Start Tagesthemen “Überfordertes System”: Immer mehr Schulbegleitungen – und trotzdem längst nicht genug

“Überfordertes System”: Immer mehr Schulbegleitungen – und trotzdem längst nicht genug

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MAGDEBURG. Lange Wartezeiten und steigende Antragszahlen: Eltern brauchen oft viel Geduld, bis ihr förderbedürftiges Kind eine Schulbegleitung erhält, obwohl das Angebot ausgebaut wurde. In Sachsen-Anhalt kocht der Ärger darüber aktuell hoch. 

Schulbegleitungen kümmern sich um einzelne Kinder (Symbolfoto.) Foto: Shutterstock

Immer mehr Kinder und Jugendliche brauchen einen Schulbegleiter, um im Unterricht zurechtzukommen. Für die Eltern ist der Weg bis zu einer solchen Lösung oft lang. Beispiel Sachsen-Anhalt: In den Behörden des Landes steigen die Antragszahlen, die Wartezeiten sind lang. Das gilt auch für den Weg zu einer Diagnose, die die Basis für die Unterstützung ist. Laut dem Sozialministerium lag die Zahl der Kinder, die Hilfe in Form eines Schulbegleiters erhielten, Ende 2020 noch bei rund 800, im Oktober 2025 waren es gut 1.140. Das entspricht einem Plus von gut 40 Prozent binnen knapp fünf Jahren.

Anträge in Halle verdoppelt – das sind die Gründe

Die Lebensrealität der jungen Menschen mit sozialen, gesundheitlichen und psychosozialen Belastungen habe sich verändert, teilt die Stadt Halle mit. Daneben sei das Schulsystem zunehmend überfordert. «Schulen sind nicht nur Orte von Bildung, sondern vielmehr Orte, wo soziales Lernen stattfindet. Damit scheint das System aber immer mehr überfordert», heißt es. Zudem wird darauf hingewiesen, dass vermehrt Schulbegleitungen bewilligt würden, weil alternative Hilfsangebote fehlten.

In Halle verdoppelte sich die Zahl der Anträge, in denen eine Schulbegleitung beantragt wurde, von 50 im Jahr 2023 auf 106 im Jahr 2025, wie ein Sprecher mitteilt. Genehmigt wurden demnach 41 Fälle (2023) und 67 Fälle (2025). Oft würden auch andere geeignete Hilfen bewilligt wie etwa Einzelförderungen. Die Fallzahlen steigen auch in den angefragten Landkreisen wie dem Altmarkkreis Salzwedel, dem Burgenlandkreis und dem Landkreis Wittenberg. Der Trend betrifft nicht nur Regelschulen, sondern auch Förderschulen.

Schulsystem ist überfordert

In der Landeshauptstadt Magdeburg gibt es seit 2017 eine steigende Anzahl von Anträgen auf Leistungen zur Teilhabe an Bildung. Zu den Gründen werden hier auch die unzureichenden Ressourcen an den Schulen gezählt sowie eine fehlende sonderpädagogische Förderung. Etwa die Hälfte der Schulbegleitungen in Magdeburg werde an Förderschulen gewährt. Im Schnitt laufe eine Schulbegleitung fünf bis sieben Jahre.

Einer von vielen Trägern von Schulbegleitdiensten ist die Johanniter-Unfall-Hilfe e.V. Beim Regionalverband Magdeburg/Börde/Harz ist Martina Habelitz seit zehn Jahren verantwortlich für den Schulbegleitdienst. 90 Fälle haben die Johanniter derzeit in der Region. Sie kämen aus jeder Gesellschaftsschicht, Kinder aus allen Schulformen seien dabei. Klienten seien beispielsweise Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen, deren Wahrnehmungsverarbeitung beeinträchtigt sei, Kinder mit Diabetes, Kinder im Rollstuhl oder auch solche mit Kinderdemenz ohne lange Lebenserwartung.

So arbeiten Schulbegleiter

«Die Aufgabe eines Schulbegleiters ist, sich unsichtbar zu machen, sich überflüssig zu machen», sagt Habelitz. Die Wege seien unterschiedlich. Autisten etwa bräuchten klare Strukturen. Alles, was sich ändert, bringt sie aus der Bahn. Bei bindungsgestörten Kindern gehe es erst einmal nur ums Da-Sein. Sie testeten alles aus, zeigten sich von ihrer «schlechtesten Seite». Die Schulbegleiter müssten das aushalten und signalisieren, dass sie trotzdem da seien. Verstehe der Klient das, dann könne man richtig beginnen, so Habelitz.

Dass die Fallzahl seit Jahren steige, sei auch ein Ergebnis genauerer Diagnostik, sagt Habelitz. Denn es gelte das Prinzip: ohne Diagnose kein Schulbegleiter. Die Kosten von bis zu 6.000 bis 7.000 Euro pro Monat für eine studierte Fachkraft könne sich in Sachsen-Anhalt kaum eine Familie leisten.

«Es dauert lange, bis die Hilfen ankommen», sagt Habelitz. Sie berichtet von überlasteten Ämtern und Bescheiden, die lang auf sich warten lassen. Eltern brauchten auch viel Geduld bis zum ersten Termin im Diagnoseverfahren. Bis man das Gutachten in der Hand halte, könnten eineinhalb Jahre vergangen sein. Ähnlich lang könne es dauern, bis tatsächlich ein Schulbegleiter an der Seite des Kindes sei. Eltern seien oft am Ende ihrer Kräfte.

Belastete Behörden, fehlende medizinische Kapazitäten

Die Jugend- und Sozialämter berichten von mehreren Monaten durchschnittlicher Bearbeitungszeit. Aus Halle hieß es, lägen keine medizinischen Unterlagen vor, die gesetzlich gefordert seien, könne die Bearbeitung ein Jahr und mehr dauern aufgrund fehlender therapeutischer und medizinischer Kapazitäten. Lägen alle Unterlagen auch von der Schule vor, betrage die Bearbeitungszeit in der Regel etwa sechs Monate. «Der Beginn der Leistung kann sich danach noch weiter verzögern, wenn Träger der freien Jugendhilfe keine entsprechenden Kapazitäten haben. Dies ist besonders bei sehr herausfordernden jungen Menschen der Fall», heißt es weiter aus Halle.

Gefragt nach der durchschnittlichen Bearbeitungszeit nennt der Burgenlandkreis drei bis sechs Monate, der Altmarkkreis durchschnittlich etwa fünf Monate. In Halle dauere die Bearbeitung bei vollständigen Unterlagen in der Regel rund sechs Monate – fehlten medizinische Nachweise, könne es «ein Jahr und mehr» werden. Der Landkreis Wittenberg nennt als Praxiswert rund drei Monate, in Einzelfällen könne das Verfahren auch länger als ein Jahr dauern.

Expertin ist für längeres gemeinsames Lernen und Pool-Lösungen

Habelitz sieht zugleich die Schulen mit Klassen, die immer größer werden. Kinder kämen mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen in die Schulen. Migration spiele eine größere Rolle, manche Kinder sprächen kein Wort Deutsch, wenn sie in die Schule kämen. Eigentlich würde Habelitz lieber längeres gemeinsames Lernen sehen, beginnend mit verpflichtenden Kitajahren und einer Vorschule, mehr sozialer Interaktion, mehr Toleranz, Respekt und Mitgefühl.

Sie setzt sich aber auch für eine andere Lösung ein: «Es wäre schön, wenn sich unser Bundesland auf den Weg machen würde zum Poolen.» Von derzeit befristeten Verträgen für die Schulbegleiter je Fall würde das System umgestellt auf feste Verträge und Schulbegleiter, die mit Lehrkräften in multiprofessionellen Teams arbeiten. Sie könnten so gleich mehreren Kindern in einer Klasse helfen.

Zu den zentralen Punkten einer Liste mit Sparvorschlägen aus dem Umfeld des Kanzleramts gehört die bundesweite Umgestaltung der Schulbegleitung für Kinder mit Behinderungen. Statt individueller Unterstützung für einzelne Schülerinnen und Schüler sollen demnach Gruppenlösungen treten, bei denen eine Assistenzkraft mehrere Kinder gleichzeitig betreut. „Den Kindern wird die Möglichkeit zur individuellen Teilhabe genommen“, warnt die GEW. News4teachers / mit Material der dpa

Hier geht es zu einem Bericht über die „Giftliste“ aus Berlin: 

Berliner Streichpläne: „Dann ist Inklusion an Regelschulen zum Scheitern verurteilt und die Förderschulen können dicht machen“

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