lehrerinnen und Lehrer der Sekundarstufe I und II befragt worden. Demnach sind etwa ein Drittel der Schulen sogenannte Nachzügler in Sachen Digitalisierung, zwölf Prozent sind «Vorreiter».

«Die Unterschiede sind gravierend», sagte Studienleiter Frank Mußmann von der Universität Göttingen. So kann der Erhebung zufolge beispielsweise nur ein Drittel der Jugendlichen an Nachzügler-Schulen prüfen, ob sie sich auf Informationen im Internet verlassen können. An den Vorreiter-Schulen sind es dagegen 62 Prozent. Und auch die digitale Infrastruktur oder die Weiterbildungsmöglichkeiten für Lehrkräfte seien deutlich schlechter.

«Lediglich 57 Prozent der Lehrkräfte arbeiteten an Schulen, an denen es genügend digitale Geräte gibt»

Die Digitalisierung habe durch Corona einen kräftigen Schub bekommen, so der Wissenschaftler. Aber es gebe gravierende Mängel bei der technischen Ausstattung. «Wlan für alle ist bisher häufig Fehlanzeige.» Den Ergebnissen zufolge arbeiten lediglich 70 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer an Schulen mit Wlan für alle Lehrkräfte. Die Hälfte der Schulen hat zudem kein Wlan für die Schülerinnen und Schüler. Und: «Lediglich 57 Prozent der Lehrkräfte arbeiteten an Schulen, an denen es genügend digitale Geräte gibt», sagte Mußmann.

„Eine Cloudanbindung ist jedoch noch nicht selbstverständlich: Ein Viertel der Schulen hat keine Schulcloud, nur 40 Prozent arbeiten mit einer schulübergreifenden Bildungscloud“, betonte Mußmann. Bis heute stünden nur in 18 Prozent der Fälle für alle Lehrkräfte digitale Endgeräte der Schule zur Verfügung, für weitere 30 Prozent teilweise. „Deshalb greifen 95 Prozent der Lehrkräfte zur Selbsthilfe und setzen ihre privaten elektronischen Geräte wie Handy, Computer oder Tablet häufiger als vor der Pandemie ein“, sagte der Studienleiter.

„Nur in 50 Prozent der Fälle ist eine technische Unterstützung gewährleistet. Das führt zu Zusatzaufgaben, die Lehrkräfte on-top zu den pädagogischen und organisatorischen Aufgaben leisten müssen“, stellte Mußmann fest. Die Corona-Krise habe ohnehin zu erheblichen Zusatzbelastungen der Lehrkräfte geführt. „Neun von zehn Lehrkräften haben einen höheren Arbeitsaufwand durch Fernunterricht. Knapp zwei Drittel der Lehrkräfte benennen den Wechselunterricht als Grund für eine stärkere Arbeitsbelastung“, betonte Mußmann. Zudem sei die Arbeitsbelastung dadurch gestiegen, dass analoge in digitale Materialien überführt wurden, die digitalen Kompetenzen und die Ausstattung der Schülerinnen und Schülern sehr unterschiedlich sind sowie mehr Kommunikation notwendig ist.

„Die Dynamik der Corona-Pandemie und die Digitalisierung verstärken die angespannte Arbeitssituation an den Schulen und die ohnehin schon bekannten hohen Belastungen und Entgrenzungserfahrungen der Lehrkräfte“, hob Mußmann hervor. Dennoch hätten Lehrkräfte und Schulen mit bemerkenswertem Engagement pragmatische Lösungen gefunden, um digitale Medien und Technik einzusetzen, sowie digitale Lehr- und Lernkonzepte entwickelt und umgesetzt.

„Die Lehrkräfte müssen sich auf die pädagogischen Aufgaben konzentrieren können“

Am Ende zeigten sich dann aber doch Unterschiede bei der pädagogischen Nutzung digitaler Techniken im Unterricht und den Chancen der Schülerinnen und Schüler, elementare digitale Kompetenzen zu erwerben. „Es ist nicht gut für eine Demokratie, wenn nur 34 Prozent der Schülerinnen und Schüler in digitalen Nachzügler-Schulen lernen, wie sie prüfen können, ob sie sich auf Informationen im Internet verlassen können“, betonte Mußmann.

„Die Lehrkräfte müssen sich auf die pädagogischen Aufgaben konzentrieren können“, mahnte GEW-Vorstandsmitglied Hoffmann an. „Wir brauchen endlich mehr IT-Fachleute für den technischen Support, die Gelder für die Einstellung etwa von Systemadministratoren stehen bereit. Diese Mittel müssen endlich abgerufen und verstetigt werden. Digitale Werkzeuge sollen die Lehrkräfte pädagogisch unterstützen – und nicht zu einer Dauerbaustelle werden.“

Ansgar Klinger, GEW-Vorstandsmitglied Berufliche Bildung und Weiterbildung, unterstrich: „Die Bildungsgewerkschaft fordert schon lange eine bessere digitale Infrastruktur an den Schulen. Die eklatanten Lücken in der digitalen Ausstattung und die Mehrfachbelastung in der Pandemie führen zu einer nicht zu verantwortenden Arbeitsbelastung der Lehrkräfte an Schulen und einer zunehmenden digitalen Kluft. Diese Entwicklung müssen wir stoppen und nachhaltig umkehren, damit Schulen sowie Schülerinnen und Schüler nicht weiter abgehängt werden.“ News4teachers / mit Material der dpa

Hier geht es zu den vollständigen Studienergebnissen.

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8 KOMMENTARE

  1. Was so mega schade ist: im Distanzunterricht konnten wir in den Videokonferenzen endlich richtig zeitgemäßen Unterricht machen. Zurück in der Schule haben wir kein funktionierendes WLAN, kein Datenvolumen, keine Geräte für Schüler*innen und Lehrer*innen, keine Beamer, keine Smart Boards. Wir sind auf einen Schlag wieder zurück in den Schulunterricht des letzten Jahrhunderts geworfen.

  2. „Mängel bei der Ausstattung“ – also mir zum Beispiel ist aufgefallen, dass in unserer Schul-Ausstattung eine IT-Fachkraft fehlt.

  3. Stimme ich zu. Ohne EXTERNE IT Fachkraft wird Digitalisierung nicht funktionieren.

    Da können sich Schulen noch so viele gute Geräte anschaffen…

    Eine komplexe IT Struktur muss täglich fachgerecht gewartet werden.
    Das kann ein Lehrer nie leisten.

    • Die IT-Fachkraft muss oder sollte sogar nicht extern sein. Jede zumindest größere Schule braucht einen eigenen Systemadministrator, der sich in Vollzeit um alle Geräte kümmert. Dazu gehören das stationäre Schulnetzwerk, alle ausgegebenen und vom Land finanzierten Lehrergeräte egal ob Notebook oder Tablet und auch alle Schülergeräte egal ob von der Schule ausgeliehen oder von den Schülern selbst angeschafft.

      Ich gehe aber davon aus, dass Sie so etwas in der Richtung meinten.

      • Na prima, d e n Job habe ich schon. Allerdings unbezahlt, bezahlt werde ich für meinen zweiten Vollzeitjob: LK. Ist schon ein super Sparmodell von Land und Kommunen.

        • Überspitzt dargestellt, aber dafür ganz ehrlich: selbst schuld, wenn Sie das mit sich machen lassen. Gerade wegen solch aufopferungsvoller Menschen wie Ihnen sieht die Politik keinen Anlass, ihr bisherigen Verhalten zu ändern. Wie soll auf die Verantwortlichen Druck entstehen, wenn sich einzelne Lehrkräfte immer wieder bereit erklären, den Karren „gratis“ aus dem Dreck zu holen? Dieses Helfersyndrom benötigen wir Lehrkräfte im Alltag sicherlich an ganz vielen Stellen, in der EDV ist dieses aber m.E.n. total fehl am Platze.

          Peter Eichinger (der selbst über 100 IPads und Laptops betreut… für Anrechnungsstunden, die Arbeit macht sich ja nicht von alleine).

          • Anrechnungsstunden? Selten so gelacht… Unsere Grundschule bekommt genau 3 davon, für Medienkoordinatoren gibt es den tollen Namen und sonst nix. In meinen Stundenplan wurde dann 1 AG-Stunde geschrieben, damit es überhaupt ein bisschen Entlastung gibt, die reicht natürlich vorn und hinten nicht.

        • Antwort auf Ihren letzten Post, den man leider nicht weiter „antworten“ kann:
          Sie haben vermutlich meinen Beitrag nicht ganz verstanden Anne: die Anrechnungsstunden fallen nicht vom Himmel, die müssen Sie von Ihren Vorgesetzten einfordern – auch an Grundschulen. Werden diese Ihnen nicht zugesprochen, werden Sie eben im EDV-Bereich nicht weiter aktiv bleiben. Das ist keine Erpressung – sondern einfach nur die Einforderung eine Anrechnung ihrer Tätigkeit in diesem Bereich. Bleiben Sie am Ball und geben Sie nicht auf – ansonsten ändert sich nichts an Ihrer Situation!

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