Schul-IT: „Es findet ein Verdrängungswettbewerb mit Steuermitteln statt“

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STOLBERG. Der Staat drängt zunehmend als Anbieter in die digitale Bildung. Der Didacta Verband der Bildungswirtschaft äußert in einer aktuellen Stellungnahme die Sorge, dass der Bund und einzelne Bundesländer mit steuerfinanzierten IT-Lösungen für Schulen den Markt und seine Dynamik unfair beinträchtigen – und so die mittelständische Bildungs- und Digitalwirtschaft in Deutschland schwächen und den Prozess der Digitalisierung der Schulen erschweren. „Es findet ein Verdrängungswettbewerb mit Steuermitteln statt, der zulasten der Schülerinnen und Schüler sowie ihrer Lehrkräfte geht. Die müssen am Ende mit schlechteren Produkten arbeiten“, erklärt Volker Jürgens, Geschäftsführer des IT-Unternehmens AixConcept aus Stolberg bei Aachen und Vorsitzender des Ausschusses für Digitale Bildung des Didacta Verbands.

Greift der Staat zu unfairen Mitteln? Die Bildungswirtschaft kritisiert das. Illustration: Shutterstock

Der Bund und einzelne Bundesländer, so heißt es in dem Papier des Didacta Verbands, haben sich „in jüngerer Vergangenheit als Wirtschaftsteilnehmer in rein technischen Bereichen des Bildungswesens beteiligt, die weit über ihre anerkannte Hoheit für die Bildungsinhalte hinausgehen. Diese Markteingriffe gefährden eine in die Zukunft gerichtete Digitalisierung des gesamten Bildungssystems.“

Und weiter: „Die Corona-Pandemie hat die Digitalisierung des deutschen Bildungssystems, insbesondere der Schulen, beschleunigt. Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler sowie deren Eltern mussten sich zu Beginn der Corona-Krise mit den pädagogischen Anforderungen des Distanzunterrichts vertraut machen und sich den Umgang mit der technischen Ausstattung und den digitalen Anwendungen aneignen. Die mittelständisch geprägte Bildungswirtschaft hat sie dabei tatkräftig und unbürokratisch unterstützt. Innerhalb von wenigen Wochen hat sie Millionen Schülerinnen und Schüler und Tausende Schulen in die Lage versetzt, ihrem Bildungsauftrag weiter nachzukommen. Die Bildungswirtschaft hat Schulen kurzfristig ausgestattet, an IT-Systeme angebunden und passgenau beraten. Sie hat Anwendungen und Inhalte zur Verfügung gestellt, häufig digital und temporär sogar kostenfrei. Darüber hinaus hat sie Kapazitäten ausgebaut und eine Vielfalt von zusätzlichen Materialen erstellt.“

Vor diesem Hintergrund entschieden sich immer mehr Schulen für die Zusammenarbeit mit etablierten Anbietern der deutschen Bildungswirtschaft, die auf datenschutzkonforme Lösungen setzen. „Diese Anbieter ermöglichen digital gestützten (Distanz-)Unterricht und eine effiziente Planung des Schulalltags. Sie garantieren den notwendigen technischen Support. Dabei beraten sie die Schulen dahingehend, die Lösung auszuwählen, die am besten zu ihren in den jeweiligen Medienbildungskonzepten und Medienentwicklungsplänen definierten Anforderungen und Strategien passt“, so stellt der Didacta Verband fest.

„Staatliche Monopolangebote werden den komplexen Anforderungen der pädagogischen Praxis nicht ausreichend gerecht“

Er meint: „Die kurzfristigen Reaktionszeiten und das spezifische Wissen der Anbieter tragen zu einer vertrauensvollen, konstruktiven und zielgerichteten Zusammenarbeit im Sinne der Schülerinnen und Schüler sowie der Lehrkräfte bei, die sich so auf den Unterricht konzentrieren können. Die Infrastruktur für die digitale Schule verbessert sich mit Hilfe des Mittelstands stetig und Innovationen werden gefördert.“

Aber: „Insbesondere auf Landesebene entstehen im Moment unterschiedlichste öffentliche Lösungen für die digitale schulische Infrastruktur, die zudem mit einem vermeintlichen ‚Kostenlosversprechen‘ eingeführt werden.“ Volker Jürgens ergänzt: „Tatsächlich werden diese Produkte aus Steuermitteln finanziert – mit hohen Summen und unüberschaubaren weiteren Kosten.“

Dabei zeige sich in der Praxis, wie es in der Stellungnahme heißt: „Zahlreiche staatliche Monopolangebote werden den komplexen Anforderungen der pädagogischen Praxis nicht ausreichend gerecht und bieten nur einen Teil des notwendigen Leistungsumfangs. Zudem fehlen Fachkräfte für den technischen Support, für die Betreuung und Wartung von Netzwerken, für die kompetente Implementation von Hard- und Software und für geeignete Schulungen. So entsteht in vielen Bildungseinrichtungen ein erheblicher Mehraufwand, weil Fach- und Lehrkräfte Aufgaben fachfremd übernehmen müssen. Dies ist sowohl quantitativ als auch qualitativ nicht im Sinne einer nachhaltigen Schulentwicklung und Mittelverwendung.“

Die mittelständischen Unternehmen hätten bewiesen, dass sie auf die Anforderungen der Schulen flexibel und passgenau reagieren können. Schulen sollten ihrem Bildungsauftrag nachkommen und sich nicht mit IT-Verwaltung beschäftigen müssen. Der Didacta Verband fordert unter anderem „die Reduzierung der staatlichen Eingriffe bei Aufbau und Einsatz der digitalen Infrastruktur“.

AixConcept-Geschäftsführer Volker Jürgens schlägt vor, dass die staatlichen Lösungen nicht länger aus Steuermitteln finanziert werden, sondern sich wie die Angebote der privaten Wettbewerber aus Gebühren finanzieren müssen, die die Kunden – die Schulträger – aufzubringen haben. „Dann würde sich sehr schnell herausstellen, wer sich mit besseren Lösungen auf dem Markt durchsetzt“, so Jürgens. Er ist sich sicher: Die staatlichen Angebote, in die (trotz hoher Kosten für die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler) nur ein Bruchteil der Entwicklungskosten moderner marktreifer IT fließen, wären das nicht.

Hier geht es zur vollständigen Stellungnahme des Didacta Verbands. 

Hinter den Zusammenbrüchen der Schulplattformen steckt ein Systemfehler: Ministerien als IT-Entwickler? Das kann nur scheitern

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Derdiedas
2 Monate zuvor

Ich sehe es ähnlich kritisch, wenn staatliche Produkte aufgezwängt werden und den täglichen Anforderungen nicht entsprechen. Gleichzeitig versuchen private Unternehmen ebenfalls Monopole zu schaffen, die nur das nötigste an Updates liefern. Auch hier gibt es kaum bis gar keinen fairen Wettbewerb. Dies wäre nur möglich, wenn Schulen frei Software auswählen dürfen und diese monatsweise oder zumindest jahresweise austauschen können. Beides ist nicht möglich. Neue Anbieter haben auch kaum eine Chance, da die Marktmacht entweder der Staat oder ein etablierter Mittelstand besitzt. Gleichzeitig ist die Monetarisierung so gering, dass sich die Entwicklung von Produkten nur lohnt, wenn man einen Großteil der Schulen auch als Kunden hat. Für Startups sicherlich kein geeignetes Umfeld.

Wir nutzen an unserer Schule Systeme vom Land, als auch Systeme von Unternehmen. Beide Seiten liefern schlechte Qualität und schlechten Support bei maximaler Bindung an ihre Produkte. Der Vergleich zu Unternehmen mit Kunden aus der Wirtschaft, z.b. Microsoft, hinkt massiv.

GriasDi
2 Monate zuvor

Ich wüsste nicht, wo mich irgend ein Unternehmen bei meiner Arbeit je unterstützt hätte.

Verärgert
2 Monate zuvor

Unter dem Deckmantel Datenschutz wird uns vom KM vieles an guten und brauchbaren Programmen verboten. Guten Ersatz gibt es nicht. Mich ärgert, das dadurch der digitale Fortschritt stockt. Die ständigen Wechsel der Programme demotivieren Kollegen, die sich mit diesen Neuerungen sowieso schwer tun. Ich kann nicht verstehen, dass die KM die keine Ahnung von Digitalisierung haben hier so viel Mitsprache haben. Warum wird hier nicht auf Experten gesetzt. Wieder einmal am falschen Ende gespart.

alter Pauker
2 Monate zuvor

Ein Beispiel für Bindung an ein gewerbliches IT Unternehmen, das im Auftrag der öffentlichen Hand an unserer Schule ein paar Laptops bereitgestellt hat. Natürlich wie üblich, ohne bei uns in der Schule nachzufragen, was benötigt wird und was nicht.
Jetzt habe ich einen Laptop „am Hals“ bei dem ich nicht einmal ein einziges Icon von der Oberfläche in einen selbst angelegten Ordner verschieben kann (Beispiel: Alle Office- Icons, sowie 7 unnötige Icons einer Druckereinrichtung liegen auf der Oberfläche. Ich wollte Excel und Co., außer Word, in einen angelegten Office-Ordner und die unnötigen Druckericons in einen Printer-Ordner legen). Geht aber nicht! Genauso wenig wie das Löschen der unnötigen Brother-Icons, die teils werbliche Funktion haben.
Dazu braucht man nämlich die Administrator-Berechtigung und ich müsste jetzt das IT-Unternehmen anrufen, damit jemand irgendwann (die Erfahrung zeigt, dass es bei der vom Schulträger beauftragten Firma einige Wochen dauern kann) kommt, der für mich ein paar Symbole in einen Ordner verschiebt. Ursache sind sinnlose Vorgaben, die nur den Zweck haben, Aufträge für den IT-Betrieb zu generieren-der wiederum gibt an, diese Vorgaben von „der Behörde“ erhalten zu haben, wo die zuständige Person sich als nicht zuständig erklärte.
Für alltägliche Tätigkeiten, die ich im Grundkurs meinen Schülern im Computerraum beibringe – dort geht das ohne Probleme.
Ein dicker Hammer – aber als Musterbeispiel, auch für bereitgestellte Software, absolut geeignet.

Lera
2 Monate zuvor

Solange die Lehrer nicht bestimmen, was angeschafft wird, sondern Sesselpupser in irgendeinem Amt, wird es auch weiterhin nur den allerletzten Müll geben – gilt für Schulbücher genauso wie für Software. Denn die Amtsschimmel entscheiden bar jeder Sachkenntnis ausschließlich anhand der Vollständigkeit von politisch aktuell geforderten Schlagwörtern in der Produktbeschreibung („kompetenzorientiert“, „BNE“, „inklusiv“, „differenziert“ etc.).

Georg
2 Monate zuvor
Antwortet  Lera

Wieso haben Sie keine Fachkonferenz, die über Bücher festlegt und dies an die eigentlichen Entscheider weitergibt, die das aber im Vertrauen absegnen?

Mika
2 Monate zuvor
Antwortet  Georg

Die meisten Entscheider segnen nach Kassenlage ab -dazu sind sie auch verpflichtet. Und wenn ihnen zwei Produkte gleichwertig erscheinen, nehmen sie halt das billigere. Ich muss dazu sagen, dass ich das in Bezug auf Schulbücher bei unseren Träger so nicht erfahren habe (da gab es dann bei mangelnden finanziellen Mitteln eben überhaupt keine Bücher). In Bezug auf Experimentierausstattung und Technik jeglicher Form ist mir diese Vorgehensweise jedoch sehr vertraut.

Lera
2 Monate zuvor
Antwortet  Georg

Das bleibt natürlich unbenommen, aber der Pool zugelassener Schulbücher bzw. konformer Software ist ja schon durch ein Heer von „Experten“ festgelegt worden.

rudluc
2 Monate zuvor

Klar ist, dass es solch einen Wildwuchs an Insellösungen nicht mehr geben darf. Es ist schon richtig, dass BYOD vorangetrieben wird und dass die extrem arbeitsintensiv zu administrierenden Schulnetze abgelöst werden durch zentral verwaltete webbasierte Systeme unter Länderhoheit. Nur so ist es möglich, eine Monokultur der Endgeräte aufzubrechen.

Georg
2 Monate zuvor
Antwortet  rudluc

Byod ist in einem Schulnetzwerk aber noch schwieriger zu verwalten als zentrale Anschaffungen. Dass Schüler gewünschte Programme eigenständig installieren, ist auch sehr optimistisch.

Realist
2 Monate zuvor
Antwortet  rudluc

Selbst in der hochgelobten freien Wirtschaft hat man sich von BYOD verabschiedet. Das höchste der Gefühle ist dort die Möglichkeit unter einigen wenigen Modellen, die als Arbeitsgeräte vom Arbeitgeber zur Verfügung gestellt werden, zu wählen.

BYOD ist mit zentraler Administration, IT-Sicherheit und hohem Datenschutzniveau einfach nicht vereinbar! Es ist ein Sparmodell!