Jahrestag des Mauerbaus: Bundesstiftung beklagt Wissenslücken bei Schülern – „falsche Schwerpunkte in der Schule“

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BERLIN. 13. August 1961 – was war da nochmal? Viele Schüler rätseln. Die Bundesstiftung Aufarbeitung findet, da läuft im Geschichtsunterricht etwas schief. Deren Direktorin beklagt ohnehin eine falsche Schwerpunktsetzung in der Schule – zu viel MINT, zu wenig Gesellschaftskunde.

„Lehrerinnen und Lehrer sowie politische Bildner stehen in der Verantwortung“: Schülerinnen und Schüler in der Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße. Foto: Shutterstock

Vor dem Jahrestag des Mauerbaus am 13. August 1961 beklagt die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur große Wissenslücken. «Es sollte uns alarmieren, wenn nur eine kleine Minderheit unserer Schulabgängerinnen und Schulabgänger etwas mit den Kerndaten unserer Nachkriegsgeschichte anfangen kann», sagt die Direktorin Anna Kaminsky.

Nach einer Umfrage im Auftrag der Bundesstiftung wüssten sechs von sieben Befragten im Alter von 14 bis 29 Jahren nichts mit dem Datum 17. Juni 1953 anzufangen – dem Tag des gescheiterten Volksaufstands in der DDR. «Wir sprechen von jungen Menschen, die seit 2009 den Geschichtsunterricht im vereinten Deutschland durchlaufen haben», sagte Kaminsky. «Eine Umfrage zum 13. August 1961 würde mit Sicherheit ein vergleichbares Bild ergeben.»

«Zugleich dürften diese Wissensdefizite die Quittung eines allzu sehr auf Kompetenzvermittlung ausgerichteten Geschichtsunterrichts sein»

An dem Tag vor 62 Jahren hatte die Führung der DDR mit dem Bau der Berliner Mauer begonnen. Dies sollte die massenhafte Abwanderung von Menschen in den Westen Berlins und in die Bundesrepublik stoppen, der die DDR-Wirtschaft bremste und den Staat destabilisierte.

«Die Abriegelung der Grenze zu West-Berlin war die politische Konkurserklärung, mit der das kommunistische Regime auf die massenhafte Abwanderung von Akademikern, Facharbeitern und vor allem von jungen Menschen aus der DDR reagierte. Die Ursache für die Massenflucht 1960/61 war der neuerliche Versuch der SED, die kommunistische Umgestaltung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft zu erzwingen», so erklärt die Bundesstiftung. Die Mauer wurde nach Massenprotesten in der DDR am 9. November 1989 – also erst mehr als 28 Jahre später – geöffnet.

Kaminsky beklagt falsche Schwerpunkte in der Schule. «Hier spiegelt sich eine Bildungspolitik wider, die nicht nur allzu schnell bereit war, die Zahl der Wochenstunden für Geschichte und Gesellschaftskunde zugunsten der MINT-Fächer und anderer Schwerpunkte zu reduzieren», kritisiert sie.

«Zugleich dürften diese Wissensdefizite die Quittung eines allzu sehr auf Kompetenzvermittlung ausgerichteten Geschichtsunterrichts sein», meint die promovierte Sprachwissenschaftlerin. Dieser vermittle Schülerinnen und Schülern offenkundig kein ausreichendes und gemeinsames zeithistorisches Wissensfundament. Dabei gebe es bei jungen Leuten großes Interesse an der jüngsten Zeitgeschichte. Die Stiftung wolle Lehrkräfte ermutigen, dieses Interesse zu bedienen.

«Die DDR-Bürger hatten ihre Lektion am 17. Juni 1953 gelernt», so Kaminsky. Die Niederschlagung des DDR-Volksaufstands von 1953 habe gezeigt, dass die SED-Diktatur gegen den Willen der Sowjetunion nicht überwunden werden konnte. Daher sei den Menschen, denen ein Leben in der Diktatur unerträglich erschien, nur die Flucht in den Westen geblieben, betont sie.

Bau der Mauer am Brandenburger Tor 1961. Foto: Bundesarchiv / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0 DE)

Angesichts aktueller Debatten über die DDR – gemeint ist auch die verbreitete «Ostalgie», eine Verklärung der DDR-Vergangenheit – fordert die Direktorin der Bundesstiftung: «Die Niederschlagung des DDR-Volksaufstands vom 17. Juni 1953 und der Mauerbau am 13. August 1961 sind die sichtbarsten Symbole der kommunistischen Diktatur in der DDR. Lehrerinnen und Lehrer sowie politische Bildner stehen in der Verantwortung, dass junge Leute, die die Schule verlassen, mit diesen Daten etwas anfangen können.»

Zum Phänomen der «Ostalgie» heißt es bei der Bundesstiftung: Sie «spiegelt einerseits das Bedürfnis von ehemaligen DDR-Bürgern wider, Erfahrungen und Erinnerungen an ein früheres Leben zu bewahren und im Austausch darüber zu bleiben. Andererseits geht dies aber auch mit einer zunehmend positiven Betrachtung der DDR-Vergangenheit einher. Kritiker werfen der ‚Ostalgie-Bewegung‘ eine Verharmlosung der SED-Diktatur und ihrer Repressalien vor. Das schwierige Leben unter der Diktatur werde außer Acht gelassen und das Leben in der DDR verklärt.» News4teachers / mit Material der dpa

Hintergrund

An der Berliner Mauer und der streng bewachten Grenze zwischen der DDR und der Bundesrepublik kamen mehrere Hundert Menschen bei Fluchtversuchen ums Leben. Wie viele es genau waren, wird bis heute erforscht.

Das Berliner Mauermuseum legte am Mittwoch eine neue vorläufige Bilanz vor, die 1.922 Todesfälle mit dem Grenzregime in Zusammenhang bringt. Neu in die Liste aufgenommen wurden den Angaben zufolge aber auch ungeklärte Todesfälle in Grenznähe sowie Selbsttötungen, darunter ein Fall an der Westgrenze der damaligen Tschechoslowakei.

Die Stiftung Berliner Mauer geht von einer nur etwa halb so großen Zahl aus: etwa 650 Opfer des DDR-Grenzregimes einschließlich von Menschen, die in der Ostsee ums Leben kamen. Die Stiftung nennt dies einen Näherungswert.

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers heiß diskutiert.

Ostbeauftragter: DDR-Geschichte kommt im Unterricht zu kurz (und wird falsch vermittelt)

 

 

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DerechteNorden
11 Monate zuvor

Was soll man erwarten, wenn wir in alle möglichen anderen Dinge vermitteln sollen, die früher die Eltern übernommen haben?
Auch habe ich in Weltkunde immer öfter das Gefühl, bei „Adam und Eva“ anfangen zu müssen. Und da kommt man dann eben nie so weit, wie man sollte.

Rainer Zufall
11 Monate zuvor
Antwortet  DerechteNorden

Ich stimme Ihnen zu, aber das IST politisch gewollt. Die Eltern sollten beide arbeiten, Preisentwicklung und Billiglöhne forcieren dies. Dafür wird im Bildungssektor abgebaut. Wer es sich leisten kann, unterstützt daheim oder bezahlt Nachhilfe.
Aber Nornal- und Geringverdienende haben diese Ressourcen nicht und erhalten zu wenig Unterstützung.

Ja, es bleibt an den Schulen hängen. Hier müssen die steinalten Bildungspläne auf den Tisch und mit Blick auf Corona, Lehrkräftemangel und allgemeiner Bildungskrise angepasst werden. Sorry an alle, die gerne geistlos Daten und Zitate pauken lassen.

Canishine
11 Monate zuvor

Die Lösung ist der multiuniversal-orientierte Unterricht, der geschickt den günstigen, gendergerechten Handy-Vertrag mit dem demokratiebewusstseinsfördernden, fakteninklusiven Unterricht verbindet. Es wird Zeit, dass wir Schule ganz neu denken!

Pit2020
11 Monate zuvor
Antwortet  Canishine

@Canishine

„Es wird Zeit, dass wir Schule ganz neu denken!“

Gibt’s da nicht was von „ratiopharm“?
Oder von „amazon“?
… „Lieferando“ vielleicht? 😉

Canishine
11 Monate zuvor
Antwortet  Pit2020

Gute Besserung!

Rainer Zufall
11 Monate zuvor

Stimmt schon. Wie verloren werden die jungen Generationen sein, nicht den Tag der Demonstration auf das Datum genau zu kennen?
Die werden niemals so aufgeklärt wie die Jahrgänge der Ostalgie, DDR-Nostalgie-Sendungen im Fernsehen und Montagsdemos gegen eine vermeindliche Diktatur – denen hat hat stumpfe Daten-Lernen echt geholfen.

Ich bin mir sicher, die Schülerinnen und Schüler können definitiv mehr mit „DDR“ und „Mauer“ anfangen, aber woher nimmt man sich die Sicherheit, es wäre heute „schlechter“ und es läge an den neuen Unterrichtsplänen?
Ich lese keine Belege, dann kann ich auch behaupten, es liegt an den vielen Sommerferien, dass dieser Tag zu wenig schulische Aufmerksamkeit erhält.

Silberfischchen
11 Monate zuvor

Es ist doch mit allen geschichtlichen Ereignissen so, dass die Mehrheit der Schüler damit nichts anzufangen weiß. War es allerdings je anders? Geschichte war in meiner Wahrnehmung nie Lieblingsfach einer Mehrheit.

In Berlin gibt es das Fach Geschichte an Grundschulen (bis Klasse 6) gar nicht mehr. Es wurde mit Geografie und Politik „zusammengeschmissen“, aber da geht es dann um Wasser und Ernährung (u.a.). Geschichtliches kommt nur noch bruchstückhaft und zusammenhanglos vor.

Wer hat hier falsche Schwerpunkte gesetzt?

Clara
11 Monate zuvor

Wieso „Wissenslücken“? Wir arbeiten doch kompetenzorientiert.

Pit2020
11 Monate zuvor
Antwortet  Clara

@Clara

Sauber ins Schwarze getroffen! 🙂 🙂

Mo3
11 Monate zuvor

(Daten) auswendig lernen ist halt out …

Melissentee
11 Monate zuvor

Die Geschichte der Bundesrepublik findet einfach auch sehr spät im Geschichtsunterricht statt. Im Sachkundeunterricht der GS wird Deutschland nicht historisch betrachtet und Erdkunde in der Unterstufe auch nicht. Das ist sehr schade. Ob die Bundesländer mit Hauptstädten überhaupt noch gepaukt werden, hängt von der Lehrkraft ab. Damit fallen Anknüpfungspunkte für einen kurzen Exkurs zum geteilten Deutschland weg.

Ich sehe mich als Mutter auch viel mehr in der Pflicht, Dinge zu vermitteln, die zu meiner Zeit noch Unterrichtsinhalte waren. Ich mache das aus persönlichem Interesse, Profession und Bildungsanspruch gerne. Wir haben zum Glück die Bildung, das Interesse (auch mit Bildung kann man sich für nix interessieren, auch nicht für seine Kinder) und Geld, um mal nach Berlin zu fahren und das Thema unseren Kindern selbst zu vermitteln.

Lisa
11 Monate zuvor

Vielleicht müsste man auch einmal angehen, dass Geschichtsunterricht chronologisch konzipiert ist. Erst an der Uni werden Seminare themenspezifisch gegeben. Und ich kenne es von mir und meinen Kindern, da kommt man ganz oft nur bis zum Ende des zweiten Weltkriegs mit ein bisschen Ausblick auf Europa und NATO. Das ist einfach ein Zeitproblem. Ich halte es auch für einen Fehler, dass die sehr komplexe und ferne Welt der Antike ein Unterstufenthema ist. Also es liegt nicht an zu viel MINT.