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KI-Korrekturen von Klassenarbeiten? Philologen warnen vor Risiken

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DÜSSELDORF. Die FDP im nordrhein-westfälischen Landtag will Korrekturen von Klassenarbeiten und Klausuren künftig im Regelfall durch Künstliche Intelligenz unterstützen lassen. Während die Liberalen darin eine spürbare Entlastung für Lehrkräfte und mehr Vergleichbarkeit bei Bewertungen sehen, widerspricht der Philologenverband deutlich: Er verweist auf pädagogische Grenzen sowie erhebliche Risiken automatisierter Verfahren.

Korrekturen-Kollege? (Symbolbild.) Illustration: Shutterstock

Mit einem neuen Antrag im Landtag Nordrhein-Westfalen setzt die FDP-Landtagsfraktion auf einen grundlegenden Wandel bei der Leistungsbewertung an weiterführenden Schulen. Korrekturen von Klassenarbeiten und Klausuren sollen nach dem Willen der Fraktion künftig im Regelfall mithilfe Künstlicher Intelligenz erfolgen. Die Letztentscheidung über die Bewertung soll jedoch weiterhin bei der jeweiligen Lehrkraft verbleiben.

Franziska Müller-Rech, stellvertretende Vorsitzende der FDP-Landtagsfraktion NRW, begründet den Vorstoß mit der Arbeitsbelastung vieler Lehrkräfte. Dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ sagte sie: „Viele Lehrkräfte berichten, dass sie sich an Klausuren und Klassenarbeiten regelrecht zu Tode korrigieren. Für gute Unterrichtsvorbereitung, individuelle Förderung und Gespräche bleibt kaum Zeit. Künstliche Intelligenz schafft hier eine echte, messbare Entlastung: Sie kann Antworten vorstrukturieren, Fehler markieren, Lernstände zusammenfassen. Dabei ersetzt die KI nicht die Lehrkraft. Es gilt ‚Human in the Loop‘. Pädagoginnen und Pädagogen treffen am Ende die Entscheidung und bleiben verantwortlich.“

„Durch die Zeitersparnis kommt Feedback außerdem schneller zurück, Lernlücken werden früher sichtbar, Lernfortschritte nachvollziehbar“

Darüber hinaus verbindet die FDP mit dem Einsatz von KI die Erwartung einer höheren Qualität und Nachvollziehbarkeit von Bewertungen. Müller-Rech erklärt: „Gleichzeitig hilft KI, Bewertungen qualitativ zu verbessern: Viele Schülerinnen und Schüler kennen das nagende Gefühl einer ungerechten Beurteilung. Warum ist meine Gedichtinterpretation schlechter benotet als die meiner Mitschülerin? KI kann konsequent entlang klarer Kriterien bewerten – das schafft Transparenz und Vergleichbarkeit. Durch die Zeitersparnis kommt Feedback außerdem schneller zurück, Lernlücken werden früher sichtbar, Lernfortschritte nachvollziehbar.“

Auf deutlichen Widerspruch stößt dieser Vorstoß beim Philologenverband Nordrhein-Westfalen. Der Verband lehnt eine grundsätzlich KI-gestützte Korrektur von Klassenarbeiten und Klausuren ab und sieht darin eine Verkürzung zentraler pädagogischer Aufgaben. In einer Stellungnahme heißt es, eine weitgehende Automatisierung der Leistungsbewertung greife zu kurz und gefährde fachliche wie pädagogische Standards.

Zwar erkennt der Verband an, dass KI-Systeme im schulischen Alltag unterstützend eingesetzt werden können. Sie könnten etwa bei der Analyse von Fehlern helfen, typische Schwächen identifizieren oder Formulierungen für Rückmeldungen vorschlagen. In diesem Sinne könne Künstliche Intelligenz durchaus zu einer Entlastung beitragen und Freiräume für individuelle Förderung schaffen.

Eine klare Grenze zieht der Philologenverband jedoch bei der eigentlichen Bewertung von Schülerleistungen. Die Landesvorsitzende Sabine Mistler betont: „Die abschließende Bewertung von Leistungen und insbesondere die Notenvergabe müssen jedoch uneingeschränkt in der Hand der Lehrkraft bleiben. Chatbots können fachliche und pädagogische Urteile nicht ersetzen, sondern allenfalls vorbereiten und begleiten.“

Der Verband verweist zudem auf eine Reihe von Risiken, die mit automatisierten Korrekturverfahren verbunden seien. Dazu zählen Fehlbewertungen ebenso wie Probleme beim Verständnis komplexer Argumentationen oder kreativer Lösungsansätze. Auch mögliche Verzerrungen in den Trainingsdaten der Systeme werden als Problem benannt. Aus Sicht des PhV ist insbesondere die pädagogische Dimension der Leistungsbewertung durch KI nicht abbildbar.

„Wer die Korrektur vollständig an Chatbots delegieren will, verkennt einen wesentlichen Baustein von Bildung“

Im Zentrum der Kritik steht dabei das professionelle Urteil der Lehrkraft, das über reine Fehleranalyse hinausgeht. Lehrkräfte seien in der Lage, Denkwege von Schülerinnen und Schülern nachzuvollziehen und Leistungen über längere Zeiträume hinweg einzuordnen. Diese Form der individuellen und ganzheitlichen Beurteilung lasse sich nicht automatisieren.

Parallel fordert der Verband klare rechtliche und ethische Rahmenbedingungen für den Einsatz von KI im Bildungsbereich. Dazu gehörten datenschutzkonforme Systeme, transparente Verfahren gegenüber Schülerinnen und Schülern sowie die Möglichkeit, KI-gestützte Vorschläge jederzeit zu überprüfen und zu korrigieren. Auch Fortbildungsangebote für Lehrkräfte werden als notwendig beschrieben.

Die Position der Lehrkräfte selbst stellt sich nach Angaben des Verbands differenziert dar. Ergebnisse aus Mitgliederbefragungen zeigten, dass viele Gymnasiallehrkräfte KI bereits punktuell nutzen. Gleichzeitig bestehe insbesondere bei der Leistungsbewertung eine deutliche Zurückhaltung.

Vor diesem Hintergrund plädiert der Philologenverband für einen begrenzten, prüfenden Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Korrekturprozess. KI könne ein Werkzeug sein, nicht jedoch eine eigenständige Bewertungsinstanz. Landesvorsitzende Sabine Mistler formuliert es so: „Wer die Korrektur vollständig an Chatbots delegieren will, verkennt einen wesentlichen Baustein von Bildung: die verantwortliche, fachlich fundierte und pädagogisch sensible Beurteilung durch den Menschen.“ News4teachers 

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