Schüler haben kaum Kenntnisse über Bienen im Ökosystem

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MAINZ. Denken sie an „Bienen“, bedeutet dies für die meisten Schülerinnen und Schüler ausschließlich an Honigbienen. Nur die wenigsten erkennen überhaupt Wildbienen oder haben ein Bewusstsein für deren Bedeutung im Ökosystem, ergab eine Studie der Universität Mainz.

Für das anhaltende Insektensterben in Deutschland und vielen anderen Regionen der Welt gibt es bereits seit einiger Zeit unzweifelhafte wissenschaftliche Belege. Der Verlust vieler Arten, besonders auch unter den Bienen, wird für die Bestäubung unserer Pflanzen und die Stabilität der Ökosysteme weitreichende Folgen haben. Umso wichtiger ist es, das Bewusstsein für die komplexen Zusammenhänge und die Vielfalt der Bestäuber zu schärfen. Allerdings, so zeigt eine neue Studie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU), sind Schülerinnen und Schüler kaum in der Lage, die Bedeutung von Wildbienen korrekt einzuschätzen und verschiedene Bienenarten zu unterscheiden. „Damit fehlen die Voraussetzungen für einen effektiven Schutz dieser Insekten, denn wie es oft heißt: Man kann nur schützen, was man kennt“, sagt Laura Christ von der Arbeitsgruppe Didaktik der Biologie an der JGU.

Die meisten denken nur an Honigbienen

Um das ganze Ausmaß der drohenden Einbußen zu erfassen, ist es nach Darstellung von Laura Christ wichtig, beim Wort „Bienen“ nicht nur an die bekannte Honigbiene zu denken, sondern auch an die Wildbienen. „In Deutschland sind laut Roter Liste etwa 53 Prozent der Wildbienen bestandsgefährdet, vom Aussterben bedroht oder extrem selten“, so die Biologiedidaktikerin. „Aber die wenigsten wissen, dass zum Beispiel auch Hummeln zu den Wildbienen gehören.“ In Deutschland sind etwa 560 unterschiedliche Wildbienenarten bekannt, darunter 41 Hummelarten. „‘Wildbiene‘ ist übrigens kein wissenschaftlicher Begriff, sondern wird dafür verwendet, die Honigbiene von den anderen Arten innerhalb der Familie der Echten Bienen abzugrenzen“, bemerkt die Wissenschaftlerin.

Bienen auf einer Wabe
Das Wissen über Bienen ist bei Schülerinnen und Schülern kaum ausgeprägt. Foto: Maja Dumat / flickr (CC BY 2.0)

Ob den Schülerinnen und Schülern diese Vielfalt bewusst ist, hat Laura Christ im Rahmen ihrer Doktorarbeit an weiterführenden Schulen im Rhein-Main-Gebiet untersucht. Sie führte dazu das Konzept der Species Awareness Disparity (SAD) bei Bienen ein. „Wir wollten wissen, ob die Schülerinnen und Schüler unterschiedliche Wildbienenarten erkennen und ob ihnen deren Bedeutung für die biologische Vielfalt bewusst ist“, so Christ. An der Studie mit dem Titel „SAD but True: Species Awareness Disparity in Bees Is a Result of Bee-Less Biology Lessons in Germany” nahmen 421 Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen fünf bis sieben teil. Mithilfe eines Fragebogens sollten sie zunächst beantworten, was sie mit dem Begriff „Wildbiene“ verbinden und dann anhand von zwölf Fotos Wildbienen neben Honigbienen und Schwebfliegen erkennen.

Die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler, so die Ergebnisse, scheint beim Begriff „Wildbiene“ nicht an die große Vielfalt unter den Bienen zu denken, sondern verbindet damit die Honigbiene. Bei den Fotos konnten nur 2,7 Prozent der Elf- bis Vierzehnjährigen alle Wildbienen und Honigbienen korrekt identifizieren. 13,8 Prozent der Befragten konnten dagegen nicht eine einzige Wildbienenart richtig zuordnen. „Insgesamt zeigt sich ein hohes Maß an Unsicherheit“, so Christ. „Den Schülerinnen und Schülern ist die große Vielfalt im äußeren Erscheinungsbild und der Lebensweise der Bienen nicht klar. Viele denken, Wildbienen sind Honigbienen, die in der Wildnis leben und nicht von Imkern gehalten werden.“

Wissen durch eigene Aktivitäten fördern

Um das Wissen über Artenvielfalt im Biologieunterricht zu verankern, hat die Arbeitsgruppe Didaktik der Biologie um Professor Daniel Dreesmann nach einem ersten Projekt („Hallo Hummel!“) eine weitere Initiative gestartet: „Hummeln helfen! Rhein-Main“ ist 2021 mit 12 Lerngruppen angelaufen, dieses Jahr sind 26 Lerngruppen in den Klassen fünf bis acht an elf Schulen in Mainz, Wiesbaden, Bingen, Nieder-Olm und Ingelheim am Start. Die Schülerinnen und Schüler untersuchen zunächst ihr eigenes Schulgelände auf die Blütenvielfalt und das Vorkommen von Wildbienen und bestimmen sie anhand eines eigens dafür entworfenen Bestimmungsfächers. Sie erarbeiten dann Vorschläge, wie das Schulareal zum Vorteil von Hummeln und Insekten gestaltet werden könnte, beispielsweise durch Hochbeete, Nisthilfen oder die Auswahl bestimmter regionaler Blühpflanzen. Um auch ihr privates Umfeld und weitere Kreise über die Problematik und Wichtigkeit der Artenvielfalt zu informieren, entwickeln die Schülerinnen und Schüler Informationsmaterialien wie etwa Flyer oder Postkarten.

„Wir denken, dass Schülerinnen und Schüler viel besser für den Artenschutz motiviert werden können, wenn man sie gezielt in Aktivitäten einbindet. Wir orientieren uns daher am Citizen-Science-Ansatz, bei dem auch Forschende und Laien kooperieren“, sagt Laura Christ. Bei „Hummeln helfen! Rhein-Main“ können Schülerinnen und Schüler Wissen über Wildbienen erwerben, die Artenvielfalt kennenlernen und sich ganz konkret mit den Faktoren des Bienen- und Insektensterbens auseinandersetzen, um anschließend selbst aktiv zu werden. (zab, pm)

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Pälzer
1 Monat zuvor

Dass die Kinder Wildbienen nicht kennen, ist in keiner Weise verwunderlich. Studenten oder Mitarbeiter der Uni Mainz brauchen nur in den Lehrplan des Landes zu Biologie oder Naturwissenschaft zu schauen. Da stellen Sie dann fest, dass zwar 1/4 Jahr zu „Tieren+Pflanzen+Lebensräume“ vorgesehen sind, dass aber von Klasse 5 bis 10 für kein einziges Tier eine umfassende Behandlung vorgesehen wird. Nur so Streiflichter gibt es wie z.B. „Augen des Vieraugenfisches“, „Bewegungsform der Reptilien“, „die Rolle des Bussards im Ökosystem“. In der Mittelstufe wird es wenig besser. Es lebe die Kompetenzorientierung.