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BLLV-Präsidentin Fleischmann: „Warum nimmt sich die deutsche Bildungspolitik nicht die internationalen PISA-Spitzenreiter zum Vorbild – und macht’s auch so?“

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MÜNCHEN. Mehr Schülerinnen und Schüler, schlechte PISA-Ergebnisse, fehlendes Personal und ein milliardenschwerer Sanierungsbedarf bei Schulgebäuden: Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) fordert zum Start des neuen Schuljahres einen Kurswechsel in der Bildungspolitik. Statt Stellenmoratorium und Sparvorgaben brauche es zusätzliche Investitionen – und zwar nicht nur in Bayern. Der Verband verlangt ein bundesweites „Sondervermögen Bildung“. Im Freistaat entzündet sich der Streit auch an der Frage, wie Personalmangel und neue Vorhaben wie eine zusätzliche Sportstunde in der ersten Klasse zusammenpassen.

„Wir brauchen jetzt echte Investitionen“: BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann. Foto: BLLV /

Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband verschärft zum Beginn des Schuljahres 2026/27 den Druck auf die Staatsregierung. Die bisherigen Maßnahmen reichten angesichts sinkender Schülerleistungen, wachsender Schülerzahlen, des Personalmangels und des Investitionsbedarfs an den Schulen nicht aus, argumentiert der mit rund 70.000 Mitgliedern größte Bildungsverband des Freistaats. Seine zentrale Forderung: Bund und Länder müssten ein Sondervermögen für Bildung auflegen.

Dabei richtet sich die Kritik zunächst gegen die Bilanz, mit der die Staatsregierung ins neue Schuljahr geht. Nach Angaben des BLLV verweist die Politik unter anderem auf 21.000 neu geschaffene Plätze an Ganztagsschulen, in Horten und in der Mittagsbetreuung sowie auf 1.900 neue Stellen, die im kommenden Jahr an den Schulen entstehen sollen. Aus Sicht des Verbands steht dem ein deutlich größerer Bedarf gegenüber.

Allein an den Grund- und Mittelschulen gebe es rund 5.500 zusätzliche Schülerinnen und Schüler. Dafür seien nach Berechnungen des BLLV mindestens 500 zusätzliche Vollzeitkräfte erforderlich. Schon jetzt sei deshalb absehbar, dass schulische Angebote gestrichen werden müssten.

Vor allem die von Kultusministerin Anna Stolz (Freie Wähler) zum Schuljahresbeginn herausgestellte „stabile Unterrichtsversorgung“ hält der BLLV angesichts der Leistungsentwicklung für unzureichend. Präsidentin Simone Fleischmann verweist auf die jüngsten PISA-Befunde: „Wir haben in Bayern die höchste Zahl von Schülerinnen und Schülern seit 15 Jahren und PISA sagt uns gerade, dass ein Drittel der Kinder die Mindeststandards im Lesen und Rechnen nicht erreicht. In den Naturwissenschaften ist es ein Viertel. Dann kann die Antwort doch bitte nicht nur eine ‚stabile Unterrichtsversorgung‘ sein, von der die Kultusministerin jetzt zum Schuljahresbeginn spricht.“

Kinder müssten früher und gezielter gefördert werden, fordert Fleischmann. Dafür seien mehr Lehrkräfte, pädagogische Fachkräfte und multiprofessionelle Teams nötig. „Damit Jugendliche nicht blank in Richtung Arbeitswelt oder Studium gehen, muss jetzt was passieren! Wir müssen Kinder frühzeitig fördern und genau da unterstützen, wo sie Probleme haben.“

Auch die vergleichsweise gute Position Bayerns im Bildungsmonitor 2026 lässt der BLLV nicht als Entwarnung gelten (News4teachers berichtete). Der Freistaat erreicht nach Angaben des Verbands im Handlungsfeld Bildungsarmut ebenso wie bei der Schulqualität jeweils Platz zwei. Der Anteil der Schulabgängerinnen und Schulabgänger ohne Abschluss liegt demnach mit 5,9 Prozent bundesweit am niedrigsten.

Gleichzeitig seien die gemessenen Kompetenzen gegenüber früheren Erhebungen zurückgegangen; zudem habe der sozioökonomische Hintergrund weiterhin erheblichen Einfluss auf den Bildungserfolg. Gute Rangplätze zwischen den Bundesländern dürften deshalb nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Leistungen der Schülerinnen und Schüler verschlechterten, argumentiert der BLLV.

„Überall fehlen Lehr- und Unterstützungskräfte, während sich die Kolleginnen und Kollegen an den Schulen oft kaputt arbeiten. Das führt uns nicht in die Zukunft“

Der Verband verweist dabei auch auf die Entwicklung seit dem ersten PISA-Schock. Bereits PISA 2022 hatte für Deutschland erhebliche Leistungseinbrüche in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften gezeigt. Die bisherigen politischen Reaktionen reichen dem BLLV nicht.

„Warum nimmt sich die deutsche Bildungspolitik nicht die internationalen PISA-Spitzenreiter zum Vorbild und macht’s auch so? Warum lernen wir nicht endlich – wie viele andere Länder – von den Besten? Warum werden die Gelingensbedingungen für erfolgreiche Bildung nicht auch in Deutschland geschaffen? Wo ist hier eigentlich der echte Masterplan?“, fragt Fleischmann.

Kritik übt der Verband auch an der stockenden Reform der Lehrkräftebildung. Das Konzept der von der Staatsregierung eingesetzten Expertenkommission liege seit Mai 2025 vor, sei aber weiterhin nicht umgesetzt. Fleischmann fordert eine „attraktive und zeitgemäße Ausbildung der Lehramtsstudierenden, Referendarinnen und Referendare, die den aktuellen Herausforderungen an den Schulen gerecht wird“.

Zumindest an den Grundschulen könnte sich der Lehrkräftemangel nach Darstellung des BLLV bald entspannen. Dort könnten perspektivisch wieder mehr fachlich qualifizierte Lehrkräfte zur Verfügung stehen als für die unmittelbare Unterrichtsversorgung benötigt werden. Der Verband fordert, damit Angebote wieder aufzubauen, die während der Mangeljahre reduziert wurden – etwa Arbeitsgemeinschaften, musisch-kreative Angebote, Englischunterricht und zusätzliche Förderung.

Stattdessen würden Grundschullehrkräfte zunehmend eingesetzt, um Engpässe an anderen Schularten, insbesondere an Mittelschulen, aufzufangen. Der BLLV spricht von einem „Verschiebebahnhof“. Nach Rückmeldungen aus Schulen und Bezirken müssten Lehrkräfte bereits zwischen verschiedenen Einsatzorten wechseln; Stundenpläne würden dadurch zersplittert und die Einbindung in Kollegien erschwert.

Verschärft werde die Situation durch das Stellenmoratorium. An Mittel- und Förderschulen sowie Gymnasien drohe eine Konzentration auf den Pflichtunterricht nach Stundentafel, warnt der Verband. Förderstunden, Arbeitsgemeinschaften und zusätzliche Differenzierungsangebote könnten gestrichen werden.

Für zusätzlichen Ärger sorgt deshalb die von Ministerpräsident und Kultusministerin vereinbarte dritte Sportstunde für Erstklässler. Der BLLV wendet sich nicht gegen mehr Bewegung, stellt aber die Prioritäten infrage.

„Wenn Maßnahmen wie eine zusätzliche Unterrichtsstunde einfach aus dem Boden gestampft werden können, weil sie offensichtlich Herzensanliegen der politisch Verantwortlichen sind, dann fragen wir uns, ob nicht die individuelle Förderung der Kinder und die Bildungsgerechtigkeit die größeren und wichtigeren Themen sein sollten. Wer soll denn diese Stunden angesichts von Lehrkräftemangel und Stellenmoratorium geben?“, erklärt Fleischmann.

Zur Personalfrage kommt der Zustand vieler Schulgebäude. Der BLLV verweist auf das KfW-Kommunalpanel 2025, wonach sich der von den Kommunen gemeldete Investitionsrückstand bei Schulgebäuden bundesweit auf 67,8 Milliarden Euro beläuft.

Deshalb fordert der Verband ein bundesweites Sondervermögen Bildung. Zusätzliches Geld müsse sowohl in Personal als auch in die Infrastruktur fließen. Für Bayern verlangt der BLLV dabei einen besonderen Fokus auf die Mittelschulen.

„Überall fehlen Lehr- und Unterstützungskräfte, während sich die Kolleginnen und Kollegen an den Schulen oft kaputt arbeiten. Das führt uns nicht in die Zukunft, so entsteht keine Leistung und so entsteht auch keine Bildungsgerechtigkeit“, erklärt Fleischmann. „Wir brauchen jetzt echte Investitionen und ein Sondervermögen für die Bildung in ganz Deutschland mit einem Fokus auf die Mittelschulen in Bayern und wir brauchen eine Staatsregierung, die uns dabei unterstützt, wenn wir nicht noch weitere 25 Jahre PISA-Schocks erleben wollen. Wir verlieren zu viele Kinder – wir müssen jetzt handeln!“ News4teachers / mit Material der dpa

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