Start Kita “Hier wird unsere pädagogische Arbeit entsorgt”: Lauter Protest gegen Kita-Gesetz 

“Hier wird unsere pädagogische Arbeit entsorgt”: Lauter Protest gegen Kita-Gesetz 

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DÜSSELDORF. Neue Ministerin, alter Ärger: Kita-Beschäftigte machen vor dem nordrhein-westfälischen Landtag ihrem Ärger über das neue Kinderbildungsgesetz Luft. Was die frisch ernannte Ministerin dazu sagt.

Protest. Illustration: Shutterstock

Mit lautem Trillerpfeifen, bunten Plakaten und in wilder Entschlossenheit sind rund 300 Kita-Beschäftigte am nordrhein-westfälischen Landtag aufgeschlagen. Erzieherinnen und Erzieher, Gewerkschaftler und sogar ein Hund in einem Protest-Shirt stehen vor dem Parlamentsgebäude. Die Demonstrierenden halten Schilder mit Losungen wie «Qualität hat ihren Preis» oder «Hier wird unsere pädagogische Arbeit entsorgt» in die Luft.

Im Plenum bringt fast zeitgleich die erst seit vier Tagen amtierende Kinder- und Familienministerin Verena Schäffer (Grüne) das Kinderbildungsgesetz (KiBiz) ein, während die Kita-Beschäftigten bei frostigen Temperaturen draußen ihrem Ärger Luft machen.

Ministerin muss sich noch sortieren

Erarbeitet hatte den umstrittenen Entwurf noch die am Dienstag überraschend zurückgetretene Ministerin Josefine Paul (Grüne). Ihre Nachfolgerin Schäffer kommt am Pult im Plenarsaal mit ihren Rede-Zetteln durcheinander, läuft noch mal zu ihrem neuen Platz auf der Regierungsbank und holt den richtigen Text. «Da musste ich mich einmal kurz sortieren», sagt sie lächelnd und entschuldigt sich.

Denn Schäffer hat von Paul auch die Zuständigkeit als Flüchtlingsministerin übernommen und musste gerade erst in einer Aktuellen Stunde zum Solinger Terroranschlag den Umgang der Landesregierung mit Akten aus ihrem Ministerium erklären – ein weiteres von Paul geerbtes Problem für Schäffer.

Kein banger Blick aufs Handy mehr

Nun also die erste Rede als Familienministerin – und gleich zur umstrittenen Kita-Reform: «Wir wollen, dass Eltern morgens nicht mit bangem Blick aufs Handy schauen müssen, ob die Erdmännchen-Gruppe heute geschlossen ist», sagt die zweifache Mutter. Die Kibiz-Reform bringe mehr Stabilität und Verlässlichkeit durch einen flexibleren Einsatz von pädagogischen Kräften.

Hauptkritikpunkt der Gegner vor dem Landtag ist das Kernzeiten-Modell, wonach der Einsatz qualifizierter Erzieher in den Kitas künftig auf fünf Stunden konzentriert werden kann. Bei anderen Punkten war das Land den Kritikern nach massiven Protesten bereits entgegengekommen und hatte ihren Entwurf entschärft. So werden ältere eingruppige Kitas weiterhin mit bis zu 15.000 Euro pro Jahr bezuschusst und das Land stellt den Kitas landesweit nun unbefristet pro Jahr 200 Millionen Euro zusätzlich zur Verfügung.

Schäffer bleibt hart

Aber bei den Kern- und Randzeiten soll es bleiben. Davon rückt auch Schäffer nicht ab. Durch das Modell könne pädagogisches Personal in den Kitas flexibler eingesetzt werden. Damit komme das Land den Trägern und den Eltern entgegen. «Unser Ziel ist es, dass sich Eltern darauf verlassen können, dass die Kita geöffnet ist.» Auch für die Randzeiten gelte, dass nur qualifiziertes Personal eingesetzt werden solle. Schäffer betont, dass es sich ja nur um eine Option handele, die die Kita-Träger auf freiwilliger Basis nutzen könnten. In jedem Fall würden künftig weiterhin neun Stunden Kernzeit pro Tag finanziert.

Mit der neuen Ministerin kommt auch ein neuer Ton in die aufgeheizte Kita-Debatte. Schäffer betont ihre Dialogbereitschaft. «Ich freue mich auf die Gespräche mit den Beteiligten, weil mir Dialog und ein offenes Ohr wichtig sind», betont sie.

Draußen unterstützt der SPD-Fraktionsvorsitzende und frisch gekürte Spitzenkandidat für die Landtagswahl, Jochen Ott, die Demonstrierenden. «Wir fordern genau wie ihr: Dieses Gesetz darf so nicht Realität werden. Wir werden an eurer Seite stehen in den nächsten Wochen.» Andrea Becker, Verdi-Landesfachbereichsleiterin sagt: «Wir müssen verhindern, dass dieser Landtag eine historische Fehlentscheidung trifft.» Auch die Möglichkeit, Kita-Gruppen auf fast 30 Kinder zu vergrößern, stößt auf Ablehnung.

Keine Schonzeit für Schäffer

Auf Schonzeit kann Schäffer nicht hoffen, auch wenn der SPD-Kinder- und Familienpolitiker Dennis Maelzer ihr bescheinigt, dass alle am Dienstag gespürt hätten, mit welcher Vorfreude Sie in Ihr neues Amt gestartet sei. Schäffer aber habe entschieden, Pauls Gesetz zu ihrem eigenen zu machen. Ein Gesetz, gegen das innerhalb von zehn Tagen mehr als 80.000 Menschen in einer Petition ihre Unterschriften gesetzt hätten. «Sie werden diesem Gesetz nicht mehr Ihren Stempel aufdrücken können», sagte Maelzer. «Die großen Giftzähne bleiben.»

Ähnlich äußert sich auch die FDP. «Die neue Familienministerin Verena Schäffer erbt einen mangelhaften Gesetzentwurf, der an den Bedürfnissen unserer Kitas vorbeigeht», sagt die FDP-Politikerin Yvonne Gebauer. Ohne ein transparentes Personal- und Qualitätskonzept bestehe die Gefahr, dass Personal in Kernzeiten gebündelt werde und in Randzeiten unter geringeren Standards mitlaufe.

Hinter dem Plan der Landesregierung, die KiBiz-Novelle jetzt durchzuziehen, könnte nach Worten Gebauers die Strategie stehen, das schwierige Kita-Thema aus dem Wahlkampf herauszuhalten. Die Landtagswahl in NRW steht im Frühling 2027 an. Das neue KiBiz soll erst ab Sommer 2027 zum dann beginnenden Kitajahr 2027/28 wirksam werden. News4teachers / Von Jule Frank und Dorothea Hülsmeier, dpa

Nach Pauls Abgang: Nachfolgerin Schäffer lenkt bei Kita-Reform ein – aber…

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TaMu
1 Monat zuvor

Als ehemalige Tagesmutter möchte ich mich zum Thema „pädagogisches Personal in den Randzeiten“ äußern.
Erzieherinnen und Erzieher haben eine langjährige Ausbildung hinter sich und haben dadurch fundierte Kenntnisse über frühkindliche Entwicklung sowie über viele verschiedene Fördermöglichkeiten. Sie sind auch in der Lage und berechtigt, zu jedem einzelnen Kind Beobachtungs- und Förderpläne zu erstellen und die Förderung entsprechend zu gestalten.
Als ehemalige Tagesmutter gehöre ich in die Kategorie „pädagogisches Personal“. Die oben genannten Befähigungen habe ich nicht gelernt und musste diese auch nicht erbringen.
Die Qualifikation zur Tagesmutter, zum Tagesvater ist praktisch und alltagsorientiert und bezüglich der Kinder, ihrer Bedürfnisse, ihrer Art sich auszudrücken und dem liebevollen, achtsamen Umgang mit ihnen tiefgründig und intensiv. Die Qualifikation dauert bis zu 300 Stunden und schließt mit einem Zertifikat ab. Die Begleitung durch den Träger ist eng und die Art der Betreuung wird regelmäßig kontrolliert, durch Hausbesuche, verpflichtende Treffen und verpflichtende Fortbildungen.
Eine gute Kindertagespflege verbindet Bindung mit Bildung und ermöglicht den Eltern die Berufstätigkeit im vertraglich festgelegten Umfang.

Gerade gut qualifiziertes Personal in Kindergärten kann für die Kinder sehr wichtig sein. Kinder fragen nicht nach dem Berufsabschluss und der Qualifikation, wenn sie Zutrauen zu einer Betreuerin, einem Betreuer finden. Hier kann gute Bindung gelingen, die die Grundlage ist für gute Bildung. Zur Bildung gehören nicht nur Fähigkeiten, die geübt werden können wie Schneiden oder Stiftehalten, sondern auch eine allgemeine Sicht auf das Leben der einzelnen Persönlichkeit. Durch liebevolle Bindungen bildet sich das Gefühl von Sicherheit und Angenommensein. Dieses kann sehr gut von „einfacherem“ pädagogischem Personal gegeben werden. In dieser Zeit können ausgebildete Erzieher und Erzieherinnen sich um Kinder kümmern, für die tiefere Fachkenntnisse notwendig sind, um diese gut zu fördern. So kann gezielt gefördert und gleichzeitig gut betreut werden. Bildung geschieht ohnehin während der gesamten Zeit.

Was den Kindern und dem gesamten Personal allerdings schadet, sind große Gruppen. Kinder haben ein großes Bedürfnis nach persönlicher Aufmerksamkeit. Das geht von einem freundlichen Nicken und Lächeln in Richtung eines Kindes, das gerade etwas baut und kurzen Blickkontakt sucht bis hin zum intensiven Zuwenden zu Kindern mit Kummer, Stress oder körperlichen Bedürfnissen. Das muss immer gewahrt bleiben, sonst bilden sich bei den Kindern negative Wahrnehmungen, die ebenfalls unter „frühkindlicher Bildung“ verbucht werden müssen.

Ich persönlich bin der Meinung, dass spezielle „frühkindliche Bildung“ in der Betreuung durch fünf Stunden täglich abgedeckt sind und dass der Rest Betreuung ist, damit die Eltern arbeiten können. In diesen Randzeiten ist in meinen Augen so viel Personal wie möglich mit einer guten Eignung, mit Liebe für Kinder und Achtsamkeit sowie einer soliden Qualifikation und Begleitung durch den Träger notwendig, um die vielen kindlichen Bedürfnisse in so langer Zeit außerhalb des Elternhauses zu erfüllen. Es ist auch innerhalb der Kernzeit notwendig, um Erzieherinnen und Erzieher zu unterstützen und entlasten, damit diese tatsächlich pädagogisch bezüglich ihrer Förderpläne arbeiten können.

Dem Satz „hier wird pädagogische Arbeit entsorgt“ kann ich so nicht folgen. Für mich ist das eher bei starkem Personalmangel der Fall, da sich pädagogischer Wert und tatsächliche Wahrnehmungen des Kindes bei ständiger Nichtbeachtung bei der Abbildung in den Synapsen vermutlich gegenseitig aufheben und sich tatsächlich eher ein negatives Erleben im Gehirn dauerhaft abBILDET.

Schnecki
1 Monat zuvor
Antwortet  TaMu

@TaMu Ich bin in einigen Teilen ihrer Meinung. Problematisch sehe ich nur wo man in der Kita die Trennung vollzieht bei “Kernzeit” und “Randzeit” . Ich habe über dreißig Jahre als Erzieherin und Leitung gearbeitet. Im Elementarbereich ist Bildung nicht abgekapselt zu sehen. Bildung findet nur teilweise in padagogisch geführten Bildungsangeboten statt. Bildung in dem Alter ist allumfassend. Die schönsten und intensivsten Bildungserfolge bei den Kindern konnte ich in all den Jahren gerade unabhängig von den Kernzeiten beobachten. Und natürlich dann auch in den letzten zwei Jahrzehnten dokumentieren. Dafür bleibt in den Kernzeiten aufgrund der Masse an Kindern, der engen Räumlichkeiten und der viel zu geringen Personalstärke kaum Zeit und Raum.
Und die Randzeiten sind meist auch geprägt von “Tür und Angelgesprächen” kurzen Rückmeldungen mit den Erziehungsberechtigten, dem wichtigen , akuten Austausch mit Kollegen usw.
Kinderpfleger sind eine großartige Unterstützung für das pädagogische Fachpersonal und sie sagen selber, das diese tolle Alltagbegleitung und praktische Fähigkeiten mitbringen und darin auch in ihrer zweijahrigen Ausbildung befähigt werden.
Aber die fundierte pädagogische Ausbildung fehlt einfach.ich durfte viele tolle Leute in dem Bereich kennen und schätzen lernen, die immer darum gekämpft haben sich weiter fortzubilden. Aber ich habe auch oft erlebt, das sie bei speziellen pädagogische Fragen überfordert waren- wer kann es ihnen verdenken? Ihnen blieb in den Randzeiten bei Hilfesuchenden Eltern meist nur die Möglichkeit auf die Erzieher zu verweisen.
Und spezielle pädagogische Probleme wurden in den letzten zwei Jahrzehnten immer mehr!
Ich habe die letzten Jahre immer öfter gehört das die Frage nach höheren Schulabschlüssen und Fachhochschulausbildung bis hin zum Studium gefordert wurde. Um den immer größer werdenden Aufgaben und Problemen gerechter werden zu können. Diese Forderung ist durchaus berechtigt. Und jetzt will man in der Praxis wieder zurückrudern.
Mein Verdacht ist einfach -aufgrund klammer Kassen – das hier in dem Bereich Sparpotential gesehen wird. Kinderpfleger sind um einiges billiger als Erzieher. Dazu sind sie günstiger und schneller(zwei, statt fünf Jahre) ausgebildet. Und das soll Eltern jetzt als positiv “verkauft” werden: ” die Betreuung kann so gewährleistet werden,es gibt weniger Ausfälle” und für Kitasuchende wird kurzerhand die Gruppenstärke erhöht, wo fünfundzwanzig Kinder rumtoben, fallen drei mehr doch auch nicht mehr auf….
All das wird sich rächen. Kurzfristig damit, das immer mehr gutes Personal den Bereich verlässt, weil sie das System so nicht mehr unterstützen können oder wollen und/oder an den Folgen die dieses System an den Kindern verursacht……

TaMu
1 Monat zuvor
Antwortet  Schnecki

Ich kann ihre Antwort voll nachvollziehen. Ich hätte, wenn ich in einer Kita gearbeitet hätte, bei Tür- und Angelgesprächen auch auf die Erzieher und Erzieherinnen als Vorgesetzte verwiesen, nicht wegen Ahnungslosigkeit, aber wegen der fundierten Gesprächsgrundlage, die eine voll ausgebildete Kraft mir einfach voraus hat und die auch die Verantwortung dafür trägt.
Bei schweren Erziehungs- und Entwicklungsdefiziten habe ich auch an entsprechende Beratungsstellen bei meinem Träger verwiesen.
Große Gruppen finde ich für alle Beteiligten unzumutbar und ungeeignet für pädagogische Arbeit.
Ich habe aus der heutigen Sicht geschrieben, wo immer mehr Kinder immer länger von immer weniger Personal betreut wird und empfinde in dieser Situation die Beschäftigung von zusätzlichem Personal als kindgerechter, als das Fehlen von Bezugspersonen.
Ich sehe ebenfalls die Gefahr, dass ausgebildete Erzieher und Erzieherinnen „ersetzt“ werden könnten durch zusätzliches pädagogisches Personal. Da muss eine Lösung gefunden werden.

dickebank
1 Monat zuvor
Antwortet  TaMu

Aber Vorsicht, in Berlin fallen Türen in Kitas auch schon einmal aus der Angel:)

Schnecki
1 Monat zuvor
Antwortet  TaMu

Ich habe mich nie als “Vorgesetzte” gesehen, empfand meine Kollegen, egal wen, immer als Teammitglied. In der Kitastruktur sollten Hierarchien möglichst flach gehalten werden. Natürlich haben wir formell mehr Verantwortung getragen, als die Kinderpfleger, trotzdem brachte sich jeder mit seiner Stärke gut ein. Die irgendwann dann an Grenzen stoßen. Das ich/wir dann zur Hilfe gerufen wurden, empfand ich immer als Vertrauensbeweis. Das nur am Rande.
Sie haben natürlich Recht. Die immer ausufernden Gruppenstärken bei gleichbleibendem bzw sinkenden Personalspiegel ist bald unzumutbar-für alle Beteiligten. Anstatt an wirklicher Verbesserung zu arbeiten, wird nach kostengünstigen Lösungen gesucht. Die neuen Geldsummen die jetzt fließen sollen, werden nur ein Flickwerk sein, wirklich helfen wird das nicht. Dafür wurde über Jahrzehnte hinweg viel zuviel liegengelassen……