Schulleitungskongress: Frust über Corona-Politik, Anerkennung vom Bundespräsidenten

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DÜSSELDORF. Corona, zu wenig Lehrkräfte und immer mehr Stress: Viele Schulleitungen fühlen sich ausgebrannt und demotiviert. Vor allem jüngere Führungskräfte wollen den Job in absehbarer Zeit sogar an den Nagel hängen. Dies geht aus einer Umfrage hervor, die der VBE anlässlich des Deutschen Schulleitungskongresses (DSLK) unter schulischen Führungskräften durchführen ließ. Die Politik kommt dabei schlecht weg.

Der Bundespräsident in seiner Videobotschaft an die Schulleiterinnen und Schulleiter. Screenshot

Trotz der dramatisch steigenden Corona-Zahlen hat sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gegen Schul- und Kitaschließungen ausgesprochen. «Es muss jetzt unser oberstes Ziel sein, Kitas und Schulen offen zu halten», sagte Steinmeier am Freitag in einer Video-Ansprache zum 10. Deutschen Schulleitungskongress in Düsseldorf. Ursprünglich hatte der Bundespräsident seine persönliche Teilnahme am Kongress zugesagt, dann aber aufgrund der aktuellen Entwicklung der Panemie kurzfristig abgesagt.

Vor dem Hintergrund der andauernden Corona-Krise zeigt eine bei dem Kongress veröffentlichte Forsa-Umfrage, dass besonders jüngere Schulleitungen zunehmend ihre Motivation verlieren. Jeder fünfte Schulleiter unter 55 Jahren sieht sich demnach in zehn Jahren nicht mehr in seinem Job. Jede vierte Schulleitung macht die Arbeit nur noch ungern.

«Es ist jetzt an uns, die junge Generation vor weiteren Schäden zu schützen»

Bundespräsident Steinmeier forderte mehr Wertschätzung für Schulleiter. In den Schulen entscheide sich, ob gute Bildung ganz praktisch gelinge. Schulleitung sei ein herausfordernder, anspruchsvoller und ausfüllender Beruf. Trotzdem blieben entsprechende Stellen an vielen Orten für lange Zeit unbesetzt, weil es an Bewerbern fehle. Der Bundespräsident zeigte sich besorgt, dass viele darüber nachdächten, an eine andere Schule zu wechseln, in die Verwaltung abzuwandern oder den Beruf ganz an den Nagel zu hängen.

Steinmeier erinnerte zugleich an den hohen Preis, den Kinder und Jugendliche in der Pandemie mit Wechsel- und Distanzunterricht hätten zahlen müssen, um ältere Menschen zu schützen. Schulschließungen hätten dazu geführt, dass gerade die Schülerinnen und Schüler, denen das Lernen ohnehin etwas schwerer falle, weiter zurückgefallen seien. «Und wir wissen inzwischen auch, dass viele junge Menschen bis heute unter körperlichen und seelischen Folgen von Isolation und Einsamkeit leiden», sagte der Bundespräsident. «Es ist jetzt an uns, die junge Generation vor weiteren Schäden zu schützen.» Steinmeier rief dazu auf, sich impfen zu lassen oder den Impfschutz zu erneuern und Kontakte freiwillig zu reduzieren.

Für Eltern, Lehrer und Schulleitungen seien die Pandemiewochen «extrem hart, aufreibend und belastend», sagte Steinmeier. Viele leisteten unzählige Überstunden, um Hygienekonzepte umzusetzen oder Kontakte nachzuverfolgen. Umso bitterer sei es, dass Lehrkräfte und Schulleiter beschimpft würden, weil sie die Entscheidungen umsetzten, die sie gar nicht zu verantworten hätten.

Bei den Schulleitungen macht sich in der Corona-Krise derweil Frust und Ernüchterung breit. Wie die repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) zeigt, würde fast die Hälfte der 1300 befragten Schulleiter und Schulleiterinnen (46 Prozent) den Beruf «wahrscheinlich nicht» oder «auf keinen Fall» weiterempfehlen. Bei den unter 40-Jährigen Führungskräften hält sogar fast jeder Vierte (24 Prozent) den Schulleiterberuf «auf keinen Fall» für empfehlenswert.

Jede vierte Schulleitung (25 Prozent) macht die Arbeit nur noch ungern. Der Anteil verringerte sich damit leicht gegenüber der Befragung in der Corona-Krise im November 2020. Damals waren es noch 27 Prozent – 2019 hatten dagegen nur 4 Prozent geantwortet, ihren Beruf ungern auszuüben. In der Gesamtschau betrachtet, hat die große Mehrheit der Schulleitungen (75 Prozent) aber weiterhin eine positive Einstellung zu dem Beruf («eher gern» und «sehr gern»).

«Die Politik ignoriert die Realität an den Schulen und bürdet den Schulleitungen immer mehr Aufgaben auf»

Die Corona-Krise schlägt allerdings auf die Arbeitsmotivation durch. So veränderte sie sich bei mehr als der Hälfte (52 Prozent) aller Befragten zum Negativen. Bei den unter 40-Jährigen gaben dies sogar 62 Prozent an. «Die Politik ignoriert die Realität an den Schulen und bürdet den Schulleitungen immer mehr Aufgaben auf», sagte VBE-Verbandschef Udo Beckmann. «Die Motivation schwindet, die Ernüchterung gewinnt.» Wenn sich nichts ändere, drohten die Jüngeren schon zu Beginn ihrer Führungslaufbahn wieder abzuspringen

Nach wie vor wird der Lehrkräftemangel am häufigsten als größtes Schulproblem genannt (46 Prozent). Fast zwei Drittel der Befragten (63 Prozent) haben an ihren Schulen damit zu kämpfen. 2019 war es noch die Hälfte. Besonders betroffen vom Lehrkräftemangel sind Förderschulen. Für ein Drittel (33 Prozent) der Schulleitungen zählen Corona und die Schutzmaßnahmen zu den derzeit größten Problemen, 31 Prozent nannten Arbeitsbelastung und Zeitmangel.

Eine gute Entwicklung scheint es hinsichtlich der digitalen Ausstattung an den Schulen zu geben. 93 Prozent der Befragten gaben an, Anträge auf Geld aus dem Digitalpakt gestellt zu haben. 54 Prozent sagten, es gebe Breitbandinternet und Wlan in den Klassenräumen. Auch Tablets und Smartphones für die Schüler waren für 71 Prozent der Schulleitungen verfügbar.

Der Deutsche Schulleitungskongress wird vom VBE und von Fleet Education Events gemeinsam veranstaltet. News4teachers / mit Material der dpa

Hier, auf der Seite des Deutschen Schulleitungskongresses, lässt sich die vollständige Ansprache des Bundespräsidenten anschauen.

Deutscher Schulleitungskongress: „Sie sind Gestalter von Lern- und Lebensräumen“ – Bundespräsident Steinmeier würdigt Schulleitungen  

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14 KOMMENTARE

  1. Wenn die Schulen auf bleiben sollen, müssen wir jetzt handeln.

    Maskenpflicht, Abstand, isolierte Gruppen, Luftfilter – alles andere führt geradewegs zu Schließungen.

    Wenn alles bleibt, wie es ist, bleibt nichts, wie es ist.

    Himmel, warum tun unsere Politiker nichts?
    Warum nehmen sie uns sogar noch das letzte bisschen Einfluss auf die Pandemie, indem sie Kinder ohne Maske in die Klasse setzen, dafür mit Decke und Mütze…

    Die Aufhebung der Abstandsregeln, die Aufhebung der isolierten Gruppen, zu allem Übel noch die Aufhebung der Maskenpflicht werden sich als Gamechanger erweisen.
    Aber vielleicht kommt dem noch die neue Variante zuvor.
    Dann kann unsere Ministerin ja behaupten, dass sie sowas ja gar nicht habe ahnen können.
    Doch, konnte sie!
    Genau davor haben nicht nur Mediziner, sondern auch Lehrer bis zur Verzweiflung gewarnt!

  2. Herr Steinmeier mag ein angenehmer Gesprächspartner sein, für Predigten in der Kirche vielleicht nützlich, aber als Bundespräsident hat er total enttäuscht. Fernab jeglicher Realität versucht er alles schön zu reden und schwingt permanent die Rassismus Keule, während andere Prolbleme totgeschwiegen werden. Die Regierung hat in der Corona Krise eindeutig versagt, auch nach 2-3 Jahren Erfahrung, Wahlkampf war wichtiger, und keiner gibt das Versagen zu, auch Herr Steinmeier nicht, der eigentlich als Regulator, wenn auch nicht Enscheidungsträger, fungieren sollte. Jetzt würdigt er die Schulleitungen, ach, wohl aus Angst, dass alle hinschmeißen. Wertschätzung hat das Schulpersonal noch nie bekommen außer jetzt in der Coronakrise. Das gibt zu denken. Und das eigentliche Problem blendet er wie immer geschickt aus. Sein Konterfei muss in allen Schulen hängen, das ist eigentich ein Affront. Mich hat das immer genervt, weil ich mich vom Bundespräsidenten nie vertreten gefühlt habe. Außer Grüßaugust und Mainstream Konformgänger fällt mir nichts zu ihm ein, und hoffte doch in diesen hefitgen Krisen, mal was Konstuktives von ihm zu hören. Leider nein, das höchste Amt in Deutschland ist zwar teuer, aber ohne Funktion, und mittlerweile auch ohne Repräsentation.

  3. Patient Schule schafft es kaum noch aufrechtzustehen, und alle bewundern, wie toll er noch tanzen kann, anstatt wirklich zu helfen.

    Wer wurde schon alles gewürdigt?
    Krankenhauspersonal
    Pflegekräfte
    Schulleiter…

    Also all diejenigen, die in dieser Situation körperlich und psychisch ausbluten. Besser ging es keinem nach so einer Würdigung wirklich.
    Worte sind billig.

    • @Klugscheisser

      „Worte sind billig.“

      Darum werden sie ohne Grenzen bezüglich Qualität und Quantität rausgehauen, denn nur so bleiben die vorgeblichen Volksvertreter selbst im Gespräch.
      (Geht das als Perpetuum mobile durch?)

  4. Die neue Richtschnur der Politik:

    Lasst uns alles dicht machen, damit wir die Kinder in den Schulen schnell durchseuchen können.

    Bloß nicht das Problem dort anpacken, wo es am Größten ist, nämlich in Kitas und Schulklassen mit ungeimpften Kindern.

  5. Herr Steinmeier hat wegen der Coronasituation auf seine persönliche Anwesenheit verzichtet, aber die Tagung mit mehreren Tausend Teilnehmerinnen und Teilnehmern fand trotzdem in Präsenz statt … Sehe ich das richtig?

    • Keine Ahnung, wie viele Teilnehmer es in Präsenz waren.
      Unsere SL haben gar keine Zeit, um gerade jetzt quer durch die Republik zu fahren um einem Kongress teilzuwohnen!
      Aber Herr Steinmeier hat Recht, wenn er sich nur online zuschalten lässt. Er hat ja nicht die „qua Amt“ Immunität gegen Corona, die alle in der Schule Beschäftigen offenbar haben!

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