Start Praxis Fast 4.000 angehende Lehrkräfte vereidigt: Nachwuchsrekord – GEW warnt vor Überlastung

Fast 4.000 angehende Lehrkräfte vereidigt: Nachwuchsrekord – GEW warnt vor Überlastung

11
Anzeige

LÜDENSCHEID. Nordrhein-Westfalen bekommt so viel Lehrkräftenachwuchs wie seit fast zehn Jahren nicht mehr. Fast 4.000 angehende Lehrerinnen und Lehrer beginnen zum 1. November ihren Vorbereitungsdienst, rund 500 mehr als im Vorjahr. Die schwarz-grüne Landesregierung sieht darin einen Erfolg ihrer Personalpolitik und verweist auf Rekordinvestitionen in die Bildung. Doch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) warnt davor, die steigenden Einstellungszahlen mit einer Entspannung an den Schulen gleichzusetzen. Denn während immer mehr junge Menschen in den Beruf einsteigen, haben in den vergangenen Jahren zugleich Tausende ausgebildete Lehrkräfte den Schuldienst verlassen.

„Ich schwöre…“. Foto: Land NRW / Frank Hermenau

Für Annika Rudowski beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Die 24-Jährige aus Eslohe im Sauerland hat in Köln Lehramt mit dem Förderschwerpunkt Hören und Kommunikation studiert und ihren Masterabschluss erworben. Sie steht nun vor dem praktischen Teil ihrer Ausbildung. An einer Förderschule in Olpe wird sie künftig Kinder und Jugendliche mit einer Hörbehinderung unterrichten. Rudowski selbst hat eine Hörbehinderung und trägt ein Hörgerät. Ihre eigenen Erfahrungen möchte sie in ihre pädagogische Arbeit einbringen.

„Ich freue mich sehr darauf, nun endlich auch in der Praxis loslegen zu können“, erzählt sie. „Ich bin offen für jedes Kind, habe durch meine eigene Beeinträchtigung einen persönlichen Zugang und werde mich dafür einsetzen, schulische Inhalte barrierefrei in Gebärden- und Lautsprache zu vermitteln, damit jedes Kind individuell gefördert wird.“

PhoneLocker, verschließbare Smartphone-Tasche

Rudowski gehört zu den rund 200 angehenden Lehrkräften, die am Mittwoch in der Historischen Schützenhalle in Lüdenscheid ihren Diensteid ablegen. Ministerpräsident Hendrik Wüst und Schulministerin Dorothee Feller (beide CDU) sind persönlich gekommen, um den Nachwuchs zu begrüßen. Die Veranstaltung steht stellvertretend für einen landesweiten Ausbildungsbeginn, der aus Sicht der Landesregierung Anlass zur Zuversicht bietet: Fast 4.000 Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärter treten zum 1. November ihren Vorbereitungsdienst in Nordrhein-Westfalen an. So viele waren es nach Angaben der Landesregierung seit fast zehn Jahren nicht mehr.

Für Wüst ist der Zuwachs auch eine bildungspolitische Botschaft. „Jedes Kind soll einen guten Start ins Leben haben“, betont der Ministerpräsident. „Wo ein Kind herkommt, darf nicht darüber entscheiden, wie weit es im Leben kommt.“ Um dieses Ziel zu erreichen, brauche das Land gut ausgebildete und engagierte Lehrkräfte.

„Kaum eine andere Berufsgruppe kann von sich behaupten, einen solch positiven Einfluss auf junge Menschen und letztlich auf unsere Gesellschaft zu haben“

Tatsächlich zeigen die aktuellen Zahlen eine deutliche Entwicklung. Im November vergangenen Jahres hatten rund 3.500 angehende Lehrkräfte ihren Vorbereitungsdienst begonnen, nun sind es etwa 500 mehr. Besonders stark wächst der Nachwuchs für die Grundschulen. Während im November 2022 rund 600 angehende Grundschullehrkräfte in die Ausbildung starteten, sind es diesmal fast 800. Das entspricht einem Anstieg um ungefähr ein Drittel innerhalb von vier Jahren.

Gerade für die Grundschulen ist diese Entwicklung von Bedeutung. Die schwarz-grüne Landesregierung will mit den geplanten ABC-Klassen künftig bereits vor der Einschulung stärker auf die sprachlichen Voraussetzungen der Kinder achten. Ziel ist es, Kinder mit Förderbedarf früher zu unterstützen und ihnen bessere Startchancen zu ermöglichen. Solche zusätzlichen Aufgaben setzen allerdings voraus, dass ausreichend qualifiziertes Personal zur Verfügung steht.

Die Landesregierung verweist darauf, dass sie den Personalbestand an den Schulen bereits deutlich ausgebaut habe. Seit Beginn der Legislaturperiode 2022 seien mehr als 30.000 Menschen dauerhaft neu in den Schuldienst eingestellt worden, darunter rund 25.000 Lehrkräfte. Unter Berücksichtigung der Abgänge arbeiteten heute 12.600 Menschen mehr an den Schulen als vor vier Jahren. Nach Regierungsangaben ist das Schulpersonal damit in einer Wahlperiode so stark gewachsen wie seit den 1970er-Jahren nicht mehr.

Schulministerin Feller sieht in der wachsenden Zahl angehender Lehrkräfte ein wichtiges Signal. In ihrer Ansprache hebt sie die gesellschaftliche Bedeutung des Berufs hervor. Lehrkräfte vermittelten nicht nur Wissen und Kompetenzen, sondern prägten auch die Persönlichkeit junger Menschen und deren Blick auf die Welt. „Kaum eine andere Berufsgruppe kann von sich behaupten, einen solch positiven Einfluss auf junge Menschen und letztlich auf unsere Gesellschaft zu haben. Denn Schulen, die ihre Schülerinnen und Schüler ernstnehmen und an partizipativen Prozessen beteiligen, zeigen damit schon zu einem frühen Zeitpunkt, was eine freiheitliche demokratische Grundordnung ausmacht und leisten damit auch einen wertvollen Beitrag zur Stärkung der Demokratie“, erklärt Feller.

Gruppenbild mit Ministerpräsident und Schulministerin. Foto: Land NRW / Frank Hermenau

Wie unterschiedlich die Wege in diesen Beruf sein können, zeigt sich bei der Vereidigungsfeier in Lüdenscheid. Lina Bitter aus Altena hatte ursprünglich einen anderen Berufswunsch. Die heute 25-Jährige wollte zunächst Architektin werden. Weil viele Menschen in ihrer Familie in sozialen Berufen arbeiten, entdeckte sie jedoch ihr Interesse an der pädagogischen Arbeit.

Sie habe festgestellt, „dass ich gerne mit Kindern zusammenarbeite, um ihnen Rechnen, Schreiben und Lesen beizubringen und damit eine gute Grundlage für ihr Leben zu schaffen.“ Ihren Vorbereitungsdienst absolviert sie an der Ida-Gerhardi-Schule in Lüdenscheid. Dort werden Kinder jahrgangsübergreifend unterrichtet. „Ich bin schon sehr gespannt, wie dieses Konzept funktioniert“, sagt Bitter.

So groß die Erwartungen an die angehenden Lehrkräfte sind, so deutlich stellt sich allerdings die Frage nach den Bedingungen, unter denen sie ihre Aufgaben künftig erfüllen sollen.

„Wir müssen verhindern, dass junge Menschen mit großer Motivation in den Beruf starten und durch dauerhafte Überlastung wieder verloren gehen“

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) begrüßt zwar die steigenden Ausbildungszahlen, warnt jedoch davor, daraus bereits eine Entspannung bei der Unterrichtsversorgung abzuleiten. Mehr Nachwuchs allein löse die strukturellen Probleme des Schulsystems nicht. Zumal die Anforderungen an Lehrkräfte nach Einschätzung der Gewerkschaften seit Jahren wachsen: Neben dem Unterricht gehören individuelle Förderung, Inklusion, Elternarbeit und zahlreiche Dokumentationspflichten zum Berufsalltag.

Hinzu kommt ein Problem, das in den Erfolgsmeldungen über Neueinstellungen leicht aus dem Blick gerät: Nicht alle Lehrkräfte bleiben dauerhaft im Schuldienst.

Nach Angaben der GEW haben allein zwischen 2022 und 2025 gut 3.000 grundständig ausgebildete Lehrkräfte den nordrhein-westfälischen Schuldienst verlassen, darunter mehr als 1.000 verbeamtete Lehrerinnen und Lehrer. Diese Zahlen beziehen sich auf bereits ausgebildete Lehrkräfte und sind damit nicht unmittelbar mit den Neueintritten in den Vorbereitungsdienst vergleichbar. Sie verdeutlichen jedoch, dass die Personalpolitik nicht allein auf die Gewinnung neuer Lehrkräfte ausgerichtet sein kann.

GEW-Landesvorsitzende Ayla Çelik fordert deshalb bessere Arbeitsbedingungen. Die gesellschaftliche Verantwortung, die der Lehrerberuf mit sich bringe, müsse sich auch in den Rahmenbedingungen widerspiegeln. „Wir müssen verhindern, dass junge Menschen mit großer Motivation in den Beruf starten und durch dauerhafte Überlastung wieder verloren gehen“, warnt sie. News4teachers / mit Material der dpa

Lehrermangel an Grundschulen: Schulministerin erwartet Entspannung erst ab 2030

Anzeige

Info bei neuen Kommentaren
Benachrichtige mich bei
11 Kommentare
dickebank
1 Tag zuvor

Die Doofen werden nicht weniger.

Hysterican
1 Tag zuvor
Antwortet  dickebank

…und jeden Tag stehen tausende davon auf … man muss sie nur abkochen.

Alex
1 Tag zuvor

Viele Refis sind ja schön und gut. Bleibt nur, ihnen zu wünschen, dass ihnen die Erfahrung unserer letzten Refs erspart bleibt: kurz vor den Prüfungen wurde denen mitgeteilt, dass in unserem Kreis (von oben verordnet) keine einzige Stelle ausgeschrieben werden darf.

Hysterican
1 Tag zuvor

Bei einer Anzahl von 10 BdU-Stunden je Refi kann also auf eine Stundenreserve von 40tsd zurückgegriffen werden … dazu kommt die Unart, die beurteilungsabhängigen Lehramtsabsolventen gerne mal spontan für Vertretungsaufgaben einzusetzen … bei uns in der Anstalt gerne im Umfang von mindestens 2 Std/Woche, die dann aber aus dienstrechtlichen Gründen nicht abgerechnet werden können.
Macht nochmal 8tsd Stunden mehr.

Läuft !!!! … für ein schmales Salers … Lehrjahre sind schließlich keine Herrenjahre.

Nach Abschluss des Vorbereitungsdienstes kommt auf die qualifizierten jungen LuL dann aber die mittlerweile bekannte Ernüchterung.
Planstellen sind quasi nicht vorhanden „Vielen Dank für Ihren Einsatz – sie haben uns über eine Versorgumgslücke hinweggeholfen und nun viel Glück in ihrer Zukunft – wie immer die auch aussehen mag … und tschüss!“

Fräulein Rottenmeier
22 Stunden zuvor
Antwortet  Hysterican

André, wir haben Herbstferien…..Zeit um runterzufahren…..ohmmmm

Fräulein Rottenmeier
22 Stunden zuvor
Antwortet  Hysterican

War bei mir nicht anders…..erst hieß es, dass wir alle eine Stelle bekämen, dann hieß es, dass nicht alle eine Stelle bekämen und am Ende wünschte man uns viel Glück……
Wir haben uns alle im Jobcenter wiedergetroffen…..für Sozialhilfe…..
Heute bin ich froh, dass ich 4 Jahre etwas anderes gemacht habe und weiß, wie das wirkliche Leben funktioniert…..

dickebank
7 Stunden zuvor
Antwortet  Hysterican

Und dann sind die doch auch noch undankbar, wo der Dienstherr sich doch so um die Refis bemüht. Das versteht doch keiner

Biene
1 Tag zuvor

Die Frage wird sein, ob die Realität den Vorstellungen der Refis nicht einen Berg vor die Füße wirft,so dass sich Frustration breit macht. Um den Rest kümmern sich Helikopter, Rasenmäher und ihre Anwälte.

Trotz allen viel Erfolg im Praxistest.

Jay Jay
22 Stunden zuvor

ich sehe Mitlerweile sehr viele junge Lehrer/in die komplett jetzt schon so sehr überlastet sind und mit der Generation gar nicht zurecht kommt die sie Unterrichten am meisten in der Grundschulen bemerkbar Pädagogisch unprofessionell Teile-weise.

Ein sehr guter Freund hat mal Lehramt studiert nach ref 2 Jahre gearbeitet und alles hingeschmissen und gesagt er mag seit dem keine Kinder und hat seine berufliche Perspektive woanders gelegt .

Ulla
9 Stunden zuvor

4000 Referendare sind super. Trotzdem frage ich mich, ob das nicht alles wieder schön gerechnet wird. Pro Jahr gehen schließlich zwischen 3500 und 4000 Lehrkräfte in den Ruhestand.

dieHoffnungstirbtzuletzt
2 Stunden zuvor
Antwortet  Ulla

Personalabgänge im Vergleich
KategorieJahr 2024/2025Freiwillige Kündigungen (Gesamt)1300
Prognostizierte Pensionierungswelle ~12.930(Gesamt bis 2029) Unbesetzte Lehrerstellen in NRW ca. 7.800 Stellen. Da werden sicher auch in den folgenden Jahren ca.4000 Kollegen pro Jahr benötigt…aber der Teufel liegt ja bekanntlich im Detail. Wer wird wann wo mit welchen Fächern und Schularten gebraucht.