GEW-Studie: Hochschul-Lehre stärker digitalisieren – dort, wo es sinnvoll ist

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FRANKFURT/MAIN. Die GEW hat Bund und Länder aufgefordert, die Hochschulen bei der für das Sommersemester angekündigten Rückkehr zum Präsenzstudium als Regelfall aktiv zu unterstützen – und untermauert das mit einer Studie. Die beschreibt Handlungsbedarf auch bei der Digitalisierung, konkret: Präsenz- und Online-Veranstaltungen sinnvoll miteinander zu kombinieren.

„Zeit effektiver nutzen“: Berliner Humboldt Universität. Foto: Shutterstock

„Nach vier Coronasemestern sind Studierende, Lehrende und Forschende am Limit. Digitale Lehrformate mussten gleichsam über Nacht entwickelt, häufig gleichzeitig Präsenzlehre angeboten werden. Distanz und Vereinsamung gingen mit psychischen Belastungen einher, die Vereinbarkeit von Familie und Wissenschaft kam an ihre Grenzen, pandemiebedingte Beeinträchtigungen und Verzögerungen von Forschungs- und Qualifizierungsvorhaben erhöhten den Druck auf befristet beschäftigte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler“, sagte Andreas Keller, stellvertretender GEW-Vorsitzender und Vorstandsmitglied für Hochschule und Forschung, mit Blick auf eine von der Gewerkschaft in Auftrag gegebene Studie.

Die Coronapandemie habe zwar auch das Potenzial für positive Veränderungen im Hochschulbetrieb wie die Reduzierung unnötiger Mobilität der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aufgezeigt, führten Projektleiterin Hanna Haag, Frankfurt University of Applied Sciences, und Projektmitarbeiter Daniel Kubiak, Humboldt-Universität zu Berlin, in ihrem Forschungsbericht aus. Der entstand auf der Grundlage von Interviews und Diskussionen mit Studierenden und Lehrenden. Dieses Potenzial könne aber nur genutzt werden, wenn Bund, Länder und Hochschulen jetzt nachhaltige Strukturveränderungen auf den Weg brächten – etwa eine nachhaltige Nutzung der neu erworbenen digitalen Kompetenzen, eine Stärkung des Stellenwerts der Lehre an den Hochschulen oder die Schaffung langfristiger Perspektiven für den akademischen Mittelbau, heißt es in den Handlungsempfehlungen der Studienautorin und des -autors.

„Die Effizienz und der Nutzen digitaler Formate stark von der Art der Wissensvermittlung und damit auch vom Veranstaltungstypus ab“

So lautet eine Schlussfolgerung der Arbeit: „Der erzwungene Schub der Digitalisierung hat lange vernachlässigte Möglichkeiten für einen ganz großen Teil der akademischen Welt vor Augen geführt. Wie uns die Befragten aus ihren eigenen Erfahrungen berichten, bringen digitale Lehrveranstaltungen, Konferenzen, Arbeitsmeetings oder Workshops die Möglichkeit, viele unnötige Wege zu unterbinden und Zeit effektiver zu nutzen. Es zeigt sich, dass die Interviewten dies als eindeutigen Zugewinn erachten, der langfristig kanalisiert werden sollte“.

Und weiter: „Die Gespräche haben uns bestätigt, dass die Effizienz und der Nutzen digitaler
Formate stark von der Art der Wissensvermittlung und damit auch vom Veranstaltungstypus abhängen: Beispielsweise kann bei der Lehre zwischen großen Vorlesungen, in denen es in aller erster Linie um reine Wissensvermittlung geht und kleineren Seminarveranstaltungen, in denen die Interkation zwischen Lehrenden und Studierenden im Vordergrund steht, unterschieden werden. Wobei die Studierenden mehrfach darauf hinweisen, dass die Interaktion vor und nach den großen Vorlesungen (beim Kaffee, in der Mensa, beim Wechseln des Raumes) auch eine wichtige soziale Komponente für das Studium sind. Insbesondere die Studierenden zeigen deutliche Ermüdungserscheinungen hinsichtlich videobasierter Seminarsitzungen, bei denen die Diskussionskultur und damit die Interaktion eindeutig an Qualität verlieren. Große Vorlesungen hingegen könnten durch digitale Hilfsmittel sehr viel effektiver
und inklusiver/ barrierefreier gestaltet werden.“

„Im Lichte der Studienergebnisse bleibt der Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) vom 10. März zur Ausgestaltung des Sommersemesters 2022 hinter den Anforderungen zurück“, kritisierte GEW-Vize Keller. Der von der KMK angekündigte „offene Dialog mit allen Teilen der Hochschulgemeinschaft“ sei zwar überfällig, die Länder müssten aber darüber hinaus rechtzeitig vor Semesterbeginn Maßnahmen ergreifen, um Studierende und Hochschulbeschäftigte zu unterstützen. Neben wirksamen Maßnahmen zum Gesundheits- und Infektionsschutz gehörten dazu individuelle Unterstützungs- und Beratungsangebote für Studierende sowie Fort- und Weiterbildungsangebote für Lehrende. Letztere müssten zudem von technischen und administrativen Aufgaben entlastet werden. Die Pandemiesemester dürften nicht auf Studienzeiten und Ausbildungsförderung angerechnet, Zeitverträge mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern müssten unbürokratisch verlängert werden.

Den Bund mahnte Keller, das Bundesprogramm „Digitale Hochschule“ sowie die Reformen des Bundesausbildungsförderungs- und Wissenschaftszeitvertragsgesetzes, die im Ampelkoalitionsvertrag stehen, schnell auf den Weg zu bringen. „Die digitale Infrastruktur an den Hochschulen, einschließlich moderner Lehr- und Lernplattformen, ist dringend auszubauen. Die Studienfinanzierung und die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses müssen krisenfest ausgestaltet werden. Eine bedarfsgerechte Ausbildungsförderung sowie Dauerstellen für Daueraufgaben und Mindestlaufzeiten für Zeitverträge in Forschung und Lehre sind dafür eine wichtige Grundlage“, betonte der GEW-Hochschulexperte. News4teachers

Hier geht es zur vollständigen Studie.

Pandemie sorgt für Nachfrageboom: Private Hochschulen im Stimmungshoch

 

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