ERFURT. Über Jahre hinweg nutzte ein Lehrer an einem Erfurter Gymnasium seine Machtstellung aus – und missbrauchte Schülerinnen, die ihm als Schutzbefohlene ausgeliefert waren. Nun hat das Landgericht Erfurt den 58-Jährigen wegen 69 Fällen sexualisierten Missbrauchs an drei Minderjährigen zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Der Prozess wirft nicht nur ein grelles Licht auf die Taten eines Einzelnen, sondern auch auf strukturelles Versagen, Wegsehen und die Frage, wie Schulen Kinder und Jugendliche wirksam schützen können. Zumal es sich nicht um den einzigen krassen Fall von Missbrauch an dem Gymnasium handelt.

Er soll das Machtgefälle als Lehrer und die Unerfahrenheit von Schülerinnen ausgenutzt haben. Warum der Fall Fragen zum Schulsystem aufwirft und warum es eigentlich noch ein weiteres Opfer gibt.
Über Jahre hinweg hat sich ein damaliger Lehrer eines Erfurter Gymnasiums an Schülerinnen vergangen und ist deshalb zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von vier Jahren und drei Monaten verurteilt worden. Das Landgericht Erfurt sah es als erwiesen an, dass der heute 58-Jährige sich als Lehrer in 69 Fällen an drei Schutzbefohlenen vergangen hat. Dabei ging es um Fälle im Zeitraum von 2013 bis 2025. Alle drei Opfer traten in dem Prozess als Nebenklägerinnen auf. Sie waren bei Beginn der Taten im jugendlichen Alter.
Keine Verurteilung wegen Vergewaltigungsvorwürfen
Freigesprochen wurde der inzwischen aus dem Schuldienst entlassene Mann von dem Vorwurf, er habe in zwei Fällen eine der Schülerinnen vergewaltigt. Der Freispruch an dieser Stelle rühre nicht daher, dass die Kammer der Aussage der Nebenklägerin dazu keinen Glauben schenke, sagte der Vorsitzende Richter Holger Pröbstel. Allerdings könnte diese nicht zweifelsfrei belegt werde.
Die Staatsanwaltschaft hatte eine Gesamtfreiheitsstrafe von sieben Jahre beantragt, die Verteidigung zwei Jahre Haft. Der Mann hatte den Missbrauch im Verfahren weitgehend eingeräumt, die Vergewaltigungsvorwürfe bestritt er. Eine Revision ist möglich.
«Das sind Taten, die durch nichts, aber durch gar nichts zu rechtfertigen sind», betonte Pröbstel. Der 58-Jährige habe sich in mehrerer Hinsicht als Lehrer «völlig disqualifiziert», so Pröbstel weiter. Die Schülerinnen seien nicht in der Lage gewesen, dem Angeklagte etwas entgegenzusetzen. Es sei nicht um Beziehungen auf Augenhöhe gegangen. Es sei die Aufgabe des früheren Religions- und Musiklehrers gewesen, klare Grenzen zu ziehen.
Nebenklägerinvertreterin: «Ein Zeichen setzen»
Nach der Verhandlung erklärte Rechtsanwältin Antonia Sturma auch im Namen ihrer Mandantin – die heute erwachsene erste betroffene damalige Schülerin: «Wir wünschen uns, mit dem Urteil ein Zeichen setzen zu können, dass Betroffene von institutionalisierten Machtmissbrauch und sexualisierter Gewalt auch noch nach vielen Jahren eine Stimme finden können.»
Alle drei Opfer waren in dem Prozess als Nebenklägerinnen aufgetreten. Sturma hatte das Plädoyer genutzt, um das aus ihrer Sicht strukturelle Versagen des Systems Schule anzukreiden, dass solchen Missbrauch ermögliche. Die Juristin betonte, dass Schutzbefohlene in einem Machtverhältnis keinen Konsens geben könnten. Der Angeklagte habe gezielte die jugendliche Naivität der Mandantin ausgenutzt.
Über Jahre hinweg habe der Angeklagte ein Macht- und Abhängigkeitsverhältnis geschaffen, so auch die Nebenklagevertreterin Tanja Lucke. Eine der zwei bei den Plädoyers anwesenden Nebenklägerinnen traute sich schließlich, auch selbst das Wort zu ergreifen. «Ich bin erschüttert darüber, was ich noch alles gehört habe», sagte die junge Frau mit Blick auf das Ausmaß der vorgeworfenen Taten.
Richter: «Verknüpfung macht fassungslos»
Auf die Spur des 58-Jährigen waren die Ermittler wegen eines anderen Missbrauchsfall eines damaligen Lehrerkollegen an derselben Schule gekommen. Diesen hatte das Landgericht Erfurt bereit Ende Oktober vergangenen Jahres wegen des langjährigen Missbrauchs einer Schülerin zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt (News4teachers berichtete).
Das Opfer in diesem Verfahren hatte sich laut Gericht dem nun Verurteilten anvertraut. Doch dieser habe statt zu helfen, pornografische Bilder von ihr verlangt, so Pröbstel. Mit ihr gebe es eigentlich ein viertes Opfer. Doch dieses Verfahren sei nach entsprechender Möglichkeit der Strafprozessordnung eingestellt worden.
«Allein diese Verknüpfung lässt einen schon relativ fassungslos zurück», so Pröbstel. Er habe als langjähriger Vorsitzender der Jugendschutzkammer schon viele Missbrauchsverfahren verhandelt. Aber besonders mit Blick auf die Geschehnisse an der Schule sagte er: «Man wird doch nachdenklich, was in unserer Gesellschaft eigentlich schiefläuft.» Seit Jahren sei an dem Gymnasium getuschelt worden.
Gymnasium meldet sich zu Wort
Der damalige Schulleiter räumte nach Bekanntwerden des Missbrauchsskandals zum 1. Dezember 2025 seinen Posten. Unter neuer Leitung veröffentlichte das Gymnasium auf seiner Website am Donnerstag eine Stellungnahme. Darin betonte die Schule, dass eine Aufarbeitung mit externer Unterstützung im Gange sei. Missbrauch auf jeglicher Ebene solle nicht wieder geschehen können.
«Unser Ziel ist eine tiefgreifende Neuausrichtung, die zu einem offenen und transparenten Umgang innerhalb der gesamten Schulgemeinschaft führt, damit Missbrauch auf jeglicher Ebene nicht wieder geschehen kann», heißt es in der Stellungnahme. Eine Aufarbeitung auch mit externer Unterstützung sei im Gange, Strukturen, Abläufe und Verantwortlichkeiten würden kritisch überprüft.
Die bekanntgewordenen Missbrauchsfälle an der Schule erschütterten zutiefst. «Unser Mitgefühl gilt den betroffenen Schülerinnen und Schülern sowie ihren Familien. Wir bedauern ausdrücklich, was geschehen ist und übernehmen die volle, sich für uns als Institution ergebende Verantwortung», heißt es in der mit «Kollegium» unterschriebenen Veröffentlichung weiter. Und: «Der Frage, die viele bewegt – Wie konnte das passieren? –, stellen auch wir uns.» (Vollständiger Text: siehe Info-Kasten unten.)
Ministerium verlangt Schutzkonzepte von Schulen
Das Thüringer Bildungsministerium wiederum hatte in Reaktion auf die Missbrauchsfälle eine Frist für Schulen allgemein zur Vorlage eines sogenannten Schutzkonzepts vorverlegt: Die Bildungseinrichtungen müssen nun bis Ende 2026 schriftlich Maßnahmen zur Prävention sexualisierter Gewalt an der jeweiligen Schule vorlegen.
Bildungsminister Christian Tischner (CDU) hatte im Dezember betont, dass Schulleitungen zum Handeln verpflichtet seien, wenn Verdachtsfälle an Schulen bekannt würden. Jedem Gerücht sollte in der gebotenen Form nachgegangen werden, ohne jemanden vorzuverurteilen.
Richter: «Unter Teppich kehren, geht nach hinten los»
«Papier ist geduldig, so etwas muss man mit Leben füllen», betonte Richter Pröbstel bei der Urteilsverkündung mit Blick auf solche Konzepte. Schulen müssten ihren Schülerinnen und Schülern das Gefühl geben: «Wenn was ist, kann ich mich auch an die Schule wenden.» Dinge wegen des Rufs der Schule unter den Teppich zu kehren, das gehe nach hinten los.
Ende 2025 veröffentlichte die unabhängige Kommission des Bundes zur Aufarbeitung von sexuellem Kindesmissbrauchs eine Fallstudie zu sexualisierter Gewalt und Schulen. Dafür wurden 133 Berichte von Betroffenen betrachtet, die zwischen 1949 und 2010 sexualisierte Gewalt in der Schule erlebt haben.
Die zentrale Erkenntnis: In vielen Fällen sexualisierter Gewalt an Schulen standen Betroffene in der Vergangenheit alleine, oft hätten Lehrkräfte oder anderes schulisches Personal nicht interveniert. Bei der Auswertung sei auch eine Häufung vermeintlich romantischer Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern auffallend gewesen: «Oft war es den Betroffenen erst im Nachhinein möglich, die Manipulation zu erkennen und den Missbrauch zu benennen.»
Der Angeklagte nutzte sein letztes Wort, um sich zu entschuldigen. Er schäme sich für die Taten und bereue sie zutiefst. Dass ein Lehrer so agiere, sei ein absolutes Tabu. Er hoffe, sie könnten die Taten überwinden und aufarbeiten. Allerdings: Diese Entschuldigung richtete er explizit nur an zwei der drei Betroffenen. Die Nebenklägerin, deren Vergewaltigung ihm vorgeworfen wurde, ließ er außen vor. News4teachers / mit Material der dpa
Die auf der Homepage der Schule veröffentliche Erklärung des Kollegiums:
«Die bekannt gewordenen Missbrauchsfälle an unserer Schule erschüttern uns zutiefst. Unser Mitgefühl gilt den betroffenen Schülerinnen und Schülern sowie ihren Familien. Wir bedauern ausdrücklich, was geschehen ist und übernehmen die volle, sich für uns als Institution ergebende Verantwortung. Es gilt, aus dieser Verantwortung alle erforderlichen Schritte abzuleiten, die die vollständige Aufarbeitung des Vergangenen und eine echte Veränderung in der Zukunft ermöglichen.
Der Frage, die viele bewegt – Wie konnte das passieren? –, stellen auch wir uns. Sie ist zentral für die unbedingte Aufklärung, die auf unseren Wunsch für ein umfängliches, transparentes und objektives Ergebnis auch mit externer Unterstützung erfolgt. Juristisch geht es um die konsequente Bestrafung der Täter, von denen wir uns ausdrücklich distanzieren. Wir als Schule richten den Blick nach innen und überprüfen Strukturen, Abläufe und Verantwortlichkeiten kritisch. Unser Ziel ist eine tiefgreifende Neuausrichtung, die zu einem offenen und transparenten Umgang innerhalb der gesamten Schulgemeinschaft führt, damit Missbrauch auf jeglicher Ebene nicht wieder geschehen kann.
Die bereits in Gang gesetzte Aufarbeitung verlangt von der Schulgemeinschaft eine immense Anstrengung, die von dem Wunsch getragen wird, bald spürbare Veränderungen wahrzunehmen. Vor dem Hintergrund beobachten wir die aktuelle Berichterstattung mit großer Sorge. Neben vielen zutreffenden und wichtigen Informationen erleben wir auch pauschale Verurteilungen, Stigmatisierungen und Generalisierungen, die der Realität an unserer Schule nicht gerecht werden. Sie greifen zu kurz und lassen sowohl die Komplexität des Geschehens als auch das verantwortungsvolle Handeln vieler Menschen außer Acht, die hier täglich umsichtig arbeiten, lernen und unterstützen.
«Wir stehen zu unserer Verantwortung und werden alles daransetzen, verlorenes Vertrauen Schritt für Schritt zurückzugewinnen»
Unsere Schule besteht aus vielen Akteurinnen und Akteuren: engagierten Kolleginnen und Kollegen, unterstützenden Eltern sowie Schülerinnen und Schülern, die Anspruch auf Schutz, Vertrauen, Fairness, eine motivierende Arbeitsatmosphäre und eine Zukunftsperspektive haben. Diese Differenzierung ist notwendig, um Aufarbeitung und Veränderung überhaupt möglich zu machen. Für einen echten Neuanfang braucht es neben der rechtlichen Aufklärung auch Raum, Vertrauen und die Chance, Veränderungsprozesse wirksam umzusetzen. Vor diesem Hintergrund bitten wir insbesondere die Medien und externe Unterstützer, einen differenzierten Blick einzunehmen und von jenen Anfragen oder Berichterstattungen abzusehen, die zu Verunsicherung und Überforderung bei den Kindern führen, die einen großen Teil ihres Alltags in unserer Schule verbringen. Der Schutz der Kinder muss für alle Beteiligten im Mittelpunkt stehen.
Wir stehen zu unserer Verantwortung und werden alles daransetzen, verlorenes Vertrauen Schritt für Schritt zurückzugewinnen. Dies kann jedoch nur gelingen, wenn Aufarbeitung nicht durch Vorverurteilung überlagert wird, sondern durch einen sachlichen, respektvollen, differenzierten und reflektierten Umgang begleitet wird.
Das Kollegium»
Dokumentierte Missbrauchsfälle an Schulen: Studie beschreibt eine Mauer des Schweigens









Ein Religionslehrer…zum Kotzen.