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Nur zwei von fünf Lehrkräften würden ihren Beruf sicher nochmal wählen

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SCHWERIN. Der Lehrberuf verliert aus Sicht vieler Beschäftigter deutlich an Attraktivität. Das legen Ergebnisse einer Befragung aus Mecklenburg-Vorpommern nahe, die die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) gemeinsam mit der Universität Göttingen vorgestellt hat. Demnach würde sich nur noch eine Minderheit der Lehrkräfte ohne Einschränkung erneut für diesen Beruf entscheiden, während ein erheblicher Teil zweifelt oder bereits innerlich auf Distanz gegangen ist.

Begeisterung? Sieht anders aus (Symbolfoto.) Foto: Shutterstock

Nach den vorliegenden Daten würden lediglich 42 Prozent der Befragten den Lehrerberuf noch einmal wählen. 19 Prozent schließen dies ausdrücklich aus, weitere 39 Prozent sind unentschlossen. Besonders deutlich fällt das Urteil bei der Weiterempfehlung aus: Nur 15 Prozent würden den Beruf uneingeschränkt empfehlen, während rund die Hälfte eher davon abrät. Die Studienautorinnen und -autoren meinen dazu: „Die Befunde zeigen eine ausgeprägte Verunsicherung“.

Die Ergebnisse basieren auf einer Online-Befragung von mehr als 2.000 Lehrkräften an öffentlichen Schulen Mecklenburg-Vorpommerns im November 2025. Sie sind Teil des Forschungsprojekts „Verbesserung der Attraktivität des Lehrberufs in M-V“, das auch Vergleiche mit anderen Bundesländern ermöglicht.

„Gerade für einen Beruf, der lange als familienfreundlich galt, markiert dies einen gravierenden Attraktivitätsverlust“

Als zentraler Belastungsfaktor erweist sich der Zeitdruck. 80 Prozent der Befragten geben an, sich dadurch stark belastet zu fühlen. Hinzu kommt eine Verdichtung der Arbeit: 73 Prozent berichten von gestiegenen Anforderungen, 68 Prozent von regelmäßiger Mehrarbeit. In der Presseinformation werden diese Faktoren ausdrücklich gebündelt beschrieben: „Belastungsfaktoren wie Zeitdruck, Mehrarbeit, steigende Anforderungen, Lehrkräftemangel, digitaler Stress, Konflikte mit Eltern und Schüler*innen sowie eine schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben zeigen in der Analyse systematische Zusammenhänge mit erhöhtem Burnout-Risiko und niedrigerem Wohlbefinden“.

Besonders deutlich wird die Belastung bei der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. 81 Prozent der Lehrkräfte geben an, dass ihnen die Arbeit nicht genügend Zeit für Familie, Freundschaften und persönliche Interessen lässt. Die Studie formuliert das zugespitzt: „Gerade für einen Beruf, der lange als familienfreundlich galt, markiert dies einen gravierenden Attraktivitätsverlust“.

Hinzu kommt eine verbreitete Wahrnehmung mangelnder Anerkennung. Ein erheblicher Teil der Befragten erlebt laut Studie eine sogenannte Gratifikationskrise, also ein Missverhältnis zwischen Einsatz und Gegenleistung. Wörtlich heißt es: „Ein erheblicher Teil der Lehrkräfte erlebt eine Gratifikationskrise, die begründet wird durch hohe Belastungen, begrenzte Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, gesundheitliche Risiken und unzureichenden Gratifikationen“.

Diese Belastungen spiegeln sich auch in den Gesundheitsdaten wider. Nur 40 Prozent der Lehrkräfte bewerten ihren Zustand als gut oder sehr gut, während 22 Prozent ihn als weniger gut oder schlecht einschätzen. Beim psychischen Wohlbefinden liegen die Werte deutlich unter denen anderer Berufsgruppen. Die Studie hält fest: „Das Burnout-Risiko ist deutlich erhöht“.

Die gesundheitlichen Risiken bleiben nicht ohne Folgen für das System. Rund 24 Prozent der Lehrkräfte planen, ihre Arbeitszeit im kommenden Schuljahr zu reduzieren. Unter den über 55-Jährigen geben 60 Prozent an, voraussichtlich nicht bis zum regulären Pensionsalter im Schuldienst zu bleiben. In der Pressemitteilung wird der Zusammenhang klar benannt: „Dies verschärft den bestehenden Lehrkräftemangel zusätzlich“.

„Durch den Lehrkräftemangel ist die Lage an den Schulen alles andere als einfach“

Vor diesem Hintergrund verweist das Bildungsministerium in Schwerin auf eine vergleichsweise stabile Unterrichtsversorgung. Nach offiziellen Angaben fanden im vergangenen Schuljahr 97 Prozent des Unterrichts an allgemeinbildenden Schulen statt, an beruflichen Schulen waren es 92 Prozent. Der geringe Unterrichtsausfall wird dabei auch durch zusätzliche Belastungen im Kollegium ermöglicht.

Bildungsministerin Simone Oldenburg (Linke) erklärte: „Durch den Lehrkräftemangel ist die Lage an den Schulen alles andere als einfach. Wir dürfen nichts beschönigen, aber die Lehrerinnen und Lehrer setzen alles daran, dass so wenig Unterricht wie möglich ausfällt.“

Die Landesregierung setzt nach eigenen Angaben auf Entlastung durch zusätzliche Unterstützungssysteme, etwa durch Verwaltungskräfte und Alltagshelfer sowie organisatorische Anpassungen im Schulalltag.

Aus Sicht der Forschenden reicht das nicht aus. Sie formulieren in der Pressemitteilung einen strukturellen Handlungsauftrag: „Eine nachhaltige Verbesserung [ist] nur durch ein Bündel struktureller Maßnahmen zu erreichen“. Dazu zählen insbesondere eine Reduzierung der Arbeitsintensität, bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben sowie eine stärkere Anerkennung der geleisteten Arbeit. Weitere Auswertungen der Studie sollen in den kommenden Monaten folgen, ein Abschlussbericht ist für den Herbst angekündigt. News4teachers / mit Material der dpa

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Realistin
1 Stunde zuvor

Kein Wunder! So viele Verblendungen!
Es hat sich so viel verändert und in der Schule merken sie es nicht.
Es fängt bei der Bezahlung an, es sind die Nullrunden und die fehlenden Zusatzzahlungen. Bei anderen Branchen können das ganze 10 000 pro Jahr ausmachen.
Es sind auch aber die Bedingungen, 5-Tage Woche, 100% Präsenzanwesenheit mit Klassenfahrten und abendlichen Präsenzveranstaltungen z.B. Elternabenden.
Die Arbeitswoche liegt zwischen 41 und 61 Stunden.
Wer gegen Nachmittag nach Hause kommt, korrigiert munter weiter oder bereitet vor. Die Vorbereitung ist schon zeitfressend.
Es liegt also am Geld, an der Arbeitszeit und an den Bedingungen in der Schule.
Wir brauchen:
4-Tage Woche
30 % Homeschooling
17 % Gehälter rauf, Reallohnverlust ausgleichen

Petra OWL
1 Stunde zuvor

ja ja, das sehen und hören wir jetzt sehr häufig.
Was bietet denn der Job noch???
Ihr kennt meinen Hasi, der wollte auch mal Lehrer werden, wir haben angefangen zu studieren, doch er roch schon, dass das nicht gut sein wird. Er sprang ab, wow.
Jetzt ist er erfolgreich, arbeitet für eine große Firma, hat 3 Tage Homeoffice und nur noch 35 Stunden pro Woche, einen Dienstwagen mit Tankkarte und Flexiurlaub. Es ist der glatte Wahnsinn. Morgens bleibt er zuhause und startet sportlich mit Kratftraining. Ich pendele und kratze im Winter den Wagen, stehe eher auf.
Es kann nicht mehr sein, das die Präsenzjobs weniger verdienen als die Homeofficejobs, in denen die meisten auch noch früher in Rente gehen. Z.B. mit 100% ab 63.
Bei Lehrern ist das 67?
Gen Z und die Jungen wissen schon längst, wie es in Schule läuft. Die Zahlen sidn eingebrochen, weniger Studienanfänger, viel weniger Refis usw.
Es besteht eklatanter Lehrermangel überall.
Viele sind erschöpft, kraftlos, deprimiert. Die Stimmung ist schlecht.
Aber es wird auch nichts geboten, es kann oft nichts geboten werden.
Freunde, es muss sich dringen was ändern!!!
mit 4 Tage Woche, Distanzunterricht und Deputaten von 18 Stunden wird‘s etwas besser.
PS: Teilzeit ist der größte Geldkiller, sowohl für Dienstzeit als auch Pension.
Ein Job muss auch zu 100% machbar sein, merkt euch das.
Eure Peti aus dem Lipperland 🙂 🙂
Habt nen Guten

Salome
4 Minuten zuvor
Antwortet  Petra OWL

Ach Peti, du nervst so sehr!

Katze
33 Minuten zuvor

„Nur zwei von fünf Lehrkräften würden ihren Beruf sicher nochmal wählen.“
Waaaaaas – immer noch zwei von fünf?
Angesichts des Geisterlehrer‑Skandals in Baden‑Württemberg, wo zwischen 2015 und 2025 über 1.440 bis 2.500 Lehrerstellen einfach unbemerkt unbesetzt herumspukten, wundert mich eigentlich nur eins:
Immerhin würden die Geisterlehrer den Beruf sicher nochmal wählen.
Die haben ja auch die besten Arbeitsbedingungen – keine Klassen, keine Konferenzen, keine Vertretungspläne, nicht mal ein funktionierendes IT‑System, das sie bemerken könnte.
In der Statistikabteilung sitzt vermutlich jemand, der sagt:
„Wir haben fünf Lehrkräfte. Zwei echte, drei paranormal erfasst. Macht fünf. Alles korrekt.“
Und plötzlich wirkt die Quote fast schon optimistisch.