Start Leben Zweckoptimismus: Warum es für Schüler erfolgversprechend ist, sich (leicht) zu überschätzen

Zweckoptimismus: Warum es für Schüler erfolgversprechend ist, sich (leicht) zu überschätzen

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MARBURG. Sich selbst ein bisschen mehr zutrauen, als man objektiv vielleicht schon kann – genau das kann Schülerinnen und Schüler stärken. Forschende zeigen: Wer sich leicht überschätzt, fühlt sich wohler und geht zuversichtlicher durchs Lernen. Entscheidend ist aber das richtige Maß. Denn zu viel Selbstüberschätzung kann die eigene Entwicklung bremsen – eine realistisch-optimistische Haltung hingegen lässt sich gezielt trainieren und hilft, Herausforderungen besser zu meistern.

Läuft (Symbolbild.) Illustration: News4teachers

Optimismus gilt als Schlüssel für psychische Gesundheit, Resilienz und Lebenszufriedenheit. Doch ist eine positive Grundhaltung angeboren – oder lässt sie sich trainieren?

Dazu muss man verstehen, was Optimismus eigentlich ist. «Optimisten sind in der Regel Menschen, die gut mit ihren eigenen Schwächen umgehen und diese akzeptieren können», sagt Winfried Rief, Professor für klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Marburg. Diese Personen wissen: Es geht auch mal etwas daneben oder man schafft eine Aufgabe nicht, aber deswegen ist nicht die ganze Welt schlecht.

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Wer optimistisch ist, erwartet sich von der Zukunft Positives. «Diese Sichtweise ist habituell», also durch Gewohnheit geprägt, erklärt Prof. Astrid Schütz. «Menschen, die optimistisch denken, erwarten in den unterschiedlichsten Situationen einen positiven Ausgang», so die Professorin, die den Lehrstuhl für Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik an der Universität Bamberg leitet. Dabei kann die voraussichtlich positive Zukunft von der eigenen Leistung abhängen, muss sie aber nicht.

Optimistisch lebt sich’s länger

Die Forschung unterscheidet verschiedene Formen des Optimismus, etwa den naiven (oder defensiven) und den funktionalen Optimismus. Zur Veranschaulichung: Eine defensive Optimistin geht davon aus, dass ihr schon nichts passieren wird. Warum also einen Fahrradhelm aufsetzen? Dieser naive Optimismus kann riskant sein, wenn etwa Gefahren unterschätzt werden.

Ein funktionaler Optimist dagegen sieht die Zukunft zartrosa, trägt aber seinen Teil zur Erfüllung dieser Annahme bei, ohne alle Vorsicht fahren zu lassen.

Grundsätzlich ist Optimismus ein Baustein, der hilft, zufriedener zu leben. Er steht im Zusammenhang mit besserer Gesundheit, und positiv denkende Menschen haben Rief zufolge eine höhere Lebenserwartung und mehr Erfolg im Beruf. «Offensichtlich gelingt es Menschen, die eine positive Erwartung haben, auch die eintretenden Ereignisse entsprechend anzubahnen.» Wer etwa fest daran glaubt, den neuen Job zu bekommen, wird wahrscheinlich positiver in das Bewerbungsgespräch gehen und damit seine Chancen verbessern.

Optimistisches Denken kann man üben – schon mit Kleinigkeiten

Aber woran liegt es, dass die einen positiver durchs Leben gehen als die anderen? «Es gibt eine genetische Komponente», sagt Schütz, «man kann sich optimistische Sichtweisen aber auch aneignen.»

Rief erklärt es so: Wer als Kind in bestimmten Situationen positive Erfahrungen macht, wird auch als erwachsener Mensch an ähnliche Situationen positive Erwartungen haben.

  • Wollen Sie Ihre Denkweise verändern, können Sie üben, die Dinge anders zu sehen, den eigenen Standpunkt zu ändern.
  • Seien Sie sensibel für positive Erfahrungen, wie klein sie auch sein mögen. Ein Dankbarkeitstagebuch kann dabei hilfreich sein. Halten Sie beispielsweise abends fest, was am Tag gut lief und was Ihr eigener Anteil daran war.
  • Sich mit Freunden treffen, die einem guttun, oder Sport zu treiben, also positive Ereignisse zu produzieren, kann ebenfalls zu einer positiveren Sicht der Dinge beitragen. «Unsere Studien haben gezeigt, dass auch diese kleinen Dinge wirken», sagt Schütz.

Akzeptieren: Negatives gehört zum Leben dazu

Und kommen doch einmal sehr negative Gedanken auf, kann man sich bewusst immer wieder «Stopp» vorsagen. Oder sich symbolisch vorstellen, dass man die negativen Gedanken in Form eines Monsters einsperrt. Das heißt aber auch, man muss sich die Zeit nehmen, sich mit den negativen Gedanken auseinanderzusetzen, sonst bleibt die Übung ohne positiven Effekt.

Negative Emotionen nur wegzuschieben ist nicht zielführend. Auch Negatives gehört zum Leben dazu und darf zugelassen werden. «Man kann sich über Positives mehr freuen, wenn man den Kontrast des Negativen wahrnimmt», sagt Schütz.

Derartige Gedankenübungen können helfen, sich von pessimistischen Menschen und deren ansteckender schlechter Stimmung abzugrenzen. Falls sich die Person darüber hinaus nicht meiden lässt, lässt sich vielleicht der Kontakt reduzieren. Oder man spricht das Verhalten beziehungsweise die negative Sichtweise konkret an, hält vielleicht sogar bewusst dagegen, wenn man dazu die Kraft und Energie hat. Das wird sicherlich nicht jeden Tag der Fall sein.

«Leicht positiv» macht vieles leichter

Am günstigsten ist es, die Dinge leicht positiv zu sehen und so auch in die Zukunft zu blicken – das mache uns mutig und handlungsfähig, so Schütz – «sonst würde niemand ein Start-up gründen oder Kinder bekommen». Eine leicht positive Einstellung bedeutet nicht, völlig unrealistisch zu denken.

Auch das konnte die Forschung bereits nachweisen. Schütz und ihr Team untersuchten mit Daten des Nationalen Bildungspanels das Verhältnis von objektiver Kompetenz zur Selbsteinschätzung bei Fünftklässlern und die daraus entstehenden Effekte. Das Ergebnis: Wenn die Schüler sich leicht überschätzten, war das gut für ihr Wohlbefinden. Schätzten sie sich deutlich übertrieben positiv ein, war das schlecht für ihre weitere Kompetenzentwicklung.

Die Hattie-Studie bestätigt den Befund: Eine positive, gleichwohl realistische Selbsteinschätzung der eigenen Stärken und Schwächen hat demnach die größte Wirkung aller erfassten 252 Einflussgrößen auf den schulischen Lernerfolg von Schülerinnen und Schülern. News4teachers / mit Material der dpa

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vhh
5 Tage zuvor

Jetzt wird’s schwierig: ohne einen gewissen Optimismus würde kein dort Beschäftigter mehr zum Arbeitsplatz Schule gehen. Mein Weltbild, mittelgrau mit helleren Flecken, nenne ich in Anbetracht der realen Lage noch optimistisch und tue alles dafür, dass es besser kommt als eigentlich zu befürchten ist. Laut Herrn Professor müsste ich aber, um nachgewiesener Optimist zu sein, die Gesamtlage mindestens ‘zartrosa’ sehen. Bin ich jetzt ein Optimist mit Erfahrung oder muss ich mich schon ganz offen Pessimist nennen? Ja, es ist wirklich schwer mit den Schubladen.
Aber wenn das so schwer ist, wie sollen dann unsere SchülerInnen das richtige Level finden, speziell in den komplizierten Pubertätsjahren? Vielleicht ist es ihm entfallen, aber meine Klassen 7-9 neigen sehr zu entweder…oder, schwarz oder weiß: ich bin der/die Größte (und muss das auch möglichst deutlich zeigen) oder ich werde immer Versager/in sein (und verschwinde komplett). ‘Leicht’ überschätzen, viel Spaß, einmal Testrückgabe in der 9 miterleben: ‘Eine 1, ich werde jetzt Physiker’ (kleines Problemchen, dass der Schnitt 1,8 ist und nur AFB 1 zum zweiten Mal mit identischen Aufgaben in anderer Reihenfolge überprüft wurde…)
Was sollen Lehrer da eigentlich tun, abgesehen von dem, was wir jetzt schon machen? Wenn am Sprechtag Eltern erzählen, ihr großartiger Sohn könne doch auf der Gesamtschule nicht auch eine vier haben, er käme schließlich vom Gymnasium? Einige unterschätzen sich, sehr viele haben nur gehört, wie großartig alles ist, was sie machen und überschätzen sich grenzenlos. Die Ratschläge als Handlungsanleitung richten sich an Erwachsene (‘Sie’), ich wüsste gerne, was man besser machen könnte, um auch Schülern zu Selbsterkenntnis zu verhelfen. Hattie findet einen großen Effekt, vielleicht hat das wenig mit dem zu tun, was in der Schule passiert, aber sehr viel mit individuellem Entwicklungsstand.

ed840
4 Tage zuvor
Antwortet  vhh

Hattie findet einen großen Effekt

Im Ranking der 138 Kriterien bei Visible Learning sogar den mit Abstand größten Effekt = 1,44

Zum Vergleich: frühkindliche Förderung wäre dort bei 0,47.

NetterMisanthrop
5 Tage zuvor

Ich bitte um Beiträge für ein Bullshitbingo, wenn ich diese Erkenntnisse mit einer Sek1 teile, die selektives Hören nahezu perfekt beherrscht:

“Ich kann das alles, krieg’ ich jetzt ‘ne Eins?”
“Geil, dann muss ich also gar nicht lernen?”
“Was heißt denn realistisch positiv?”
“Ich muss also nur glauben, dass ich das kann?”

Btw:
Die Hattie-Studie im Zusammenhang mit “bestätigt” und “Wirkung” zu zitieren erscheint mir bei einer Metastudie, die hauptsächlich Korrelationen aufgrund diverser “self-reporting studies” aufzeigt, nicht korrekt, da es mit den genannten Methoden sehr schwer ist, eine Kausalität festzustellen.

ed840
4 Tage zuvor
Antwortet  NetterMisanthrop

Absolut nachvollziehbar, wenn sich jemand Gedanken darüber macht, was in den ausgewerteten Studien eigentlich gemessen wurde , ob das jeweilige Kriterium von Lehrkräften beeinflusst werden könnte und falls ja, ob es “vorher / nachher Vergleiche” bei einer Testgruppe und einer Kontrollgruppe gab.

Lera
5 Tage zuvor

„«Menschen, die optimistisch denken, erwarten in den unterschiedlichsten Situationen einen positiven Ausgang», so die Professorin, die den Lehrstuhl für Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik an der Universität Bamberg leitet.“

Darüber werde ich noch lange nachdenken müssen.

Gut, dass wir Experten haben.

unverzagte
4 Tage zuvor
Antwortet  Lera

Seien Sie nicht so streng mit den Profs, die brauchen halt auch ab und zu satzfüllendes Blahblah, wer weiß, womit die gerade wirklich beschäftigt war, während des leeren Phrasierens.

Susanne M.
5 Tage zuvor

Ein leichter Zweckpessimismus hilft jedoch, “Gefahren” abzumildern. Anstatt ” Das kommt bestimmt nicht dran in der Klausur” eher ” Wenn ich das nicht lerne, kommt es garantiert dran”
Aber es darf kein Pessimismus sein, der über die eigenen Kräfte geht und einen runterzieht. Und danach darf und soll der (vorsichtige) Optimismus kommen. ” Ich bin gut vorbereitet. Es müsste klappen”
Interessant wäre es auch, hier einmal das Geschlechterverhältnis zu untersuchen. Jungen, die sich selbst überschätzen ” ist doch voll easy” habe ich mehr erlebt als Schülerinnen. Hier würde ich das “Impostor Syndrom” ins Spiel bringen, was gute Leistungen nicht per se verhindert, aber die Person sich gar nicht darüber freuen lassen kann.

ed840
4 Tage zuvor

Die Hattie-Studie bestätigt den Befund”

Da laut Hattie dieses Kriterium mit 1,44 zweieinhalb so wirkmächtig wäre wie z.B. das Kriterium “sozioökonomischer Status“mit 0,57 , müsste man vermutlich den Kindern aus dieser Schicht vor allem eine positive, gleichwohl realistische Selbsteinschätzung der eigenen Stärken und Schwächen vermitteln um den Rückstand auf die privilegierte Schicht bei Lese- , Schreib- und Rechenkompetenz zu minimieren.

Mona
3 Tage zuvor

Mit meinem seit dem Ausstieg aus dem Beruf als Erzieherin in den letzten Jahren wieder deutlich verstärkten Bezug zur wirtschaftlichen Praxis kann ich nur raten: Die (leichte?) Selbstüberschätzung sollte nicht ausgerechnet zu Beginn der Berufstätigkeit ihr abruptes Ende finden.

Ich kann überhaupt nicht mehr zählen, wie viele Berufsanfänger mit großteils immerhin akademischem Hintergrund ich inzwischen vom Vorstellungsgespräch bis zur arbeitgeberseitigen, teils durch mich selbst veranlassten Kündigung innerhalb der Probezeit begleitet habe. Im Mittelpunkt stand eigentlich immer deren völlige Selbstüberschätzung, entweder in Bezug auf das bisher vermeintlich Geleistete oder in Bezug auf die Herausforderungen, die der angestrebte Beruf, die geforderte Spezialisierung und die gewünschte Freizeit mit sich bringen werden.

Bei den von mir favorisierten vorsichtigeren, zweifelnden Aspiranten waren die an der Einstellung anderen Beteiligten dagegen stets deutlich weniger zuversichtlich als ich – diese Aspiranten haben aber durchgehend alle Erwartungen übertroffen und machen ihren Weg.

Wird “Death of a Salesman” eigentlich nicht mehr gelesen (und verstanden)?