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“‘Weiter so’ trägt nicht mehr”: Ausbildungsmarkt bricht ein! Immer mehr Jugendliche suchen – und finden keinen Platz

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BERLIN. Die Zahl der jungen Menschen, die eine Ausbildung suchen, steigt wieder. Gleichzeitig ziehen sich Betriebe zunehmend aus der Ausbildung zurück. Der neue Berufsbildungsbericht 2026 dokumentiert den stärksten Einbruch beim Ausbildungsangebot seit der Corona-Pandemie – und einen neuen Höchststand bei unversorgten Bewerberinnen und Bewerbern. Während Bundesbildungsministerin Prien auf bessere Berufsorientierung, moderne Ausbildungsordnungen und mehr Durchlässigkeit setzt, beschreibt das Bundesinstitut für Berufsbildung die Lage deutlich grundsätzlicher: Das bisherige „Weiter so“ reiche nicht mehr aus.

Absturz? Illustration: Shutterstock

Der deutsche Ausbildungsmarkt gerät zunehmend unter Druck. Nach den Daten des Berufsbildungsberichts 2026 wurden im Ausbildungsjahr 2024/25 bundesweit nur noch 476.000 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen – rund 10.000 weniger als im Vorjahr. Gegenüber dem letzten Vor-Corona-Jahr 2019 beträgt der Rückgang sogar mehr als 49.000 Verträge. Besonders stark eingebrochen ist das Angebot an Ausbildungsplätzen: Es sank binnen eines Jahres um 25.300 Stellen beziehungsweise 4,6 Prozent auf 530.300 Angebote. Das betriebliche Ausbildungsangebot verringerte sich sogar um fünf Prozent. Das geht aus dem neuen Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2026 hervor.

Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) spricht von einer „schwierigen wirtschaftlichen Lage“, die sich inzwischen deutlich auf den Ausbildungsmarkt auswirke. Der Rückgang zählt zu den stärksten Einbrüchen seit Beginn der Zeitreihe 2009. Nur im ersten Corona-Jahr 2020 war der Absturz noch gravierender.

Gleichzeitig steigt die Nachfrage wieder. Nach mehreren schwachen Jahren suchten 2025 insgesamt 560.300 junge Menschen einen Ausbildungsplatz – 3.700 mehr als im Vorjahr. Doch Angebot und Nachfrage passen immer schlechter zusammen. Zum Stichtag 30. September waren bundesweit noch 84.400 Bewerberinnen und Bewerber auf Ausbildungsplatzsuche. 39.900 davon galten offiziell als unversorgt – ein Höchststand seit Beginn der Erhebung. Zugleich blieben 54.400 Ausbildungsstellen unbesetzt. Das BIBB spricht von anhaltenden „Passungsproblemen“ auf dem Ausbildungsmarkt.

„Während in beliebten Ausbildungsberufen viele Bewerberinnen und Bewerber unversorgt bleiben, gibt es in anderen weiterhin offene Stellen“

Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) erklärte bei der Vorstellung des Berufsbildungsberichts im Kabinett: „Der Berufsbildungsbericht 2026 zeigt, dass eine erfolgreich absolvierte duale Ausbildung klare Vorteile bietet. Gleichzeitig wachsen die Herausforderungen für den Ausbildungsmarkt: Das Angebot geht zurück, das Interesse steigt – und dennoch bleiben viele Stellen unbesetzt, weil es an der Passung fehlt.“

Prien verwies dabei ausdrücklich auf regionale Unterschiede und auf Ungleichgewichte zwischen einzelnen Ausbildungsberufen. „Während in beliebten Ausbildungsberufen viele Bewerberinnen und Bewerber unversorgt bleiben, gibt es in anderen weiterhin offene Stellen“, sagte die Ministerin. „Auch die Qualifikationen der Interessierten passen nicht immer zu den Anforderungen der Betriebe.“

Besonders deutlich zeigen sich diese Unterschiede zwischen einzelnen Branchen. Laut Datenreport gehören weiterhin viele Handwerks- und Bauberufe zu den Bereichen mit den größten Besetzungsproblemen. Bei Berufen wie Klempner, Rohrleitungsbauer oder Fleischer bleibt ein erheblicher Teil der angebotenen Ausbildungsplätze unbesetzt. Gleichzeitig konkurrieren in Medienberufen, im Marketing oder im Bereich E-Commerce besonders viele Bewerberinnen und Bewerber um vergleichsweise wenige Stellen.

Der Bericht verweist zudem auf strukturelle Veränderungen im Bildungsverhalten junger Menschen. Die Zahl der Auszubildenden ist seit Jahren rückläufig. 2024 befanden sich bundesweit noch 1,22 Millionen junge Menschen in einer dualen Ausbildung. 2010 waren es noch 1,51 Millionen gewesen. Als Ursachen nennt das BIBB sinkende Schulabgängerzahlen, den Trend zu höheren Schulabschlüssen und eine steigende Studierneigung.

Hinzu kommt ein wachsender Übergangsbereich. Die Zahl der Jugendlichen, die zunächst in berufsvorbereitende Maßnahmen, Warteschleifen oder andere Bildungsgänge wechseln, stieg 2025 bereits zum vierten Mal in Folge. Gleichzeitig sank erneut die Zahl der Ausbildungsbetriebe. Nach Analysen des BIBB beteiligten sich 2024 noch 396.800 Betriebe an der Ausbildung junger Menschen – 6.000 weniger als im Vorjahr. Besonders kleine Betriebe ziehen sich zunehmend aus der Ausbildung zurück.

„Deutschland steht an einem bildungs- und arbeitsmarktpolitischen Wendepunkt“

Der Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung, Friedrich Hubert Esser, beschreibt die Lage ungewöhnlich deutlich: „Die Ausrichtung auf ein berufsbildungspolitisches ‚Weiter so‘ trägt nicht mehr“, meint Esser. Deutschland stehe an einem „bildungs- und arbeitsmarktpolitischen Wendepunkt“. Sinkende Ausbildungsvertragszahlen, hohe Zahlen junger Menschen ohne Berufsabschluss und anhaltende Imageprobleme der beruflichen Bildung machten deutlich, „dass das Berufsbildungssystem flexibler, inklusiver und exzellenter werden muss“.

Besondere Bedeutung misst der Datenreport in diesem Jahr dem Thema Künstliche Intelligenz zu. KI-gestützte Systeme werden zunehmend in der Berufsorientierung und Berufsberatung eingesetzt, um Schülerinnen und Schüler bei der Berufswahl zu unterstützen. Gleichzeitig verändern sich in vielen Berufen die Anforderungen an Beschäftigte und Auszubildende.

Das Bundesinstitut für Berufsbildung verweist darauf, dass KI „Lehr-, Lern- und Arbeitsprozesse grundlegend verändert“. Besonders stark betroffen sind demnach digitale und technische Berufsfelder, aber auch kaufmännische Tätigkeiten. Der Bericht beschreibt zugleich neue Ungleichheiten: Wer über geringe digitale Kompetenzen verfügt, drohe beim Zugang zu Weiterbildung und neuen Qualifikationen zusätzlich benachteiligt zu werden.

Damit verändert sich nicht nur die Arbeitswelt, sondern auch die Frage, wie Jugendliche künftig Berufe kennenlernen und Ausbildungsentscheidungen treffen. Der Bericht verweist auf KI-gestützte Beratungs- und Informationssysteme ebenso wie auf neue Anforderungen an digitale Kompetenzen in nahezu allen Ausbildungsbereichen. Gleichzeitig sieht das BIBB erhebliche Herausforderungen für Schulen und Betriebe.

Prien kündigte an, die Bundesregierung wolle auf diese Veränderungen mit einer „Qualifizierungsoffensive Berufliche Bildung“ reagieren. Die Offensive solle Berufsorientierung verbessern, Karrierewege attraktiver machen und die Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung stärken. Ziel sei es, die berufliche Bildung „als gleichwertige und attraktive Alternative zum Studium“ zu etablieren.

Dabei geht es auch um den Fachkräftemangel. Trotz der aktuellen Schwäche des Ausbildungsmarktes bleibt die Nachfrage nach beruflich qualifizierten Fachkräften hoch. 79 Prozent der Auszubildenden wurden 2024 von ihren Ausbildungsbetrieben übernommen. Gleichzeitig haben weiterhin 2,76 Millionen junge Erwachsene zwischen 20 und 34 Jahren keinen Berufsabschluss. Besonders häufig betroffen sind Menschen ohne Schulabschluss und junge Erwachsene mit Einwanderungsgeschichte.

Für 2026 erwartet das BIBB keine schnelle Entspannung. Nach Prognosen des institutseigenen Modells PROSIMA könnte sowohl das Ausbildungsangebot als auch die Zahl neuer Ausbildungsverträge weiter zurückgehen. Damit wächst der Druck auf Schulen, Berufsberatung und Betriebe, Jugendliche früher zu erreichen – und ihnen Perspektiven in einer Arbeitswelt zu vermitteln, die sich durch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz gerade grundlegend verändert. News4teachers 

Hier lässt sich der vollständige Berufsbildungsberichts 2026 herunterladen. 

Unbesetzte Lehrstellen, unversorgte Jugendliche: Schulen sollen gegensteuern – mit verbesserter Berufsorientierung

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