KÖLN. Eine neue Umfrage zeigt: Klassenchats sind für viele Schülerinnen und Schüler belastend. Beleidigungen, Mobbing und sogar strafbare Inhalte kommen dort vor – und die Kommunikation läuft dabei fast immer über Messenger wie WhatsApp. Vor diesem Hintergrund hat Bundesbildungsministerin Karin Prien erstmals auch diese Dienste in die Debatte um mehr Jugendschutz in Sozialen Medien einbezogen. Der Deutsche Lehrerverband hält ein Verbot für kaum umsetzbar.

Klassenchats gehören für die meisten Schülerinnen und Schüler zum Alltag. Doch was dort passiert, bleibt für Erwachsene oft unsichtbar – bis Konflikte eskalieren. Recherchen und eine repräsentative Umfrage im Auftrag des WDR zeigen, dass sich in diesen digitalen Räumen neben organisatorischem Austausch auch Beleidigungen, Mobbing, Diskriminierung und strafbare Inhalte verbreiten.
In Einzelfällen nehmen die Entwicklungen drastische Formen an. So berichten Fünftklässler aus Hattingen von einem Chat, in dem unter anderem Nacktbilder kursierten. „Das war das allererste Mal, dass ich Nacktbilder von anderen Leuten gesehen habe“, sagt ein Schüler. Die Erfahrung habe ihn belastet: „Eigentlich ganz blöd, dass ich das auch gesehen habe.“ Die Polizei musste schließlich eingreifen, nachdem Hinweise auf strafbare Inhalte vorlagen.
„Wenn du jetzt also in einer Gruppe bist und du hast da irgendeinen, der einen kinderpornografischen Inhalt postet, lädt sich das automatisch in die Smartphones herunter“
Solche Fälle sind kein Einzelfall, wie Fachleute betonen. Der Cyberkriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger verweist im WDR darauf, dass bereits der automatische Download entsprechender Inhalte strafrechtliche Konsequenzen haben kann. „Wenn du jetzt also in einer Gruppe bist und du hast da irgendeinen, der einen kinderpornografischen Inhalt (…) postet, lädt sich das automatisch in die Smartphones (…) herunter“, sagt er. Ermittlungen könnten dadurch auch Kinder betreffen, die Inhalte nicht aktiv verbreitet haben.
Die Umfrage von Infratest dimap unter mehr als 1.000 Schülerinnen und Schülern im Alter von 10 bis 16 Jahren liefert erstmals belastbare Daten zur Nutzung und zu Problemen in Klassenchats. Demnach sind 82 Prozent der Befragten Mitglied in mindestens einem Klassenchat, 92 Prozent nutzen dafür WhatsApp. Gleichzeitig berichten 35 Prozent, bereits belastende oder unangenehme Inhalte gesehen zu haben. 16 Prozent geben an, selbst schon beleidigt oder gemobbt worden zu sein, 20 Prozent fühlten sich ausgeschlossen.
Die Folgen reichen über den digitalen Raum hinaus. 36 Prozent haben den Eindruck, dass sich die Stimmung in der Klasse durch den Chat verschlechtert hat. Jeder Vierte hat sich wegen eines Beitrags Sorgen gemacht, 17 Prozent hatten schon einmal keine Lust, in die Schule zu gehen.
Die Umfrage zeigt auch, welche konkreten Inhalte Kinder und Jugendliche in Klassenchats als belastend erleben. Am häufigsten berichten die Befragten von Beleidigungen oder Bloßstellungen von Mitschülern oder Lehrkräften (69 Prozent). Mehr als die Hälfte nennt zudem Gerüchte oder Lügen über einzelne Personen sowie gezielte Ausgrenzung oder Mobbing (jeweils 54 Prozent). Darüber hinaus geben 26 Prozent an, schon einmal Videos oder Bilder von Gewalt oder Verletzungen gesehen zu haben.
Auch Inhalte, die zu Hass oder Ausgrenzung gegen bestimmte Gruppen aufrufen, werden genannt (17 Prozent). Selbst Nacktbilder oder entsprechende Videos tauchen in den Chats auf, wie 12 Prozent der Befragten berichten. Betroffen sind nach Angaben der Schülerinnen und Schüler in erster Linie ihre Mitschüler, deutlich seltener aber auch Lehrkräfte sowie einzelne gesellschaftliche Gruppen, etwa aufgrund von Herkunft, Religion oder sexueller Orientierung.
Zugleich erfüllen Klassenchats auch eine wichtige Funktion. 61 Prozent der Befragten geben an, dass der Chat schon einmal geholfen habe, ein Problem in der Klasse zu lösen. 90 Prozent nutzen ihn für schulische Themen, etwa Hausaufgaben oder organisatorische Absprachen.
Vor diesem Hintergrund hat Bundesbildungsministerin Karin Prien eine Ausweitung der politischen Debatte angestoßen. „Ich glaube, wir müssen nicht nur über Social-Media-Regulierung, sondern auch über Messengerdienst-Regulierung sprechen“, sagte die CDU-Politikerin im WDR. Bislang konzentriert sich die politische Diskussion vor allem auf Plattformen wie Instagram oder TikTok; Messenger-Dienste waren weitgehend ausgeklammert.
„Eine systematische Beobachtung findet nicht statt, da Lehrkräfte bewusst nicht in diesen Chats vertreten sind“
Der Deutsche Lehrerverband reagiert darauf mit deutlicher Skepsis. Präsident Stefan Düll bezeichnet mögliche Eingriffe als kaum umsetzbar. „Ein generelles Verbot oder weitreichende Nutzungseinschränkungen“ seien „in der Praxis kaum realistisch“, sagte er den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Messenger spielten „heute eine zentrale Rolle in der alltäglichen Kommunikation und Terminabstimmung“, etwa „innerhalb von Familien, in Vereinen, in Jugendgruppen, in religiösen Gemeinschaften“.
Zugleich bestätigt Düll die Problemlage an Schulen. „Solche Fälle kommen vor und werden an Schulen durchaus als belastend erlebt.“ Allerdings fehle eine verlässliche Datengrundlage für die tatsächliche Verbreitung. „Eine systematische Beobachtung findet nicht statt, da Lehrkräfte bewusst nicht in diesen Chats vertreten sind.“ Als Grund nennt er datenschutzrechtliche Grenzen: Einblick erhielten Schulen meist erst, wenn Konflikte eskalierten und Chats vorgelegt würden.
Auch aus der Praxis wird auf strukturelle Ursachen hingewiesen. Der ehemalige Lehrer und Bildungsinfluencer Bob Blume beschreibt im WDR die besondere Situation junger Nutzer: „In einer Phase der Orientierungslosigkeit bekommt man ein unfassbar mächtiges Werkzeug in die Hand, das man ausprobiert.“ Viele seien noch nicht in der Lage, die Wirkung ihres Handelns auf andere einzuschätzen.
Der Cyberkriminologe Rüdiger sieht darüber hinaus ein längerfristiges Versäumnis gegenüber Kindern und Jugendlichen: „Wir haben es zugelassen, dass sie mit extremistischen Inhalten konfrontiert werden, mit gewalttätigen Inhalten, mit pornografischen, schweren Delikten.“ Die Folge sei eine „Verrohung oder Enthemmung“, die sich auch in Klassenchats zeige.
Die Diskussion über mögliche Konsequenzen bleibt offen. Während einige strengere Regeln fordern, verweisen andere auf die Bedeutung von Medienkompetenz. Die Schauspielerin und Autorin Collien Fernandes, selbst Mutter, spricht sich gegen einfache Verbotslösungen aus. „Wir müssen jetzt anfangen, uns zu rüsten“, sagt sie. Die Digitalisierung sei „Werkzeug und Waffe gleichzeitig, aber für die Waffe haben wir alle noch keinen Waffenschein“.
Bittere Pointe: Mittlerweile wurde bekannt, dass sie selbst offenbar Opfer massiver digitaler Gewalt wurde. News4teachers / mit Material der dpa









Bei uns sind Whats- und andere Apps für den dienstlichen Gebrauch ausdrücklich verboten. Ein Schulmessanger ist die offizielle Plattform auch für beruflich bedingte Chatgruppen und den dienstlichen Austausch mit KuK, SuS und EuE. Demzufolge sind alle anderen Dinge privat, für mich verboten und gehen mich nichts an. Elternsache. Und da lasse ich mich nicht verantwortlich oder zuständig machen, mir ein schlechtes Gewissen einreden oder von leuchtenden Kinderaugen erzählen, weil sich ja jemand kümmern müsse. Die Kollegin aus dem Westerwald hat genau das getan und wurde vom Dienstherrn jämmerlich im Stich gelassen.
Sorry, nicht meine Zuständigkeit.
Richtig, das ist wie mit den Kassen, die die Abiturienten für ihre Finanzverwaltung benötigen. Als Lehrer kann ich dazu vielleicht Rat geben, wenn ausdrücklich gewünscht – aber damit hört es dann auch auf.
Private Chatgruppen, die nicht von Eltern moderiert werden, sollten die Schüler verlassen, denn es gibt die schulischen Kommunikationswege. Und die werden von Lehrern kontrolliert.
Mit den privaten Gruppen befasse ich micht nicht. Nie mój cyrk, nie moje małpy.
Das war polnisch 😉
Mehrsprachigkeit ist ein riesiges Potenzial, newoah?
Diese privaten Gruppen in Messengerdiensten nennen sich zwar “Klassenchats”, haben aber mit der Schule als Institution nichts zu tun. Ich versuche als Lehrer, schulische Konflikte zu klären, aber nicht solche, die nach oder vor dem Schultag privat ausgelöst wurden.
Jüngeren Kolleginnen und Kollegen kann ich nur raten, nicht auf WhatsApp oder andere private Dienste zurückzugreifen und sich nicht von Eltern deswegen unter Druck setzen zu lassen.
Man stelle sich eine Kinderärztin vor, die vom Rauchen Kindern und Jugendlichen abrät, aber dann von Eltern in Haftung genommen wird, wenn außerhalb der Praxis heimlich “gepafft” wird…
Völlig richtig. Ich kann überhaupt nicht nachvollziehen, was Lehrkräfte dazu motiviert sich in das außerschulische Freizeitverhalten von Schülern einzumischen. Das ist eindeutig Aufgabe der Erziehungsberechtigten! Wenn die eine “Rund-um-Betreuung” brauchen, können diese ja das Äquivalent eines Babysitters engagieren, der auf die Kinder am Nachmittag und Abend aufpasst.
Public Service Announce-mente:
WhatsApp ist ausdrücklich für die schulische Verwendung durch Lehrkräfte (faktisch) verboten bzw. so reguliert, dass es darauf hinausläuft.
Change my mind.
Ich werde niemals, niemals, niemals mich mit meinem Privathandy an irgendeinem Klassen- oder Elternchat beteiligen. In Logineo biete ich ein Forum an, das von allen eingesehen werden kann. Dort kann man dann auch fachliche Probleme diskutieren.
Alles andere – nicht mein Zirkus.
…nicht meine Affen.
Sehe ich auch so.
Keine Durchsetzungsmacht – keine Werkzeuge – keine Verantwortung.
Bei jedem Verbot sollte der Gesetzgeber auch gleich klarstellen müssen wie dieses Verbot durchgesetzt werden kann.
Als Lehrer sehe ich mich bei diesen Chatgruppen eh außen vor. Ich habe nicht das Recht mich präventiv und anlasslos in das Familienleben meiner Schüler einzumischen, um da irgendetwas zu kontrollieren.
Aber wenn schon die Konzerne in die Pflicht genommen werden sollen: Wie sollen die denn das Verbot wirklich durchsetzen? Die Handys der Kinder sind doch zumeist auf die volljährigen Eltern registriert. Eine User-Identifizierung wie bei ELSTER dürfte so abschreckend sein, dass viele Erwachsene die Messenger gar nicht mehr benutzen würden und würde immer noch nicht verhindern, dass die Kinder an die Passwörter der Eltern kommen.
Hat sich zur Umsetzbarkeit eines etwaigen Verbotes mal jemand Gedanken gemacht BEVOR das Verbot beschlossen wurde?
Ich wünsche mir, dass vom Dienstherren eindeutig geregelt wird, dass auch bei schlimmsten Auswüchsen in den Messengern die Schule nicht reagieren soll. Warum:
1) die Aufklärung von Cybermobbing und sonstigen Straftaten dauert lange, ist rechtlich problematisch und faktisch kaum möglich,
2) Ordnungsmaßnahmen sind schwer rechtssicher durchführbar,
3) ein Täter-Opfer Ausgleich, eine pädagogische Aufarbeitung der Taten setzt eine saubere Aufklärung voraus,
4) den Eltern und Schülern muss bewusst werden, dass es die private Entscheidung und alleinige Verantwortlichkeit der Eltern ist, wenn Straftaten mit dem Handy begangen werden.
Auch an unserer Schule hat die Schulleitung explizit darauf hingewiesen, dass die Nutzung von Messenger-Gruppen mit SuS in die alleinige private Verantwortlichkeit der Lehrkräfte fällt und auf die massiven Rechtsrisiken deutlich hingewiesen.
Im Schutzkonzept gegen sexualisierte Gewalt wird ein privater Chat mit einzelnen SuS über Messengerdienste explizit ausgeschlossen.
Eine Regelung durch den Dienstherren würde es leichter ermöglichen, die Eltern darüber eindeutig aufzuklären und ihnen deutlich zu machen, welche Risiken sie ihren Kindern aussetzen, und dass sie bei Schwierigkeiten nicht mit Unterstützung durch die Schule rechnen können.
Nee, lieber noch 10 Jahre darüber nachdenken, ob man Heroin für Säuglinge verbieten sollte. Da muss man sich schon ganz sicher sein.
Ich war bewusst im Klassenchat auf der schuleigenen Plattform in der 5 und 6. Eskalieren tat es dann ab Kl.7, weil ich nicht mehr dabei war. Das war dann bei WhatsApp. Das darf ich nicht mit Schülern oder Eltern benutzen…
WhatsApp ist bereits theoretisch für die meisten Kinder und Jugendlichen verboten. Interessiert aber niemanden. Außer dass ich im Zweifel den Eltern sagen kann, dass sie ihrem Kind die App erlaubt haben.
Dennoch kann man es sich nicht einfach machen und sagen “das, ist ja privat und hat nichts mit der Schule zu tun” wenn es halt doch massiv in die Schule ausstrahlt und man gerade bei sexualisierten Inhalten einen Schutzauftrag hat.
Doch, kann man.
Verdacht auf Straftaten?
SL informieren, die soll die Polizei informieren.
@Salida
Und die Beweissicherung bei sexualisierten Inhalten erfolgt wie durch die Lehrkraft?
Genau: wir schalten die Polizei ein, lassen die Handys als Beweismittel beschlagnahmen und überlassen den Rest dem Staatsanwalt. Das ist für eine Lehrkraft gar nicht zu lösen.
Es gibt in der Schule Schwierigkeiten zwischen den SuS, die ihren Anfang im Austausch von Nachrichten hatten? Dann können wir darauf reagieren.
Bloß nicht die Beweisdaten auf dem eigenen Handy sichern. Damit macht man sich selbst ggf. strafbar.
Schon der Zugriff aufs SuS-Handy ist verboten.
Doch, man kann- ja, man muss, will man sich selbst einigermaßen schützen- denn der Dienstherr tut es nicht. Fragen Sie mal die Kollegin aus dem Westerwald. Die hat ihren Schutzauftrag angenommen….und ist jetzt pleite wegen Anwaltskosten und dienstunfähig. Aber auf den letzten Drücker und der letzten Gesetzesänderung dem Rausschmiss wegen Verurteilung gerade noch so von der Schippe gesprungen.
Bei aller Liebe, Kolleginnen und Kollegen: RAUSHALTEN!
Tja, die Verbreitung pornographischer Inhalt …
Oder gut gemeint, ist eben nicht gut gemacht.