Erhöhtes Risiko für soziale Isolation bei Kindern mit ASD und ADHS

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TARRAGONA. Ein Forschungsteam hat untersucht, wie ASD und ADHS soziale Beziehungen von Schulkindern beeinflussen. Kinder mit diesen Störungen haben dreimal höheres Risiko für soziale Ausgrenzung.

Ein Forschungsteam der Universität Tarragona hat untersucht, inwieweit sich Autismus-Spektrum-Störungen (ASD) und Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) bei Schulkindern auf ihre sozialen Beziehungen auswirken. Das Risiko, missbraucht, isoliert oder sozial ausgegrenzt zu werden, liegt demnach bei Kindern, die unter einer dieser Störungen leiden, rund dreimal so hoch wie bei ihren Altersgenossinnen und -genossen.

Ein an die Wand gelehntes Mädchen schaut misstrauisch zweifelnd in den Raum.
Autistinnen und Autisten sind im Laufe ihres Lebens einem höheren Risiko verschiedener Formen von Viktimisierung ausgesetzt. Mobbing während der Schulzeit komme den Wissenschaftlerinnen zufolge besonders häufig vor. Foto: Shutterstock.

Im ersten Teil der Studie ermittelten die Psychologinnen Núria Voltas, Fina Canals, Paula Morales und Carmen Hernández die Anzahl der Fälle von Autismus-Spektrum-Störungen und Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörungen bei Kindern in der Region Tarragona. Zu diesem Zweck wurden mehr als 7.000 Kinder in zwei Altersgruppen untersucht, einerseits Schülerinnen und Schüler im vierten Jahr der Kleinkinderziehung sowie Kinder und Jugendliche im fünften Jahr der Grundschule (PE) aus einer repräsentativen Stichprobe der gesamten Provinz. Anhand von Fragebögen, die von Lehrkräften und Familien beantwortet wurden, konnten die Kinder und Jugendlichen ermittelt werden, die Anzeichen für eine der beiden Störungen aufwiesen. Auf Basis dieses Screenings ermittelten die Forscherinnen eine Stichprobe von 700 Kindern, zu der auch eine Kontrollgruppe gehörte.

Nach Gesprächen mit den Kindern und ihren Familien und einer individuellen Untersuchung aller Fälle stellten Voltas, Canals, Morales und Hernández fest, dass von den Kindern der Stichprobe 1,5 % an ASD und 5 % an ADHS litten. „Wir haben auch andere Kinder mit Schwierigkeiten untersucht, die aber nicht unter die Diagnose fielen, weil sie nicht alle Symptome aufwiesen. Wenn wir sie mit einbeziehen, können wir sagen, dass 3,5 % der Kinder einige Symptome von ASD aufwiesen“, so die Wissenschaftlerinnen.

Zweites Ziel der Untersuchung war es, festzustellen, ob und in welchem Maße sich Kinder, bei denen eine dieser Störungen diagnostiziert wurde, sozial benachteiligt fühlen. Die Forscherinnen fanden heraus, dass 35 % der Grundschulkinder mit ADHS angaben, in irgendeiner Form von Mobbing, Isolation oder sozialer Ausgrenzung betroffen zu sein. „Dieses Phänomen verschärft sich bei Kindern mit kombinierter ADHS, d. h. mit allen typischen Symptomen: Aufmerksamkeitsdefizit, Hyperaktivität und Impulsivität“, erklärte Núria Voltas.

Außerdem ermittelten die Psychologinnen, dass sich 58 % der Schulkinder mit ASD, die sich durch Verhaltensauffälligkeiten und Schwierigkeiten bei der sozialen Interaktion und Kommunikation auszeichnen, verdrängt und ausgegrenzt fühlen. „Kinder mit ASD wollen mit anderen in Beziehung treten, wissen aber nicht, wie das geht; im Falle von ADHS sind sie so stumm und intensiv, dass die Störung ihre Beziehungen zu anderen beeinflusst“, erklärt Fina Canals. Diese Merkmale führen dazu, dass ihr Verhalten von Gleichaltrigen als „seltsam“ oder „lästig“ empfunden werden kann. Bei Schulkindern, bei denen keine Störung diagnostiziert wurde, lag der Index der wahrgenommenen Belästigung, Isolation oder sozialen Ausgrenzung bei 18 %.

Bei Jugendlichen, die von beiden Störungen betroffen waren, zeigte sich insbesondere ein stärkeres Gefühl der sozialen Isolation, wobei einschränkend nur die Kinder der älteren Gruppe befragt wurden, da die Kinder mit ASD und ADHS im vierten Jahr der Vorschulerziehung noch nicht reif genug seien, um die Tests zu ihrer Wahrnehmung von Mobbing zu beantworten.

„Mobbing hat langanhaltende Folgen und verstärkt das Gefühl der Angst vor sozialen Beziehungen; ASD oder ADHS zu haben und sich als Opfer zu fühlen, verstärkt emotionale Probleme“, sagt Fina Canals. Wenn diese Menschen ins Jugend- und Erwachsenenalter eintreten, wiesen sie „sehr hohe Raten an psychischen Störungen“ und ein „hohes Selbstmordrisiko“ auf. Nicht zuletzt daher fordern die Autorinnen der Studie, dass Anti-Mobbing-Programme spezifische Maßnahmen für Risikogruppen enthalten sollten. (pm)

Studie: Viele Grundschüler erfahren Ausgrenzung und Gewalt – VBE: Personal fehlt

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Unfassbar
1 Monat zuvor

Bei Autisten muss man schauen, inwiefern sie sich durch die soziale Isolation gestört fühlen.

Aber man sieht generell, dass Kinder auf zu fremdartige Altersgenossen nicht ohne weiteres zugehen. Oder mit anderen Worten: Zu große Heterogenität im Sinne von zu großer Abweichung von Norm und Durchschnitt ist auch in diesem Punkt nicht gut.

A.J. Wiedenhammer
1 Monat zuvor

Ein bisschen mehr Augenmaß bei der Formulierung von Überschriften!
„Deckt auf“ lässt an investigative Enthüllungen denken. Oder zumindest an Studien, die UNERWARTES zum Vorschein bringen.

ASD und ADHS bringen (schon definitionsmäßig) Symptome mit sich, die oft problematisch für die soziale Interaktion sind.
So what?
Studie deckt auf: Kinder mit angeborenen Fehlbildungen an Beinen und Füßen schneiden schlechter ab beim 100-Meter-Sprint?

Alx
1 Monat zuvor

Ja, Kinder die „anders“ sind werden teilweise ausgegrenzt oder schießen sich selbst durch ihr Verhalten ins Abseits.

Die Selbstwahrnehmung ist als Indikator jedoch nicht unbedingt geeignet, weil sowohl ASD als auch ADHS mit einer anderen Wahrnehmung von sozialen Interaktionen einhergehen.

So gibt es zum Beispiel bei beiden „Krankheiten“ die Rejection Sensitivity, die eine übermäßig emotionale Reaktion auf jegliche Zurückweisung darstellt.

Bei Selbstauskunft im Fragebogen wird also in jedem Fall ein höheres Maß an Zurückweisung und Isolation rückgemeldet werden, selbst wenn die Zurückweisungen vergleichbar zum Durchschnitt sind.

Keno
1 Monat zuvor
Antwortet  Alx

Aber die Verletzung ist doch für das Kind gegeben. Wieso soll denn ein empfindsamerer Mensch weniger Recht haben, sich verletzt und zurückgewiesen zu fühlen als ein unempfindsamerer Mensch?

Alx
29 Tage zuvor
Antwortet  Keno

Es ist ein Problem, wenn es nicht der objektiven Realität entspricht.
Wenn ein magersüchtiges Mädchen sich zu dick fühlt ist ja auch nicht die Schulmensa das Problem, sondern die Wahrnehmung des Mädchens.

Die Argumentation, dass jemand mit einer „Krankheit“ bei der man sich schneller zurückgewiesen fühlt zurückgewiesen fühlt ist nicht konsistent.

Die höhere Rate von psychischen Erkrankungen und Selbstmorden hat weniger mit Mobbing zu tun als mit der Grunderkrankung.

Depressionen sind so ziemlich die häufigste Komorbidität bei ADHS dazu kommen noch viele weitere wie Zwänge, Tics usw.

Die richtige Forderung wäre also, die Kinder adäquat psychiatrisch zu behandeln, so dass sie Zurückweisungen richtig einordnen können.

Silke Vogt
1 Monat zuvor

In der Überschrift, dort ohne Erläuterung, werden zwei Abkürzungen verwendet.
Da ADHS schon sehr lange regelmäßig durch die Medien geht, dürfte in Deutschland allgemein bekannt sein, wofür diese Abkürzung steht.
Bei ADS sieht das m.E. (noch) deutlich anders aus, darunter werden sich beim Lesen der Überschrift vermutlich einige nicht direkt etwas vorstellen können, sofern sie nicht irgendwie von der Thematik betroffen sind.
Direkt zu Beginn des Textes wird ADS, worüber man dann ggf. wiederum stolpert, mit „Autismus-Spektrum-Störungen“ in Langform gebracht: Warum ASD und nicht ASS?
Genau, weil nämlich ASD die Termonologie im englischen Sprachgebrauch ist und für „Autism Spectrum Disorder“ steht. Auf Englisch würde ADHS wiederum ADHD heißen, hierzulande vermutlich auch weniger bekannt.
Zusätzlich verwirrend finde ich jedoch die, aus meiner Sicht unbegründete und nicht zwingend notwendige, Kombination von zwei Abkürzungen aus unterschiedlichen Sprachräumen.
Die (am Ende verlinkte) Studie, auf welche sich der N4T-Artikel bezieht, ist im Original auf Englisch geschrieben, im dortigen „Abstract“ tauchen weder ADHD, noch ASD auf, nur in den Literaturhinweisen, die Überschrift lautet relativ schlicht: „Self-perceived bullying victimization in pre-adolescents on the autism spectrum“.
Aus meiner Sicht wäre es konsistenter und für den Leser hilfreicher, in Überschrift und im Text des N4T-Artikels statt ASD die in Deutschland immerhin schon etwas gebräuchlichere Abkürzung ASS zu verwenden und vielleicht sogar bereits in der Überschrift „Autismus“ zur Erläuterung mit einzubauen, da auch ASS noch nicht sehr bekannt sein dürfte.
Am sinnvollsten hätte ich es allerdings gefunden, einfach die Originalüberschrift ins Deutsche zu übersetzen und als Titel des N4T-Artikels zu verwenden, wobei darin ADHS / ADHD gar nicht auftaucht:
Studienergebnisse / Ergebnisse einer Studie zum Thema / mit dem Titel: „…“
Immerhin ist genau diese eine Studie Hauptinhalt des Artikels, also bietet es sich geradezu an, deren Titel (in Übersetzung) zu verwenden, was Klarheit schafft.
An dieser Stelle die rein persönliche Klarstellung, dass ich sowohl ASS als auch ASD, jeweils aufgrund des letzten Bestandteils „Störung“ respektive „disorder“, für eine Unverschämtheit, einen Affront, gegenüber all jenen Menschen halte, die aufgrund einer Diagnose dem Spektrum zugeordnet werden oder sich durch Eigenwahrnehnung diesem zugehörig fühlen.
Diese nicht vom Himmel gefallene, sondern menschengemachtverachtende Terminologie impliziert in beiden Sprachen, Autismus sei eine Störung, an der Autisten leiden, mit ihnen sei etwas in Unordnung, das in Ordnung gebracht werden müsste.
Ich stelle nicht im Mindesten in Abrede, dass Autisten, je nach Ausprägung, leiden, aber vermutlich mehr an der Gesellschaft (wrong planet syndrom), an der nicht vorhandenen Passung mit der Umwelt, denn ureigens am Autismus selbst. In einer passenden oder zumindest etwas rücksichtsvolleren Gesellschaft würde wohl längst nicht jeder Autist seinen Autismus kuriert haben wollen.
Die neurotypische Sichtweise, welche durch die Bedeutungen von ASS bzw. ASD zum Ausdruck gebracht werden, scheint mir, um es extrem freundlich auszudrücken, alles andere als „auf Augenhöhe“ (Blickkontakt nicht vergessen! Erwischt, Du hast mir gerade in die Augen geguckt, dann bist Du kein Autist!) zu sein.
Dieser Ansatz, Autismus als Störung, Unordnung, zu deklarieren, die man a) beheben könnte und b) müsste, könnte mich glatt zur Weißgut treiben.
Könnte. Manchmal hat es durchaus Vorteile, dass Autisten keine Gefühle haben.
Ironie off, over and out.
(Das war Ironie. Du bist kein Autist.)

Palim
1 Monat zuvor

Warum heißt es ASD?
Die Spektrum-Störung kenne ich als ASS,
das Pendant zu ADHS als ADS.

AvL
29 Tage zuvor
Antwortet  Palim

AS= Asperger-Syndrom

Studentenkasperle
29 Tage zuvor
Antwortet  Palim

Weil hier anstatt ASS die englische Abkürzung verwendet wurde, was zugegebenermaßen verwirrend sein kann (genau wie bei DNS und DNA). D.h. ASS = ASD

Silke Vogt
29 Tage zuvor
Antwortet  Palim

Genau das hatte ich mit meinem vorherigen Post zum Ausdruck bringen wollen, die Verwirrung, welche nicht allgemein bekannte Abkürzungen stiften können, vor allem, wenn sie, wie in diesem Artikel und seiner Überschrift, ohne besonderen Grund deutsch-englisch gemischt verwendet werden.

Miniglossar in diesem Kontext:

ADHD: attention deficit hyperactivity disorder
entspricht auf Deutsch
ADHS: Aufmerksamkeitsdefizithyperaktivitätsstörung / Syndrom

ADD: attention deficit disorder
entspricht auf Deutsch
ADS: Aufmerksamkeitsdefizitstörung / Syndrom

ASD: autism spectrum disorder
das D wird auch manchmal neutraler als „disposition“ gelesen,
oder man verwendet direkt neutraler
ASC: autism spectrum condition
entsprichen auf Deutsch
ASS: Autismusspektrumstörung

zu verorten auf diesem Spektrum
AS: Asperger-Störung / Syndrom

Ich hoffe, das sorgt für ein wenig mehr Klarheit, und sofern ich was vergessen habe, bitte ergänzen.

potschemutschka
28 Tage zuvor
Antwortet  Silke Vogt

Danke für diese Auflistung.