MÜNSTER. Der Ramadan ist für Millionen Musliminnen und Muslime weltweit eine Zeit des Fastens, der Besinnung und des Gebets. Auch in Deutschland prägt der islamische Fastenmonat (bis zum Zuckerfest am 20. März 2026) den Alltag vieler Familien. Doch noch vor dem Start zeigen sich liberale muslimische Stimmen wie der Theologe Mouhanad Khorchide besorgt über eine Entwicklung, die insbesondere im schulischen Kontext sichtbar wird: zunehmender sozialer Druck unter Jugendlichen – bis hin zu Ausgrenzung und Mobbing.

Der Leiter des Zentrums für Islamische Theologie der Universität Münster, Prof. Mouhanad Khorchide, spricht von einer problematischen Verschiebung im religiösen Selbstverständnis junger Menschen. „Der Ramadan wird von einigen männlichen Jugendlichen zum Anlass genommen, Männlichkeit misszuverstehen als Demonstration körperlicher Leistungsfähigkeit, Durchhaltevermögen und vermeintlicher religiöser Stärke“, sagte er der Katholischen Nachrichten-Agentur.
Nach Khorchides Beobachtung treten dabei nicht selten einzelne Jugendliche als moralische Instanz auf. „Manche Jugendliche spielen dann eine Art Religionspolizei“, so der Theologe. „Sie werten Mitschüler ab, die nicht fasten wollen oder können, setzen sie emotional unter Druck oder mobben sie mit Sätzen wie: Was für ein Muslim bist du?“ Wer sich dem Fasten entziehe, gerate schnell in eine Rechtfertigungsposition.
Das Fasten im Monat Ramadan gilt als eine der fünf Säulen des Islam. Es umfasst den Verzicht auf Essen und Trinken vom Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang. Allerdings ist die religiöse Pflicht an Bedingungen geknüpft. Schwangere, Kranke, ältere Menschen oder Reisende sind ausgenommen. Auch Kinder vor der religiösen Mündigkeit sind nicht verpflichtet zu fasten.
Im Deutschlandfunk erläuterte Khorchide die traditionelle Altersbestimmung. „Früher hat man biologische Standpunkte herangezogen. Man hat die biologische Reife genommen, bei Frauen die Menstruation und bei Männern, wenn sie geschlechtsreif sind – durchschnittlich ab 14.“ Heute werde theologisch eher ein höheres Alter angesetzt. „Und heute meint man, naja, ab 16 eigentlich ist das eher das Alter, wo die Teilnahme geboten ist.“
Dennoch sei zu beobachten, dass auch jüngere Schülerinnen und Schüler fasten. Khorchide sieht dafür unterschiedliche Gründe. Zum einen spiele der Wunsch nach Zugehörigkeit eine Rolle. Kinder wollten mitmachen, wenn die Familie den Tagesrhythmus umstelle. Zum anderen gebe es jedoch eine Entwicklung, „die weniger erfreulich ist“, wie er im Deutschlandfunk sagte – und mit einem gewissen Bild von Männlichkeit verbunden sei. „Wenn Männlichkeit bedeutet, stark zu sein, physisch auch, dann machen manche Jugendliche Druck auf Mitschüler: Was bist du für ein Mann, dass du nicht fasten kannst?“
Nach Einschätzung des Theologen bleibt der Druck nicht ohne Konsequenzen für den Schulalltag. „Ich bekomme mit, dass Schulleitungen anrufen – und berichten, bei uns kollabieren manche oder sind total unkonzentriert oder bringen nicht die Leistung. Und das ist keine erfreuliche Entwicklung. Da braucht man Aufklärung.“
„Man kann davon ausgehen, dass etwa zwischen 10 und 20 Prozent, also bis zu einem Fünftel, sich berufen fühlen, Religionspolizei zu spielen“
Belastbare statistische Erhebungen liegen nach seinen Angaben nicht vor. Gleichwohl gebe es Anhaltspunkte. „Man kann davon ausgehen, dass etwa zwischen 10 und 20 Prozent, also bis zu einem Fünftel, sich berufen fühlen, Religionspolizei zu spielen.“ Das Auftreten als moralische Kontrollinstanz vermittle Anerkennung und Status. „Das vermittelt ja gewisse Anerkennung bis hin zu Machtstatus. Ich entscheide, ich erhebe meinen Zeigefinger, um die anderen zu religiösen Geboten zu rufen.“
Khorchide ordnet die Entwicklung in einen breiteren gesellschaftlichen Zusammenhang ein. Derzeit gebe es „einen spürbaren Wandel in der Bedeutung von Religion unter Muslimen in Deutschland“. Persönliche Gottesbeziehung und ethische Anliegen träten in der öffentlichen wie innergemeinschaftlichen Kommunikation zunehmend in den Hintergrund. „An ihre Stelle rücken immer häufiger religiöse Rituale oder sichtbare Symbole; nicht primär als Ausdruck innerer Frömmigkeit, sondern als Marker von Zugehörigkeit.“
Religion werde so stärker zu einer Identitätsressource im Sinne eines kollektiven „Wir Muslime“. Das Fasten werde von Familie und Peergroup registriert und in bestimmten Milieus auch kontrolliert. Wer sich entziehe, müsse sich erklären.
Zugleich warnt der Theologe davor, den Ramadan auf eine körperliche Herausforderung zu reduzieren. „Man sagt ja, man fastet, man verzichtet. Es geht darum, auch in die Welt zu schauen. Es gibt Menschen, die gezwungenermaßen verzichten müssen, weil sie arm sind.“ Fasten solle Empathie und Mitgefühl fördern sowie Zeit für Spiritualität eröffnen. „Ramadan zu reduzieren auf den Verzicht aufs Essen und Trinken über den Tag, um dann alles am Abend wieder nachzuholen, oder gar eine Art Festival daraus zu machen – das ist nicht Sinn des Fastens. Es ist eher ein Monat der Spiritualität und der Besinnung.“
„Lehrerinnen und Lehrer dürfen nicht wegschauen oder meinen, das ist ein innerislamisches Problem“
Für Schulen sieht Khorchide eine klare Verantwortung, wenn Druck aufgebaut wird. „Ganz wichtig ist, dass Schulen Ansprechpartner haben müssen, dass Betroffene hingehen und irgendwie sich beschweren können beziehungsweise mit jemandem reden können, der das Ganze ernst nimmt.“ Lehrkräfte dürften das Problem nicht als interne Angelegenheit von Muslimen abtun. „Lehrerinnen und Lehrer dürfen nicht wegschauen oder meinen, das ist ein innerislamisches Problem, die sollen das unter sich lösen, sondern wir brauchen strukturelle Lösungen, Anlaufstellen für Betroffene, aber auch klare Sanktionen für die anderen.“
Wo islamischer Religionsunterricht erteilt werde, komme auch den dort unterrichtenden Lehrkräften eine besondere Rolle zu. Sie seien für viele Schülerinnen und Schüler Autoritäten. Khorchide fordert: „Aufklären und noch mal daran erinnern, Gott ist der Richter, nicht wir Menschen! Wir dürfen uns nicht als Richter aufführen.“ News4teachers
Kolumne zum Schulrecht: Lehrer sind für die Gesundheit fastender Kinder im Ramadan verantwortlich
Bitte Bericht zu Ramadan (hat schon begonnen)









“Nach Khorchides Beobachtung”
Ach, die! Creept er über Schulhöfe oder doomscrollt er auf Tiktok?
“Ich bekomme mit, dass Schulleitungen anrufen – und berichten”
Bekommt mit? Wen rufen die Schulleitungen tatsächlich an, während Herr Khorchide im Nebenzimmer sitzt und mutmaßt, es würde bis zu 20 Prozent der Jugendlichen betreffen?
Ich bin ja auch völlig überrascht, dass toxische Männlichkeit allen schadet – wer hätte dies jemals kommen sehen…
Ich weise die Probleme nicht von der Hand – im Gegenteil: Warum sollen wir da nur über Muslems reden, nur weil Herr Khorchide es hier subjektiv wahrnimmt?
Erst kürzlich las ich: “Eine feministische BeamtInnenpolitik darf es eigentlich hierzulande gar nicht geben! Darüber hinaus gilt natürlich, gezielte Frauenförderung, weibliche Eigenschaften ehren und pflegen […]”
Aber der Verfasser hatte wohl nicht gefastet…
Ist doch eine klassische Aufgabe des Religionsunterrichts, vor allem, wenn dieser den Islam behandelt.
Da kann doch endlich gezeigt werden, dass die Einführung von islamischem Religionsunterricht die richtige Entscheidgung war!