HANNOVER. Die Überarbeitung des Mathematik-Kerncurriculums für Niedersachsens Grundschulen stößt auf Kritik. Der Philologenverband warnt vor dem Verlust einer zentralen Rechenkompetenz in der Primarstufe. Das Kultusministerium weist die Vorwürfe zurück und betont, dass die schriftliche Division weiterhin angebahnt werde – im Einklang mit bundesweiten KMK-Vorgaben.

Die geplante Neufassung des Kerncurriculums Mathematik für die Grundschulen in Niedersachsen sorgt weiter für Diskussionen. Im Zentrum steht die Frage, welche Rolle die schriftliche Division künftig im Unterricht der Primarstufe spielen soll (News4teachers berichtete). Während der Philologenverband Niedersachsen (PHVN) vor weitreichenden Folgen für mathematische Grundkompetenzen warnt, sieht das Kultusministerium die Kritik als unbegründet an.
Der Vorsitzende des PHVN, Christoph Rabbow, richtet sich ausdrücklich gegen eine Streichung der schriftlichen Division aus dem Grundschulunterricht. Zwar werde dadurch „nicht das Ende des Abendlandes eingeläutet“, erklärt Rabbow, dennoch gebe es „gute Gründe für den Verbleib des schriftlichen Dividierens in der Grundschule“. Die schriftliche Division sei das komplexeste der vier Grundrechenverfahren und werde deshalb traditionell erst am Ende der Grundschulzeit in der vierten Klasse eingeführt.
„Wenn die Vernetzung dieser Kompetenzen nicht mehr sichtbar ist, dann ist es auch schwieriger zu erkennen, ob ein Kind komplexe Zusammenhänge erfassen kann oder eben nicht“
Gerade diese Komplexität misst der Verband jedoch eine zentrale didaktische Bedeutung bei. Die schriftliche Division verknüpfe Kopfrechnen, Multiplikation und Subtraktion in einem strukturierten Verfahren. „Wenn die Vernetzung dieser Kompetenzen nicht mehr sichtbar ist, dann ist es auch schwieriger zu erkennen, ob ein Kind komplexe Zusammenhänge erfassen kann oder eben nicht“, so Rabbow. Aus Sicht des PHVN erfüllt das Verfahren damit nicht nur eine rechnerische, sondern auch eine diagnostische Funktion im Grundschulunterricht.
Ein weiterer Aspekt ist für den Verband die Rolle der Division bei der Erweiterung des Zahlbegriffs bereits in der Primarstufe. Anders als bei anderen Rechenverfahren könne es bei der Division zu Resten kommen. Schülerinnen und Schüler machten so erstmals systematisch Erfahrungen jenseits „glatter“ Ergebnisse. Diese Zahlbereichserweiterung sei ein grundlegender Lernschritt, der an alltagsnahen Beispielen vermittelt werden könne und Kindern nicht vorenthalten werden solle.
„Das schriftliche Dividieren wird nicht abgeschafft. Alle Schülerinnen und Schüler in Niedersachsen werden es weiter erlernen“
Das Kultusministerium Niedersachsen weist jedoch den Vorwurf zurück, die schriftliche Division werde aus den Lehrplänen gestrichen. In einer Stellungnahme betont das Ministerium: „Das schriftliche Dividieren wird nicht abgeschafft. Alle Schülerinnen und Schüler in Niedersachsen werden es weiter erlernen.“ Mit dem neuen Kerncurriculum setze Niedersachsen die am 23. Juni 2022 von der Kultusministerkonferenz beschlossenen und bundesweit verbindlichen Bildungsstandards im Fach Mathematik um.
Konkret bedeutet dies nach Darstellung des Ministeriums eine veränderte didaktische Abfolge. Die schriftliche Division werde in der Grundschule nicht mehr als vollständiger Algorithmus verbindlich eingeführt, sondern „durch das Lernen von Teilschritten angebahnt“. Das endgültige Erlernen des vollständigen schriftlichen Verfahrens erfolge anschließend in der weiterführenden Schule. Die Division bleibe jedoch fester Bestandteil des Mathematikunterrichts in der Primarstufe, wobei das halbschriftliche Dividieren stärker in den Mittelpunkt rücke.
Ziel dieses Ansatzes sei es, dass Kinder bereits in der Grundschule lernten, Rechenwege selbstständig zu strukturieren, Zwischenschritte nachzuvollziehen und mathematische Zusammenhänge zu verstehen. Das Ministerium verweist darauf, dass die KMK-Beschlüsse vor dem Hintergrund aktueller bildungswissenschaftlicher Erkenntnisse gefasst worden seien und bundesweit eine stärkere Betonung der Basiskompetenzen vorsehen. Niedersachsen gehe damit keinen Sonderweg, sondern folge einer gemeinsamen Linie der Länder.
Flankierend zur inhaltlichen Überarbeitung des Grundschul-Curriculums verweist das Ministerium auf zusätzliche Ressourcen. Die Lernzeit in den Klassen 1 und 2 werde schrittweise um insgesamt drei Stunden erhöht, um grundlegende sprachliche und mathematische Kompetenzen zu festigen. Die schriftliche Division bleibe als komplexestes schriftliches Rechenverfahren weiterhin verbindlich vorgesehen, allerdings erst nach einer gefestigten Kompetenzentwicklung.
Der Philologenverband hält diese Verschiebung dennoch für problematisch. Das sichere Beherrschen der schriftlichen Division bereits am Ende der Grundschule sei ein wichtiger Indikator für mathematische Stabilität und habe Bedeutung für den Übergang auf weiterführende Schulen. Schülerinnen und Schüler, die den Algorithmus sicher anwenden könnten, hätten am Gymnasium in der Regel kaum Schwierigkeiten. Defizite in diesem Bereich seien später nur schwer aufzuholen.
Zudem warnt der Verband vor Nachteilen bei Schulwechseln zwischen den Bundesländern. In Ländern wie Nordrhein-Westfalen oder Schleswig-Holstein bleibe die schriftliche Division auch nach Lehrplanreformen verbindlicher Bestandteil des Grundschulunterrichts. Kinder aus Niedersachsen könnten dadurch ins Hintertreffen geraten.
Ob das niedersächsische Kultusministerium am eingeschlagenen Kurs festhält, bleibt abzuwarten. Nach Angaben des PHVN würden die ersten Jahrgänge, die nach dem neuen Grundschul-Curriculum unterrichtet werden, frühestens im Schuljahr 2028/29 in die vierte Klasse kommen. Aus Sicht des Verbands bleibt damit noch Zeit für Korrekturen. News4teachers








