PARIS. Die Schülerproteste in Frankreich ziehen einen landesweiten Arbeitskampf nach sich. Sechs Bildungsgewerkschaften rufen für Dienstag, den 13. Oktober, die Beschäftigten des gesamten öffentlichen Bildungswesens zum Streik auf – von den Grundschulen bis zu den weiterführenden Schulen. Die Regierung hat zwar angekündigt, mehr als 3.000 Vertretungslehrkräfte kurzfristig einzusetzen und zusätzliches Personal einzustellen. Doch die Gewerkschaften bezweifeln, dass sich damit der Lehrkräftemangel beheben lässt. Unterdessen erhalten die Jugendlichen Unterstützung von einem der bekanntesten Sportler Frankreichs.

Es begann mit einer kurzen Antwort auf Instagram. Victor Wembanyama, französischer Basketballstar bei den San Antonio Spurs und mit 22 Jahren längst eine internationale Sportgröße, hatte Fotos aus seinem Sommer in Frankreich veröffentlicht. Unter dem Beitrag forderte ihn ein Nutzer auf, sich den Schülerprotesten in seiner Heimat anzuschließen. Wembanyamas Antwort: „Das würde ich sehr gerne.“
Als der NBA-Profi nach einem Vorbereitungsspiel in San Antonio auf diesen Kommentar angesprochen wurde, ließ er keinen Zweifel daran, dass er es ernst meinte. „Ich möchte meine Unterstützung zeigen“, sagte er. Die Probleme des französischen Schulsystems kenne er aus eigener Erfahrung. Er sei selbst noch vor nicht allzu langer Zeit in einer vergleichbaren Situation gewesen. „Ich hatte die Möglichkeit, diesem System und diesen Problemen zu entkommen. Aber das ist eine Chance, es ist Glück“, erklärte Wembanyama.
Der Basketballer verbrachte einen Teil seiner Jugend in Nanterre, einem Vorort von Paris. Dort, in der französischen Hauptstadtregion, nahm die Protestbewegung ihren Anfang, die sich mittlerweile auf Bildungseinrichtungen in ganz Frankreich ausgeweitet hat. Am Dienstag waren nach Angaben des französischen Innenministeriums rund 266.000 Menschen auf die Straße gegangen.
„Während wir weiterhin an der Seite der protestierenden Schülerinnen und Schüler stehen, rufen wir nun auch die Beschäftigten dazu auf, für unsere eigenen Forderungen aktiv zu werden“, heißt es in der gemeinsamen Erklärung von sechs großen Bildungsgewerkschaften, die für den 13. Oktober zum landesweiten Streik aufrufen.
Angesprochen sind Beschäftigte im gesamten öffentlichen Bildungswesen – von den Grundschulen bis zu den Hochschulen. Ausdrücklich sollen sich auch Lehrkräfte an den Collèges beteiligen. Das sind die weiterführenden Schulen, die in Frankreich alle Kinder bis etwa zum 15. Lebensjahr besuchen, bevor sie auf ein Lycée wechseln. Dort absolvieren die Jugendlichen die letzten drei Schuljahre bis zum Abitur. Die Proteste hatten vor allem an diesen Lycées begonnen.
Die Gewerkschaften begründen ihren Aufruf mit einer Bildungspolitik, die aus ihrer Sicht seit Jahren auf Kosten der Schulen und ihrer Beschäftigten gehe. Die Regierungen unter Präsident Emmanuel Macron hätten die Grundsätze der republikanischen Schule beschädigt, kritisieren sie in ihrer gemeinsamen Erklärung. Die Forderungen der Jugendlichen nach besseren Lernbedingungen und mehr Chancengleichheit überschnitten sich mit denen der Beschäftigten.

Konkret verlangen die Verbände, die für 2027 geplanten Stellenstreichungen zurückzunehmen und zusätzliche Stellen zu schaffen. Sie fordern höhere Gehälter ohne zusätzliche Arbeitsverpflichtungen sowie bessere Arbeitsbedingungen für sämtliche Beschäftigten. Für bislang nicht verbeamtetes Personal soll es einen Plan zur Übernahme in den Beamtenstatus geben. Schulaufsichtskräfte sollen nach einer landesweit einheitlichen Gehaltstabelle bezahlt werden, Schulbegleitungen für Kinder mit Behinderungen einen eigenen beruflichen Status erhalten. Hinzu kommt die Forderung nach einem Sanierungsprogramm für die Schulgebäude.
Die Regierung hat inzwischen mit einem konkreten Personalprogramm auf die Proteste reagiert. Bildungsminister Édouard Geffray kündigte am Donnerstagabend im Fernsehsender TF1 an, rund 3.000 Vertretungslehrkräfte „in den kommenden Stunden und Tagen“ an Schulen einzusetzen, an denen besonders viele Unterrichtsstunden ausfallen. Am Freitag präzisierte er die Zahl auf 3.024. Mithilfe eines neuen digitalen Systems habe das Ministerium 114 Lycées mit besonders gravierendem Vertretungsmangel identifiziert, die vorrangig unterstützt werden sollen.
„Diese 3.000 Lehrkräfte werden gerade direkt von den Schulbehörden kontaktiert“, erklärte Geffray am Freitag nach einem Bericht von RTL. Innerhalb von zwölf bis 24 Stunden sollten sie ihre Einsatzorte erfahren. Zusätzlich sollen die regionalen Bildungsbehörden mehrere Hundert Vertragslehrkräfte einstellen dürfen. Für kurzfristige Unterrichtsvertretungen will die Regierung weitere Mittel bereitstellen.
Es handelt sich überwiegend um sogenannte titulaires sur zone de remplacement (TZR): fest angestellte Lehrkräfte, die für Vertretungen in einem bestimmten Gebiet vorgesehen sind und bislang keinen entsprechenden Unterrichtseinsatz hatten. Das Programm soll vor allem vorhandenes Personal schneller dorthin bringen, wo es gebraucht wird.
„Man kann sich durchaus fragen, wer diese Lehrkräfte sind und woher sie kommen“
Sophie Vénétitay, Generalsekretärin des SNES-FSU, bezeichnete den Plan gegenüber RTL als „eine weitere Flickschusterei“. Es sei bemerkenswert, dass Frankreich im Jahr 2026 feststelle, ein Computerprogramm zur Zuweisung von 3.000 Lehrkräften zu benötigen. „Man kann sich durchaus fragen, wer diese Lehrkräfte sind und woher sie kommen“, sagte Vénétitay. Die Ankündigung bedeute nicht, dass am nächsten Morgen plötzlich Tausende zusätzliche Lehrkräfte in den Schulen stünden. Vor allem aber könnten die jetzt eingesetzten Vertretungskräfte später fehlen, wenn im Winter weitere Lehrkräfte erkrankten.
Der SNES-FSU fordert deshalb, den Protest auf die Beschäftigten auszuweiten. In seinem Streikaufruf heißt es: „Alle in den Streik am 13. Oktober!“ News4teachers / mit Material der dpa
Frankreichs Schülerproteste eskalieren – Lehrkräfte sollen den Konflikt nun befrieden










Für .. besseren Lernbedingungen und mehr Chancengleichheit. Frankreich ist blank.
Paris Protests
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