IFFEZHEIM. Psychische Erschöpfung, Rückzug aus dem Beruf, steigende Belastungen bei Kindern und Jugendlichen: Die Warnsignale aus dem deutschen Bildungssystem liegen seit Jahren auf dem Tisch. Dennoch bleibt die Frage offen, warum sich an den strukturellen Bedingungen vieler Schulen so wenig verändert. Der Schulleiter und Buchautor Carsten Bangert argumentiert in seinem Gastbeitrag für News4teachers, dass die Debatte über Lehrkräftegesundheit zu oft bei individuellen Belastungen stehen bleibt – obwohl die Forschung längst auf einen anderen entscheidenden Faktor verweist: Führung.

Gesunde Lehrkräfte. Gesunde Schülerinnen und Schüler. Lebendige Schule.
Was wir wissen, was wir tun können – und warum Führung der entscheidende Hebel ist
Stellen Sie sich vor, ein Unternehmen stellt eine Studie vor, in der fast die Hälfte der Mitarbeitenden als gefährdet, wenig Sinn in ihrem Tun erkennen oder bereits erkrankt eingestuft werden. Die Reaktion wäre sofortige Krisenkommunikation, ein Notfallprogramm, ein Aufsichtsratsbeschluss. In der deutschen Bildungslandschaft hingegen sind solche Zahlen seit über zwei Jahrzehnten bekannt – und dennoch allzu oft ohne die politische Dringlichkeit, die sie verdienen.
Es wird Zeit, das zu ändern. Dieser Beitrag fasst zusammen, was wir über die Gesundheit von Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern in Deutschland wissen, was Schule verändern kann – und muss – und welche konkreten Impulse aus der Forschung und der Praxis vorliegen.
Was wir wissen: Das ernüchternde Bild der Potsdamer Lehrerstudie
Kaum eine Untersuchung hat die Diskussion um Lehrergesundheit so nachhaltig geprägt wie die Potsdamer Lehrerstudie von Prof. Dr. Uwe Schaarschmidt und Dr. Andreas W. Fischer. Das Herzstück der Studie: das Verfahren AVEM (Arbeitsbezogenes Verhaltens- und Erlebensmuster), das individuelle Bewältigungsmuster gegenüber beruflichen Anforderungen erfasst. Die Bewertungsdimensionen umfassen Arbeitsengagement (u. a. Bedeutsamkeit der Arbeit, Verausgabungsbereitschaft, Perfektionsstreben), psychische Widerstandskraft (u. a. Distanzierungsfähigkeit, Resignationstendenz, innere Ausgeglichenheit) sowie Emotionen im Berufserleben. Ergänzt wird das Instrument AVEM durch die Beschwerdeliste (BESL) und den Arbeitsbewertungscheck für die Schule (ABC-S). Gemeinsam bilden sie das Analyseinstrument IEGL (Inventar zur Erfassung von Gesundheitsressourcen in der Schule). Im vorliegenden Artikel fokussiere ich mich auf AVEM.
Die vier AVEM-Muster im Überblick
- Muster G – Gesundheit: Hohes, aber nicht überhöhtes Engagement, verbunden mit Widerstandsfähigkeit und Wohlbefinden. Das Wunschmuster.
- Risikomuster A – Anspannung/Anstrengung: Überhöhtes Engagement bei gleichzeitiger Einschränkung von Widerstandsfähigkeit und Wohlbefinden. Erholungsunfähigkeit und „Gratifikationskrise“ – viel gegeben, wenig zurückbekommen.
- Risikomuster B – Burn-out: Verringertes Engagement bei deutlichen Einschränkungen in Widerstandsfähigkeit und Wohlbefinden. Resignation und chronische Erschöpfung. Das problematischste Muster mit den stärksten Gesundheitsbeeinträchtigungen.
- Muster S – Schonung und Schutz: Geringes Engagement bei relativer Widerstandsfähigkeit. Häufig ein Signal des Rückzugs aus unbefriedigenden Arbeitsverhältnissen.
Was 20 Jahre Forschung zeigen: Es wird nicht besser
Die aktuellste Auswertung aus der Erhebungsperiode 2022–2024 (Fischer & Schaarschmidt 2025: Gesund bleiben. Risiken und Ressourcen am Arbeitsplatz Schule, Beltz) zeichnet ein alarmierendes Bild im Vergleich zu den Ausgangsdaten von 2000–2002:
- Muster G (Gesundheit): von 17 % auf 18,9 % – kaum Veränderung
- Risikomuster A (Anspannung): von 29 % auf 17,6 % – scheinbar besser
- Risikomuster B (Burn-out): von 30,5 % auf 25 % – verbessert, noch immer besorgniserregend
- Muster S (Schonung): von 23,5 % auf 38,5 % – stark erhöht
Was auf den ersten Blick wie eine Verbesserung bei Muster A aussieht, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Verschiebung ins Muster S, was nicht unbedingt als Gewinn verbucht werden kann. Das “distanzierte Verhältnis gegenüber den Arbeitsanforderungen ist mit dem Erleben von Freude an der täglichen Arbeit, Sinnerfüllung und beruflichem Erfolg nur schwer zu vereinbaren.[…] Denn oftmals geht es bei Muster S um einen Rückzug aus defizitären Arbeitsverhältnissen vor Ort.”, so die Autoren der Studie.
Die Forschungsergebnisse zeigen zudem: Frauen sind stärker belastet als Männer, Berufsanfängerinnen und -anfänger zeigen kurz nach dem Einstieg bereits eine deutliche Verschlechterung ihrer gesundheitlichen Verfassung. Dennoch zeigen jüngere Kolleg/innen ein günstigeres Bild im Vergleich zu ihren älteren Kolleg/innen – und Teilzeitarbeit schützt nicht automatisch vor Belastung.
Führung als Schutzfaktor
Der vielleicht wichtigste Befund der aktuellen Erhebung: Psychisch gesunde Schulleitungen führen besser – und machen ihre Kollegien gesünder. Je besser die psychische Verfassung der Schulleitungen, desto positiver wird ihr Führungsverhalten eingeschätzt. Psychische Gesundheit ist damit keine Privatsache, sondern eine Führungsvoraussetzung. Schulleitungen können die Gesundheit ihrer Kollegien spürbar beeinflussen – durch ihr Verhalten, das Klima im Kollegium und eine gute Arbeitsorganisation.
Dafür gilt es die erforderlichen Voraussetzungen zu schaffen (nach Schaarschmidt und Fischer, mit eigenen Ergänzungen):
- Abbau von einem Zuviel an rechtlichen Vorgaben und an Bürokratie,
- Schaffung von zeitlichen Ressourcen, die den Belangen der Lehrkräfte zugutekommen – Überarbeiten des Arbeitszeitmodells (Deputatsmodell) der Lehrkräfte,
- qualifizierte Schulung in der Praxis der Personalführung.
- Entlastung durch eine weniger kontrollierende, sondern vorrangig unterstützende und ermutigende Schulaufsicht. So schlagen die Autoren der Studie eine Namensänderung vor. Vielleicht braucht es wieder mehr “Schulräte”…
Es bleibt zu betonen, dass gesunde Führung nicht meint, jedem Wunsch einer jeden Lehrkraft zu entsprechen, sondern vielmehr durch Klarheit und Authentizität einen Rahmen zu schaffen, in dem Schule professionell gestaltet werden kann in den vier Dimensionen: Ziele, Vorbild, Motivation und Schutz.
Auf die grundsätzlichen Probleme unseres Bildungssystems (Zielkonfusion und Verantwortungsdiffusion, Kopplung der Bildungspolitik an die Legislaturperioden, Föderalismus als strukturelle Hürde und das ABC der Ineffizienz) gehe ich in meinem Buch “Schule erfolgreich gestalten” ausführlich ein.
Was wir ebenfalls wissen: Die Schülerinnen und Schüler
Das Deutsche Schulbarometer der Robert Bosch Stiftung (März 2026) zeigt: Die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen nimmt erstmals seit der Corona-Pandemie wieder zu (News4teachers berichtete). 25 % der Schülerinnen und Schüler weisen psychische Auffälligkeiten auf, 26 % berichten eine geringe Lebensqualität, und 30 % erleben regelmäßig Mobbing. Besonders betroffen: Kinder aus einkommensschwachen Familien. Und die große Mehrheit der Lernenden wünscht sich mehr Mitsprache – fühlt sich bisher kaum gehört.
Die AVEM-Daten der Lehrkräfte und das Schulbarometer der Schülerinnen und Schüler erzählen dieselbe Geschichte: Schule ist für zu viele Menschen kein guter Ort. Weder für die, die dort arbeiten, noch für die, die dort lernen.
Was zu tun ist: Fünf Handlungsfelder
Die gute Nachricht: Wir wissen, was hilft. Die Forschung und die Praxis engagierter Schulen zeigen klare Wege auf.
1. Echte Partizipation ermöglichen
Schule kann nur ein guter Lebensort werden, wenn alle Beteiligten wirklich mitgestalten können. Partizipation stärkt Bindung, Engagement und Wohlbefinden – bei Schülerinnen und Schülern ebenso wie bei Lehrkräften. Konkret: Stufenteam-Vertretungen mit Schülerinnen und Schülern, Eltern und Lehrkräften im regelmäßigen Austausch. Schulentwicklungsprozesse und Zukunftswerkstätten nicht über die Köpfe der Beteiligten hinweg, sondern ausschließlich gemeinsam.
2. Selbstregulation stärken – bei Lernenden und Lehrkräften
Selbstregulation ist die Schlüsselkompetenz für Lernerfolg, Resilienz und Wohlbefinden. Für Schülerinnen und Schüler bedeutet das: Lernen sichtbar machen, Ziele setzen, Feedback verarbeiten, Autonomie schrittweise aufbauen. Für Lehrkräfte: Eigene Belastungsmuster kennen, innere Antreiber identifizieren, eigene Ressourcen stärken. Belastungsmodelle aus der Psychologie belegen: Nicht die objektive Belastung allein entscheidet – sondern die Gedanken, Gefühle, Werte und Kompetenzen, die dazwischenliegen.
Die Aufgabe von Schule wird es sein, Lernende in genau diesen Bereichen zu stärken, damit es ihnen später gelingt, besser zu kollaborieren, kommunizieren, kreativ zu sein und kritisch zu denken. Und: Die Lehrerkollegien sollten genau dies vorleben.
3. Lehrkräfte professionell entlasten
Lehrkräfte werden zu oft für Aufgaben eingesetzt, die nicht ihr Kerngeschäft sind. Ein professionelles multiprofessionelles Unterstützungsnetz – mit Sozialpädagoginnen, Schulpsychologinnen, Lerntherapeutinnen, Ergotherapeutinnen, Netzwerkadministratoren – entlastet die Lehrkräfte und erhöht die Qualität der Unterstützung für die Kinder. Hier können und müssen wir von Estland lernen, wie ich auf dem ISTP 2026 selbst gesehen habe. Starke Teams brauchen laut der Aristoteles-Studie von Google vor allem psychologische Sicherheit, klare Strukturen und das Erleben von Sinn und Wirksamkeit – in den Klassen, in den Kollegien und in den Schulleitungsteams. Beim Aufbau dieser Kompetenzen benötigen sowohl die Lernenden als auch die Lehrenden den notwendigen Support.
4. Schule als Lernort neu denken – und rechtlich nutzen, was möglich ist
Wenn Schule wirklich auf die Zukunft vorbereiten soll, muss sie sich verändern. Lernarrangements, die Sinn stiften, Freude machen und Zukunftskompetenzen fördern, sind keine Utopie – sie existieren bereits. Angebote wie Lernbüros, Lernen nach dem Dalton-Plan, Projektfächer wie “L.E.B.E.N” (Ernst-Reuter-Schule Karlsruhe), “Ready for Life” bzw. „Pimp up our Pausenhof“ an unserer Maria-Gress-Schule oder das Duke-of-Edinburgh-Programm zeigen: Partizipation, Selbstregulation und echtes Lernen lassen sich gestalten und ergänzen das übliche Lehren und Lernen, wie wir es kennen.
Und es geht rechtlich. In Baden-Württemberg ermöglicht die Stundentafel-Öffnungsverordnung Epochenunterricht, schuljahresübergreifende Verlegungen und fächerübergreifendes Arbeiten. Die Bildungsreform 2025 des Landes benennt mit ihren fünf Innovationselementen ausdrücklich, wie wichtig “Engagement und Verantwortung”, selbstreguliertes Lernen (“Zeig, was Du kannst”), Mentoring, die Stärkung der Berufsvorbereitung und MINT-Berufe, sowie der Basiskompetenzen sind. Es ist also nicht nur möglich – es ist politisch gewollt.
Ebenso die Notenbildungsverordnung (zumindest jene für Realschulen und Gymnasien aus Baden-Württemberg): Sie sieht lediglich in den Kernfächern mindestens vier Klassenarbeiten vor. In sämtlichen Nebenfächern dürfen “höchstens” vier schriftliche Arbeiten im Schuljahr angefertigt werden. Das ermöglicht Spielräume für alternative Leistungsmessung, die selten ausgeschöpft werden. Es gibt klügere, lernwirksamere und sinnstiftendere Möglichkeiten als in der Vorweihnachtszeit in drei Wochen neun Klassenarbeiten in neun verschiedenen Fächern zu schreiben (siehe auch https://pruefungskultur.de/).
5. Schulleitung als gesundheitsfördernde Führung
Schulleitungen gestalten das Klima. Die Forschung zeigt eindeutig: Wo Schulleitungen psychisch gesund, kooperativ und führungsstark sind, sind auch die Kollegien gesünder. Gesunde Führung ist keine Fürsorge von oben, sondern eine strategische Investition in die Qualität der Schule.
Ein Lernort macht es vor: BildungsCampus Leadership Sachsen-Anhalt
Mit dem BildungsCampus Leadership Sachsen-Anhalt wurde im März 2025 am Landesinstitut für Schulqualität und Lehrerbildung Sachsen-Anhalt ein innovativer Lernort geschaffen, um schulische Führungskräfte gezielt in ihrer Handlungskompetenz zu stärken. Vier Formate finden dort Anwendung: ThemenCampus, Campus+, Praxismodul und CampusDialog. Der Themencampus ist dabei das Format für die intensive Bearbeitung eines konkreten Führungsthemas, während die anderen Formate Ergänzungen für Transfer, Praxis und Dialog bieten. Die Qualifizierungsmaßnahme entsteht in Kooperation mit der Heraeus Bildungsstiftung – einem Partner mit ausgewiesener Expertise in schulischer Führung.
„Starke Schulleitungen sind das Rückgrat eines leistungsfähigen Bildungssystems.“ – Ehemalige Bildungsministerin Eva Feußner, Sachsen-Anhalt
ThemenCampus 3: „Schule gesund führen und gestalten“
Das Format der vier ThemenCampi folgt einem durchdachten Drei-Phasen-Modell, das Theorie, Reflexion und Transfer konsequent verbindet.
Phase 1 – Vorbereitung (Treffen)
Vor der Präsenzphase reflektieren die Teilnehmenden online ihr eigenes Führungserleben. Ein Lernjournal dient als Instrument zur Selbsterkundung. Eine Lernlandkarte gibt Überblick über alle Formate. Bibliotheksangebote ermöglichen gezieltes Nachlesen und Vertiefen. So kommen alle gut vorbereitet in die Präsenzphase.
Phase 2 – Präsenz (Zeigen)
In intensiven Präsenztagen – u. a. zu Salutogenese, inneren Antreibern nach der Transaktionsanalyse, Positive Leadership, Strategieplanung und kollegialer Fallarbeit – begegnen sich Führungskräfte im vertrauensvollen Austausch. Schulleitungen lernen, die Gesundheitsmuster im eigenen Kollegium zu lesen und mit konkreten Maßnahmen zu antworten. Dabei denken sie stets auf allen vier Wirkfeldern des Systems Schule: “Ich”, “Schulleitungsteam/Kollegium”, “Schüler/innen” und “Umfeld” (Eltern, Bildungspartner, Schulträger, Aufsicht, Politik, etc.).
Phase 3 – Transfer (Gestalten)
Das Gelernte bleibt nicht im Seminarraum. Online-Workshops ermöglichen kollegiale Fallberatung zu aktuellen Herausforderungen. Tandemarbeit und Sparring helfen, die nächsten Schritte im Führungsalltag umzusetzen. Individualfeedback unterstützt bei der Bewältigung spezifischer Herausforderungen. Der BildungsCampus als Resonanzraum fördert Austausch, gemeinsames Lernen, Reflexion und Vernetzung.
Weitere Informationen: www.bildung-lsa.de/informationsportal/lehrkraeftebildung/bildungscampus_leadership.htm
Ein Schlussgedanke

Die Daten sind eindeutig. Die Ansätze sind vorhanden. Die rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen eröffnen Spielräume. Was fehlt, ist der kollektive Mut, diese Spielräume konsequent zu nutzen.
Schule verändert sich nicht durch Beschlüsse allein – sie verändert sich durch Menschen, die aufhören zu warten, bis die Bedingungen ideal sind, und stattdessen im Rahmen des Möglichen anfangen. Und der ist größer, als wir oft denken.
„Unsere Zukunft entscheidet sich in unseren Schulen.“ – Julian Nida-Rümelin und Klaus Zierer
Ins Wasser fällt ein Stein – ganz heimlich, still und leise. Und ist er noch so klein, er zieht doch weite Kreise. (Der Ripple-Effekt)
Carsten Bangert ist Schulleiter der Maria-Gress-Schule im baden-württembergischen Iffezheim, Buchautor im Beltz Verlag (Vertreib die Affen mit den Kieselsteinen, 2019; Was gute Lehrerinnen und Lehrer ausmacht, 2023; Schule erfolgreich gestalten, 2025) und gemeinsam mit seinen Konrektoren Philipp Wetzel und Markus Burster Preisträger des Deutschen Lehrkräftepreises 2024 (Vorbildliche Schulleitung). Er war Mitglied der deutschen Delegation beim Internationalen Bildungsgipfel ISTP 2026 in Tallinn. https://carsten-bangert.de
Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats “Gesunde Schule”.








